Aufstehen gegen das Nationalistische, das Morgenluft wittert

„Wie man den Nationalismus jedoch auch umschreibt, er ist mächtig vorhanden, er wurzelt in der Eitelkeit der Völker, er ist argumentlos, also können ihm Argumente nichts anhaben.“ (Franz Werfel, 1932) – Die Lunten des Nationalismus brennen mal wieder. Wer dachte, diese politische Mottenkiste verrottet auf dem Dachboden der Geschichte, lernt: Die alten Phrasen funktionieren bestens und locken die Menschen in die ewig gleichen Fallen tumber Nationalismen. Wie lautet 2020 unsere europäische Antwort darauf?

Die radikalen Kräfte erstarken; man schikaniert, bedroht, ruft offen zum Mord auf, mordet, rühmt sich im Netz seiner Un-Taten. Das freie Internet wurde längst gekapert, wird angesichts der Handlungsrückständigkeit der Gesetzgeber und ihrer Exekutiven mit johlenden Parolen geflutet; passive Bürger und Algorithmen tun das ihre. Man kennt sich aus, hat studiert, agiert digital. Der Hohn gilt den Aufrichtigen, die noch an ihre Grundgesetze und Verfassungen glauben und sich lieber analog besprechen.

Das muss gestoppt werden. Es gilt, möglichst viele deutlich sichtbare, starke Zeichen für die freiheitlich-demokratische Grundordnung unseres Lebens zu setzen. Es gibt keine Weltverschwörung jüdischer Menschen, keinen Deep State, keine überlegene weiße Rasse. Es gibt: große Probleme, die im Laufe der sieben befriedeten, luxusverwöhnten Nachkriegsjahrzehnte angewachsen sind und die endlich beackert werden müssen. Fahnenbeschwenktes Me-First-Geschrei hilft da nicht weiter.

Die Grundfesten unserer Demokratie werden gerade massiv attackiert, aus dem Hinterhalt, von Menschen, die sich identitär nennen und ihre Identität in anonymen Foren und den Weiten des Internets verstecken; extrem vernetzt, strategisch geschickt, digital versiert sprechen sie bevorzugt in Rätseln. Es ist so absurd wie folgenreich. Ihre mediale Reichweite steigt. Ihre Unterhändler zeigen sich gern beim Grillen, Wandern, ganz familiär. Der moderne Radikale gibt sich bürgerlich, stichelt und hetzt so lange, bis plötzlich jemand fahnenschwenkend, grölend, in Mörderlaune loszieht, um jemanden zu überfallen, der in sein fatales Beuteschema passt: Je wehrloser das Opfer, desto größer das Heldentum (in der Szene).

Dem müssen wir mit allem, was wir aufzubieten haben, entgegentreten. Ritualisiertes Aufheulen, wenn wieder Tote zu bergen sind, ändert nichts. Die staatlichen Institutionen dürfen sich nicht länger verweigern, die Bildungsträger nicht, die Religionsvertreter nicht – und nicht die einzelnen Menschen. Jeder, der weiterhin selbständig denken und sich noch frei bewegen will, in seinem Dorf, in seiner Stadt, in seinem Land, in der Welt oder im Internet, muss aufstehen.

Wir sind nicht wehrlos, wir sind nicht sprachlos, wir sind nicht machtlos. Es ist unsere Demokratie, die hier unter Beschuss steht und die Vielfalt braucht, um zu gedeihen. Wir können vieles tun. Wir können als Staat und als Bürger für unsere Überzeugungen von Freiheit und Verantwortung, Gleichheit und Emanzipation, Respekt und Menschlichkeit, Recht und Gerechtigkeit einstehen und unsere Zeichen setzen. Immer, überall, analog und digital.

Petra Stober

 

Dies ist eine leicht überarbeitete Version des Textes aus der Druckfassung (forum 411).

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