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Wenn es in der Diskussion einer Problematik soweit kommt, dass dieselben Tatsachen auf genau entgegengesetzte Art und Weise interpretiert werden, und sich interpretieren lassen, dann kann man gewiss sein, es entweder mit einer ideologieverdächtigen oder mit einer falsch gestellten Frage zu tun zu haben; meistens ist übrigens beides zugleich der Fall. Genau dem ist nun so beim Problem der sogenannten Privatschulen, wo z.B. die soziale Herkunft der Schüler sich signifikant unterscheidet von derjenigen der Schüler in den Staatsschulen, was bei Befürwortern und Gegnern aber zu diametral entgegengesetzten Argumenten Anlass gibt: die einen ziehen daraus den Schluss, der Staat solle gerade aus diesem Grund solche Schulen in keiner Weise (mehr) unterstützen, die andern verlangen, der Staat müsse eben (mehr) finanzielle Zuschüsse liefern.

Also: für oder gegen die Privatschulen? Uns scheint, dass, abgesehen vom ideologischen Hintergrund der Kontroverse (aber auch vielleicht gerade auf Grund davon), das Problem falsch gestellt ist. Die Alternative: staatliche Schule – Privatschule ist eine von beiden Seiten mit ideologischen Argumenten genährte, falsche Alternative: die einen tun so, als ob die öffentliche Aufgabe der schulischen Ausbildung nur vom Staat gewährleistet werden könne und dürfe: die andern ihrerseits unterstellen freie, schöpferische Initiative sei nur von nicht-staatlicher Seite her möglich. Wäre es nun aber nicht an der Zeit, diese scheinbaren Gegensätze zu übersteigen und die eigentliche, grundlegende Frage hervorzustreichen.

Diese Frage lautet unserer Meinung nach: Wie soll die Schule aussehen, die wir wollen und brauchen? Und es ist sofort klar, auch wenn das in Bezug auf die Thematik dieser Nummer nicht weiter ausgeführt werden kann, dass man bei dieser Frage nicht stehen bleiben kann, sondern weiter fragen muss: Welche Schule wollen wir in welcher und für welche Gesellschaft? Die in der falschen Alternative in den Vordergrund gestellte Frage nach dem Träger der Schule aber kann erst nach, oder besser gesagt, nur im Zusammenhang mit der Frage nach der Zielsetzung und dem Aufbau der Schule gestellt werden und gültig beantwortet werden.

Die Schule in einer durchdemokratisierten Gesellschaft müsste von folgenden Prinzipien her konzipiert werden:

  • Kein Monopol, weder staatlicher noch privater Natur.
  • Keine Bürokratie: kein zentralgesteuertes und deshalb unbewegliches Schulsystem.
  • Keine Gleichmacherei: die Schule soll sich den jeweiligen lokalen und regionalen Eigenheiten weitgehend anpassen.
  • So viel wie möglich persönliche Initiative und volle Verantwortung von seiten aller an der Erziehung Beteiligten: Schüler, Eltern, Lehrer, Obrigkeiten.

Die Alternative besteht demnach nicht mehr zwischen Staats- oder Privatschule, sondern zwischen einer Schule, die von den direkt Betroffenen organisiert und getragen wird, und einer solchen, die von oben herab durch eine Amtsstelle geschaffen und geleitet wird.

Wie könnte eine solche, auf die spontane Kreativität der unmittelbar Beteiligten aufgebaute Schule aussehen? Das Ideal wäre folgendes: Einzelne Gruppen von Eltern, Lehrern und Schülern würden schulpädagogische Projekte ausarbeiten und sie einer staatlichen Stelle zur Approbation vorlegen, welche sie nach öffentlichen, jedermann zugänglicher Kriterien bewerten würde. Im Falle der Annahme des Projektes würden die Verantwortlichen, die sich in einer geeigneten juristischen Form zusammenschliessen müssten, vom Staat d.h. von der Allgemeinheit, die nötigen materiellen Mittel zur Verfügung gestellt bekommen, deren sie zur Verwirklichung ihres Projektes bedürften. Über die Verwendung dieser Mittel müsste natürlich der Allgemeinheit Rechenschaft abgelegt werden. Dieses Schulsystem, das sowohl dem Subsidiaritätsprinzip der christlichen Soziallehre, wie dem sozialistischen Prinzip der Autogestion (Selbstverwaltung) entspricht, würde dann aus einer Vielzahl solcher Projekte bestehen. Diese würden sich unterscheiden von verschiedenen Aspekten her, seien sie z.B. organisatorischer, didaktischer, methodologischer, weltanschaulicher Art usw.

Gewiss handelt es sich hier um eine Utopie, zu der hin der Weg sehr lang sein wird. Vor allem, weil man sich über eines keine Illusionen machen darf: eine solche Schule fordert ungemein mehr von allen an ihr Beteiligten als das jetzige System, das seine bescheidenen Resultate sozusagen automatisch abwirft, auch wenn weder Schüler noch Lehrer oder Eltern sich besonders dafür einsetzen. Tatsache ist aber, dass, aus welchen Gründen auch immer, die erforderte Begeisterung, Arbeitsfreude, Initiative und Kreativität heutzutage bei der Mehrheit der Menschen nicht mehr vorhanden ist. Insofern schwimmt man mit dieser Utopie gegen den Strom des von rechts wie von links immer lauter erhobenen Rufes nach dem von allen Problemen und Aufgaben erlösenden Staat. Es genügt also nicht, ideale Zielsetzungen zu erarbeiten, die Hauptarbeit wird auf dem Gebiet der Überzeugung und Motivierung liegen.

Was ist nun heute schon zu tun möglich, um diese Schule der Zukunft vorzubereiten? Die Lösung wird jedenfalls weder "Privatisierung" noch "Etatisierung" heissen, sondern "Eine von Eigeninitiative getragene und selbstverwaltete, vom Staat unterstützte und kontrollierte Schule". Die bestehenden Privatschulen sollen also keineswegs verstaatlicht werden, sondern der Staat soll, über den Weg der materiellen Zuwendungen, Einfluss auf sie ausüben in Richtung auf das vorhin skizzierte Ideal. In seinen eigenen Schulen soll der Staat sich auf denselben Weg machen durch Diversifizierung des bestehenden Systems, z.B. durch Errichtung und Förderung von écoles pilotes. Anzusetzen wäre zu gleicher Zeit bei den Lehrern und ihren Berufsvertretungen, bei den Eltern, welche sich ja seit einigen Jahren ebenfalls zusammenschliessen und den pädagogischen Problemen gegenüber aufgeschlossener sind, und nicht zuletzt bei den Schülern, denen heute, im bestehenden System, schon viel mehr Verantwortung, Vertrauen und Initiative zugestanden werden müsste und könnte, als es in Wirklichkeit der Fall ist.

Der Streit für oder gegen die Privatschule ist eigentlich ein Relikt aus früheren Tagen, das aus oft dubiosen Gründen von Zeit zu Zeit wieder aufgewärmt wird. Die jetzige Gesellschaft und diejenige, welche wir uns wünschen, verlangen aber nach einer diese falsche Alternative unter- und überlaufenden neuen Sicht der Schule.

Die Redaktion

Il s’agit d’abandonner les références tranchées si fréquentes dans l’éducation : les bons et les mauvais élèves — le public et le privé — le succès ou l’échec — l’administration et les enseignants, etc… pour considérer qu’il y a une multiplicité de personnes et de situations différentes. Non pas une école, mais des écoles, non pas un curriculum scolaire, une carrière enseignante mais des chemins divers vers l’âge adulte et les qualifications professionnelles Bref, briser la rigidité de l’organisation et

du dogme — fût-il officiel comme celui de la neutralité stérilisante — pour laisser le champ aux libertés dans un système pluraliste dans un éventail de méthodes et de choix, authentifiés à posteriori au vu des résultats. La liberté d’enseignement est bien une liberté fondamentale — la constitution la reconnaît. C’est aussi une liberté multiforme. A ce titre, elle intéresse tous les Français, qu’ils s’adressent à l’enseignement public, à l’enseignement privé.

E. Vandermeersch
in: hebdo-TC, 30/6/77

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