Wem die Augen geöffnet wurden
Die Basisbewegung findet zu einer ersten Positionsbeschreibung
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Die Basisbewegung findet zu einer ersten Positionsbeschreibung
Die „Basisbewegung kritischer Gruppen und Gemeinden in den Niederlanden“ hat jetzt eine erste Positionsbestimmung und erste programmatische Zielsetzungen verabschiedet. Sie wurden vom „Rat“ der Bewegung erarbeitet. Zwar ist die niederländische Basisbewegung ein Zusammenschluß unterschiedlicher Gruppen, doch ist allen Gruppen gemeinsam, daß sie „von unten“ die Initiative zur Erneuerung in Kirche und Gesellschaft ergriffen haben. Die Basisbewegung möchte den Gegenpol bilden zu restaurativen und reaktionären Tendenzen und Strömungen innerhalb der Kirchen.
In ihrer Positionsbeschreibung betont die Bewegung zunächst, daß sie innerhalb der jüdisch-christlichen Tradition steht. „Die Wiederentdeckung der befreienden Kraft der biblischen Schriften ist eine zentrale Erfahrung der Menschen in den Basisgruppen und kritischen Gemeinden.“ Vielen seien die Augen geöffnet worden für die politische und soziale Dimension der biblischen Botschaft. „So beginnt man nun mit anderen Augen in dem Buch zu lesen,
das im Lauf der Geschichte in zunehmendem Maße zum Stützpfeiler für Unrecht und Machtausübung geworden ist.“
Für die Basisgruppen bildet die Exodus-Geschichte, die Herausführung Israels aus Ägypten, den roten Faden der Heils-Geschichte. „Gottes Entscheidung für Israel ist die Entscheidung für ein Volk von Sklaven mit dem Auftrag, daß sie keine Herrscher werden, keine Götter besitzen sollen wie die anderen Völker. Als Israel sich zu einem Königreich mit Macht und Klassengegensätzen entwickelt, wird es angeklagt. Propheten stehen auf, klagen das Unrecht an und verkünden, daß Gott diese Welt umkehren will. In dieser Tradition steht Jesus von Nazareth, der Mensch, der sich bis zum Sklaven erniedrigte und den Weg der Solidarität bis ans Ende ging, bis zum Martertod am Kreuz. Und gerade dieser Mensch wird ‚Sohn Gottes‘ genannt.“
Nach Ansicht der Basisbewegung können diese Texte, die als Ausdruck des Protestes gegenüber dem herrschenden religiös-sozialen System in Israel geschrieben worden seien, „ihrer Intention nach nur innerhalb einer neuen, zeitgemäßen Praxis des Pro-
Protests verstanden“ werden.
Angeknüpft wird an die in Lateinamerika entwickelte „Theologie der Befreiung“. „Erlösung“ bedeute den Auszug aus allen Formen des Unrechts, der Verknechtung oder Erniedrigung des Menschen. Notwendig seien Schritte in Richtung auf das „Königreich Gottes“, hin auf eine Gesellschaft, in der Gerechtigkeit lebt. Jesus habe dieses Handeln vorgezeichnet durch seine Parteinahme für die Armen.
Für die niederländische Basisbewegung ergibt sich so eine neue, biblisch begründete Sicht über die Gesellschaft. Der breite Protest des Jahres 1968 wird zur Schlüsselerfahrung. Hier habe in der bürgerlichen Mittelschicht eine tiefgreifende Besinnung eingesetzt, an die es heute anzuknüpfen gelte. Das Aufbegehren gegen Ausbeutungs- und Unmündigkeitsbeziehungen, gegen falsche Autoritäten, die Solidarisierung mit den Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt, all das habe einen neuen Typ der Progressivität entstehen lassen.
Über „unser Verhältnis zu den Kirchen“ heißt es in dem Positionspapier: „Basisgruppen und kritische Gemeinden entste-
hen in, zwischen und im Gegenüber zu den offiziellen Kirchen. Die entscheidende Frage scheint denn auch nicht die zu sein, ob es einen kirchenrechtlichen Bruch zwischen der Basisbewegung und den offiziellen Kirchen gibt; entscheidend ist der Einsatz der Basisbewegung dafür, daß mit der negativen Funktion gebrochen wird, die die Kirchen in unserer Gesellschaft oft erfüllen. Die Kirche dürfe die bestehenden Verhältnisse nicht einfach stets rechtfertigen. Als Bündnispartner für das Bemühen, die gesellschaftskritische Tendenz, die in der Geschichte des Christentums immer vorhanden war, herauszustreichen, werden genannt: Der Weltrat der Kirchen mit seinem Antirassismusprogramm und seinem „leider nur mühsam zustande kommenden“ Antimilitarismusprogramm, der Interkirchliche Friedensrat (IKV), IKVOS, Pax Christi, die Aktion neuer Lebensstil, Solidaridad und DISK, der niederländische nationale Pastoralrat, die Arbeitsgruppe „Homosexualität und die Kirchen“, die feministisch-theologischen Arbeitsgruppen, die Bewegung „Offene Kirche“ und die Bewegung „Christen für den Sozialismus“.
Betont wird, daß die Basisbewegung keine neue Kirche sein will. Sie möchte aber zu der ursprünglichen Form der „ekklesia“ (Kirche als herausgerufene Gemeinde) zurückfinden. Dazu gehöre die bewußte Entscheidung zum Gruppen- und Gemeindeleben. In ihm soll die Breite und Tiefe des ganzen menschlichen Lebens ernst genommen werden: „Der Schmerz, die Einsamkeit, die Freude, die Erwartung, der Kummer und die Verzweiflung. Es wird gefeiert; die Vision bleibt vor Augen, daß diese Welt anders sein soll, durch das Lied, das Zeugnis, die Schriftlesung, das Gedicht, die politische Information und das Brotbrechen“. Festgehalten wird, daß man sich in den Gruppen der Basisbewegung in dem Bemühen, die Schrift neu zu lesen, und eine politische Praxis der Solidarität und des Pro-
testes gegen unterdrückende Strukturen zu leben, noch vorwärts tastet, daß es dabei noch weiterer Klärung bedarf.
Am Ende der Positionsbeschreibung wird ein Zehn-Punkte-Programm formuliert, das auf das weitere Vorgehen auf nationaler Ebene gerichtet ist:
● Biblisch-theologische Schulung. Eine noch zu bildende Sektion „Theologie“ wird die biblisch-theologische Schulung innerhalb der Basisbewegung stimulieren. Die Basisbewegung fühlt sich theologisch verwandt mit der Linksbarthianischen Theologie, der politischen Theologie, der Befreiungstheologie, der feministischen Theologie und der materialistischen Exegese. Deshalb liegt es auf der Hand, Vertreter dieser Strömungen in der Sektion „Theologie“ zusammenzubringen. Die Sektion kümmert sich um Publikationen, entwirft Bildungsprogramme und berät den Rat der Basisbewegung in theologischen Angelegenheiten.
● Politische Schulung. Innerhalb der Basisbewegung gibt es eine Reihe politisch aktueller Fragen. Dazu gehört die Analyse
unserer Gesellschaft, der Ort unserer Bewegung in dieser Analyse, und das Verhältnis von Christentum und Marxismus.
Die dazu zu erweiternde Sektion „Christen für den Sozialismus“ der Basisbewegung kümmert sich diesbezüglich um Publikationen, entwirft Bildungsprogramme und berät den Rat hinsichtlich politischer Angelegenheiten, die zu ihrem Gebiet gehören. — Der Rat kann eventuell hinsichtlich anderer Fragenbereiche (z. B. Friedens- und Entwicklungsfragen) Sektionen errichten oder auf eine andere Weise die Diskussion fördern.
● Liturgische Schulung. Die Basisbewegung fördert die liturgische Erneuerung durch Publikationen, Zusammenkünfte und Informationsaustausch. Eventuell errichtet der Rat eine Sektion.
● Die angeschlossenen Gruppen und Gemeinden sorgen für eine „gesunde“ finanzielle Basis für die Arbeit auf nationaler Ebene und für das Sekretariat.
● Der Rat kümmert sich um jährliche Studientage, Schulungswochenenden, Kongresse etc. zu aktuellen theologischen, kirchlichen und gesellschaftlichen Themen.
● Der Rat entwickelt einen deutlichen Kurs gegenüber den bestehenden Kirchen.
● Der Rat erstellt Kriterien zur Unterstützung oder Initiierung gemeinsamer politischer Aktionen auf nationaler Ebene.
● Der Rat trägt Sorge um die weitere Ausarbeitung einer guten Organisation der Basisbewegung, in der die Grundzüge einer demokratischen Zusammenarbeit deutlich erkennbar sind.
● Es soll nach einer Ausweitung und Verstärkung internationaler Kontakte gestrebt werden, vor allem mit der internationalen Basisbewegung und der Bewegung „Christen für den Sozialismus“.
● Der „Informationsbrief“ wird das Organ der Basisbewegung. Es soll ab Januar 1980 ein monatliches Erscheinen angestrebt werden.
G. St.
in: Publik-Forum Nr. 8/1979
Parteische Information
Oscar Arnulfo Romero, Erzbischof des mittelamerikanischen Staates El Salvador, hat alle Gläubigen der Welt aufgerufen, sich mit der in seinem Lande unterdrückten Bevölkerung solidarisch zu erklären. Er wies darauf hin, daß das Elend der hungernden Massen neben dem sichtbaren Prunk und der Vergeudung der kleinen Oberschicht der Grund für die gegenwärtigen Verzweiflungstaten sei. Zahlreiche Personen verschwinden nach ihrer Verhaftung. Die Folterungen in den Gefängnissen nähmen ständig an Brutalität zu. „Die von der Regierung geschützte Organisation Orden (Ordnung) sät den Terror unter der bäuerlichen Bevölkerung.“
Mit dem Erzbischof fragen auch wir uns, weshalb aus Rom nichts von solchen geziel-
ten Aufrufen zur Solidarität aller Gläubigen mit den Unterdrückten und Notleidenden zu hören ist. In Rom mußte sich Romero sehr bemühen, überhaupt mit dem Papst sprechen zu können. Von der Madrider Zeitung „El País“ gefragt, ob der Papst sich der Situation in El Salvador bewußt sei, antwortete Romero: „Na ja, zumindest hört er zu. Aber … ich bin besorgt über die parteiische Information, die der Papst erhält. Ich meinte da in Rom auf ein großes Vakuum zu treffen.“
Albert Sibora
(in: P.-F. 11/79)
Julio Labayen, Bischof in Infanta (Philippinen), drang an der Spitze einer Gruppe von Katholiken am 14. Mai in das Konferenzgebäude in Manila ein, wo die UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (Unctad V) stattfand. Trotz der strengen Sicherheitsvorkehrungen konnte die Gruppe, zu der auch ein belgischer Arbeiterpriester, ein weiterer Priester und eine Nonne gehörten, innerhalb des Gebäudes
eine halbstündige Pressekonferenz abhalten. Bischof Labayen verlas ein Kommuniqué zur Verhaftung von hundert Demonstranten am 13. Mai. Er forderte den philippinischen Präsidenten Ferdinand Marcos auf, „der Bevölkerung die freie Diskussion der Themen der Unctad V zu gestatten“.
in: P.-F. Nr. 11/79
Publik-Forum 4/79
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