Wenn schon kein Job, dann eben Kinder …

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Kalt wurde mir, als ich nach Jahren eine Klassenkameradin wiedersah, und sie mir sagte, da sie wegen des Berufs ihres Mannes im Ausland leben muß und dort trotz abgeschlossenem Universitätsstudium keine Stelle gefunden hätte, sie sich eben entschlossen hätte, Kinder zu bekommen. Vier Kinder seien zwar viel Arbeit, aber Freude mache es schon. Dieses "aber" klingt schrecklich. Wie oft muß es als Rechtfertigung herhalten für einen vielleicht falschen Entschluß. Die Beruhigung (besonders für die Frau), daß der Verzicht auf Beruf und Freiheit, auf soziales Dabeisein und nicht Sysiphus-Aktivitäten nicht sinnlos war… Es wurde uns allen mit auf den Weg gegeben, daß zu einem Paar Kinder gehören, daß es erst dann seine Erfüllung erlebt. Demographische Argumente und moralisch-religiöse Begründungen werden ins Feld geführt, um das Ueberleben eines Volkes oder die Legitimation des Geschlechtsaktes abzusichern. Die persönliche Entschlußkraft eines Paares wird un-

untergraben und sein intimes Leben gegängelt, ohne daß Politiker, Demographen oder Geistliche sich die Mühe machen, die individuellen Probleme der Menschen und ihrer Kinder vorauszusehen. Die Schablonen sind vorgezeichnet, und man hat hineinzupassen. Daß aber die moderne Gesellschaft in ihren Infrastrukturen dem keinerlei Rechnung trägt, ist eine Binsenwahrheit. Kindertagesstätten und Ganztagsschulen sind – wenn überhaupt – nur in ungenügendem Maß vorhanden, Halbtagsarbeiten für Mann und Frau wenigstens im Privatsektor, Utopie. Kinder bekommen, heißt also immer noch Verzicht auf Beruf und Karriere für die Frau. Während der Mann Kinder und Karriere haben kann (und soll), muß die Frau zwischen beiden wählen. Wenn sie dem sozialen Druck nicht standhalten kann, die Blicke auf ihren Bauch, der nach einem Jahr Ehe noch immer flach ist, nicht mehr erträgt, wenn sie dann ein Kind bekommt, weil eben alle Kinder bekommen, sind oft

Carlo Schmitz

"Kinderlos
aus Verant-
wortung" ein
engagiertes
Buch, hinter
dem eine
tiefe Liebe zu
Kindern
steht.

die Weichen für ein Leben gestellt, das zwar viel
Freude und Glück bringt, aber auch viel Zurücktre-
ten und Verzicht. Teure Reisen, der Kauf eines Autos
werden oft viel sorgfältiger geplant als das In-die-
Welt-Setzen eines Kindes. Nun ist aber gerade das
die einzige Entscheidung, die niemand mehr rück-
gängig machen kann. Eine Ehe kann aufgelöst, Haus
und Auto verkauft werden, aber das Kind ist da und
gehört zu beiden Eltern. Dies soll beileibe kein
Aufruf zu bewußter Kinderlosigkeit sein, sondern ein
Plädoyer für bewußte Elternschaft.

Vor elf Jahren ist im Hamburger Rowohlt Verlag ein
Buch erschienen, das vielleicht nicht genug Beach-
tung fand, auch wenn es manchen Eltern helfen
könnte, klarer zu sehen. Thomas Ayck und Inge
Stolten publizierten unter dem Titel "Kinderlos aus
Verantwortung" ein engagiertes Buch, hinter dem
eine tiefe Liebe zu Kindern steht. "Dieses Buch
richtet sich nicht gegen ein Leben mit Kindern,
sondern gegen das, was heute Kindern angetan wird"
(S. 18).

Kinder als Opfer von überforderten Eltern, versagen-
den Erziehern, rücksichtslosen Autofahrern, Drogen,
Gewalt und Mißhandlungen stellen uns – so die
Autoren – vor eine neue Herausforderung: die
bewußte Kinderlosigkeit, die zwar "kein Wert an sich
ist,… sondern der Ausgangspunkt (sein kann) für
einen anderen Weg der Mitmenschlichkeit und des
partnerschaftlichen Verhaltens" (S. 25).

Ayck und Stolten geben Paaren das Wort, die ihre
Kinderlosigkeit bzw. ihre Elternschaft diskutieren
und in Frage stellen, sie skizzieren die Umwelt, in der
Kinder aufwachsen müssen, klagen an, daß die als
Unterpfand und Druckmittel bei Scheidungen her-
halten müssen, beschreiben die Doppelbelastung der
berufstätigen Mutter, die wirtschaftliche Abhängig-
keit der Nur-Hausfrau von ihrem Mann. "Für die
Skeptiker wirken glückliche Eltern oft unglaubwür-
dig; für die mit ihrem Elterndasein zufriedenen Väter
und Mütter dagegen scheinen die Kinderlosen arge
Egoisten zu sein, die nur an ihren Vorteil und ihr ma-
terielles Wohlergehen denken. Kinder sind eine Be-
stätigung des Lebens, eine Bejahung unseres
Daseins, sagen die einen; Kinder bringen nur Nach-
teile, meinen die andern. Sie engen die individuellen
Freiheitsräume ein, sie machen zudem abhängig und
unbeweglich. Väter sind leicht erpressbar. Sie
werden einem Arbeitgeber kaum widersprechen,
weil sie an die Familie denken müssen. Mütter stag-
nieren fast immer in ihrer individuellen Entwick-
lung" (S. 15).

Diese Einschränkung des Freiraumes der Frau wird
auch durch die zahlreichen Verpflichtungen ihrer
Kinder mitbedingt. Sie müssen zu Terminen wie
Sport, Musikunterricht oder Pfadfinder gefahren
werden. Dadurch wird zwar ihre Entwicklung geför-
dert, für die Mutter aber ist es meist ein unprodukti-
ves Hin- und Herfahren. Solange die Rollenvertei-
lung so bleibt, wie sie ist, bleiben nicht berufstätige
Mütter Haushälterinnen und Taxifahrerinnen, unbe-
zahlte Lehrkräfte und Krankenschwestern. Die Väter
stehen unter finanziellem Druck, werden oft als
Strafgespenst nach Feierabend heraufbeschworen,

und die Gesellschafts- und Berufsstruktur erlaubt
ihnen (noch immer) nicht, die Rolle eines liebenden,
gegenwärtigen Vaters wahrzunehmen. "Frauen und
Männer fragen sich, was das eigentlich noch ist –
diese Ehe. Auseinandersetzung, Fremdheit, der Streit
um die Erziehung der Kinder. Er hat seinen Beruf, sie
die Familie. Und beide hatten doch am Anfang kein
anderes Interesse, als ihr gemeinsames Leben. Und
da spricht sie eines Tages über ihren Mann, als wäre
er ein Fremder:

‚Alles, was er tut, tut er für sich.

Es ist seine Arbeit

Seine Befriedigung

Seine Familie

Sein Geld.

Ich bin mittellos.‘

Der Mann könnte die Klagen seiner Frau variieren:

‚Alles, was sie tut, tut sie für sich.

Es sind ihre Kinder.

Sie kann sich den Tag einteilen.

Ich zähle nicht mehr.

Ich liefere nur noch das Geld ab.

Damit hat sich das.’" (S. 88-89)

Diese Einstellung spiegelt sich auch in Stellungnah-
men wider, um die der Norddeutsche Rundfunk 9 bis
14jährige Jugendliche zum Thema "Ich möchte
lieber ein Mädchen (Junge) sein" gebeten hatte. Ein
12jähriger Junge schreibt: "Wenn ein Mädchen eine
Frau geworden ist, und sie hat einen Beruf und
Kinder, dann hat sie drei Berufe. Einmal den Beruf,
zum Beispiel Lehrerin, dann noch Hausfrau und
Mutter. Der Mann hat dagegen nur einen Beruf, und
er kann sich gleich nach der Arbeit in den Sessel
fallen lassen und zum Beispiel Fernsehen sehen. Die
Frau muß dann noch den Haushalt machen und
Abendbrot und muß die Kinder ins Bett bringen,
wenn sie noch jung sind." (S. 93). Ein anderer Junge:
"Ich brauche auch nicht, wenn ich verheiratet bin, auf
eventuelle Kinder aufzupassen. Ich müßte dann auch
nicht abwaschen und wenn, dann nur ungern. Meine
Frau müßte mich verwöhnen." (S. 93). Die gleichen
Schablonen spiegeln sich in den Stellungnahmen der
Mädchen wider. Die neunjährige Andrea schreibt:
"Wie man es aus meinem Namen unschwer erkennt,
bin ich ein Mädchen, und ich bin es gern. Ein Junge
möchte ich auf gar keinen Fall sein. Gern helfe ich
meiner Mutter beim Spülen. Auch bei der anderen
Hausarbeit helfe ich gern. Ich bin immer dabei, wenn
Mutter oder Oma kochen und backen. Wenn ich
dabei gut aufpasse, dann kann ich das auch lernen.
Jetzt spiele ich gern noch mit Puppen. Später möchte
ich dann ein Baby haben und gut für es sorgen. Ich
habe dann mehr Freude, als ein Mann je haben kann"
(S. 94). Auch ältere Schülerinnen sind bereit, ihre Be-
rufswünsche zugunsten derjenigen ihrer Männer zu-
rückzustecken und sich bewußt einen "Ehepartner
mit höherem Bildungsniveau" zu wünschen, denn
"der gesellschaftliche Status der Frau richtet sich
nach dem Status des Ehemanns" (S. 98-99). Wenn
diese Aussagen beim Erscheinen des Buches (1978)
noch fundierter waren als heute, wenn immer mehr
Frauen zu hohen und verantwortungsvollen Posten in
Wirtschaft und Politik aufsteigen, so ist dennoch

nicht zu leugnen, daß ihre Zahl verschwindend klein ist. Die Gesellschaft schlägt in ihrer Beurteilung dieser Frauen natürlich in die Traditionskerbe. Ein männlicher Politiker mit Kindern ist wahlpropagandawirksam, und niemand fragt: "Wie schafft er das bloß?" Niemand sagt: "Er soll doch bei seinen Kindern bleiben". "Die Gleichberechtigung endet am heimischen Herd. Das ist uns allen vorzuwerfen. Unsere Gesellschaft lässt es nicht zu, daß Mann und Frau sich die häuslichen Pflichten teilen. … Nur Kinderlosigkeit gibt den Frauen gleiche Chancen im Beruf wie dem Mann; ermöglicht ihnen das gesellschaftliche und politische Engagement" (S. 109-110). Dieses brutale Fazit der Autoren wird noch markanter, wenn man hört, wie Regierungen und Kirchen auf das Mutterideal pochen, wenn sie so viel für das ungeborene, aber so wenig für das geborene Leben tun. Der Staat weist auf wichtige soziale Aufgaben hin, die nur im "Schoß" der Familie erfüllt werden können, läßt aber die Eltern (die Mutter) damit allein. Man verlangt von einem Teil des Paares sein Eigenleben aufzugeben, gaukelt ihm vor, daß die wahre Erfüllung in der Mutterschaft liegt, steht der Frau aber nicht bei, wenn sie merkt, daß die Kinder sich immer mehr lösen, je älter sie werden, hilft ihr nicht bei dem Wiedereinstieg in das Berufsleben, der nach 18 bis 20 Jahren meistens sowieso illusorisch ist.

Gleiche Chancen haben Frauen wirklich nur, wenn sie auf Kinder verzichten, wenigstens solange die soziale Situation noch so ist, wie sie sich im Moment darbietet. Elternurlaub für beide mit garantiertem Lohn und reserviertem Arbeitsplatz, Halbtagsarbeit für Mann und Frau in allen Berufen, vor allem aber ein Umdenken gegenüber kinderlosen Frauen, be-

rufstätigen Müttern und Hausmännern könnten die Grundlagen für eine kinderfreundlichere, humanere Gesellschaft schaffen, die nicht nur das bloße Ansteigen der Geburtenzahlen visiert, sondern Lebensmöglichkeiten für ein alle zufriedenstellendes Familienleben schaffen könnte. Daß es aber vor allem die Frauen sind, die zu kurz kommen, daß es aber auch immer mehr sie sind, die den Mut finden, sich dagegen aufzulehnen, beweisen die Zahlen aus der BRD: 1975 stammten von 106 829 Scheidungsklagen 76 172 von Frauen. Das soll bei weitem nicht als großen Sieg gewertet werden, und es wäre wirklich wichtig, auch in umfassendem Maß die Rolle und die Psyche der Männer zu analysieren, die oft genau wie die Frauen in Schemata hineingepresst werden, die ihrem Wesen widersprechen. Auf der Strecke aber bleiben vor allem die Kinder. Sie sind die Opfer einer Gesellschaftsstruktur, die alles tut, damit sie geboren werden, die aber dann den legitimen Ansprüchen ihrer Mütter und Väter keine Rechnung mehr trägt. Eine unzufriedene Hausfrau, ein gestreßter Vater sind für das Kind schädlich, und allein aus der Optik heraus muß mehr für die moderne Familie getan werden, als Hausfrauenzulagen, die den täglichen Frust der immer neu anzufangenden Hausarbeit nicht aus der Welt schaffen. "Auch Kinderlosigkeit kann sinnvoll und human sein – sowohl bezogen auf die unmittelbare Umwelt als auch auf weltpolitische Überlegungen. Kinderlosigkeit muß nicht Resignation bedeuten. Sie ist eine Herausforderung für eine Gesellschaft, die die Rechte des Kindes nur verbal proklamiert, die durch Versäumnisse die Unterdrückung der Frau aufrechterhält und den Mann zum Ernährer degradiert." (S. 197) sbb

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