Wie spricht das heutige Luxemburg?

Buchrezension zu: Fehlen,Fernand/Heinz,Andreas, Die Luxemburger Mehrsprachigkeit: Ergebnisse einer Volkszählung, Bielefeld, transcript, 2016.

In ihrer neuesten Veröffentlichung Die Luxemburger Mehrsprachigkeit: Ergebnisse einer Volkszählung, erschienen im transcript-Verlag, Bielefeld, analysieren die Autoren Fehlen und Heinz die Ergebnisse der luxemburgischen Volkszählung von 2011 unter soziolinguistischen Gesichtspunkten. Diese Volkszählung beinhaltete erstmalig explizite Fragen nach der sprachlichen Realität der Einwohner – die Auswertung dieser Fragen lässt damit detaillierte, datengestützte Aussagen über die tatsächliche Mehrsprachigkeit in Luxemburg zu. Die Autoren bearbeiten strukturiert die beiden in der Volkzählung gestellten Fragen und setzen sie in den größeren Kontext der Bevölkerungsstruktur.

Kurzer Leitfaden für die Lektüre

Das erste Kapitel (1. „Vorbemerkung zur Luxemburger Mehrsprachigkeit“) widmet sich zum einen Vorüberlegungen zur his-torischen (und) sprachlichen Situation des Landes und beleuchtet zum anderen die Tradition der Sprachenfragen in Volkszählungen, sowohl in Luxemburg als auch über die Grenzen hinaus. An dieser Stelle formulieren die Autoren die Mission des Buches: Es geht darum herauszufinden, wie Luxemburg heute sprachlich strukturiert ist.

Die Datenbeschreibung selbst beginnt in Kapitel 2 („Die am besten beherrschte Sprache [Hauptsprache]“) mit Blick auf die soziolinguistische Hauptfrage der Volkszählung nach derjenigen Sprache, in der die Sprecher „denken und die [s]ie am besten beherrschen“. Die Autoren beobachten hier Korrelationen mit Alter und Staatsangehörigkeit der Sprecher und diskutieren ihre Ergebnisse im Kontext des sog. Greenberg’s Diversity Index.

Kapitel 3 („Die Umgangssprachen zu Hause und in der Schule“) und Kapitel 4 („Sprachgebrauch am Arbeitsplatz“) ähneln sich stark in Bezug auf Struktur und Fragestellung: Hier geht es um die Frage, in welchen Kontexten welche Sprachen vorrangig sind. Dies wird in Abhängigkeit von Nationalität und Alter bewertet. Dabei fokussiert sich Kapitel 3 auf die Sprachenwahl zu Hause und in der Schule, während Kapitel 4 das Hauptaugenmerk auf das Arbeitsumfeld legt. Gerade das Arbeitsumfeld ist den Autoren einen stärker differenzierten Blick wert: Hier gehen sie über die Fragen nach Alter und Herkunft hinaus und schlüsseln die Daten zunächst nach Wirtschaftszweigen und weiterhin sogar nach Berufszweigen (nach ISCO08)1 auf: Welche Sprachen spricht man also in bestimmten Berufsbranchen – und welche nicht? Und darüber hinaus: Wie viele verschiedene Sprachen werden in bestimmten Branchen gesprochen? Die detaillierte Aufschlüsselung unternehmen die Autoren unter Zuhilfenahme der sog. Korrespondenzanalyse.

Die Kapitel 5 („Umgangssprachen: Vergleich der Kontexte und Aggregation“) und 6 („Räumliche Verteilung der Umgangssprachen“) verstehen sich als Synthese der vorangegangenen Kapitel: Im Fokus von Kapitel 5 stehen die typischen sprachlichen Kombinationsmöglichkeiten der Sprachenwahl zu Hause im Gegensatz zu jener in der Schule und auf der Arbeit. Kapitel 6 beschäftigt sich mit der räumlichen Verbreitung der Umgangssprachen in den Gemeinden auf luxemburgischem Staatsgebiet. Dies geschieht anhand einer Vielzahl übersichtlicher, detaillierter Karten und mithilfe der sog. Clusteranalyse.

Kapitel 7 („Sprache und Integration“) bildet den Abschluss der thematischen Einheiten und wirft einen Blick auf das vieldiskutierte Thema der sprachlichen Integration. Dieses Kapitel fußt auf zahlreichen Korrelationen, z.B. zwischen Herkunft, Zeitpunkt der Einwanderung und den Haupt- und Umgangssprachen der Bevölkerung und thematisiert darüber hinaus die Sprachenwahl von sog. „Allophonen“, also solchen Einwohnern, die keine der Landessprachen muttersprachlich sprechen. Das Buch wird mit einer kurzen Zusammenfassung der Ergebnisse (Kapitel 8 „Zusammenfassung“) abgeschlossen.

Die methodischen und strukturellen Besonderheiten

Aus der umfassenden, spannenden Datengrundlage holen die Autoren einiges heraus – Lücken, die sich in vorherigen Umfragen aufgrund zu kleiner Stichproben auftaten, können hier geschlossen werden. Man kann diese Veröffentlichung dementsprechend als eine sinnvolle Ergänzung zu den zuvor erhobenen „Étude Baleine“- bzw. „BaleineBis“2-Daten sehen. Die Datenlage ermöglicht es den Autoren, stichhaltige repräsentative Aussagen über die Bevölkerung des Landes Luxemburg zu treffen, was bis dato ein Desiderat war. Methodologisch greifen sie auf gängige soziologische Verfahren zurück, die sie an den geeigneten Stellen kurz einführen. Diese Einführungen sind hilfreich, fallen jedoch teilweise sehr knapp aus: Für soziologisch weniger versierte Leser bleibt dementsprechend einiges unklar. Allerdings wissen die Autoren diese Situation durch klare Aussagen im weiteren Verlauf der Kapitel aufzufangen, indem sie Tendenzen verbalisieren und somit zumindest ein Grundverständnis vermitteln können.

Auch sonst ist der strukturelle Aufbau des Buches in jedem Fall leicht nachvollziehbar: Die Kapitel sind kurz, thematisch klar ausgerichtet und deutlich voneinander abgegrenzt. Ein selektives Einsteigen in einzelne unabhängige Kapitel ist damit grundsätzlich möglich. Schade ist nur, dass abschließende Kapitelzusammenfassungen und damit ein Überblick über die Erkenntnisse eines vorangegangenen Kapitels ausbleiben. Die Resultate und Erkenntnisse werden erst im abschließenden Kapitel 8 kurz zusammengefasst, wodurch dem Leser während der Lektüre keine Gedächtnisstütze über wichtige Resultate vorliegt.

Sprachlich und stilistisch verfügt die Veröffentlichung über einige Unschärfen: Zum einen ist der Stil verschiedentlich sehr regionalsprachlich geprägt (z.B. „Am meisten Französisch reden…“ S. 85). Zum anderen bestehen auch textstrukturelle Schwierigkeiten: In späteren Kapiteln (z.B. Kapitel 6 und 8) wird auf Argumente rückverwiesen (in diesem Fall der Zusammenhang zwischen Berufszweig und Einkommen), die vorher nicht explizit thematisiert wurden.

Der Erkenntnisgewinn aus der Lektüre

Die Datenaufbereitung selbst wird von einer Vielzahl an detaillierten und materialreichen Schaubildern, Karten und Graphiken unterstützt. Zwar sind diese nicht immer selbsterklärend, werden aber im Fließtext ausführlich beschrieben und diskutiert. Darüber hinaus ermöglichen die Autoren dem Leser Einblicke in ihre Datengrundlage dank einer Vielzahl an Tabellen mit Rohdaten, die für weiterführende statistische Zwecke genutzt werden können. Es bleibt insgesamt zu erwähnen, dass die Veröffentlichung bei der Auswertung und Visualisierung der Daten stehenbleibt und kaum weiterführende Analysen oder Erklärungen anbietet. Dies kann einerseits als Manko angesehen werden, andererseits lässt die Publikation damit Raum für weitere Forschungsfragen, denen sie als solide Datengrundlage genügen kann.
Eine besondere Stellung nimmt Kapitel 7 „Sprache und Integration“ ein: Hier sprechen die Autoren ein wichtiges und aktuelles politisches Thema an und präsentieren Daten, welche die gegenwärtige Diskussion auf eine neue Ebene bringen. Die sehr feine Aufgliederung der verschiedenen Einwanderungstypen und ihrer Sprachenwahl lässt keine Fragen offen – zu erwähnen sind hier z.B. die Korrelationen zwischen dem Zeitpunkt der Einwanderung und dem sprachlichen Integrationsgrad einerseits, sowie die Betrachtungen für ebensolche Einwanderer, die keine der drei Verwaltungssprachen zu Hause
sprechen andererseits.

Für wen ist das Buch empfehlenswert?

Als Zielgruppe für diese Veröffentlichung kommen vor allem solche Leser in Betracht, die soziologisches Grundlagen-wissen mitbringen und sich schnell in die Methodik hineindenken können. Doch auch weniger soziologisch geschulte Leser kommen auf ihre Kosten: Luxemburgis-tisch orientierte Wissenschaftler sämtlicher Fachrichtungen können auf den Grundtendenzen dieses Buches aufbauen. Hier ist nun empirisch valide festgehalten, welche Sprachen im Land von wem in welchem Kontext benutzt werden. Bis zuletzt konnte über die Mehrsprachigkeit in vielen Kontexten nur gemutmaßt werden; hier finden sich nun beleggestützte Tendenzen. Zu guter Letzt nützt die Veröffentlichung auch Sprachenplanern und damit der Politik, was ein formuliertes Anliegen der Autoren ist. Die detaillierte Kenntnis der Sprachenwahl in Luxemburg und vor allem das tatsächliche Wissen über die sprachlichen Belange von Einwanderern kann nur von Vorteil für eine erfolgreiche Sprach(en)politik sein.

Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.

Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!

Spenden QR Code