Wir sind das Volk!

Ist unsere Kirche noch zu retten?

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Unter diesem Motto fand am 16. Oktober 1993 ein Treffen kritischer Katholiken mit Prof.Dr. Norbert Greinacher (Tübingen) in Mannheim statt. Die einladenden Gruppen formulierten als Ziel der Veranstaltung:

kritische Christen treffen sich – machen sich gegenseitig Mut – freuen sich aneinander – überwinden Resignation – tauschen Ideen aus – werden Kirchen-Frust los – solidarisieren sich – diskutieren, beten, singen und feiern miteinander

kirchenreformierische Gruppen begegnen sich – vernetzen sich – planen gemeinsame Aktionen – werden wahrgenommen – werden ernst genommen von der Kirchenleitung von der Öffentlichkeit – bringen Bewegung in erstarrte Strukturen – bekommen Power zu Veränderungen bei sich selbst, in den Gemeinden, in Kirche, Politik und Gesellschaft.

Viele Menschen hatten sich zu diesem Treffen eingefunden, das ab 14 Uhr mit Kaffee und Musik begann.

In seinem Referat ging Professor Greinacher zunächst auf die geschichtliche und gesellschaftliche Umbruchsituation der letzten 35 Jahre ein; ein fundamentaler Wertewandel hat in unserer Gesellschaft stattgefunden und eine Entwicklung von der Moderne zur Epoche der Individualität. Die Kirche hat sich weder auf Moderne noch auf Postmoderne eingelassen, was nicht heißt anpassen; sie wendet sich gegen die Epoche der Individualität, obschon sie sich von

ihrer jüdischen Tradition her auf die Individualität stützen müßte: "Jeder Mensch ist ein Ebenbild Gottes."

Auf die Frage, "Ist die Kirche noch zu retten?", antwortete Prof. Greinacher mit einem klaren "JA". – Die Zeit der Unmündigkeit ist vorbei, das II. Vatikanische Konzil hat eine radikale Wende gebracht. Die notwendigen Ämter sind für das Volk Gottes da, nicht umgedreht. Das Volk muß ein Bewußtsein dafür bekommen, daß es das Volk ist. Das Volk an sich muß zu einem Volk für sich werden. – Die Pfarreien und Gemeinden sind die fundamentale Verwirklichung der Kirche. Von der Lebendigkeit der Gemeinde hängt das Überleben der Kirche ab. – Der einzelne wird isoliert und ist verloren, deshalb ist nationale und internationale Vernetzung wichtig. – Die Kirche sollte den notwendigen Konflikten nicht ausweichen. – Die Kirche ist für die Menschen da und nicht die Menschen für die Kirche; Jesus ist für das Heil der Menschen vom Himmel gekommen (nicht für die Kirche). Die Diakonie (Dienst an den Menschen) muß im Vordergrund stehen und nicht die Absicherung der Privilegien. – In seinem Buch ‚CREDO‘ hat Hans Küng den Glauben überzeugend dargestellt. Alles sollte auf das Wesentliche zurückgeführt werden: auf das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit. Wenn das Pillenverbot wichtiger ist als die Liebe von Mann und Frau, wenn das Zölibat wichtiger ist als der Dienst des Priesters, wenn die Jungfrauengeburt wichtiger ist als das Leben Jesu selbst… wenn wir uns

Carlo Schmitz

zuerst um uns kümmern und um die Privilegien, dann kann in dieser Kirche etwas nicht stimmen.

Anschließend an den Vortrag von Prof. Greinacher bestand in 16 thematisch verschiedenen Gruppen die Möglichkeit zur Aussprache und zur Begegnung mit anderen Teilnehmern. Um 17 Uhr traffen sich alle wieder im großen Saal zur Berichterstattung und zur Verabschiedung der Mannheimer Erklärung. Im Februar 1994 wollen sich die Gruppen und Einzelpersonen auf der Grundlage der Mannheimer Erklärung vernetzen.

Ein Fest mit Musik, Imbiß, gottesdienstlichen und anderen Elementen bildete den Abschluß dieses Treffens.

In der Gruppe ‚Gemeinsam sind wir stark – Vernetzung kirchen-reformerischer Gruppen‘ wurde die

Wirkung eines Zusammenschlusses dargestellt mit Hilfe von vielen kleinen Teekerzen, die allein nur ein schwaches Licht und wenig Wärme abgeben, aber wenn es viele sind, entwickeln sie genug Hitze um Maiskörner in Popcorn zu verwandeln. Bei der praktischen Durchführung ergab sich die Feststellung, daß es wichtig ist, sich im voraus Gedanken zu machen, wie man vorgehen möchte (beim Anzünden der Kerzen bzw. der Vernetzung), denn einige Kerzen standen nachher in der Mitte und es war nur mehr schwer möglich sie anzuzünden ohne sich dabei die Finger zu verbrennen.

Wer diese Initiative unterstützen möchte, soll den in dieser "forum"-Nummer abgedruckten Text der Mannheimer Erklärung unterschrieben an die angegebene Adresse schicken. Josée

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