Wirtschaftsgeschichte der zwei letzten Jahrhunderte

Universität Trier

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André BAULER, Les fruits de la souveraineté nationale. Essai sur le développement de l’économie luxembourgeoise de 1815 à 1999: une vue institutionnelle. Publication éditée à l’occasion du 75e anniversaire de la Caisse Centrale Raiffeisen, s. c., Luxembourg. Luxembourg 2001.

André Baulers Essay bringt seine Haupttheise bereits im Titel des Werkes auf den Punkt: In diesem schön gestalteten Buch geht es um die wirtschaftlichen Früchte der nationalen Souveränität Luxemburgs, um die Erfolgsgeschichte der luxemburgischen Wirtschaftspolitik seit 1839. Der in einem gut verständlichen Stil gehaltenen Text wird durch Abbildungen von Kunstwerken, historischen Darstellungen, Landschaftsbildern und Diagrammen ergänzt. Ein Anhang mit Zeittafel, Stichwort- und Literaturverzeichnis erleichtert die Nutzung des Buches, durch die in Form von Endnoten dargebotenen Anmerkungen genügt der Autor seiner wissenschaftlichen Nachweispflicht.

Bauler schreibt aus institutionengeschichtlicher Perspektive und schärft sein analytisches Hauptinstrument, den Begriff „Institution“, auf der Grundlage der internationalen Forschungsdiskussion. Dabei gerät die Definition dieses Schlüsselbegriffs vielleicht ein wenig zu umfassend: auch „der Markt“ als solcher ist ihr zufolge eine „Institution“. Doch bleibt die Sorge unbegründet, dass sich der Autor auf methodischen Irrwegen verlieren könnte, denn Bauler entfaltet seine Darstellung entlang eines roten Fadens: der staatlichen Ausgestaltung der gesetzlich-normativen Rahmenbedingungen sowie der internationalen Verknüpfung der luxemburgischen Volkswirtschaft.

Er beginnt seine Darstellung mit der Vorgeschichte des luxemburgischen Staates, in der das Großherzogtum de facto als eine Provinz des König-

reichs der Vereinigten Niederlande verwaltet wurde. In der Beurteilung dieser Epoche schließt sich Bauler dem kritischen Grundtenor der luxemburgischen Geschichtsschreibung an. Im folgenden schildert er die Anfänge des nationalen luxemburgischen Staates seit 1839, die ersten Maßnahmen einer spezifisch luxemburgischen Wirtschaftspolitik und ihre Folgen: den Aufschwung sowohl der Landwirtschaft als auch der Schwerindustrie des Großherzogtums. Tragende Säulen dieser Wirtschaftspolitik waren die Modernisierung der Landwirtschaft, der Ausbau des Straßen- und der Aufbau des Eisenbahnnetzes sowie die Einbindung der luxemburgischen Wirtschaft in den deutschen Zollverein. Der Aufschwung der Schwerindustrie schließlich war nicht zuletzt einer Politik zu verdanken, die auf die Verarbeitung der luxemburgischen Eisenerzvorkommen im Lande selbst setzte. Flankiert wurde diese Modernisierungspolitik durch den Aufbau eines leistungsfähigen Schulwesens und die international garantierte Neutralität des Großherzogtums seit 1867. Der wirtschaftlichen Blüte und beachtlichen Staatseinnahmen durch die Außenzölle des Zollvereins und die Steuerkraft der Stahlindustrie stand die wachsende wirtschaftlich-politische Abhängigkeit des Landes von Preußen und dem Deutschen Reich gegenüber.

Die zweite Hälfte des Buches wird durch den Austritt Luxemburgs aus dem Zollverein mit Deutschland und die nachfolgende Wirtschaftsunion mit Belgien eröffnet. Den bei weitem größten Teil der Darstellung nimmt die Geschichte nach dem Zweiten Welt-

krieg bis zur Gegenwart ein. Hier ersetzt der Autor das bis dahin dominierende chronologische Darstellungsprinzip durch eine thematische Gliederungsform: In fünf umfangreichen Unterkapiteln erörtert er die Problematik der Grenzregionen, die Bedeutung der Staatstätigkeit für die wirtschaftliche Entwicklung, die Agrarpolitik, den Umbau der luxemburgischen Schwerindustrie und die Wandlungen der Finanzdienstleistungswirtschaft. Auch in diesem Teil des Bandes gelingt es dem Autor, die grundlegende Bedeutung der Regierungspolitik angesichts der besonderen Möglichkeiten aber auch der Risiken der Ökonomie eines kleinen Staates herauszuarbeiten: bei der Ausgestaltung der gesetzlichen Rahmenbedingungen des Kreditgewerbes, bei der Bewältigung der Stahlkrise in den siebziger und achtziger Jahren und schließlich bei dem noch andauernden Strukturwandel der luxemburgischen Volkswirtschaft.

André Baulers Buch bietet seinen Lesern eine anregende und informative Darstellung der Luxemburger Wirtschaftsgeschichte vom Wiener Kongreß bis zur Gegenwart. Dabei hat der Autor mehr als nur eine Synthese bereits geleisteter Forschungen vorgelegt: Insbesondere für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg schöpft er auch aus eigenen Quellenstudien. Baulers Essay bietet daher nicht nur eine anregende Lektüre für ein historisch interessiertes breites Publikum, es ist als eigenständiger Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte Luxemburgs auch für fachwissenschaftliche Leser von hohem Wert.

Norbert Franz
Universität Trier

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