Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.

Wo sind unsere Söhne?

Bekanntlich hat "Amnesty International" für die Monate Dezember 1981-Januar 1982 zu einer internationalen Kampagne gegen das "Verschwinden" von politischen Gefangenen aufgerufen. In der peruanischen Zeitschrift "Paginas" fanden wir einen Beitrag, den Franz Marcus für uns aus dem spanischen übersetzte, der sehr eindringlich ein solches Beispiel aus El Salvador schildert.

Ausschnitte aus der Pressekonferenz des Komitees Monsenor Arnulfo Romero, der Mütter von politischen Gefangenen und Verschwundenen vom 29. August 1981 in San Salvador.

Die Leiterin: Das Ziel der Einladung zu dieser Versammlung besteht darin, den Schwadron Maximiliano Hernandez anzuklagen, der uns am 14. August mit Konsequenzen gedroht hat für den Fall, dass wir noch weitere Kommuniques herausgeben. Wir sind aber entschlossen weiterzumachen und nicht aufzugeben, denn unsere Familienangehörigen sitzen im Gefängnis oder sind verschwunden, und viele Leute für die

dieses Komitee gekämpft hatte, sind umgebracht worden. Und es handelt sich dabei nicht um irgendwelche Banditen, wie man uns sagt. Sie sitzen im Gefängnis, nur weil sie sich für ihr Volk einsetzen. Wir Mütter geben nicht auf. Im Gegenteil: wenn sie ihr Leben hingegeben haben, dann sind wir auch bereit, unser Leben zu opfern. Die Companeros, die sich seit Samstag im Gefängnis von Santa Tecla im Hungerstreik befinden, und mit denen sich Mariona und das Frauengefängnis solidarisiert haben, verlangen, dass die Repression eingestellt wird und dass alle Gewerkschaftler und alle, die gefangengehalten werden, freigelassen werden.

Als Journalisten müssen sie wissen, dass alles, was die Regierung über den Hungerstreik sagt, Betrug und Schwindel ist, denn in den Gefängnissen sind die meisten mit dem Hungerstreik einverstanden. Und es ist ein Streik, der bis zum Tode geht, einige von unsern Familienangehörigen werden daran sterben, wenn sich ihre Lage nicht ändert. Wenn sie dies nicht veröffentlichen, dann ist es, weil sie

Pour l’autodétermination des peuples d’Amérique centrale

Les soussignés, profondément convaincus que tout peuple a le droit de déterminer lui-même son destin

  • condamnent la politique d’ingérence de l’Administration Reagan dans les pays d’Amérique centrale, tout particulièrement au Salvador, au Guatemala et au Nicaragua;

  • proclament que les conflits qui se déroulent actuellement en Amérique centrale ne peuvent être résolus que par l’épanouissement de la justice sociale, des libertés démocratiques et du droit à l’autodétermination;

  • se félicitent de la déclaration commune des gouvernements mexicain et français reconnaissant le FDR et le FMLN en tant que forces politiques représentatives du Salvador;

  • invitent le gouvernement luxembourgeois à approuver cette déclaration franco-mexicaine sur le Salvador, suivant ainsi l’exemple donné par le gouvernement des Pays-Bas;

  • exigent le retrait immédiat des conseillers militaires nord-américains en Amérique centrale ainsi que l’arrêt total de l’aide militaire et économique fournie aux dictatures de cette

région.

Désireux d’amplifier le soutien sur lequel peuvent compter les peuples d’Amérique centrale, les soussignés lancent un appel pressant à toutes les personnes et à toutes les organisations éprises, de justice afin qu’elles aident les peuples d’Amérique centrale à retrouver et à conserver leur dignité et leur liberté.

Nom

Adresse

Profession

Organisation

Signature:

Renvoyer à: Association Solidarité Luxembourg-Nicaragua
BP 1766, Luxembourg 1

mundtot gemacht worden sind. Die Regierung hat Zugang zum Fernsehen, wir nicht. Gestern wurde die erste Mutter des Komitees ermordet.

Journalist: Wer sind die Leute, die morden?

Die Leiterin: Einige Mütter haben Angst, es zu sagen, aber ich nicht, heute werde ich es Ihnen erklären: es sind die Sicherheitsorgane selbst, die Haciendapolizei, die Guardia, die Exgardisten, Exsoldaten. Sie sehen ja, was in El Salvador geschieht. Jetzt haben sie schon Guillotinen um zu köpfen, oder elektrische Sägen. Und glauben Sie etwa Herr Duarte und die Junta wüssten nichts davon, dass man das Volk ermordet?

Im Namen des Komitees und des Volkes verlangen wir, dass die Truppen Honduras, die sich in unserm Lande befinden, zurückgeschickt werden und dass die USA keine weiteren Waffen mehr liefern. Oder soll dieses Morden tagtäglich weitergehen? Hier ist es heute ein Verbrechen, ein Jugendlicher zu sein. Nur weil man ein Jugendlicher ist, wird man festgenommen. Wenn unsere Söhne ausgehen, können wir sie schon nicht mehr zurückerwarten. Wenn ich hier die Wahrheit sage und anklage, geht es mir darum, das Todesschwadron, d.h. die Polizei und die Haciendapolizei, die die verbrecherischste, die mörderischste ist …, zu bekämpfen. Denn wir finden unsere Familienangehörige nicht wieder, nicht einmal um sie kirchlich beerdigen zu können. Und für die Regierung ist es subversiv, wenn man redet oder protestiert. Was soll denn das? Wir haben keine Waffen nicht einmal eine Rasierklinge. Und der Schwadron ist so schamlos, uns zu bedrohen. Ich bin auch ein Opfer der Repression. Mir haben sie zwei Söhne ermordet, ausserdem ist meine Schwiegertochter verschwunden, meinen Schwiegersohn haben sie ermordet, ein kleines Mädchen haben sie als Waise zurückgelassen, das alles ist so traurig. Und was sagt die Junta? Dass jeder Redefreiheit hat, dass in El Salvador Demokratie herrscht. Aber von Demokratie gibt es nicht die Spur. Wie ist eine solche Repression überhaupt möglich? Wo sind unsere Söhne? Uns werden sie jetzt nicht mehr zum Schweigen bringen! Wenn sie uns wegen dieser Worte umbringen wollen, dann sollen sie es doch tun. Aber nach uns werden andere ihre Stimme erheben.

Uns macht es nichts aus, wenn sie uns umbringen, aber wir wollen die Leichen unserer Söhne sehen. Denn wir haben sie gesucht. Ich habe meine Schwiegertochter gesucht. Bis San Vincente bin ich gelau-

fen. Anfangs hat man mir gesagt, sie wäre bei der Policia Nacional, von dort schickte man mich nach Soyapango, aber auch dort ist meine Schwiegertochter nicht zu finden. Ihr einziges Verbrechen besteht darin, dass sie Medizinstudentin ist. Wir können diese Repression nicht länger ertragen. Und wir fordern alle Mütter auf, sich in ihrem Schmerz mit uns zu vereinen. Hier stehe ich vor Ihnen, ich habe kein Geld, ich besitze überhaupt nichts, aber ich habe den Mut, die Wahrheit zu sagen, denn so erfahre ich sie! Meinen kleinen Enkelkindern erzähle ich, ihr Vater wäre verreist (weinend), damit sie nichts erfahren, ich muss es für mich behalten, dass mein Sohn und meine Tochter und mein Schwiegersohn schon unter der Erde sind. (…)

Eine andere Frau: Ja, meine Herren Journalisten, mit grossem Kummer und Sorge erkläre ich als salvadorianische Mutter hier auf internationaler Ebene, dass seit dem Monat August eine grosse Verfolgung junger Ärzte, Medizinstudenten und Krankenschwestern sämtlicher Gesundheitszentren des Landes ausgebrochen ist. Sehen Sie sich dieses Foto von 2 Ärzten an: mein Sohn und meine Schwiegertochter. Am 14. August, um 2 Uhr nachmittags, wurden sie gefangen genommen, zusammen mit dem Dienstmädchen, nur weil sie das Verbrechen begangen hatten, das Volk und die armen Leute ärztlich zu betreuen. Ich habe überall nachgefragt, bin zu allen Sicherheitsorganen, zum Internationalen Roten Kreuz, zum Rechtshilfebüro, zum Verteidigungsminister, zu allen Leitern der Sicherheitsorgane des Landes gegangen, ich habe auf das Recht des Habeas Corpus bestanden, alles umsonst, denn bisher verweigert man mir jede Information über ihren Aufenthaltsort und über den Grund ihrer Gefangenschaft. Man kann ihnen weder eine gemeinsame Straftat, noch irgendwelche politische Militanz vorwerfen. Trotzdem hat man sie festgenommen, ihr Haus durchsucht, Geld und persönliche Wertgegenstände mitgenommen. Und wir laufen nur hilfesuchend umher. In solchen Augenblicken ist ja alles sinnlos, das Volk erleidet eine fürchterliche Repression, die grausamste die ich kenne. Eine Familie hat sich sogar zu unsern Feinden gemacht, weil sie Angst haben, auch verhört und festgenommen zu werden. So gehen wir eben allein weiter und fragen, ohne auch nur eine Antwort zu erhalten: Wo sind unsere Söhne? Was hat man mit ihnen gemacht? Wo befinden sie sich? (…) Es gibt viele versteckte Gefängnisse, zu denen das Internationale Rote Kreuz auch keinen Zugang hat. Einigen ist die Flucht gelungen, weil sie so abgemagert waren, dass sie durch die Gitter der Fenster hindurchschlüpfen konnten, sie waren so abgemagert, weil sie nur Kakerlaken assen, oft nicht einmal die Kraft hatten, sie zu fangen. Wir wollen an die Gefühle der Menschen in Lateinamerika, in Europa, in den USA appellieren, damit sie ihrem Volk die Wahrheit sagen. (…)

Journalist: Was ich nicht verstehe ist der Grund, weshalb man das macht. Weshalb?

Die Mutter des Arztes: Der Grund ist einfach der, dass es junge Leute sind und dass viele Leute, es ist hart, das zu sagen, sich dazu verleiten lassen Angaben über andere Personen zu übermitteln, Angaben die überhaupt nicht belegt sind. Sie haben ein verhärtetes Herz, bis sie mit ihrer Familie auf einmal selbst vor so einem Problem stehen, dann sehen sie auf einmal ein, was sie den jungen Leuten angetan haben. Das Verbrechen dieser Leute besteht darin, dass sie jung sind, dass sie Studenten, Krankenschwester, ja Neugeborene sind und der Subversität verdächtigt werden; im Mutterleib sind sie ja schon subversiv. (…)

Foto: L.A. C. (1981)

m: P.-F. 21/1874

Eine andere Frau: Mein Lebensgefährte wurde vor 20 Tagen in Santa Ana gefangengenommen, und ich habe seither nicht die geringste Nachricht von ihm erhalten. Zusammen mit ihm wurde ein anderer Herr gefangengenommen, von dem wir auch noch nichts gehört haben. An demselben Tag hatten sie noch 2 Leute hier in San Salvador festgenommen, die jedoch wieder freigelassen wurden. Aber über meinen Lebensgefährten gibt man mir bei keiner der Sicherheitsbehörden Auskunft. Allein weil er Gewerkschaftler ist, beschuldigt man ihn der Subversion. Die Gründung einer Gewerkschaft wird einem schon übel genommen. Nur weil sie ihre Rechte fordern, müssen sie diese Repressalien erleiden.

Eine Frau: Ich will hier bezeugen, was mit meiner Schwester geschehen ist. Ihre kleinen Kinder erzählen, dass man sie um 12 Uhr nachts festnahm. Sie lebte allein mit 8 Kindern, weil ihr Mann sie verlassen hatte; sie war Krankenschwester und setzte Spritzen und buk Maispasteiten, um sie ernähren zu können. Die älteste ist 12 Jahre alt, und nun hat man die Mutter geholt und die Kinder allein gelassen! Und sie hat überhaupt nichts verbrochen! Warum hat man sie weggeholt (weinend) und die Kinder allein gelassen?

Eine andere Dame: Ich habe mit den 8 Kindern gesprochen; am 23. August hat man ihre Mutter geholt ich glaube, es waren die Guardia und Soldaten. Die Kinder hatten Angst, sie weinten und schrien: ‚Mama, warum nehmen sie dich mit? Mama!‘, und die Soldaten sperrten sie in ein Zimmer und liessen sie allein. In dem Augenblick waren die Kinder verlassen, ohne irgendwelchen Schutz. Ihr Vater kann nicht ausfindig gemacht werden, man weiss nichts von ihm. Man hat die Leiche der Mutter in San Martin wiedergefunden, noch am selben Tag. Sie wurde als Unbekannte beerdigt, aber einige Leute, die sie kannten, konnten sie beschreiben, und es besteht kein Zweifel daran, dass sie es war.

Eine andere Frau: Mein Sohn wurde am 9. Februar um 11 Uhr nachts gefangengenommen, als bis 7 Uhr Ausgangssperre war. Nackt haben sie ihn weggeführt, ohne Hemd; mit seinem Hemd knebelten sie ihn. Ich bin überall hingegangen, um ihn zu suchen habe ihn aber weder bei der Polizei noch bei der Haciendapolizei gefunden. Dann gab man mir an, er sei bei der Guardia. Er wurde ins Gefängnis Santa Tecla überführt, und dort gaben die Gefangenen ihm Kleider. Gott sei Dank lebt er.

Eine andere Frau: Am Sonntag, dem 23. verhafteten sie nachts um 11 Uhr eine Krankenschwester, die mit ihrem Kind allein war. Sie sagten ihr, sie wären von der Fuerza Armada. Bei ihnen war ein grosser blonder Herr mit Schnurrbart. Sie nahmen die Frau fest und liessen das Kind allein zurück. Am nächsten Morgen kam das Kind zu mir und erzählte es mir. Wir gingen zum Menschenrechtsbüro, zum Rechtshilfebüro, zum Roten Kreuz, zum Gerichtshof. Das Kind hatte ich zu Hause bei meiner Schwieger-

Schwiegertochter und meiner Nichte gelassen, und am Morgen, als ich wiederkam, meine Herren (weinend), da hatten sie meine Schwiegertochter mitgenommen und die schreienden Geschöpfe allein zurückgelassen. Das ist eine grosse Ungerechtigkeit, meine Herren! Nein, meine Herren! Es soll Frieden geben, hier in El Salvador! Das kleine Mädchen, das ganz heiser war vom Weinen, sagte: ‚Soldaten haben meine Mama barfuss und im Nachthemd mitgenommen‘. Und heute sitze ich allein mit den beiden Geschöpfen. (…)

Eine andere Frau: Ich will vor Ihnen und vor dem salvadorianischen Volk und vor der ganzen Welt die niederträchtige Repression anklagen, die wir wegen dem einzigen Verbrechen, dass wir arm sind, erleiden müssen. Meine Nachbarn sind Opfer dieser Repression geworden. Der erste verliess das Haus, um Arbeit zu suchen, und er kam nicht wieder. Am nächsten Tag fand man ihn ermordet im Park Libertad wieder. Den zweiten töteten sie, weil die Mutter das Verbrechen beging die Leiche ihres Sohnes zu erbitten, um ihn zu beerdigen. Das war ein ausreichender Grund, den andern Sohn auch zu holen und zu töten. Aber das reichte ihnen immer noch nicht: sie gingen in die Colonia San Francisco, Ayutuxtepeque, und sagten, die Jugendlichen wären subversiv. Leute von den Sicherheitsorganen tarnten sich als Jugendliche und riefen revolutionäre Parolen, um die Jugendlichen der Colonia zusammenzutrommeln. Als eine Gruppe junger Leute kam, nahmen sie alle fest und töteten 7 von ihnen, 14 weitere sind bis heute verschwunden. Die Familien der Colonia haben Angst zu sprechen, denn man hat bereits mehr als 24 Jugendliche umgebracht. Diejenigen, die übriggeblieben sind, ziehen es vor, zu schweigen aus Angst. Wir werden heute bedroht, weil wir diese Repression anklagen, die wir wegen dem Verbrechen, dass wir arm sind, erleiden müssen. (…)

Eine andere Frau: Wir Frauen des Komitees der Mütter bitten alle Frauen der Welt, sich mit uns zu solidarisieren, wir bitten sie, in ihren Dörfern Mütterkomitees zu gründen, die uns materiell, geistig und wirtschaftlich unterstützen. Denn die Frauen im Komitee sind arme Leute, mit geringem Einfluss, einige von uns haben nicht die Mittel, sich fortzubewegen, nicht einmal sich richtig zu ernähren, denn die einzige Stütze, die wir hatten, die hat man uns weggenommen.

aus: Paginas Nr.41/Okt-Nov.1981, hrg. vom CEP, Lima (Peru) Übersetzung: Franz Marcus

«DISPARU»

du 1.12.1981 au 31.1.1982:
campagne internationale
sur les «disparitions»

Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.

Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!

Spenden QR Code