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Auf die Anfrage der forum-Redaktion hin möchten wir hiermit Stellung nehmen bezüglich möglicher Vorwürfe gegenüber Albert Wingert. Wir verstehen Sie dahingehend, dass Wingert, diesen Vorwürfen zufolge, sowohl die Eheleute Biermann-Schammo „denunziert“ haben soll als auch für die Liste aller am 18. August 1942 zu verhaftenden Personen (unter ihnen Pierre und Julie Biermann-Schammo) verantwortlich sein soll. Hauptindiz für diese Vermutung sei, dass die Gestapo in späteren Verhören von Herrn und Frau Biermann detaillierte Kenntnisse über ein Gespräch zwischen ihnen und Wingert gehabt habe.
Marc Kayser
Marc Limpach
Die systematische Entkräftung der Anschuldigung ist wegen des komplexen Sachverhalts für den Leser vielleicht etwas mühsam, aber angesichts des schwerwiegenden Vorwurfs mehr als gerechtfertigt. Wir glauben aufgrund der eindeutigen Quellenlage diese Anschuldigung (die allein auf einer deduktiven Vermutung beruht und nicht in der Literatur belegt ist) widerlegen zu können. Weiter müssen wir dann zu dem Schluss kommen, dass die besagte Liste und die jeweiligen Verhaftungen auf die unter der Folter der Gestapo getätigten Aussagen des Escher ALWERAJE-Mitgliedes Marcel Thurmes zurückzuführen sind. Wenn es heute in vielen Fällen unmöglich scheint zu rekonstruieren, was in einem Gestapoverhör gesagt wurde, so bildet in diesem Fall die Verhaftungsliste (auf der auch zum Teil die Widerstandsaktivitäten der zu Verhaftenden vermerkt sind) einen konkreten Ausgangspunkt für historische Recherchen.
- Marcel Thurmes, vor seiner Verhaftung ein engagierter und sehr aktiver Resistenzler, hat selbst nie bestritten, dass er im August 1942 im Verhör „gesprochen“ hat. Zur Erinnerung: am 5. August 1942 findet in Luxemburg eine groß angelegte Razzia gegen die kommunistische Resistenz statt. Woher die Gestapo ihre Informationen über die Widerstandstätigkeit der Luxemburger Kommunisten erhalten hat, kann nicht im Detail geklärt werden – eine der Hauptquellen ist jedoch Albert Berchem, der innerhalb der illegalen KP tätig war. Ins Blickfeld der Gestapo gelangen auch einige Leute der ALWERAJE, die zu den Kommunisten Kontakt hatten und deren Namen Berchem wohl bekannt waren. So werden Nic Cornelius, Léon Thurm, Marie Schroeder, Pierre Haas, sowie Marcel Thurmes und auch Albert
Wingert am 5. August 1942 verhaftet.¹ Wingert wird in Düsseldorf verhaftet, wo er zu jener Zeit dienstverpflichtet war. Er gelangt erst am 17. August ins SS-Sonderlager Hinzert. Am Tag seiner Ankunft, nach dem Zwischenfall mit „Iwan dem Schrecklichen“ als SS-Leute Wingert fast totgeschlagen hätten, rufen die herbeistürzenden Gestapoleute eindeutig und vor einer Vielzahl von Zeugen: „Der Mann ist ja noch nicht verhört, ihr Idioten“² und beenden die Auseinandersetzung. Der Mithäftling André Mutter meint „c’est à demi-mort qu’il fût traîné à la prison“. Wingert, der halbtot in den Bunker geführt wird, ist in den ersten Tagen nach seiner Einlieferung in Hinzert nicht vernehmungsfähig.
- Marcel Thurmes wird – wie Wingert – am 5. August 1942 verhaftet, aber in Esch und unterliegt somit sofort den Verhören der dafür zuständigen deutschen Dienststellen. So gibt er selbst in einem Bericht der Sireté nach Kriegsende zu Protokoll: „Ich wurde am 5. 8. 42 verhaftet. Die Gestapo hatte bei mir kein Beweismaterial gefunden.“³ Sie war dennoch über meine Mitarbeit in der ALWERAJE aufgeklärt, sodass ich unter dem Druck der Beweise meine Tätigkeit zugeben musste.⁴ Wie durch die weiter unten ausgeführten Erläuterungen gezeigt wird, ermöglichen diese Aussagen von Thurmes mit an absoluter Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das Aufstellen einer Verhaftungsliste durch die Gestapo. Man sollte jedoch bereits an dieser Stelle anmerken, dass die Tätigkeit von Thurmes vor allem darin bestand, die in Schifflingen gefertigte Untergrundzeitung der ALWERAJE an Mittelsmänner weiterzugeben. Thurmes erhielt die Untergrundzeitung von Jean Doffing, Henri Jung und Nic. Cornelius. Auf der Verhaftungsliste stehen
Wenn es heute in vielen Fällen unmöglich scheint zu rekonstruieren, was in einem Gestapoverhör gesagt wurde, so bildet in diesem Fall die Verhaftungsliste einen konkreten Ausgangspunkt für historische Recherchen.
einerseits die Namen seiner Schifflinger Kontaktpersonen (d.h. Doffing und Jung, da Cornelius bereits am 5. August verhaftet worden war) und andererseits die Namen derjenigen Personen, an die er nachweislich die Zeitung weitergab.
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Dass Thurmes nicht nur abstrakt seine Tätigkeit zugibt, sondern auch die Namen von wohl zumindest 22 weiteren Resistenzlern und Mitarbeitern angibt, bestätigt nicht nur die Nichte Wingerts, sondern bezeugen auch zwei weitere Resistenzler, die selbst auf besagter Verhaftungsliste standen: Nicolas Birtz und Jean Doffing. So hat Nicolas Birtz uns gegenüber erklärt, dass sein „kleiner Cousin“ Marcel Thurmes (und nicht Albert Wingert) die Namen, die auf der Verhaftungsliste erscheinen, an die Gestapo „verraten“ hatte.⁵ Bei denen auf der Liste angeführten Personen handelt es sich um Resistenzler, die – zum Teil ausschließlich – in Kontakt mit Marcel Thurmes standen. Birtz selbst war beispielsweise nie in Kontakt mit Wingert (der zu jenem Zeitpunkt bereits in Düsseldorf war), bekam aber regelmässig Untergrundzeitungen zum Verteilen von Marcel Thurmes. So findet man dann auf der Verhaftungsliste auch vor allem die Namen von Resistenzlern der Escher Gruppe um Thurmes, Gonner und Schaack sowie Braun und Steichen. Jean Doffing und Henri Jung waren die Verbindungsleute der Schifflinger ALWERAJE zu Marcel Thurmes in Esch. Doffing konnte uns im Jahr 2002 bestätigen, dass „Thurmes Marcel aus Esch“ die ALWERAJE und auch seinen Namen „verraten“ habe. Jean Doffing meinte auch, dass Marcel Thurmes die Gestapo über den Ort wo die Ons Zeidong gedruckt wurde (die Grabkammer der Kapelle auf dem Schifflinger Friedhof) und die hinter losen Ziegeln im Giebel versteckten Waffen informiert habe. Weiter kann man anführen, dass zum Beispiel der Escher Lehrer (und Freund Wingerts) Ed. Barbel nur über seinen Cousin Nic. Schaack Artikel und den Lino-Schnitt für die Entête der Ons Zeidong an Thurmes weitergab: Barbel selbst steht nicht auf der Verhaftungsliste. Auf der Liste steht hingegen sehr deutlich in Bezug auf Schaack: „lieferte Lino-Schnitte für uns.“ Dass die Lino-Schnitte in Wahrheit von Barbel stammten, wusste Thurmes offensichtlich nicht.
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Es ist bezeichnend, dass auf der Verhaftungsliste der ALWERAJE nur die Namen von drei Schifflingern stehen: Jean Doffing, Henri Jung und Arensdorff; wobei bei Letzterem der falsche Vorname angegeben wurde (mit dem Vermerk: „Schifflinger Gruppe der Wingert-Gruppe“). Nicolas Birtz bestätigt, dass Thurmes keinen direkten Kontakt zu dem jungen Mitbegründer der ALWERAJE Raymond Arensdorff hatte: Arensdorff war auf der Schifflinger, der „anderen Seite der ALWERAJE“ mit der Thurmes nicht direkt zusammenarbeitete. Wingert, der die ALWERAJE in Schifflingen gegründet hatte, hätte
Patriotische Fotomontage, die von der ALWERAJE verbreitet wurde. (Limpach/Kayser, S. 141)
sicher alle wichtigen Mitglieder aus Schifflingen nennen können, jedoch nicht die Escher Kontakte von Thurmes. In den Aktivitätsbeschreibungen, die auf der Verhaftungsliste vermerkt sind, wird explizit von einer „Wingert-Gruppe“ gesprochen. Wenn die ALWERAJE-Verhaftungsliste aufgrund von Aussagen Albert Wingerts zustande gekommen wäre, hätte er also selbst angeben müssen der „Chef“ einer Resistenzgruppe zu sein und sich damit „freiwillig“ in grösste Gefahr gebracht. Thurmes hatte auch Wingert – von dem die Gestapo vor dem 5. August 1942 nichts Wesentliches wusste – schwer belastet, wie Wingerts Nichte bestätigte. Thurmes berichtet im Verhör vor allem von den Aktivitäten, die er mit Wingert ausführte: beide kommen ins KZ nach Mauthausen. Die Nichte Wingerts berichtet auch, dass Wingert nach dem Krieg Thurmes gegenüber keine Vorwürfe wegen seiner Aussagen machte. Wingert hätte sich schützend vor ihn gestellt, da er ihn ja dazu überredet hatte in der ALWERAJE mitzuarbeiten. Wingert selbst war 1940 bereits 42 Jahre alt, Thurmes jedoch erst 25, Doffing und – der in Dachau umgekommene – Arensdorff erst 26 Jahre. Wingert fühlte sich in diesem Sinne verantwortlich für die schlimmen Konsequenzen, die die Tätigkeit in der ALWERAJE für viele junge Mitglieder hatte, wie aus vielen seiner Artikel in den Nachkriegsnummern der Ons Zeidong hervorgeht.
- Dass wir die Aussagen der Zeitzeugen Birtz und Doffing diesbezüglich nicht in der Wingert-Biographie anführen, ist auf den ausdrücklichen Wunsch der beiden ehemaligen Resistenzler zurückzuführen. Es sollte nicht so aussehen, als wollten sie nachträglich Thurmes für seine „Schwäche“ verurteilen oder „seinen Namen in den Schmutz ziehen.“ So bekräftigte der kürzlich verstorbene Jean Doffing in unseren Gesprächen, dass man seiner Meinung nach
Dass wir die Aussagen der Zeitzeugen Birtz und Doffing nicht in der Wingert-Biographie anführen, ist auf den ausdrücklichen Wunsch der beiden ehemaligen Resistenzler zurückzuführen. Es sollte nicht so aussehen, als wollten sie nachträglich Thurmes für seine „Schwäche“ verurteilen.
Zeichnung Wingerts
über den Hinzerter
Zwischenfall mit Iwan
(Limpach/Kayser, S. 221)
„denen nichts nachtragen kann, die unter der Folter der Gestapo gesprochen und dadurch unfreiwillig ihre Kameraden demselben Schicksal ausgeliefert haben.“ Doffing selbst konnte sich den Fängen der Gestapo entziehen, und wollte daher nicht, dass gerade er – der nicht unter den Folterverhörern der Gestapo zu leiden hatte – als Quelle genannt würde. Unter den gegebenen Umständen hat Nicolas Birtz – der durch den „Verrat“ seines Verwandten nach Hinzert und ins KZ Natzweiler kam – uns nun erlaubt ihn als einen weiteren Zeitzeugen zu nennen. Sowohl Doffing als auch Birtz bestätigen, dass es unter den ALWERAJE-Mitgliedern, die noch nach dem Krieg zueinander Kontakt hatten allgemein bekannt war, dass Thurmes die Namen genannt hatte und dass fast alle Betroffenen deswegen keinen Umgang mehr mit Thurmes pflegten.
- Dass Thurmes in der Resistenz auch Kontakt zu den Eheleuten Biermann hatte, geht klar aus den Akten hervor, ist an sich unbestritten und wird wiederum von Nicolas Birtz explizit bestätigt. Der Resistenzler Jules Jacoby gibt in einem Anhang zum Süreté-Bericht Nr. 3837 von August 1945 folgendes zu Protokoll: „Ich wollte (…) nach Luxemburg fahren, um Knaff zu treffen und ihm Mitteilung über dessen Abmarsch zu machen. Dabei ging ich an der Wohnung Thurmes, Gastwirt, Otherstr. in Esch vorbei. Thurmes welcher als Freiheitskämpfer bekannt war, hielt mich an und fragte mich ob ich wenn ich nach Luxemburg führe ihm dort einen Auftrag erledigen wollte. Er würde mir ein kleines Paket an den
Bahnhof bringen, und dasselbe sollte ich dann bei Madame Biermann in Luxemburg abgeben. Madame Biermann wohnte Franziskanerstrasse in Luxemburg. Madame Biermann war mir gut bekannt. Sie half mir fortwährend wegen den Kriegsgefangenen.“ Eine weitere Aussage Jacobys betrifft die „Umstände [durch welche] ich mit Thurmes, Wirt aus Esch, Bekanntschaft machte, der mich später bei der Gestapo anzeigte.“ Josy Goerres, zusammen mit Emile Krieps Gründer der Widerstandsgruppe PI-Men, bestätigt nach intensiven Recherchen im Widerstandsmilieu in einem (achtseitigen) Brief an den Indépendant, dass der Name Jacoby von Thurmes an die Gestapo gegeben wurde: „den hèr T. vun E. dém bis dato nach kèn hoer gekrömmt go’f.“ 6 Jules Jacoby wurde um den 20. August 1942 festgenommen.
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Am 19. August war auch Pierre Biermann in Trier festgenommen worden und gelangte einige Tage später nach Hinzert. Am gleichen Tag wurde seine Frau in Luxemburg verhaftet und in der Villa Pauly verhört. Die Gestapo befragte sie in ihrem ersten Verhör über eine „geheimgedruckte Zeitung“, die ein Schankwirt aus Esch, [d.h. Marcel Thurmes] gebracht hatte.7 Dies ist, im Zusammenhang mit den oben genannten Ausführungen, ein weiteres starkes Indiz dafür, dass Thurmes die Namen von Herrn und Frau Biermann (die beide, wie oben erwähnt, in der Liste aufgeführt sind) an die Gestapo weitergegeben hatte. Die Art der Aufzählung der Namen – von denen Wingert einige nicht kennen konnte (wie z.B. den von Nicolas Birtz) – zusammen mit den kurzen aber detaillierten und aktuellen Beschreibungen der jeweiligen Aktivitäten – über die Wingert in Düsseldorf wiederum nicht informiert sein konnte – deuten aus den oben erklärten Gründen deutlich auf einen bestimmten „Informanten“ hin: d.h. auf Marcel Thurmes. 8
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Zu klären bleibt also lediglich wie es möglich sein könnte, dass die Gestapo in späteren Verhören von Herrn und Frau Biermann detaillierte Kenntnisse über ein Gespräch zwischen ihnen und Wingert unterrichtet sein konnte. In diesem Zusammenhang geben Engel/Hohengarten in ihrem Hinzert-Buch eine Auskunft Pierre Biermanns wie folgt wieder: „Über ein Gespräch mit Wingert in meiner Wohnung, in Gegenwart meiner Frau – es handelte sich um Pläne der Widerstandsbewegung – war er [der Gestapomann] bis ins kleinste unterrichtet.“ Es ist wahrscheinlich, dass Wingert diese „Pläne der Widerstandsbewegung“ an Marcel Thurmes (der sich selbst als souseheft der groupe bezeichnete und dann auch diesen Kontakt weiter aufrecht erhält) weitergegeben hat. Wir haben weiter oben klar festgestellt, dass Marcel Thurmes die Namen seiner Kontaktpersonen (und seine diesbezüglichen Aktivitäten) im Verhör preisgegeben hatte. Die Gestapo benutzte Informationen, die sie im Verhör erpresst hatte
dahingehend, dass sie in darauffolgenden Verhören an Hand der neuen Erkenntnisse behauptete alle zuvor Verhörten hätten bereits „alles“ zugegeben und der Betreffende solle nun auch alle Beteiligten nennen. An dieser Stelle gilt es auch klarzustellen, dass wenn gesagt wird, jemand habe im Verhör „nicht geredet“, dies nicht bedeutet, der Verhörte sei die ganze Zeit über stumm gewesen – sondern, dass der Betreffende der Gestapo keine neuen Namen angegeben oder substantielle, der Gestapo bisher unbekannte, Informationen preisgegeben hat. In diesem Sinne ist der Zeitpunkt der verschiedenen und meist mehrmaligen Verhörte der Verhafteten von Bedeutung.⁹
- Nach den Verhaftungen im Sommer 1942 durften die Augusthäftlinge das Lager wochenlang nicht zu Außenarbeit verlassen, weil fortwährend nach den Anführern des Widerstandes gefahndet wird, unter anderem nach Jean Doffing und Henri Jung. So berichtet das ALWERAJE-Mitglied Pierre Haas in seinen Aufzeichnungen: „Die Anfang und Mitte August Festgenommen wurden noch wochenlang im Lager von der Gestapo verhört, geschlagen, gefoltert, um irgendwie noch andere Kameraden, Druckereien, Waffenlager oder dergleichen mehr zu verraten. Es war dies eine ungeheure Nervenprobe für diese Gefangenen, wenn einer ihrer Kameraden blutig geschlagen zurück geführt wurde. Dann dachte man zitternd vor Angst: Hatte er gesprochen, wer kommt nun an die Reihe?“ Es scheint evident, dass man bei Verhören, die sich über Monate hinziehen, nicht die ganze Zeit über völlig stumm bleiben kann. Der Verhörte hat jedoch die Möglichkeit nur über Personen oder Informationen zu reden, die der Gestapo bereits bekannt sind oder die die Lage der Beteiligten nicht wesentlich verschlechtern. Ein Beispiel: kurz nach dessen Ankunft in Hinzert bemerkt Nic Schaack den kürzlich verhafteten Ed. Barbel unter den „Neuen“ in „Quarantäne“ und lässt ihm einen kleinen zusammengerollten Zettel zukommen: „Lass dir nicht die Nieren kaputtschlagen, sie wissen um die Entête der Ons Zeidong. Courage!“ Tags darauf gesteht Barbel im Verhör, dass er für die Entête der Ons Zeidong verantwortlich ist und versucht somit weitere Brutalitäten der Gestapo zu verhindern. Gegebenheiten, die man zugibt, versucht man in dem Fall meist mit unwichtigen Details anzureichern, um Zeit zu gewinnen. So beschreibt man der Gestapo den Ort des Treffens oder beteiligte – und bereits verhaftete – Personen in allen Einzelheiten. Nicolas Birtz, der natürlich auch über die ALWERAJE verhört wurde, spricht vom Einbauen unnützer „Belanglosigkeiten“. Wenn der Gestapo also solche „belanglosen“ Details über eine Zusammenkunft Biermann/Wingert bekannt waren, so ist dies an sich noch kein Beweis für die These, Wingert habe der Gestapo die bislang unbekannten Namen der Eheleute Biermann genannt, sondern dies beweist im Zusammenhang lediglich,
dass er über sie befragt wurde (da ihre Namen der Gestapo bereits bekannt waren und sie zu dem Zeitpunkt dann auch bereits verhaftet waren). In den Verhören versuchte man nur über Zusammenkünfte zu sprechen, an denen ausschließlich bereits Verhaftete beteiligt waren ohne weitere substantielle Informationen preiszugeben. Dies hinderte die Gestapo natürlich nicht, in den nachfolgenden Verhören zu behaupten, der zuvor Verhörte hätte alles im Detail zugegeben und dies solle man – um weitere Misshandlungen zu verhindern – nun auch tun. Diese perfide Verhörtechnik führte dazu, dass nach dem Krieg viele KZler sich – aufgrund sich widersprechender Vermutungen – gegenseitig des „Verrats“ bezichtigten und somit das Gift der Gestapo unglücklicherweise noch weiter wirken konnte.
- Wenn Wingert hätte „reden“ wollen, dann hätte er beispielsweise auch über eine weitaus wichtigere Zusammenkunft kurz vor dem 10. Oktober 1941 – an der auch Biermann teilnahm – sprechen können, über die François Frisch später wie folgt berichtete: „Biermann, [Dr.] Schumacher und Wingert arbeiteten damals zusammen an der Autobahn [in der Eifel] und kamen für das Wochenende zurück nach Luxemburg. (…) In der Wohnung von Dr. Schumacher hatten sich zwanzig Personen aus verschiedenen Widerstandsorganisationen versammelt. Es wurden Texte zum Boykott der Personenstandsaufnahme verfasst.“¹⁰ Es ist bezeichnend, dass sowohl die zahlreichen Schifflinger ALWERAJE-Mitglieder, als auch die Mitglieder anderer Resistenzgruppen (wie z.B. der Schifflinger LRL-Sektion oder der Rümelinger LFB, die sehr stark mit den Schifflinger ALWERAJE-Leuten zusammenarbeitete), die Wingert natürlich bekannt waren, da er die ersten Kontakte hergestellt hatte, nicht auf der Liste stehen. Auf der Liste stehen jedoch die zwei Schifflinger Kontaktpersonen von Thurmes und seine Verbindungsleute in Esch. Wenn die ALWERAJE nach dem August 1942 auch nicht mehr als autonome Gruppe existiert, so beteiligen sich jedoch manche ehemalige ALWERAJE-Mitglieder an weiteren Widerstandsaktivitäten anderer Gruppen. Dadurch, dass Wingert nicht „redet“ und diese Vielzahl von Namen nicht preisgibt, wird eine größere Zahl von Menschen nicht verhaftet und diese können im Widerstand weiterarbeiten. Stellvertretend sei hier Robert Juncker genannt, der in Zusammenarbeit mit Hubert Glesener und den Brüdern Heyardt mehrere Refraktäre über die Linie nach Crusnes zu Albert Ungeheuer bringen wird oder die junge Claire Peters aus Schifflingen, die in der LPL weiterarbeiten wird.
Wir kommen zum Schluss, dass es keinen stichhaltigen Anhaltspunkt dafür gibt, dass Wingert die Eheleute Biermann oder gar die ganze
Wir kommen zum Schluss, dass es keinen stichhaltigen Anhaltspunkt dafür gibt, dass Wingert die Eheleute Biermann oder gar die ganze ALWERAJE denunziert hätte.
Den Sachverhalt eines solchen „Verrats“ soweit wie möglich zu klären, mag wichtig sein, ein moralisches Urteil darüber zu fällen steht uns nicht zu.
ALWERAJE denunziert hätte. Alle angeführten Indizien und Aussagen deuten hingegen klar darauf hin, dass Marcel Thurmes die auf der Verhaftungsliste angeführten Namen an die Gestapo gegeben hat. „Verrat“ im Gestapoverhör ist sicher ein hochsensibles Thema. Jörg Kayser, Mitstreiter der ALWERAJE und langjähriger Freund Wingerts (auch nach dem Krieg), hat seinem Enkel Marc Kayser (einem der Autoren des vorliegenden Textes, Ndlr) gegenüber stets erklärt, die ALWERAJE sei „verraten worden, deshalb bin ich ins KZ gekommen“. Gerade als Nachkomme sollte man verpflichtet sein, alle zugänglichen und bekannten Quellen zu Rate zu ziehen, um jegliche Art von Spekulationen und Gerüchten zu vermeiden.
Sowohl Pierre Biermann als auch seine Frau Julie Schammo waren sehr couragierte Menschen, die Großes (nicht nur) in der Resistenz geleistet haben. Dies ist besonders bemerkenswert, da Pierre Biermann als renomierter linker Intellektueller im Luxemburg der Dreissigerjahre später dann unter besonderer Beobachtung des Besatzers und seiner Helfershelfer stand. Es ist bedauernswert, dass Pierre Biermann und Albert Wingert sich nach dem Krieg nicht ausgesprochen haben. Dafür mag es vielerlei Gründe geben. Biermann erkrankt schwer nach seiner Befreiung aus dem KZ, er hat Wingert unseres Wissens nach nie öffentlich beschuldigt, er orientiert sich kurz darauf politisch an den Kommunisten, mit denen der Sozialist Wingert verfeindet ist und kommentiert öffentlich und sehr ironisch den Hinzerter Vorfall zwischen „Iwan“ und Wingert. Wingert möchte den „Verrat“ von Thurmes nicht von sich aus in die Öffentlichkeit tragen und fühlt sich wegen Biermanns bitterer Ironie in Bezug auf besagten Vorfall mit „Iwan“ beleidigt (woraufhin er einen Artikel in Ons Zeidong veröffentlicht). Dass ehemalige KZler in der Nachkriegszeit wegen diverser Gründe miteinander im Streit liegen, ist leider symptomatisch für viele Beziehungen unter den Überlebenden. Man lese nur den Sûreté-Bericht Nr. 1515 von 1949 in Sachen Nic. Klepper, wo der Ermittler vergeblich herauszufinden versucht, ob Klepper – oder eventuell andere Widerständler – gegebenenfalls eine Schuld an dem „Verrat“ oder der Verhaftung von einigen wichtigen Resistenzlern tragen. Der Bericht enthält eine Vielzahl von verschiedenartigsten gegenseitigen Beschuldigungen und diesbezüglichen deduktiven Vermutungen, wovon manche für sich genommen durchaus plausibel klingen – sich jedoch absolut widersprechen. Allgemein kann man sagen, dass jede Welle von Verhaftungen und Verhören von Resistenzlern dann neue Verhaftungen nach sich zog.
Der „Verrat“ im Gestapoverhör ist in der luxemburgischen Geschichtsschreibung nie wirklich thematisiert worden. Ohne sich als Nachgeborene einer moralischen Bewertung zu ermächtigen, sollte man jedoch zwischen dem unabsichtlichen
Erwähnen von noch unbekannten Sachverhalten oder dem Zusammenbruch unter der Folter einerseits und der aktiven Mitarbeit als Spitzel oder V-Mann der Gestapo andererseits klar unterscheiden. Opfer und Täter darf man nicht vermischen. Jean Améry schreibt: „Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt.“$^{11}$ Nicolas Birtz erzählt, dass wenn Thurmes in Hinzert seine Häftlingskleidung auszog, er sehen konnte, wie schlimm man ihn zugerichtet hatte. Birtz erzählt jedoch auch, dass Thurmes ihm nach dem Krieg – als die beiden aus den bekannten Gründen keinen Kontakt mehr miteinander pflegten – bei zufälligen Begegnungen nie mehr in die Augen blicken konnte. Den Sachverhalt eines solchen „Verrats“ soweit wie möglich zu klären, mag wichtig sein, ein moralisches Urteil darüber zu fällen steht uns nicht zu.
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