Zwischen Anarchismus und Rechtspopulismus: Die Gilets Jaunes

Teil 1: Die Öffnung eines Möglichkeitsraumes

Vorgestellt und analysiert wird die Bewegung der Gilets Jaunes nachfolgend unter vierzehn Stichpunkten: In Teil 1) 1. „Nieder mit dem Staat“, 2. Oὐ-tópos: Die Insel im Kreisverkehr, 3. Der Schrei, 4. Gegner und Oppositionsprinzip, 5. Wortergreifung, 6. Willensbildung. 7. Individualismus der Singularität, 8. Bündnispartner, in Teil 2) 9. Leitideen, 10. Populismus oder Sehnsucht nach einfachen Lösungen, 11. Einheit des Volkes?, 12. Zauberformel: RIC, 13. Die Gewaltfrage, 14. Das Prinzip Demokratie.

„Nieder mit dem Staat“

Das Symbol des Anarchismus, ein von einem Kreis umrandetes A, taucht seit Mitte November 2018 auf Häuserwänden und Plakaten in ganz Frankreich auf, ergänzt oftmals durch die Worte „A BAS L’ETAT“. Die anarchistische Parole begleitet Protestdemonstrationen von Personen, die gelbe Warnwesten tragen, wie sie seit 2009 notwendiger Bestandteil französischer Kfz-Ausrüstung sind. Orientiert diese Parole auch die Strategien und Aktionen der nach diesen Westen (gilets jaunes) benannten Protestierenden? Was wollen die Gilets Jaunes? Wogegen begehren sie auf? Wie lassen sie sich in der Geschichte der sozialen Bewegungen verorten? Schreiben sie sich in die Tradition der anarchistischen Bewegung, der 68er Bewegung oder der globalisierungskritischen Altermondialisten ein? Oder gleichen sie eher, wie Daniel Cohn-Bendit, Symbolfigur des Mai 68 in Frankreich, urteilt1, dem Poujadismus, einer vom Kleinbürgertum getragenen populistischen französischen Bewegung der 1950er-Jahre?

Kaum in der Öffentlichkeit hervorgetreten, forderten die Gilets Jaunes unterschiedlichste Deutungen heraus. Sie wurden verglichen mit den aufständischen Bauern der Frühen Neuzeit, den Sansculottes der Französischen Revolution, den Rebellen der Pariser Kommune sowie den Achtundsechzigern. Zugleich wurde ihnen zugeschrieben, ein „Vorläufer der Schlachten der Zukunft“ (Latour)2 zu sein oder den „Umschlag in ein neues Zeitalter des Sozialen“ (Rosanvallon)3 zu markieren. Die Gilets Jaunes trugen zu diesem Spiel mit historischen Masken selbst durch Plakate wie „1789 – 1968 – 2018“ oder „1789 Révolution bourgeoise – 2019 Révolution prolétarienne“ bei. Soziale Bewegungen sind, analytisch definiert, „ein Prozess des Protestes“, der auf den Wandel grundlegender gesellschaftlicher Strukturen gerichtet ist: „a change in society“.4 Welchen Wandel streben die Gilets Jaunes an? Welche Transformationsstrategie verfolgen sie?

Oὐ-tópos: Die Insel im Kreisverkehr

Einen Nicht-Ort haben die Gilets Jaunes als Ausgangspunkt ihrer Proteste gewählt: die Insel im Kreisverkehr, in Frankreich ‚rond-point’ genannt. Sie haben am 17. November 2018 Kreisverkehrsinseln im ganzen Land besetzt und Zelte, Stände, Hütten sowie Feuerstellen auf ihnen errichtet. Sie haben dergestalt Foren der Aussprache geschaffen über das, was sie bewegt und was sie verändern wollen. Die Aktionsform der Platzbesetzung wird von der anarchistischen Bewegung mit der Vorstellung verknüpft, gegenkulturelle Räume zu bilden, in denen das Individuum sich frei entfalten, neue autonome Denk- und Handlungsbedingungen sowie kollektive Selbstorganisation erproben kann. Was erprobten die Gilets Jaunes auf den mittlerweile wieder geräumten Inseln? Wer sind diese Rebellen, die seit nunmehr 29 Wochen jeden Samstag auf die Straße gehen, um ihre Unzufriedenheit mit ihrer Regierung und der Gesellschaft der Gegenwart zu artikulieren?

Der Schrei

Eine erste empirische Studie des Centre Emil Durkheim in Bordeaux weist Angestellte, Arbeiter, kleinere Beamte, Rentner – und unter diesen Gruppen vor allem viele Frauen – als Träger der Proteste aus. Es sind Angehörige der unteren Mittelschicht und oberen Unterschicht ohne akademische Ausbildung, früher „Kleinbürgertum“ genannt, die in ganz Frankreich demonstrieren. Ihr Durchschnittsalter liegt bei 42 Jahren.5 Sie unterscheiden sich damit qua Alter und Bildungsgrad sowohl von der 68er Bewegung als auch von Occupy Wallstreet, deren zentrale Trägergruppe Studierende unter 30 Jahre waren. Prekäre und unsichere Lebensverhältnisse zeichnen die Gilets Jaunes aus. Mehr als 68 Prozent leben, so eine Forschergruppe von Sciences Po in Grenoble, in einem Haushalt mit einem Nettoeinkommen von weniger als 2.480 €, dem Medianeinkommen in Frankreich, 17% sogar in einem Haushalt mit weniger als 1.136 €.6 Sie wohnen vor allem in den vorstädtischen und ländlichen Regionen. Vom Abbau staatlicher Infrastruktur (Post, Schulen, Krankenhäuser, öffentliche Verkehrsmittel) infolge neoliberaler Deregulierung besonders betroffen, sind sie aufgrund ihrer Wohnlage auch von der Teilhabe an Kultur ausgeschlossen („kulturelle Wüste“). Den Glauben, durch Bildung aufsteigen zu können, haben sie verloren. Von den Bildungsreformen der letzten Jahrzehnte haben sie nicht profitiert. Die kulturelle Spaltung verdoppelt, so die Schriftstellerin Danièle Sallenave, die soziale, ökonomische und räumliche.7 Von Soziologen als die „Unsichtbaren“ klassifiziert und zu den „Ausgeschlossenen im Inneren“ gezählt,8 sind sie aus dem Schatten der Gesellschaft herausgetreten, um, wie die Zapatisten in Chiapas 25 Jahre zuvor, der Öffentlichkeit zu signalisieren: „Heute sagen wir: Es reicht“.

Gegner und Oppositionsprinzip

Sieht man von den Erhöhungen der Kraftstoffpreise und der Dieselsteuer ab, die den Mobilisierungsprozess in Gang gesetzt haben, ist es vor allem die Steuerpolitik, gegen die sie aufbegehren. Die Gilets Jaunes empfinden ihre Besteuerung als zu hoch und die Verteilung der Steuerlast als ungerecht. Denn parallel zur Erhöhung der Karbonsteuer, als ökologische Maßnahme und Einstieg in die Energiewende gedacht, hat die französische Regierung eine flat tax eingeführt und durch die damit verbundene Abschaffung der progressiven Kapitalbesteuerung sowie der Vermögenssteuer ISF (l’impôt sur la fortune) die Besteuerung der Reichen gemindert. Insgesamt haben, wie das unabhängige Institut des Politiques Publiques (IPP, Paris) im Oktober 2018 enthüllte, durch die Reformpolitik Emmanuel Macrons die Ultra-Reichen gewonnen, während die 20 Prozent der Franzosen „les plus modestes“ verloren haben.9 Es ist das Gefühl sozialer Ungerechtigkeit und mangelnder Anerkennung, das die Gilets Jaunes auf die Straße treibt und die immer wiederkehrende Forderung skandieren lässt:
„MACRON = DÉSTITUTION,
GOUVERNEMENT = DÉMISSION,
SYSTÈME = ABOLITION“10

Welches System wollen die Gilets Jaunes ablösen? Üben sie allgemeine Staatskritik, oder bleiben sie auf den Rücktritt des Staatspräsidenten Emmanuel Macron und seines Kabinetts unter Edouard Philippe fixiert?

Anarchistischen Bewegungen geht es nicht um Kritik an dieser oder jener Regierung, sondern prinzipiell um Kritik am Staat. Zugleich verknüpfen sie ihre Staatskritik mit einem konstruktiven libertären Element, um Alternativen zur Staatlichkeit zu entfalten.11 Die Aktionen der Gilets Jaunes sind dekonstruktiv und zugespitzt vor allem auf eine Person. „On est là pour dégager Macron, c’est ça notre objectif!“, erklärte ein Gilet Jaune unter Beifall in Saint-Nazaire im April 2019. „Mais c’est en réalité l’ensemble de notre République qui est questionné.“ Beobachter stellen eine Weigerung fest, „de considérer légitime l’Etat, ses représentants et les institutions telles qu’elles fonctionnent.“12 Die repräsentative parlamentarische Demokratie wurde auch 1968 kritisiert. Was kennzeichnet die Kritik der Gilets Jaunes? Die politikwissenschaftliche Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass 93 Prozent der befragten Gilets Jaunes der Auffassung zustimmen, dass das „Volk und nicht die politischen Funktionsträger die wichtigsten Entscheidungen treffen sollte“. Sie haben das Vertrauen in die Repräsentanten des bestehenden Systems verloren. Sie wollen, wie Cohn-Bendit pointiert, „den demokratisch gewählten Präsidenten weghaben“.13

Emmanuel Macron und die Regierung unter Edouard Philippe verfügen über eine absolute Mehrheit im Parlament. Die Gilets Jaunes haben am 17. November 2018 erstmals und einmalig 282.000 Menschen auf die Straße gebracht. Gleichviel, sie verbinden ihre Kritik an der Regierung, die sie als „Regierung der Reichen“ titulieren, mit einem politischen und moralischen Alleinvertretungsanspruch. Sie sehen sich als die ‚wahren‘ Vertreter des Volkes. Um das Gewicht der Gilets Jaunes innerhalb der französischen Gesellschaft zu ermessen, unterscheidet Pierre Rosanvallon zwischen „Aktivisten“, „Teilnehmern“, einer „Sympathisantenszene“ (le halo social d’accompagnement) und „Echo-Kammern“. Er verortet die „Aktivisten“ im links- und rechtsradikalen Milieu, die „Teilnehmer“ unter Angestellten und bescheidenen Rentnern, und schätzt diejenigen, die sich der Welt der „Teilnehmer“ zugehörig fühlen, auf 5 Millionen. Die „Echo-Kammern“ schätzt er noch weit größer ein. Sie werden, aus seiner Sicht, von allen Franzosen gebildet, die heute verstanden haben, dass die soziale und fiskalische Frage neu formuliert und gelöst werden müssen.14 Reformulieren die Gilets Jaunes die soziale und fiskalische Frage? Welchen Weg aus der von ihnen empfundenen und beschworenen Misere – zugespitzt in der Parole „Fin du monde, fin du mois – même combat“ – streben sie an?

Wortergreifung

Brüderlichkeit, Freundlichkeit, Solidarität und vor allem Meinungsfreiheit zeichneten, folgt man den Reportagen von Le Monde und Libération, die sozialen Beziehungen auf den Inseln im Kreisverkehr aus.15 Praktiziert wurde dort erneut, was Michel de Certeau 1968 „la prise de parole“, die Wortergreifung, genannt und mit der Eroberung der Bastille 1789 verglichen hat. Protestierend lösten sich die Gilets Jaunes aus ihrer Isolation und Vereinzelung, nahmen sie ihr individuelles Schicksal, am Ende des Monats nicht über ausreichend Geld zu verfügen oder mit 40 Jahren ohne Hoffnung auf eine bessere Zukunft dazustehen, als kollektives wahr. Die Wortergreifung, die sie praktizierten, vermittelte ein Selbstwertgefühl und weitete zugleich den Erwartungshorizont: „Ce désir fou de vivre une autre vie“, wie es auf einem Plakat hieß. Kommunizierend mit Leuten, die sie zuvor anzusprechen nicht gewagt hätten, schlossen sie neue Kontakte und begannen auch die gesellschaftlichen Strukturen, die sie bislang schweigend hingenommen hatten, mit anderen Augen zu sehen. „Le mouvement m’a changé, j’ai découvert le vrai sens du mot fraternité“, brachte eine Teilnehmerin ihre Entwicklung auf den Begriff.16

Willensbildung

Unter den Gilets Jaunes gilt die Maxime, dass jeder sprechen kann und das Wort eines jeden zählt. „Sprecher“ – wie in früheren sozialen Bewegungen – gibt es nicht. Symbolfiguren wurden zwar von den Medien aufgebaut oder brachten sich auf Facebook, dem zentralen Forum der Bewegung, selbst ins Gespräch. Aber die Bewegung zog sie immer wieder aus dem Scheinwerferlicht zurück, machte auf Fotos ihre Gesichter unkenntlich oder markierte sie als Verräter. Der britische Anthropologe David Graeber, der sich selbst zu den „new anarchists“ zählt, sieht in den sozialen Praktiken der Gilets Jaunes den Beweis ihrer horizontalen, direkt-demokratischen, auf dem Konsensprinzip basierenden Struktur. Er ordnet sie in die Tradition von Occupy Wallstreet ein.17 Indes, kann von Konsens die Rede sein, wenn, wie für die Gilets Jaunes typisch, jeder nur für sich spricht, sich selbst repräsentiert?

Die Ablehnung des Repräsentationsprinzips wird in der Bewegung strikt gewahrt. Praktiziert und akzeptiert wird das Recht eines jeden, seinen eigenen Gefühlen und Gedanken Ausdruck zu geben durch Worte und auch durch Aktionen, selbst wenn diese aggressiv und gewaltsam sind. In einer Reportage von Le Monde über eine Demonstration am 5. Januar 2019, in deren Verlauf es zu gewaltsamen Aktionen gekommen ist, wird eine Teilnehmerin mit den Sätzen zitiert: „Mais j’ai rien cassé moi. C’est pas ma faute si certains dérapent. D’ailleurs, s’ils le font, c’est qu’ils n’en peuvent plus. C’est pas à moi de les engueuler. Chacun s’exprime comme il a envie. Aujourd’hui c’est une minorité, demain ce sera peut-être la majorité.“18 Während die 68er Bewegungen in der Bundespublik Deutschland und in den USA sich in der Auseinandersetzung mit der Organisations- und Gewaltfrage gespalten haben, und die altermondialistische Bewegung sich für eine gewaltfreie Transformationsstrategie entschieden hat, lassen die Gilets Jaunes bis heute (Mai 2019) ein Nebeneinander divergierender und sich ausschließender Positionen zu.
Die Internet-Zeitung Mediapart glaubt, in dieser Offenheit ein latentes Ordnungsmodell erkennen zu können: einen „autoritären Anarchismus“, der sich im Schweigegebot gegenüber gewaltsam agierenden Aktivisten manifestiere. Die Extremen prägen unter diesen Bedingungen, ergänzt die Soziologin Sylvain Boulouque, den Ereignisverlauf und übernehmen die Führung gegenüber den Unentschlossenen.19 Auch Cohn-Bendit erkennt in den Gilets Jaunes „mehr als nur leicht autoritäre Züge (…). Sie lehnen das Gespräch ab, wollen keinen Kompromiss und bedrohen diejenigen, die einen Verhandlungskompromiss finden wollen, mit dem Tod.“ Keine Stimme in den sozialen Medien, klagt er in der deutschen Tageszeitung taz, habe sich dagegen aufgelehnt.20

Individualismus der Singularität?

Für Rosanvallon markieren die Praktiken der Gilets Jaunes den „Eintritt in einen Individualismus der Singularität“21, der, die Besonderheit des Einzelnen akzentuierend, der individuellen Situation bei der Ermessung sozialer Ungleichheit mehr Bedeutung zuschreibt als den sozialen Bedingungen.22 Die Umfrage einer Forschergruppe aus Paris und Toulouse23 bestätigt „Konflikte der Subjektivitäten“ in Bezug auf „Wohlbefinden“ und „soziale Integration“. Die Forschergruppe pointiert den „Konflikt der Subjektivitäten“ mit den Worten: „Je souffre et tu jouis; je suis seul, tu es connecté.“ Subjektives Wohlbefinden und Vertrauen in Institutionen seien verknüpft. So erklären sie die Mobilisierungsschwerpunkte der Bewegung in abgeschiedenen Gebieten, in denen die soziale Zufriedenheit die schwächste in ganz Frankreich ist.24 Wie sich aus den „Konflikten der Subjektivitäten“ ein politisches Programm ableiten lässt, bleibt fraglich. Geht man zum Ausgangspunkt des Streits zurück, der Frage nach der ökologischen Wende, zeigt sich: ein Drittel der befragten Befürworter der Gilets Jaunes lehnen eine Senkung des Lebensstandards zur Verbesserung der Umwelt ab, ein Drittel befürwortet diese, einem letzten Drittel ist es gleichgültig.25 Eine „Versammlung der Versammlungen“, einberufen nach Saint Nazaire am 5. und 6. April 2019, um die lokalen Basisgruppen zu vernetzen (238 aus ganz Frankreich sind gekommen), offenbarte das Dilemma, eine Bewegung ohne Führungsspitze und ohne Konsensprinzip zu sein. Verabschiedet wurden lediglich Vorschläge, die den lokalen Versammlungen zur Prüfung gegeben wurden, darunter die Absage, an den Europawahlen mit einer eigenen Liste teilzunehmen, den Wahlkampf aber zu nutzen, um über Europa aufzuklären. Mittlerweile steht fest, dass die Gilets Jaunes mit drei Listen zur Europawahl antreten. Festgehalten wurde ferner, gegen den „liberalen Extremismus“ kämpfen zu wollen, den „Kapitalismus zu verlassen“ und eine „gelbe Woche“ nach dem 1. Mai anzustreben.26 Erkannt und benannt wurde schließlich die Notwendigkeit einer Konvergenz der Kämpfe mit der ökologischen Bewegung durch Schaffung einer neuen „mouvement social écologique populaire“. Auf dem Rücken eines Teilnehmers tauchte, von L’Humanité im Bild festgehalten, die Wortschöpfung RÊVE-ÉVOLUTION auf.27 Ging diese Hoffnung auf?

Bündnispartner

Um erfolgreich zu mobilisieren, so eine These der Sozialen Bewegungsforschung, kommt keine Bewegung ohne Bündnispartner aus. Im Mai 68 kam eine große Parallelaktion von Studenten- und Arbeiterbewegung zustande, die Frankreich in den größten Generalstreik der Nachkriegszeit stürzte. Die Gilets Jaunes suchten das Bündnis mit den Gewerkschaften nicht. Die große Mehrheit der Gelbwesten, Angestellte kleiner und mittlerer Unternehmen, hatten in ihrem Leben noch nie Erfahrungen mit Gewerkschaften gesammelt. Andere Gilets Jaunes wiederum hatten zwar Kontakt mit Gewerkschaften, waren aber bei dem Versuch, über diese höhere Löhne auszuhandeln, gescheitert. So war es lediglich eine kleine Minderheit, die eine Konvergenz der Protestbewegung mit anderen Gruppierungen und Sektoren der Zivilgesellschaft herbeizuführen versuchte.28 Die Mehrheit der Gewerkschafter suchte die Zentren der Kreisverkehrsinseln nicht auf, sondern hielt sich, die Protestierenden als „faschistisch“ und „manipuliert“ einschätzend, von diesen fern. Diejenigen gewerkschaftlichen Aktivisten, die sich unter die Gilets Jaunes mischten, teilten diese Auffassung nicht, drückten aber ihre Verwunderung darüber aus, dass die Bewegung zu den Techniken der Arbeiterbewegung – Generalversammlung, Tagesordnung, Sprecherzeiten, Aufzeichnungen und Dokumentation von Entscheidungen – keinerlei Bezug hatten. „Abandonnés par ceux et celles qui auraient pu leur fournir ces outils“, kommentierte Le Monde diplomatique, „les ,gilets jaunes’ ont été contraints de tout reprendre à zéro.“29 Erst die Verschärfung des Demonstrationsrechts durch die Regierung Anfang 2019 führte Gilets Jaunes und Gewerkschaften zusammen zu einem – von der Confédération générale du travail (CGT) und der Union syndicale solidaires ausgerufenen – eintägigen Generalstreik am 5. Februar 2019. Ende April kündigten sich auch auf den samstäglichen Demonstrationen Interaktionen an. So skandierten Gilets Jaunes und Gilets Rouge (Vertreter der CGT) am 27. April in Straßburg den Slogan der CGT: „Les jeunes dans la galère, les vieux dans la misère… de cette société là… on n’en veut pas.“ Am 1. Mai 2019 schließlich traten beide zu einer gemeinsamen Protestdemonstration in Paris an. Die Momentaufnahmen vom Marsch spiegelten ein Nebeneinander – kein Miteinander. Das Misstrauen der Gilets Jaunes gegenüber intermediären Verbänden brach sich in Wandschriften wie „Martinez, Lallement, la convergence des luttes“ Bahn, die den Generalsekretär der CGT mit dem neuen Polizeipräfekten von Paris gleichsetzten.30 Skandiert wurden nicht die Forderungen, in denen beide übereinstimmten – Steigerung der Kaufkraft, Erhöhung des Mindestlohns, Wiedereinführung der Vermögenssteuer (ISF) –, sondern aus dem Demonstrationszug, der von polizeilichen Tränengaseinsätzen gegen den Schwarzen Block begleitet war, ertönten die Rufe: „C’est la guerre, on est en mode commando là – on est là pour la révolution“ sowie „Tout le monde déteste la police“.31

Aus Sicht von Le Monde haben sich die Gewerkschaften 2019 ihren traditionellen Feiertag nehmen lassen, wurden sie von den Gilets Jaunes und dem Schwarzen Block platt geschlagen.32 Eine Vergewerkschaftung der Gilets Jaunes fand nicht statt, aber auch keine „gelbe Woche“ nach dem 1. Mai. Der rituelle Marsch wurde nicht zum Auftakt für den Generalstreik. Die Zukunft des Bündnisses wird davon abhängen, ob sich beide Bewegungen jenseits der abstrakten Vision, eine andere Gesellschaft herbeiführen zu wollen, über konkrete politische Ziele und Transformationsstrategien verständigen können. Zu klären sein wird dabei auch die Einstellung zur Gewalt im Demonstrations- und Transformationsprozess.

Der zweite Teil dieses Beitrags erscheint in der Juli-Ausgabe von forum.

  1. https://www.lepoint.fr/politique/daniel-cohn-bendit-la-taxation-ecologique-est-juste-17-11-2018-2272174_20.php (letzter Aufruf: 22. Mai 2019).
  2. Bruno Latour, „Passer de la plainte à la doléances“, in: Le Monde, 10. Januar 2019, S. 20.
  3. https://www.lemonde.fr/idees/article/2018/12/08/pierre-rosanvallon-la-revolte-des-gilets-jaunes-revele-le-basculement-dans-un-nouvel-age-du-social_5394432_3232.html (letzter Aufruf: 21. Mai 2019).
  4. Otthein Rammstedt, Soziale Bewegungen, Frankfurt/Main, Suhrkamp, 1978, S. 134, 127.
  5. https://www.lemonde.fr/idees/article/2018/12/11/gilets-jaunes-une-enquete-pionniere-sur-la-revolte-des-revenus-modestes_5395562_3232.html (letzter Aufruf: 21. Mai 2019).
  6. https://www.lemonde.fr/idees/article/2019/01/26/qui-sont-vraiment-les-gilets-jaunes-les-resultats-d-une-etude-sociologique_5414831_3232.html (letzter Aufruf: 21. Mai 2019).
  7. Danièle Sallenave, Jojo, Le Gilet Jaune, Paris, Gallimard, 2019, S. 35.
  8. https://aoc.media/analyse/2018/12/07/face-mepris-social-revanche-invisibles/ (letzter Aufruf: 21. Mai 2019).
  9. https://www.lemonde.fr/societe/article/2018/11/28/priscilla-ludosky-porte-parole-des-gilets-jaunes-ce-n-est-qu-un-premier-rendez-vous-on-en-attend-d-autres_5390007_3224.html (letzter Aufruf: 21. Mai 2019).
  10. https://www.lexpress.fr/actualite/societe/gilets-jaunes-ce-qu-en-disent-les-francais_2055542.html (letzter Aufruf: 21. Mai 2019).
  11. Horst Stowasser, Freiheit pur. Die Idee der Anarchie. Geschichte und Zukunft, Berlin, Eichborn, 1996, S. 27.
  12. https://www.lemonde.fr/societe/article/2019/04/19/cinq-mois-apres-le-debut-du-mouvement-qui-sont-les-gilets-jaunes_5452469_3224.html (letzter Aufruf: 21. Mai 2019).
  13. http://www.taz.de/!5557141/ (letzter Aufruf: 21. Mai 2019).
  14. https://www.lemonde.fr/idees/article/2018/12/08/pierre-rosanvallon-la-revolte-des-gilets-jaunes-revele-le-basculement-dans-un-nouvel-age-du-social_5394432_3232.html (letzter Aufruf: 21. Mai 2019).
  15. https://www.lemonde.fr/societe/article/2018/12/15/sur-les-ronds-points-les-gilets-jaunes-a-la-croisee-des-chemins_5397928_3224.html (letzter Aufruf: 21. Mai 2019).
  16. https://www.lemonde.fr/societe/article/2019/04/05/a-saint-nazaire-un-lieu-de-vie-et-de-lutte-pour-accueillir-l-assemblee-des-gilets-jaunes_5446017_3224.html (letzter Aufruf: 21. Mai 2019).
  17. https://braveneweurope.com/david-graeber-the-yellow-vests-show-how-much-the-ground-moves-under-our-feet (letzter Aufruf: 21. Mai 2019).
  18. https://www.lemonde.fr/societe/article/2019/01/06/nous-on-veut-etre-acteurs-de-nos-vies-a-paris-les-gilets-jaunes-de-retour-dans-la-rue_5405584_3224.html (letzter Aufruf: 21. Mai 2019).
  19. https://www.lemonde.fr/idees/article/2018/12/10/sylvain-boulouque-les-gilets-jaunes-oscillent-entre-revolution-nationale-et-revolution-sociale_5395152_3232.html (letzter Aufruf: 21. Mai 2019).
  20. http://www.taz.de/!5557141 (letzter Aufruf: 21. Mai 2019).
  21. https://www.lemonde.fr/idees/article/2018/12/08/pierre-rosanvallon-la-revolte-des-gilets-jaunes-revele-le-basculement-dans-un-nouvel-age-du-social_5394432_3232.html (letzter Aufruf: 21. Mai 2019).
  22. Pierre Rosanvallon, La société des égaux, Paris, Seuil, 2011, S. 17.
  23. Yann Algan, Elizabeth Beasley, Daniel Cohen, Martial Foucault et Madeleine Péron.
  24. https://www.lemonde.fr/idees/article/2019/02/20/le-mouvement-des-gilets-jaunes-marque-la-disparition-du-clivage-gauche-droite-habituel_5426015_3232.html (letzter Aufruf: 21. Mai 2019).
  25. Ebd.
  26. https://www.lemonde.fr/politique/article/2019/04/08/reunis-en-assemblee-des-gilets-jaunes-rejettent-toute-consigne-commune-pour-les-europeennes_5447536_823448.html (letzter Aufruf: 21. Mai 2019).
  27. https://www.humanite.fr/assemblee-des-assemblees-les-gilets-jaunes (letzter Aufruf: 21. Mai 2019).
  28. https://www.lemonde.fr/societe/article/2018/12/24/le-mouvement-des-gilets-jaunes-est-avant-tout-une-demande-de-revalorisation-du-travail_5401713_3224.html (letzter Aufruf: 21. Mai 2019).
  29. Pierre Souchon, „Avant, j’avais l’impression d’être seule“, in: Le Monde diplomatique, Januar 2019, S. 16-17.
  30. https://www.lemonde.fr/politique/article/2019/05/02/1er-mai-les-syndicats-depossedes-de-leur-defile-annuel_5457368_823448.html (letzter Aufruf: 21. Mai 2019).
  31. https://www.liberation.fr/france/2019/05/01/1er-mai-un-cortege-deux-ambiances_1724399 (letzter Aufruf: 21. Mai 2019); https://www.liberation.fr/france/2019/05/01/la-prefecture-se-rassure-le-black-bloc-fait-un-flop_1724394 (letzter Aufruf: 21. Mai 2019).
  32. https://www.lemonde.fr/idees/article/2019/05/02/1er-mai-un-dialogue-social-a-rebatir_5457386_3232.html (letzter Aufruf: 21. Mai 2019).

Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.

Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!

Spenden QR Code