„Zwischen zwei Feuern“

Situation der Menschenrechte in Peru

Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.

Situation der Menschenrechte in Peru

Franz Marcus vermittelte uns einen langen Beitrag von Max Elmiger aus Lima, der in der peruanischen Menschenrechtsbewegung engagiert ist. Da seine Situationsbeschreibung sich weitgehend mit der Buchbesprechung (siehe: Un sentier sanglant) deckt, haben wir den ersten Teil stark gekürzt, um so den Akzent stärker auf die Anstrengungen zur Verteidigung der Menschenrechte zu legen.

In den letzten sieben Jahren hat Amnesty International das Verschwinden von mehr als 3.000 Gefangenen in der Verfügungsgewalt der Regierung dokumentiert (1). Eine mindestens gleich hohe Zahl von Menschen hat das Leben verloren in massiven Exekutionen und selektiven Morden durch die bewaffneten Regierungskräfte. Die Folter – eingeschlossen die Vergewaltigung-, die Verschleppung und die von der Regierung ermächtigten Morde kamen zusammen mit der ausgedehnten Gewalt der bewaffneten Gruppen der Opposition, welche ein Klima des Terrors in weiten Landesteilen säen möchten. (…)

"Zwischen zwei Feuern" betitelt Amnesty International seinen aufseherregenden Bericht über die Menschenrechts-Situation in Peru. Das trifft vor allem auf die verzweifelte Lage vieler einfacher peruanischer Bauern zu. In den Departementen, wo das Ausnahmerecht gilt und welche unter Militärverwaltung stehen, herrscht ein schmutziger Krieg, seit Jahren schon.

Die Menschen leiden unter dem brutalen Terror der Subversion und der oft noch brutaleren Repression

der Ordnungskräfte. Die Menschenrechte werden kaum beachtet:

  • Das Ziel von "Sendero luminoso" (im folgenden = SL) ist es, "befreite Zonen" zu errichten, wo sie uneingeschränkt herrschen können. Alles wird zerstört, was Gemeindestrukturen oder Volksorganisationen sind, deren "revisionistischen" Vertreter werden umgebracht. Von der Bevölkerung wird Kollaboration verlangt; in den Schulen werden häufig Jugendliche zwangsrekrutiert.

  • Offizielles Ziel des Militärs ist es, die Subversion zu bekämpfen. In den Ausnahmerechtsgebieten ist zum vornherein jeder verdächtig. Das Militär dringt willkürlich in die abgelegenen Dörfer ein, plündert, vergewaltigt, verhaftet, verschleppt und erschießt außergerichtlich exemplarisch "Subversive". Es ist kein Gerichtsfall bekannt, wo ein verantwortlicher Militär deswegen verurteilt worden wäre. Alle Greueltaten geschehen unter dem Vorwand, die Heimat vor Kommunismus und Subversion zu schützen. Diese schlußendlich ausbuterische Praxis ist natürlich wiederum der Nährboden für Gruppen wie SL oder MRTA.

Die "Menschenrechte in Peru" ist ein undurchsichtiges Kapitel. Einige Aspekte können wir "beschreiben", all dem nachzufühlen ist unmöglich. Ebenfalls schwierig ist eine Situationsanalyse. Die meisten Menschenrechts-Verletzungen passieren in den Notstandsgebieten, wo die Menschenrechte praktisch außer Kraft gesetzt sind. Auch die Informationsbeschaffung ist dementsprechend nicht sehr einfach und wird offensichtlich behindert. Mißbräuche des Militärs finden kaum den Weg in die Medien.

1. Einige Zahlen zur latenten strukturellen und politischen Gewalt (4)

Die lange geschichtliche Erfahrung mit der Gewalt und Unterdrückung und der aktuelle Rahmen der latenten strukturellen Gewalt gilt es zu beachten, wenn wir von den Menschenrechten reden.

  • Gesundheit: allgemeine Sterblichkeitsrate: 11 pro 1.000 EinwohnerInnen
    Sterblichkeitsrate bei Geburten: 30 pro 1.000 Ein-

Kinder als Rekrutierungsobjekte (A.I. S. 36)

Die Schüler der Sekundarschule für sich zu gewinnen, ist ein Ziel der bewaffneten Gruppen. Die großangelegte Arbeit von SL zur Vereinnahmung kombiniert bei Kindern und Jugendlichen die Überzeugung und den Zwang. Auf den öffentlichen Plätzen werden politische Instruktionsversammlungen abgehalten, an welchen Bewohner jeglichen Alters teilnehmen müssen; andere werden in geheimen Schulen organisiert.

Wer gegen SL ist, riskiert Prügel oder den Tod. Ohne Zweifel ist es sicher, daß die Organisation von SL Unterstützung von Personen erhält, welche schon bedroht sind durch die Regierungstruppen: viele Jugendliche, welche sich der Gruppe angeschlossen haben, haben schon ihre Familie wegen der Terrorakte der bewaffneten Kräfte verloren. In vielen ländlichen Zonen hat es immer weniger junge Männer, weil so viele aus den Notstandsgebieten ausgezogen sind und weil SL so viele für sich gewinnt.

SL hat auch gewaltsam rekrutiert und Kinder aus ihren Gemeinden herausgerissen. Ein Jugendlicher, der von der Staatsgewalt gefangengenommen und des Terrorismus angeklagt wurde, hat A.I. ausgesagt, daß er einer der ca. 65 Jungen gewesen sei, welche SL in seinem Dorf im April 1984 versammelt und in ein Lager in die Selva verschleppt hatte. Er bestätigte auch, daß jeder Fluchtversuch mit dem Tode bestraft worden wäre.

wohnerInnen

Kindersterblichkeit unter 1 Jahr: 105 pro 1.000, liegt einiges höher in der Sierra, mit allgemein steigender Tendenz

11 von 100 Müttern, welche bei der Entbindung statistisch erfaßt werden, sind tuberkulös.

  • Ernährung: Jedes zweite Kind unter sechs Jahren weist einen gewissen Grad an Fehl- und Unterernährung auf.

Häufigste Todesursache der Kinder zwischen 1-5 Jahren im Kinderspital in Lima ist Unterernährung.

  • Bildung: Analphabeten: 17%, davon 70% Frauen
    Nur etwa 50% hat Primärschulunterricht abgeschlossen, 15% Sekundarschule und 3% höhere Ausbildung.

  • Wohnsituation: In Lima leben ca. 8 Mio. Einwohner mit der Infrastruktur, welche schätzungsweise für 2 Mio. ausreichen würde. In der Großstadt wachsen Probleme wie Promiskuität und Delinquenz, Alkoholismus und Drogenabhängigkeit, Machismus und Verwahrlosung.

  • Wirtschaft:: Im Jahre 1989 litt Peru unter einer starken Rezession und unter einer Inflationsrate von 2.775%.

  • Einige Zahlen zur politischen Gewalt (5)

Total der terroristischen Attentate in Peru im Jahre 89:

2.177; davon ca. drei Viertel von SL begangen und 67% in städtischen Gebieten.

Total der Todesopfer im Jahre 89:

3.198 Personen, davon 1.450 Zivile (u.a. 144 Autoritäten, darunter 52 Bürgermeister)

1251 vermutliche Terroristen/Subversive

348 Ordnungskräfte

149 Drogenhändler

Verschwundene, genügend dokumentierte Fälle im Jahre 89:

441; davon wurden 93 Personen befreit. Peru hält in diesem Kapitel den Weltrekord mit 2.099 Verschwundenen in den letzten sechs Jahren. Meist handelt es sich um außergerichtliche Verhaftete, welche sich in geheimen Gefängnissen des Militärs befinden und für immer verschollen bleiben (6).

2. Die politische Gewalt und Menschenrechts-Verletzungen im Jahre 1989

Das Jahr 1989 war das gewalttätigste seit 1984. Am meisten zivile Opfer hatte Peru im Monat Dezember zu beklagen: 184, meist von SL umgebracht, oft einfache Bauern, aber auch vielfach erst im November gewählte Dorf- und Gemeindeautoritäten (7). In Pallqa, Provinz Huancasancos wurden elf Bauern aus dem einzigen Grund umgebracht, weil sie an den Gemeindewahlen teilgenommen hatten.

Es gab 136 Attentate: 84 in der Sierra, 22 in Lima; 99 von SL, 10 von MRTA, ein von der rechtsgerichteten, Todesschwadron-ähnlichen Gruppierung "Comando Rodrigo Franco" und drei von Drogen-

Frauen und Menschenrechte

(aus dem Amnesty International-Bericht S. 22f)

"Frauen, die ihre Rechte zu verteidigen versuchen, sind bedroht in der peruanischen Krise der Menschenrechte und sind besonders verletzlich in den Notstandszonen. Seit der Dekretierung des Ausnahmezustandes im Jahre 1982 sind Frauen in immer größerer Zahl den schweren Mißbrauchen unterworfen.

In einer vor allem landwirtschaftlichen Gesellschaft braucht es alle Hände, um von der Erde leben zu können. Es bleiben jedoch wenig Männer zwischen 14 und 40 Jahren in den Konfliktzonen, nach Schätzungen sind der dritte Teil der Frauen verwitwet, und eine noch viel größere Zahl Männer ausgewandert, d.h. vertrieben. Die Verantwortung, das Feld zu bestellen, das Vieh zu hüten, das Haus und eine zahlreiche Familie zu unterhalten ruht größtenteils auf den Schultern der Frauen. Die Zerstörung des normalen Gemeinschaftslebens, die häufigen Attentate auf das Kommunikations- und Energienetz und das Klima der Angst und Gewalt hat in vielen Zonen große Schwierigkeiten geschaffen.

Die Frauen reagieren auf diese Herausforderung mit einer Welle von Gemeinschaftsaktionen. (…) Die Frauen haben gelernt, ihre Stimme mehr zu erheben, um ihre Rechte zu verteidigen. Viele haben Gesundheits-, Alphabetisierungs- und Berufsbildungsgruppen gegründet. Eine Konsequenz dieser Aktivität ist es, daß die leitenden Frauen riskieren, zur Zielscheibe der Angriffe der Sicherheitskräfte zu werden. Im Februar 1989 wurde Consuelo Garcia, die Leiterin einer Erziehungsorganisation von Minenarbeiter-Witwen tot aufgefunden in der Umgebung von Lima. (…) Eine Gruppe von Männern drang nachts in das Haus von Angélica Mendoza de Ascarza ein, der Präsidentin der Nationalen Vereinigung der Angehörigen von Gefangenen/Verschwundenen (ANFASEP) und warnte sie, daß sie sterben müßte, wenn sie nicht mit ihrer Arbeit aufhören würde. (…) Oft werden Frauen wegen Verdächtigungen oder Aktivitäten ihrer Ehemänner verfolgt. SL ist hier in der Praxis ebenso brutal wie die Repression des Staates.

händlern begangen (8).

Auf dem Gebiet der Subversionsbekämpfung gab die Regierung dem Drängen der Rechten nach, um aufzurüsten und die Ordnungskräfte besser für die Antisubversion auszurüsten. Auf der gleichen Ebene liegt die Übergabe von Waffen an die Zivilverteidigungskomitees des Apurímac-Tales: Zivilisten sollen in die bewaffneten Konfrontationen miteinbezogen werden. Diese Maßnahme ist sehr umstritten und zeigt die Hilflosigkeit der Regierung, der herrschenden politischen Gewalt eine ganzheitliche Antwort gegenüberzustellen. Zudem handelt es sich im Falle des Apurímac-Tales eher um eine Art Todesschwadron, die aufgebaut werden wird. Von der Regierung werden im Moment Erfolgsmeldungen benötigt. (…)

4. Peru – nicht nur zwischen zwei Feuern…

A.I. hat viel Kritik von seiten der APRA-Regierung und vor allem von seiten des Militärs auf sich gezogen, weil es in seinem Bericht die Regierung und die Ordnungskräfte mehr kritisiert als die Subversion. Einen Ausnahmezustand durchzusetzen, verlange außergewöhnliche Maßnahmen, argumentiert das Militär. Die Menschenrechte gelten jedoch auch in solchen – zugegeben – schwierigen Situationen. Die Menschenrechts-Lage in Peru ist schwer einzuschätzen. Objektive Informationen sind nicht einfach zu erhalten. Aber im Erscheinungsbild sind einige Punkte klar:

  • SL und das Militär haben einen gemeinsamen Gegner: die demokratisch organisierten, weit verbreiteten Basis- und Volksorganisationen (von den Gewerkschaften über die Volksküchen zu den Frau-

Die Vergewaltigung, eine Form der Folter (A.I. 23f)

"Frauen jeglichen Alters in den Ausnahmerrechtszonen riskieren sexuelle Mißbräuche. Wie es scheint, besitzen die Mitglieder der Sicherheitskräfte einen Freibrief, um die Frauen zu mißbrauchen im Verlaufe der Operationen der Subversionsbekämpfung. Die Vergewaltigung durch Soldaten ist etwas Gewohntes und allgemeine Praxis. Amnesty International weiß nicht, ob irgendjemand verurteilt worden wäre wegen dieses Deliktes in Ausnahmezustandszonen. Aus Scham oder aus Angst vor Verfolgung wird nur ein Teil der Fälle denunziert. Mitglieder der Sicherheitskräfte haben Gemeindeverantwortliche bedroht, wenn sie fortfahren würden mit ihren Aktivitäten, dann würden ihre Ehefrauen und Töchter den Preis bezahlen. Gerichtsfunktionäre erklärten den Vertretern von Amnesty International, welche im Jahre 1986 Ayacucho besuchten, daß in den ländlichen Zonen, wo Truppen stationiert waren, die Vergewaltigung etwas Vorhersehbares und ‚Natürliches‘ wäre und es keine Hoffnung auf ein gerichtliches Vorgehen gäbe."

engruppen und den kirchlichen Organisationen). Für den links-faschistischen SL sind es vom Imperialismus gesteuerte, anti-revolutionäre Revionisten; für die Militärs sind es – wenn nicht gerade Kommunisten – mindestens Verdächtige und ein Risiko für die nationale Sicherheit. Zwischen eben diesem Hammer und Ambos stehen gleichfalls die Parteien des linken Spektrums.

  • SL tötet mehr oder weniger gezielt im Namen ihrer sektiererisch-fanatischen Strategie; das Militär mehr

oder weniger blind im Auftrag zur "Verteidigung" des Landes.

  • In den Kriegsrechtsgebieten haust das Militär wie eine Kolonialmacht und saugt die Bauern aus. SL erscheint oft als kleineres Übel (11). In diesen Zonen stehen die Bauern wirklich zwischen zwei Feuern. Vor allem junge Männer und Jugendliche, welche zu den meist gefährdesten gehören, emigrieren deswegen in die Städte, hauptsächlich nach Lima.

  • Diese "spektakulär-brutale" Seite der Menschenrechtsverletzungen darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß Menschenrechte allgemein ein Luxus geworden sind in dem katastrophalen wirtschaftlichen Rahmen. Vor allem die Kinder und Frauen sind in ihren Rechten und in ihrer Würde besonders verletzlich und gefährdet. Das alltägliche Elend fordert unter diesen Gruppen täglich weit mehr (stille) Opfer als durch den Terrorismus oder die Repression. Die Schwächsten der Gesellschaft müssen mehr und mehr durch dieses Feuer hindurch. Auch nur eine Linderung, geschweige denn eine Veränderung, ist kaum abzusehen.

Auf diesem düsteren Hintergrund möchten wir einige positive Ansätze in der Verteidigung der Menschenrechte darstellen.

Einige Hoffnungsschimmer in der Verteidigung der Menschenrechte

1. Volks- und Basisorganisationen

Es würde zu weit führen, alle Organisationen des Volkes aufzuzählen, welche sich von der Basis her organisieren und definieren und in zum Teil sehr konkreter Arbeit ihren Beitrag leisten zum Aufbau einer reifen und demokratischen Gesellschaft. Mehr und mehr entwickeln sich darin die Frauen als Protagonistinnen im Überlebenskampf und in der Verteidigung des Lebens und der Menschenwürde. "Vaso de leche" (gemeinsame Milchküche), "Comedores" (Volksküchen) und verschiedenste Kooperativen werden von Frauen und Familienmüttern getragen. Mit der praktischen Arbeit ist jeweils auch ein wichtiger Bewußtseinsprozeß verbunden. In diesen Volksorganisationen werden grundsätzliche Menschenrechte verteidigt und die persönliche Menschenwürde gestärkt.

2. Einige Organisationen in der spezifischen Menschenrechtsarbeit

  • FEDEFAM (Federación Latinoamericana de Asociaciones de Familiares de Detenidos-Desaparecidos), Dachverband von Angehörigen von Verhafteten/Verschwundenen, vertritt Organisationen in vierzehn Ländern Lateinamerikas. Er beschäftigte sich im letzten Kongress am 2. Dezember 1989 vor allem mit der Straflosigkeit. FEDEFAM setzte folgende Schwerpunkte:
  • darauf beharren, daß die Vereinten Nationen die Konvention gegen das gewaltsame Verschwindenlassen von Personen annehmen;
  • daraufhinarbeiten, daß in jedem Land these

Delikt gesetzlich verfolgt wird;

  • planen und damit werben, daß 1990 als Jahr gegen die Straflosigkeit deklariert wurde;
  • "Netz für das Leben" (Red por la Vida) als Präventionsmaßnahme gegen jegliche Repression und zur Verteidigung der Opfer, indem alle möglichst beweglichen Kommunikationskanäle angeregt wurden, um das Leben zu verteidigen.
  • IDL (Instituto de Defensa Legal), unabhängiges Rechtshilfeinstitut, das auch regelmäßig über die Situation der Menschenrechte informiert und Kurse in ganz Peru veranstaltet. Ein Schwerpunkt stellt die Erziehung in den Menschenrechten dar. IDL versucht auch, die breite Tradition der freiheitlich-demokratischen Basisorganisationen zu stärken und Bewußtseinsbildung in Menschenrechten zu betreiben.

  • Es gibt auch staatliche Menschenrechtsbeobachter. Laut Verfassung sollten die Staatsanwälte unter Aufsicht des Oeffentlichkeitsministeriums über die Menschenrechte wachen. Ihre Tätigkeit wird aber oft behindert. In den Notstandszonen sind Fälle von Drohungen und Mordfälle bekannt, begangen von paramilitärischen Gruppen.

3. Kirche und Menschenrechte

Wenn es eine Institution gibt, die bei den Peruanern noch einigermassen Vertrauen genießt, dann ist dies die Kirche. Im mehrheitlich katholischen Peru hat die Kirche ein gewisses moralisches Gewicht, das nicht zu unterschätzen ist. Die offizielle Kirche versucht

Mit der praktischen Arbeit ist jeweils auch ein wichtiger Bewußtseinsprozeß verbunden.

zu vermitteln und Kriterien aufzustellen, zum Beispiel für den demokratischen Prozess der Wahlen. Im Dokument der Peruanischen Bischofskonferenz vom April 1989 "Peru, escoge la vida" (Peru, wähle das Leben) äußerten sich die Bischöfe zwar zur herrschenden Krise und zu den meisten Menschenrechts-Verletzungen. Aber es handelt sich mehrheitlich um moralisches Appellieren an alle und weniger um ein Denunzieren der konkret Verantwortlichen. Neben der ökonomischen Moral, dem Respekt vor dem Leben und der Wahrheit, der Solidarität und den Verpflichtungen als Bürger, wird auf gleicher Ebene die Familien- und Sexualmoral behandelt, in einer oft allzu individuell-ethischen Sicht. Die Diagnose fällt dann auch etwas dürftig aus: "Schon in einer früheren Erklärung im vergangenen Jahr haben wir betont, daß die Wurzel der aktuellen sozio-ökonomischen und politischen Krise eine moralische ist. Wir haben ebenfalls betont, daß sich diese Krise nicht auf einige Personen oder Institutionen beschränkt, sondern das ganze soziale Gefüge betrifft. Solange es keine allgemeine moralische Umkehr gibt, gibt es keinen Ausweg aus der Krise. Gleichfalls haben wir gewarnt, daß sich hinter der moralischen Krise eine religiöse versteckt." (12) – Der Sprachgebrauch einer "strukturellen Sünde" oder "strukturellen Gewalt" liegt diesem Dokument fern und kann demzufolge viele latente Probleme gar nicht klar denunzieren.

Umgekehrt leisten die beiden Kommissionen CEAS und CEAPAZ gute, konkrete Menschenrechts-Arbeit. CEAS (Comisión Episcopal de Acción Social) betreut die Gründung und Ausbildung von Menschenrecht-Gruppierungen, die in Pfarreien in ganz Peru am Wachsen sind, und weist u.a. auch einen Rechtsberatungsdienst auf. Vor allem bei durch die Repression gefährdeten kirchlichen Mitarbeitern und Laien hat CEAS einige Druckmöglichkeiten. CEAPAZ (Centro de Estudios y Acción para la Paz) unterhält ebenfalls einen Beratungsdienst und gibt Materialien zur Promotion der Menschenrecht-Arbeit heraus. Sie ist sehr unabhängig, wenn ihr Präsident auch Bischof Luciano Metzinger ist. Ihr Ziel ist es, den Frieden zu fördern als Frucht der Gerechtigkeit und eine "Kultur des Lebens" zu bekräftigen, welche auf den Menschenrechten beruht.

Die kirchliche Basis ist sehr vielfältig und vielschichtig organisiert in den verschiedenen Bewegungen. Es ist aber sowohl in der Basis wie in der Hierarchie eine gewisse fundamentalistische Tendenz und ein deutlicher Rechtsdruck spürbar.

Trotzdem: Die Kirche hat eine große Chance in Peru. In etlichen Gebieten ist sie die einzige Institution, welche einigermaßen "funktioniert" oder als Institution überhaupt noch präsent ist, wenn auch oft in engen Grenzen. Vielleicht ist es gerade ihre aktuelle Aufgabe, nämlich eine Präsenz zu markieren im Umfeld aller herrschenden Todeskräfte. Die Handlungsfreiheit wird oft zu einem gewissen "Sakramentalismus" zurückgestutzt. Dies ist kein Ideal, könnte aber doch ein Ausgangspunkt sein, um gegen eine menschenverachtende Praxis den Gott des Lebens zu proklamieren und den religiös sehr ansprechbaren Peruanern derart eine Basis zum Handeln und zur Or-

ganisation zu geben, gleichsam über die Hintertür der Sakristei herauszukommen…

  1. "Peru – Vida y Paz" = "Peru – Leben und Frieden"

"Wenn wir unsere Anstrengungen vereinen…
wenn wir unsern Willen zusammenzählen…
wenn wir jetzt handeln…
Es gibt Gründe zur Hoffnung!"

Am 6. Mai 1989 gab eine Gruppe von Personen und Vertretern von verschiedenen kirchlichen und öffentlich engagierten Institutionen einen Aufruf heraus für eine Kampagne für das Leben und den Frieden. "PERU – VIDA Y PAZ", "PERU – LEBEN UND FRIEDEN" ist seither ständig gewachsen und zu einem Hoffnungsschimmer geworden. Der Aufruf ist weitaus prophetischer als die Botschaft der Bischöfe, zugleich aber von der moralischen Begründungsweise her weniger eng und kann deshalb zu einer Plattform einer breiten Friedensbewegung werden.

In einem ersten Schritt wurde der Aufruf verbreitet und alle Peruaner aufgefordert, mit ihrer Unterschrift sich selber zu verpflichten, nach ihren Möglichkeiten den Friedensprozess zu fördern:

"Wir wollen ein möglichst großes Spektrum des sozialen und politischen Bereichs motivieren, damit eine grundsätzliche Übereinstimmung für den Frieden in Peru erreicht wird, die die Rolle des Militärs und der Polizei miteinbezieht. Wir wollen auch, daß in dieser Übereinstimmung eine nationale Überzeugung ausgedrückt wird, daß der so verstandene Frieden uns herausfordert, in unserem Land eine gerechte, solidarische und demokratische Gesellschaft aufzubauen, die unsere ethnische und kulturelle Vielfalt berücksichtigt." (13)

Protagonist in diesem Friedensprozess soll das Volk mit seinen demokratischen und autonomen Organisationen sein. Erfahrungen haben es in Peru deutlich

Fe-y-Allegria-Schule

gemacht: Dort, wo das Volk organisiert ist, in demokratischen und selbstbewußten Strukturen, dort hat es die Gewalt in Form von Subversion, Repression oder allgemeiner Delinquenz schwerer, sich auszubreiten.

Erste Schritte in Richtung Friedensbewegung sind getan. In einigen Landesteilen hat die Kampagne viele Menschen bewegt. Am 3. November 1989, im Friedensmarsch gegen den von Sendero ausgerufenen "Paro Armado", hat "PERU – VIDA Y PAZ" eine der größten Gruppen motivieren können (14). Dieser Friedensmarsch hat wohl für die Demokratie in Peru nicht nur symbolische Bedeutung: Zum erstenmal in der Geschichte konnten sich alle demokratisch organisierten Parteien und Gruppierungen zu einer friedlichen Manifestation für den Frieden, die Freiheit und vor allem für die Demokratie vereinigen. "No matarás, ni con hambre, ni con balas" – "Du sollst nicht töten, weder mit Hunger noch mit Kugeln", hieß das Motto. In der verzweifelten Situation Perus war dieser Friedensmarsch ein bewegendes Ereignis. Es gibt Gründe zur Hoffnung!…

5. Konkretes Projekt in Menschenrechts-Erziehung

"Es mucho menos lo que sabemos que la gran esperanza que sentimos…" "Was wir wissen ist viel weniger als die große Hoffnung, die wir spüren…", sagte einmal der peruanische Dichter José M. Arguedas. Und das stimmt wohl besonders für Peru in der jetzigen Situation. Die Peruaner wissen nicht viel, wenn sie an die Zukunft denken. Was bleibt bei all den düsteren Zukunftsprognosen als die – trotz allem – große Hoffnung, welche viele PeruanerInnen ihr Überleben organisieren läßt in zahllosen kleinen Initiativen. Die größte Hoffnung Perus, vielleicht auch sein größter Reichtum, das sind die Kinder und die Jugendlichen, wie in andern Ländern ebenfalls auf diesem "jungen" Kontinent. Zwei Drittel der Menschen sind unter 25 Jahren.

Aber kaum eine Gruppe ist gleichzeitig so verletzlich und gefährdet wie diese Jugend. Oft bleibt den Kindern keine Zeit fürs Kindsein. Schon von klein

auf müssen sie große Verantwortung übernehmen und mithelfen: kleinere Geschwister erziehen, den Haushalt führen und helfen Geld zu verdienen. Dementsprechend gibt es auch viele Kinder, die die Schule notgedrungen frühzeitig verlassen müssen. Zudem ist das Erziehungs- und Schulsystem in einem sehr schlechten Zustand:

  • 30-50 SchülerInnen in einem engen Loch mit wenig Licht und ohne Fensterscheiben;

  • LehrerInnen, welche nur einen Minimallohn bekommen und dementsprechend kaum groß motiviert sind, sich besonders für die Schule einzusetzen;

  • ein Schulsystem, das sich oft auf Disziplinierung beschränkt (die Prügelstrafe ist häufig die Regel) und wohl vielen Schülern die Lust am Lernen verleidet;

  • große Ungerechtigkeiten: wer sich eine der teuren Privatschulen leisten kann, hat auch mehr Chancen in seinem späteren Leben.

Auch unter der herrschenden Gewaltsituation leiden zuerst die Kinder, vor allem in den Elendsvierteln rund um die Großstädte. Ein Großteil von ihnen kam als Flüchtlinge hierher, auf der Flucht vor Armut, Ausbeutung oder aus Furcht vor dem herrschenden Terror. Vor allem diesen Kindern werden die fundamentalsten Menschenrechte vorenthalten.

Einen kleinen Hoffnungsschimmer möchte das Projekt einer peruanischen Lehrer- und Erziehergruppe in einem Elendsviertel in San Juan de Miraflores, Pamplona Alta, im Süden Lima’s, bringen. Es zielt darauf ab, den Kindern zu helfen, ihre Kreativität und Menschenwürde zu entdecken und gleichzeitig die Lehrer der staatlichen Schule ermuntern, humanere Lehrmethoden anzuwenden.

In einem ganzheitlichen Unterricht sollen sich die Kinder und die Lehrer mit den Menschenrechten auseinandersetzen. Gleichzeitig wird versucht, das Umfeld der Kinder und der Schule (Quartier, Familie) zu erforschen und eine bessere Bewußtseinsbildung und (Selbsthilfe-) Organisation zu erreichen. Dieses Projekt könnte als Modell für andere Schulzentren dienen, wenn auch die Finanzierung – wie so häufig – der große Haken sein dürfte. Die Staatskasse ist leer.

Zusammenfassung

Viele Menschenrechts-Verletzungen sind mit der herrschenden Armut zu erklären. Bis zu einem gewissen Grad sogar das Auftauchen von gewaltsamen Lösungsversuchen durch gewaltsame und totalitäre Ideologien wie SL und deren Antwort des Staates durch die Repression. Höchst einsichtig erscheint auch der Teufelskreis: Subversion-Repression. Aber das Elend allein erklärt nicht alles. Menschenrechte haben auch mit Menschenwürde zu tun, und die steckt in Peru schon seit mindestens 500 Jahren in einer Krise. Solange die Menschen in Peru nicht zu einer gesunden Selbstfindung gelangen und ihr Selbstbewußtsein nicht (noch mehr) stärken können in ihren demokratischen und selbstverantworteten

Protagonist im Friedensprozeß ist das Volk mit seinen demokratischen und autonomen Organisationen.

Volksorganisationen, werden die Menschenwürde, die grundlegenden moralischen Werte und die Demokratie immer gefährdet bleiben.

Das Außergewöhnliche in Peru ist nicht der aktuelle Grad der Gewalt, sondern warum es eigentlich nicht noch mehr Gewalt gibt. Das Ausmaß der latenten Gewalt wie Armut und Ausbeutung ist dermaßen gewachsen, daß es wirklich erstaunt, daß die aggressive Gewalt als Antwort darauf nicht größer ist. Es erstaunt, was die Peruaner alles ertragen. Und es ist auch bewundernswert, wie groß der Überlebenswille

und die Phantasie ist, immer wieder neue Überlebensstrategien zu erfinden.

Peru braucht auch unsere Solidarität, denn die Menschenwürde und -rechte dort haben wohl auch mit denjenigen von hier zu tun. Wie dieses Verhältnis neu zu gestalten ist, das sei unserer Fantasie überlassen. Gute Ansätze gibt es, wie wir gesehen haben. Peru steht nicht nur zwischen zwei Feuern; aber es hat auch schon mehr als eine Feuerprobe bestanden…

Max Elmiger, Lima, Peru

Anmerkungen:

  1. vgl. den Bericht von Amnesty International: Peru, zwischen zwei Feuern, im folgenden zitiert nach der spanischen Ausgabe (Peru – Entre dos fuegos, Madrid und Lima 1989); diente uns vor allem als Quelle.

  2. aus "Cultura de Paz", Publikation des Erziehungsministeriums, Lima, März 89, S. 40f

  3. nach IDL (Instituto de Defensa Legal), Monatsinformation Nr. 9, Dezember 1989, Lima, S. 6 und nach der Statistik der Senatskommission.

  4. Nach der konservativen Zeitung "El Comercio" ist in 86% der Fälle von Zeugen bestätigt worden, daß bei den Verschleppungen Militärs beteiligt gewesen sind (El Comercio vom 8.2.90).

  5. DESCO, Resumen semanal Nr. 555, S.7. (Erscheint in Lima als wöchentliche Zusammenfassung von allen wichtigen Zeitungsmeldungen über Peru.)

  6. IDL, aaO, S.6.

  7. Peru, La violencia política vista desde las experiencias del

pueblo. Serie: Estrategia Integral de Paz, Hrsg. von "Democracia y Socialismo – Instituto de Política Popular", Lima 1989, S. 6.

  1. Perú, escoge la vida! Botschaft der Peruanischen Bischofskonferenz, April 1989, I/3

  2. PERU, VIDA Y PAZ, Aufruf zu einer Kampagne für das Leben und den Frieden. Für weitere Informationen: Comisión Internacional de "Perú, Vida y Paz", Apartado 11-0230, Lima 11, Perú.

  3. "Paro Armado" heißt soviel wie "bewaffneter Arbeitsstillstand", eine Strategie, welche SL schon seit längerem praktiziert, z.B. in Ayacucho. Wer arbeiten geht, riskiert, verfolgt oder umgebracht zu werden. Die zwei bewaffneten Streiks in Lima hatten auf Anhieb beängstigenden Erfolg und legten den öffentlichen Verkehr und damit Handel und Industrie weitgehend lahm, so auch am 3. November. Der Friedensmarsch stellte eine klare Herausforderung dar.

Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.

Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!

Spenden QR Code