forum_C: Pol Cruchten (1963-2019)

(Yves Steichen) Völlig unerwartet ist der luxemburgische Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Pol Cruchten am vergangenen Mittwoch, dem 3. Juli 2019, im Alter von nur 55 Jahren im französischen La Rochelle verstorben. Cruchten, der zusammen mit Jeanne Geiben die Produktionsgesellschaft Red Lion gegründet hat, gilt als einer der talentiertesten und mit Sicherheit cinéphilsten Film- und Theaterregisseure in Luxemburg.

Voices from Chernobyl   Crédits Photo : © Red Lion / Jerzy Palacz

Geboren 1963 in der Minettestadt Petingen, entwickelte Pol Cruchten bereits früh in seinem Leben eine Faszination für das Kino und seine Geschichte. Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre engagierte er sich im Ciné-Club 80, dem cinéphilen Gegengewicht zu den auf Mainstreamfilmen ausgerichteten kommerziellen Kinos. Als sich das Zusammenleben zwischen Ciné-Club 80 und der von Fred Junck geführten Cinémathèque municipale im hauptstädtischen Ciné Vox immer schwieriger gestaltete, entschloss sich das Team um Nico Simon, Joy Hoffmann, Jean-Pierre Thilges, Luc Nothum, Martine Reuter, Paul Lesch und Viviane Thill zur Neugründung eines eigenen Kinos auf dem Limpertsberg – das „Ciné Utopia“, das 1983 seinen Spielbetrieb aufnahm, verdankt seinen Namen Pol Cruchten.

Cruchten entschloss sich dazu, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen. Von 1985 bis 1987 besuchte er die Filmhochschule ESEC (École Supérieure d’Études Cinématographiques) in Paris; 1988 drehte er seinen ersten Kurzfilm, der zugleich sein Abschlussfilm war, Somewhere in Europe. Bis zum verfrühten Ende seiner Karriere folgten zwei weitere Kurzfilme und nicht weniger als acht Langfilme, zu denen sowohl Spielfilme als auch „Documentaires de création“ gehörten (ein neuntes Projekt mit dem Titel Visage(s) d’Afrique befand sich zuletzt in Vorbereitung).

Hochzäitsnuecht   DR

Dabei legte Cruchten bereits 1992 mit seinem Spielfilmdebüt Hochzäitsnuecht die Messlatte hoch – für sich selbst und für alle folgenden Regisseure und Regisseurinnen der noch jungen Luxemburger Filmlandschaft. Sein ambitioniertes Drama über ein junges und frisch vermähltes Ehepaar (Thierry van Werveke und Myriam Muller), das in der Hochzeitsnacht Opfer seiner eigenen Drogensucht wird, wurde 1992 als erster – und bis heute einziger! – luxemburgischer Beitrag im offiziellen Programm der Internationalen Filmfestspiele von Cannes in der Kategorie „Un Certain Regard“ gezeigt; 1993 wurde der Film in Saarbrücken mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet. Mittels einer kühlen Bildästhetik begleitete Cruchten das frisch verheiratete Ehepaar bei seinem unaufhaltsamen Tanz in den Abgrund und gewann dabei nicht nur der Stadt Luxemburg, sondern auch Thierry van Werveke, dem damaligen Enfant terrible des Luxemburger Kinos, gänzlich neue Facetten und Dimensionen ab. Hochzäitsnuecht vereinte bereits früh viele Kernelemente von Cruchtens filmischem Schaffen: Durchdachte Bildkompositionen, Referenzen an die Filmgeschichte und deren große Meister, die Bedeutung die er der Musik beimisst, verlorene, isolierte und getriebene Charaktere, bzw. solche, die sich auf der Flucht vor sich selbst oder anderen befinden, sowie das Thema Drogen(missbrauch). Auch in seinem experimentellen Dokuporträt Never Die Young (2013), das Cruchtens Cousin Guido gewidmet ist und als kreativer Höhepunkt und wahrscheinlich persönlichster Beitrag seines filmischen Schaffens gewertet werden kann, griff er diese Themenkonstellation wieder auf.

Never Die Young  DR

Cruchten war gleichzeitig Akteur und, nach außen hin, Ausdruck eines Internationalisierungs- und Professionalisierungsprozesses des luxemburgischen Kinos. 1997 etwa drehte er mit Philippe Léotard in der Hauptrolle das Kriminaldrama Black Dju, und 2003 wagte er den Schritt über den Atlantik und realisierte in den USA Boys on the Run mit Ron Perlman. Der größte einheimische Publikumserfolg hingegen gelang Pol Cruchten mit der bittersüßen Verfilmung des autobiographisch gefärbten Romans Perl oder Pica (2006) von Jhemp Hoscheit, in dem dieser die Erinnerungen an seine eigene Kindheit in den fünfziger und sechziger Jahren in Esch-Uelzecht verarbeitete – eine Kindheit, die geprägt war von autoritärer Erziehung und dem Schatten der Zeit der nationalsozialistischen Okkupation Luxemburgs im Zweiten Weltkrieg.

Seinen größten kreativen Coup dürfte Pol Cruchten 2016 gelandet haben – noch lange bevor die weißrussische Journalistin und Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch 2015 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde für ihr Monumentalwerk La Supplication/Voices from Chernobyl, in dem sie die Erinnerungen von Zeitzeugen der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl gesammelt und verarbeitet hatte, hegte Cruchten den kühnen Plan, ebendieses Werk zu adaptieren, und den Opfern von damals eine filmische Stimme zu geben. Gedreht in der immer noch hochgradig verstrahlten Zone von Tschernobyl und Prypjat (Kamera: Jerzy Palacz) ist Voices from Chernobyl ein ungewöhnliches, mit Referenzen an Tarkowski angereichertes visuelles Meisterwerk, das damals wie heute niemanden kalt lässt und seinen Namen auch in internationale Sphären katapultierte.

Cruchten wurde als Regisseur insgesamt drei Mal mit dem „Lëtzebuerger Filmpräis“ ausgezeichnet, für Perl oder Pica, Never Die Young und Voices from Chernobyl. Er erhielt damit bereits zu Lebzeiten eine Würdigung als talentierter und vielseitiger Autor, Regisseur und Produzent.

Perl oder Pica   (c) Red Lion / Amour fou

Pol Cruchten wird in Erinnerung bleiben als zurückhaltender und bescheidener Pionier der noch jungen luxemburgischen Filmproduktionsgeschichte, der maßgeblich dazu beigetragen hat, dem Luxemburger Kino auch im Ausland zu Bekanntheit und Anerkennung zu verhelfen – und der sich nicht davor scheute, sein Wissen an jüngere Generationen von Regisseur*innen weiterzugeben, deren Filme er mit seiner Firma Red Lion produzierte.

 

 

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