- Kino
Der Roman einer Nation : revisité – La Bataille de Gaulle (Teil 1)
Fiktionsfilme über Persönlichkeiten der kollektiven historischen Erinnerung sind immer risikobehaftet. Alle haben bereits ihre (Geschichts-)Bilder im Kopf, alle tragen ihre mal mehr oder mal weniger mit Wissen belastbare Meinung vor sich her. La Bataille de Gaulle nun bietet etwas, was man selten aus Europa kennt: „großes Kino” mit großem Budget. Ein Werk, dessen Genese sechs Jahre in Anspruch nahm, also länger als der Zweite Weltkrieg dauerte. Der Film ist ein mitreißendes, emotionales, teils unerwartet humorvolles Leinwandepos mit quasi shakespearescher Ambition. Es ist nicht zuletzt auch der Versuch, diesmal die eigene Geschichte selbst zu erzählen, und nicht durch die Hollywood-Linse interpretiert zu werden.

Die Geschichte um le général (diese Namensgebung etabliert sich schon während des Krieges) ist als fünfstündiges Dyptichon konzipiert, dessen erster Teil L’Âge de fer zwischen 1940 und 1942 angesiedelt ist. Originalbilder des Blitzkrieges in Polen und im Westen eröffnen den Film. Unterlegt sind sie mit der beeindruckenden, in ihrer Wirkung bedrängenden und beängstigenden Musik von Volker Bertelmann (Hauschka), Gewinner des Oscars für die beste Filmmusik für Im Westen nichts Neues (2023). Das Filmerlebnis ist wohl auch diesem Soundtrack zu verdanken, der das Publikum durch die Geschichte trägt, manchmal sogar hetzt.
1940 bricht Frankreich unter der deutschen Offensive unerwartet und plötzlich zusammen. Charles de Gaulle, zu dem Zeitpunkt ein General bei den gepanzerten Verbänden, weigert sich, die Niederlage hinzunehmen, geht ins Exil nach London und ruft von dort aus zum Widerstand gegen Nazideutschland auf. Quasi im Alleingang, trotz fehlender politischer Unterstützung und militärischer Mittel baut er die France libre auf und versucht die Franzosen selbst, Churchill und später auch US-Präsident Roosevelt von seiner Vision eines weiterkämpfenden Frankreichs zu überzeugen. Und zumindest im ersten Teil wirkt de Gaulle mit seiner hehren Idee von „la France“, die als heiliges Ideal scheinbar über allen politischen Gräben und einer niederschmetternd tristen Realität schwebt, wie ein Ritter ohne Land, der gegen die Zeichen der Zeit ankämpft. Wie ein Don Quijote.
Und so, gesteht Regisseur Baudry, sieht er de Gaulle bei aller Bewunderung als „un personnage un peu fou”. Wobei dieses Verrücktsein wohl nicht negativ aufzufassen ist. Immerhin wird in Teil 2 gesagt: Wer im Leben etwas erreichen will, müsse sich einer Sache ganz und gar hingeben. Simon Abkarian verkörpert de Gaulle auf eine magistrale Art und Weise: gleichzeitig waghalsig und besonnen unter feindlichem Beschuss, bestimmt und zielstrebig bis zur Sturheit und von Selbstzweifeln angenagt, die er öffentlich nie zeigen darf. Raumgreifend, allein schon durch die imposante körperliche Größe und eine majestätische, kühle Distanz ausstrahlend. Abkarian ist nur der letzte in einer langen Reihe von Schauspielern, die den General verkörperten, wie Adrien Cayla-Legrand in L’Armée des ombres (1969) und The Day of the Jackal (1973), Lambert Wilson in De Gaulle (2020) oder Jean-Yves Berteloot in An einem Tag im September (2025), aber seine Darstellung wird einen prägenden Eindruck hinterlassen.
Baudry, der sich auch erfolgreich als Comicautor betätigt hat, schreckt nicht davor zurück, gerade diese charakterlichen Eigenschaften zu nutzen, um Komik aufblitzen zu lassen, so zum Beispiel in den skeptischen bis ungläubigen Blicken seiner Gegenüber, wenn de Gaulle sich selbst ganz selbstverständlich als das freie und wahre Frankreich bezeichnet und behauptet, Frankreich habe den Kampf nie aufgegeben, da er persönlich ja nie kapituliert habe. Tatsächlich hat Frankreich kapituliert und unter der Vichy-Diktatur mit den Nazis kollaboriert.

Baudry versucht de Gaulle politisch, psychologisch, diplomatisch und geostrategisch auszuloten und findet bleibende Bilder, um teils mit Humor die Isolation de Gaulles vorzuführen. Etwa wenn er allein in einem kleinen Londoner Hotelzimmer mit erotischen Drucken an den Wänden eine Exilregierung aufstellen will und pompös von mittelalterlichen Nationalhelden und der Wiedergeburt Frankreichs spricht. Seine Gesprächspartner lehnen dankend ab. In einer anderen Szene, nach einer flammenden Rede in der französischen Botschaft in London, die zum Widerstand aufruft, wenden sich die französischen Diplomaten und Militärs belustigt bis verärgert ab. De Gaulles Pathos kollidiert mit der Mittelmäßigkeit der Realität.
Später versucht de Gaulle, die Verwaltungen der französischen Kolonien für seine (also Frankreichs) Sache zu gewinnen und erleidet eine Bruchlandung in Afrika. Da steht er nun, der lange Kerl, verloren und alleine bis zu den Knien im Schlamm eines Flusses und ist in die Betrachtung von Elefanten versunken. Man erahnt seine Einsamkeit, mehr noch, man ahnt, die Sache eines freien Frankreichs hätte jetzt ganz schnell, ganz unrühmlich enden können. Dies geht so weit, dass de Gaulle nach dem misslungenen Einnahmeversuch des Hafens von Dakar an Selbstmord denkt. Ohne dass dies artikuliert wird: Er steht alleine am Rand eines Kriegsschiffes. Unter seinen Füßen der graue Atlantik und die Möglichkeit des Vergessens lockt.
L’âge de fer erscheint wie eine Charakterprüfung angesichts des Scheiterns. Und daran gekoppelt die Frage: Welche Art von Mensch braucht es, welche Willenskraft, um Widerstand zu leisten? Um unter solch bestürzenden Umständen, also dem militärischen und moralischen Zusammenbruch einer Nation, unter der Abfolge von persönlichen und politischen Rückschlägen an einer Idee festzuhalten, die fast allen – sogar den Verbündeten – absurd vorkommt.

Aber auch nur fast allen. Denn de Gaulle findet seine Mitstreiter, wie den überzeugend von Benoît Magimel gespielten Haudegen und Fremdenlegionär Capitaine Pierre Koenig, der de Gaulle bei der Schlacht von Bir Hakeim (1942) gegen das deutsche Afrikakorps einen militärischen und diplomatischen Erfolg verschafft: Frankreich ist nach zwei Jahren zurück auf dem Schlachtfeld und damit fest verankert bei den Alliierten. Baudry macht keinen Hehl daraus, dass die französischen Truppen, die diesen Erfolg erringen, multiethnisch sind; sie rekrutieren sich zu einem großen Teil aus dem empire colonial. Die Botschaft, die vermittelt wird, ist klar: Wer auch immer Französisch spricht, in Frankreich geboren ist oder sich mit den Werten der Republik identifiziert und für sie kämpft, wird als Franzose angesehen. Das ist löblich und natürlich ist das eine Hommage an diese Soldaten. Was im Film aber keinen Raum findet, ist die Perspektive der Kolonisierten auf dieses Frankreich, für dessen Freiheit sie nun kämpfen. Was ausgeblendet wird, sind die Spannungen, die sich aus der kolonialen Situation mit ihrem alltäglichen Rassismus, ihrer Ausbeutung, ihrer Demütigung notgedrungen ergeben. Man kann sagen, das sei nicht Thema dieses Filmes, aber auch dafür ließen sich sprechende Bilder finden.

Parallel zum diplomatischen und kriegerischen Geschehen wird in einem weiteren Erzählstrang der Widerstand thematisiert, insbesondere die Geschichte des Pariser Schülers Fernand Bonnier de la Chapelle (Florian Lesieur). Er schließt sich einem emotional packend in Szene gesetzten Schülerprotest gegen die Nazis am Arc de Triomphe an. Lesieur spielt seine Figur verzweifelt idealistisch, sturköpfig, reizbar, exaltiert. Man kann das leicht theatralisch finden oder als typisches Teenagerverhalten empfinden, es macht aber spätestens beim Plot Twist Sinn, der wohl viele Menschen überrascht haben dürfte. Denn, ohne dass sich die Wege de Gaulles und dieses Schülers je kreuzen, beeinflussen sie doch ihre jeweiligen Laufbahnen. Fernand wird schnell zum überzeugten Gaullisten und aktiven Resistenzler. Als seine Aktivitäten und seine Identität auffliegen, flieht er nach Algerien, wo er Zeuge der alliierten Landung in Nordafrika wird. Zugleich lassen die Amerikaner aus strategischen Gründen den unbequemen de Gaulle und die Soldaten der France libre fallen, um sich die afrikanischen Truppen eines Protagonisten der Vichy-Diktatur zu sichern, der bereit ist überzulaufen: Admiral Darlan (Matthieu Kassovitz). Darlan hatte sich 1940, nach der französischen Niederlage, nicht nur geweigert, die französische Flotte nach England überführen zu lassen, was zu ihrer Zerstörung durch die Briten bei Mers-el-Kébir führte. Er hat später als Mitglied der Vichy-Regierung auch antisemitische Gesetze in Frankreich unterstützt und aufrechterhalten. Und er hat gaullistische Widerstandskämpfer und spanische Republikaner einsperren lassen, selbst noch nach seinem Seitenwechsel. Es ist dieser von vielen Widerstandskämpfern als Verrat empfundene Schritt der Amerikaner, einen Kollaborateur zum Vertreter des kämpfenden Frankreichs zu machen, der Fernand 1942 dazu bewegt, Admiral Darlan zu erschießen. Ein Attentat, das – zumindest auf lange Sicht – dazu führt, dass de Gaulle wieder zum Ansprechpartner der Alliierten werden könnte. Wie und wieso dies zustande kommt, kann man sich in J‘écris ton nom ansehen.
Man hätte die Geschichte de Gaulles wohl auf hundert verschiedene Arten erzählen können. Man hätte sie vielleicht sogar als Serie erzählen können, um einzelnen Figuren und Gruppen mehr Platz und Tiefe zu verleihen, aber dann wäre es etwas ganz anderes. In diesem Fall entwickeln die Bilder ihre ganze Wucht tatsächlich eher im Kino. Auch jenseits vom vielbeschworenen kollektiven Kinoerlebnis kann man argumentieren, dass die Zwänge des Kinoformats der Erzählung guttun. Baudry war gezwungen zu verdichten, zu straffen, Zeitsprünge zu machen, pointierte Dialoge zu schreiben und sich auf Wesentliches zu konzentrieren. Vielleicht fand er so den galoppierenden Rhythmus, der dieses Epos kennzeichnet.
Inhaltlich hätte der Film durchaus auch politischer sein können. So mancher hat das beklagt. Denn wofür kämpft de Gaulle denn nun wirklich, wenn er von „la France” spricht wie von einer entführten und gequälten Jungfrau? Und das tut er tatsächlich. Mit dem zu erwartenden Pathos. Was unterscheidet ihn in seinen Werten von den Faschisten und Nazis? Er äußert sich nur einmal kurz kritisch zum Antisemitismus der Nazis, den die Kollaborateure bereitwillig in rassistische Gesetze gießen. Und wie demokratisch oder autoritär ist dieser General denn nun? Er, der nicht gewählt worden war, der sich selbst als Frankreich bezeichnet und im Film sagt: „Jeanne d’Arc wurde auch nicht gewählt.“ Und wie will er den Widerstand, insbesondere die Kommunisten, in seinen Kampf einbinden? Wie stellt er sich ein Nachkriegsfrankreich vor? Das sind Fragen, die Baudry in den zweiten Teil seines Diptychons verlegt hat, auf den wir sehr bald ebenfalls länger eingehen werden.
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