Was Christus von uns fordert

Hirtenbrief der brasilianischen Bischöfe

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Hirtenbrief der brasilianischen Bischöfe. Auszüge

Eine flammende Anklage gegen das in Brasilien und vielen Ländern Lateinamerikas herrschende „Klima der Gewalt“, aber auch eine vernichtende Kritik an dem herrschenden System der Ausbeutung haben die brasilianischen Bischöfe in einem gemeinsamen Hirtenbrief vom 13. November erhoben. Der umfangreiche Hirtenbrief, den die Bischöfe auf ihrer Konferenz am 25. Oktober in Rio de Janeiro beschlossen hatten, schildert in schonungsloser Offenheit eine Reihe von Verbrechen, deren Urheber gedungene Mörder, Rechtsradikale und von offiziellen Stellen gedeckte Terroristen und Polizisten und deren Opfer Bischöfe, Priester und Laien waren, die sich für die Armen und Gedemütigten eingesetzt hatten. Die Bischöfe üben in ihrem Brief scharfe Kritik an einzelnen konkreten Aspekten der politischen und sozialen Situation Brasiliens wie an der „Rechtlosigkeit der Armen und Wehrlosen“, der „Straflosigkeit krimineller Polizeibeamter“, an der ungerechten Verteilung des Bodens und an dem Unrecht an den Amazonasindianern. Die entscheidende Bedeutung dieses Dokumentes liegt nach Meinung von Experten jedoch

darin, daß hier zum erstenmal die ideologischen Grundlagen der lateinamerikanischen Militärregime an den Pranger gestellt und als unmenschlich entlarvt werden. Die Lehre der „Nationalen Sicherheit“, die dem Militärputsch von 1964 in Brasilien und anderen Militärputschen in Lateinamerika zugrundeliegt, hat nach Meinung der Bischöfe das politische Leben Lateinamerikas pervertiert.

Mit diesem Hirtenbrief hat die Konfrontation zwischen den brasilianischen Militärs und der Kirche erneut einen Höhepunkt erreicht. Begonnen hatte diese Konfrontation 1966, als Erzbischof Helder Camara sich weigerte, anläßlich des zweiten Jahrestages des Militärputsches eine Messe zu lesen. Mehrmals hatte das Regime versucht, mit der Kirche einen Dialog aufzunehmen, so etwa 1969 unter Präsident Garrastazu Medici. Auch Präsident Geisel hatte sich bemüht, das Regime mit der Kirche auszusöhnen. Doch haben offensichtlich immer mehr auch konservative Bischöfe erkannt, daß die Militärs der Kirche in Brasilien nur unter dem Aspekt der Eingliederung in die

antimarxistische Strategie sehen wollen und nicht bereit sind, der Kirche die Rolle einer Verteidigerin der Menschenrechte zuzubilligen. Obgleich es in dem Hirtenbrief nicht an Appellen fehlt und damit gleichsam auch eine Tür zum weiteren Dialog offengehalten wird, bezweifeln Beobachter, daß jetzt noch einmal eine Annäherung möglich ist, es sei denn, die Militärs rückten von ihrer Ideologie ab. Diese Beobachter verweisen dabei auch auf die eigenartige Übereinstimmung entscheidender Passagen des Hirtenbriefes mit einem kritischen Aufsatz des belgischen Theologen José Comblin in der amerikanischen Jesuitenzeitschrift „America“ (Februar 76) über das Thema „Die lateinamerikanische Version der „Nationalen Sicherheit“. Comblin war seinerzeit aus Brasilien ausgewiesen worden.

Bei dem hier veröffentlichten Text hat sich die Redaktion von Publik-Forum auf den Teil des umfangreichen Hirtenbriefes beschränkt, der auf das geistige Fundament des brasilianischen Staates und der Kirche zielt. Hinweise dienen der vertiefenden Information.

Wer ist verantwortlich für die Welle der Perversion, die alarmierende Ausmaße angenommen hat? Was steht hinter all den Verbrechen in unserem Land, die in ihrer Grausamkeit nahezu perfektioniert scheinen? Die bösartige und abscheuliche Verleumdung — sei es anonym oder in aller Öffentlichkeit — von Bischöfen, Priestern und Laien, die als Aufrührer, Agitatoren und Kommunisten bezeichnet werden, wenn sie sich für die Armen, die Gedemütigten, die Gefangenen und die Opfer von Folterungen einsetzen — dies hat das Klima und die Praxis von Gewaltanwendung und Willkür noch verstärkt. Angesichts der unzähligen Vorkommnisse, die in der Öffentlichkeit Empörung ausgelöst haben, trifft die Verantwortung nicht allein den einfachen Polizisten, der den Abzug des Revolvers betätigt, oder irgend-

Nationale Sicherheit?

einen anderen Angehörigen von Militär und Polizei. Die jüngsten Vorfälle scheinen zweierlei zu beweisen: zum einen die Deformation der brasilianischen Polizeieinheiten und zum anderen die bedeutende Rolle von Terror-Organisationen auf dem lateinamerikanischen Kontinent.

Ein Beispiel für den politisch-militärischen Terror auf lateinamerikanischer Ebene war die Verhaftung von 17 katholischen Bischöfen und 20 Priestern, Ordensbrüdern und Laien am 13. August dieses Jahres in Riobamba (Ecuador).

Das Prinzip der Gleichheit aller vor dem Gesetz ist die Grundlage jeder Gesellschaft, welche den Anspruch erhebt, zivilisiert zu sein. Daraus folgert: Die Sicherheit jedes einzelnen Bürgers eines Landes wie auch der Gesamtheit aller seiner Bürger ist unerläßlich für die innere Sicherheit dieses Volkes.

Die geltende brasilianische Verfassung behauptet, daß „alle Gewalt vom Volke ausgeht und in seinem Namen ausgeübt wird“. Jedoch gibt es auch die gegenteilige Feststellung, der zufolge „der Staat“ seinen Bürgern und dem Volk insgesamt „Freiheit und Menschenrechte gewährt“. Dieser Satz darf uns nicht überraschen, wenn wir uns die Idee vergegenwärtigen, welche die Lehre von der „Nationalen Sicherheit“ inspiriert. Diese hat die brasilianische Regierung seit 1964 ihrem Handeln zugrundegelegt. So entstand ein zunehmend zentralisiertes System, das im gleichen Verhältnis immer weniger mit der Mitbestimmung der Bevölkerung rechnen konnte.

Nach humanistischem und christlichem Verständnis beinhaltet der Begriff der Nation alle Formen von Gruppenbildung im Volk. Das Recht auf freie Versammlung muß vom Staat, d. h. von der Regierung, anerkannt, geachtet und gefördert werden. Um guter Brasilianer zu sein, braucht man also nicht seinen Glauben, seinen Gefühlen, Idealen und Werten abzuschwören, und wenn sie möglicherweise dem bestehenden politischen System schädlich erscheinen oder mit seinen Gesichtspunkten und Interessen unvereinbar sind.

Es ist in humanistischer und christlicher Sicht genau zwischen Staat und Nation zu unterscheiden. Der Staat kann weder Freiheit noch Rechte gewähren. Deren Existenz geht selbst der Existenz der Nation voraus. Dem Staat obliegt vielmehr die Pflicht, die Menschenrechte — im Blick auf jeden Einzelnen wie auch auf die Gesamtheit seiner Bürger — anzuerkennen, zu verteidigen und zu fördern.

Eine andere große Versuchung, der Träger staatlicher Macht ausgesetzt sind, besteht darin, die Treuepflicht des Volkes gegenüber der Nation mit der Pflicht zur Treue gegenüber dem Staat, d. h. der Regierung, zu verwechseln. Wer Staat und Regierung über die Nation setzt, wertet staatliche

Sicherheit unsachgerecht hoch und mißachtet zugleich die Sicherheit der einzelnen Personen.

Wer so handelt, verdammt das Volk zum Schweigen und stößt es in ein Klima voller Angst. Ohne Hinzuziehung und Mitbestimmung des Volkes führen offizielle Programme, Projekte und Pläne — so gut sie auch sein mögen, und selbst wenn sie materiellen und wirtschaftlichen Erfolg zeitigen — allzuleicht zur Korruption. Ohne Übereinstimmung mit Bedürfnissen und Absichten des Volkes können sie auch gar nicht gerechtfertigt werden.

Die Ideologie der Nationalen Sicherheit, die sich über das Bedürfnis der persönlichen Sicherheit erhebt, breitet sich über den ganzen lateinamerikanischen Kontinent aus, wie es auch in den Ländern unter sowjet-

Krieg gegen die Andersmeinenden

scher Herrschaft geschah. Lateinamerikanische Gewaltregime, die auf dieser Ideologie gründen, erklären — im Namen des Kampfes gegen den Kommunismus und um der wirtschaftlichen Entwicklung willen — allen den „antisubversiven Krieg“, die mit der autoritären Organisation der Gesellschaft nicht übereinstimmen.

Das Training für einen solchen „antisubversiven Krieg“ in Lateinamerika gegen den Kommunismus führt nicht nur zu einer wachsenden Verrohung der Beteiligten, sondern erzeugt auch eine neue Art von Fanatismus und eine Atmosphäre von Gewalttätigkeit und Angst. Gedanken- und Pressefreiheit werden geopfert, die Garantie persönlicher Unversehrtheit ist aufgehoben. Diese Lehre hat die Gewaltregime dazu geführt, dieselben Merkmale und Praktiken zu übernehmen, die in kommunistischen Regimen üblich sind: Mißbrauch staatlicher Macht, willkürliche Verhaftungen, Folter und Aufhebung der Gedankenfreiheit.

In der Welt gibt es Böses und Gutes nebeneinander. Christus ist gekommen, um alle Menschen zu retten. Jedoch gibt es zum einen die Kinder des Lichtes, welche die Heilsbotschaft annehmen, und es gibt zum anderen auch die Kinder der Finsternis, die sich weigern, sie zu akzeptieren.

Wir geben zu, daß es selbst unter Christen sehr viele geben kann und tatsächlich auch gibt, die in Diensten der Macht des Bösen stehen. Auf der anderen Seite aber müssen wir anerkennen, daß sich auch außerhalb der Kirche Menschen finden, die auf der Seite Christi kämpfen, freilich ohne zu wissen und anzuerkennen, daß nur er wirklich befreit. Eine solche Kluft zwischen Gut und Böse zieht sich durch das Herz eines jeden Menschen. Wir alle spüren, wie Paulus, zwei Kräfte in uns, von denen die eine uns zur Freiheit ruft und die andere durch die Sünde uns versklavt. Aus diesem Sachverhalt folgt die Notwendigkeit ständiger Bekehrung…

Im Bereich des Bösen sind aber nicht alle „Wölfe in Schafspelzen“. Natürlich gibt es auch dort Leute mit guten Absichten. Wie Saulus, der die Christen verfolgte, oder wie der Hauptmann, der die Hinrichtung

Christi beaufsichtigte, stehen sie dort vielleicht aus barer Unkenntnis der Dinge… Unser Kampf darf sich nicht gegen Menschen richten, die alle unsere Liebe verdienen. Unser Kampf richtet sich vielmehr gegen Versklavung durch Sünde, Hunger und Ungerechtigkeit, deren die Menschen — häufig unbewußt — schuldig werden.

Die organisierten Kräfte des Bösen wollen den Schwachen und Armen, welche die Mehrheit des Volkes ausmachen, keine

Gottes Plan ist anders

Chance einräumen. Der kleine Mann soll nur das Allernotwendigste haben, um am Leben zu bleiben und den Mächtigen zu dienen. Im selben Augenblick, in dem er sich weigert zu dienen oder zu einem Steinen im Schuh des Großen wird, muß er verschwinden…

Gottes Plan ist anders. Gott schickte seinen Sohn Jesus als Hoffnung und Schutz für den Schwachen, den Unterdrückten und an den Rand Geschobenen…

Die Kirche hat dem Beispiel Christi zu folgen. Sie darf nicht die Hände in den Schoß legen, wenn Indianer ausgebeutet und von ihrem Land vertrieben werden und damit die indianische Kultur zerstört wird. Deshalb darf sie auch nicht den Kopf in den Sand stecken, wenn die Kleinen in einer Situation totaler Unsicherheit leben, die Armen hungern und Kinder an Unterernährung leiden… Wer sie mißhandelt, mißhandelt Christus selbst.

einige wenige von den guten, ja von den besten Dingen essen, während die Mehrzahl hungrig schlafen geht? Weshalb sollen nur einige wenige — ja sogar Ausländer — gegen Geld Tausende von Hektar Land erwerben können, um dort Vieh zu züchten und das Fleisch zu exportieren, während unser armes Volk das Stückchen Land nicht mehr bestellen darf, auf dem es geboren wurde, aufwuchs und seit Jahrzehnten lebt und arbeitet?

Weshalb liegt die Entscheidungsgewalt in der Hand einiger weniger?

Es gibt auch Leute, die das folgende Wort Jesu mißbrauchen: „Mein Königreich stammt nicht von dieser Welt. Wäre mein Königreich von dieser Welt, so würden meine Diener für mich kämpfen, daß ich den Juden nicht preisgegeben würde. Doch stammt mein Königreich nicht von hier.“ (Joh 18, 36). Diesen antworten wir: Obwohl wir nicht verkennen, daß wir den schönsten Teil des Reiches Gottes im Haus des Vaters erleben werden, weiß die Kirche jedoch auch, daß das Reich Gottes schon hier beginnt. Alle müssen wir daran mitarbeiten, daß das Volk „von weniger menschlichen Situationen zu menschlicheren Situationen“ gelangen kann.

Die Kirche darf keine Macht sein wie andere Mächte. Sie darf weder auf Kraft und Gewalt setzen, noch die Waffen benutzen, welche die Mächtigen tragen. Ihre Waffe ist das Kreuz! Ihre Kraft ist die Gnade Gottes. Um das Reich nicht dieser Welt, son-

Christus war der große Verteidiger der Menschenrechte. Er lehrt uns, daß wir alle geliebte Söhne und Töchter ein und desselben Vaters im Himmel sind. Untereinander sind wir also Brüder und Schwestern, mit der Pflicht und dem Recht, die geschaffenen Güter untereinander aufzuteilen.

Die Kirche bemüht sich schon seit langem, die Rechte des Schwachen, Armen, des Indianers und des ungeborenen Kindes zu verteidigen. Heute aber fordert sie für das Volk nicht mehr nur Almosen vom Überfluß, der ohnehin vom Tisch des Reichen fällt, sondern eine gerechtere Aufteilung der Güter insgesamt. Weshalb sollen nur

Zum Sterben bereit

dern Gottes zu bauen, müssen wir glauben, beten und vor allem leiden, ja sogar sterben…

Dies ist der Grund, weshalb sich niemand darüber wundern sollte, daß diejenigen, die das Evangelium befolgen, so heftig kritisiert und sogar des Kommunismus und der Subversion angeklagt werden…

Eine einfache Bestrafung Krimineller wird das Gewissen der Verantwortlichen nicht beruhigen können, solange das herrschende gesellschaftspolitische und wirtschaftliche

Krebsgeschwür

„Die Regierungen in Chile, Brasilien, Paraguay und Uruguay bilden mit ihrem Ruf und ihrer flagranten Verletzung der Menschenrechte ein Krebsgeschwür in Südamerika. Mindestens die Hälfte der Inhaftierten wird in Südamerika Folterungen unterworfen. Wo die Foltereinrichtungen unzureichend sind, werden besondere KZ-Lager nach dem Muster der Hitlerzeit errichtet.“
Der Präsident der Menschenrechtskommission der Organisation amerikanischer Staaten (OAS), Luis Reque, am 23. September 1976 auf dem 6. Jahreskongreß von Amnesty international in Strasbourg.

System nach wie vor eine Sozialordnung hervorbringt, die sich durch Ungerechtigkeit auszeichnet und Gewalttätigkeit begünstigt.

Was fordert Christus in Anbetracht all dieser Fakte (des kritisierten Systems, die in dem Hirtenbrief dargestellt sind, Red.) von uns?

„Habt keine Angst vor denen, die zwar den Körper töten, aber nicht die Seele töten können.“ (Mt 10, 28)

— „Wenn die Welt euch haßt, so wißt: mich hat sie vor euch gehaßt.“ (Joh 15, 18)

„Wehe mir, wenn ich die Wahrheit nicht sage, die ich gehört habe. Wehe mir, wenn ich schweige, obwohl Gott mir zu reden aufgetragen hat.“ (Liturgie).

Erst durch unser ständiges Bemühen wird wahr werden, was Johannes in der Geheimen Offenbarung schreibt: „Siehe, die Wohnung Gottes bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er, Gott wird mit ihm sein. Er wird alle Tränen von ihrem Angesicht abwischen. Und der Tod wird nicht mehr sein und kein Leid, kein Jammer und kein Mühsal. Denn alles Alte ist vergangen.“ (Apk 21, 3—4).

In diesem Sinne wollen wir, geliebte Brüder, auch weiterhin gemeinsam den Weg der Hoffnung gehen.

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