Lucas Aerospace
Beispiel einer englischen Arbeiter-Initiative für die Umstellung von Rüstungs- auf zivile Produktion
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BEISPIEL EINER ENGLISCHEN ARBEITER-INITIATIVE
FUER DIE UMSTELLUNG VON RUESTUNGS- AUF ZIVILE
PRODUKTION
Lucas Aerospace ist ein Teil des britischen multinationalen Konzerns Lucas Industries, die 80 000 Menschen in der Auto-, und Luftfahrtindustrie sowie anderen industriellen Sektoren beschäftigt. Wie bei jedem anderen multinationalen Konzern steht an erster Stelle die Erwirtschaftung von Profit in jeder erdenklichen Weise. Durch Anlässe wie die Ölkrise 1974 oder die Kürzung des Verteidigungssetats durch die Labour-Regierung zögert das Management nicht mit der Rationalisierung und hat grosse Teile des Kapitals und des technischen Know-Hows ins Ausland verlegt, wie z.B. nach Frankreich oder Brasilien. Allein bei Lucas Aerospace wurden im Zeitraum von 1970 bis 1974 ca. 6 000 der 18 000 Arbeiter entlassen. Zu Beginn dieses Jahres wurden weitere Entlassungen angekündigt. Es verwundert nicht wenn die Arbeiter sich Wege überlegen, wie sie ihren Arbeitsplatz erhalten können, besonders wenn man die andauernden Schwierigkeiten der britischen Wirtschaft und die hohe Zahl der Arbeitslosen kennt. Beachtenswert ist, welche Lösungsvorschläge von den Arbeitern dabei entwickelt wurden.
DAS "COMBINE SHOP STEWARDS COMMITTEE"
Die gegenwärtig 12 000 Beschäftigten von Lucas Aerospace verteilen sich auf 17 Betriebe. Jeder Betrieb hat seine eigenen Gewerkschaftsvertreter die unabhängig von den andern Betrieben ihre Probleme direkt mit dem Management besprechen können. 1972 jedoch bildete sich ein Verbindungskomitee der Shop Stewards (die Shop Stewards übernehmen zum Teil die Aufgaben unserer Betriebsräte, ansonsten entspricht ihre Stellung eher der unserer Vertrauensleute). Das Verbindungskomitee setzte sich aus den Vertretern der Gewerkschaften zusammen. Es dient dem Ziel, den Kampf für höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und Arbeitsplatzsicherheit zu koordinieren. Doch erst 1974 begann die Arbeit, an dem, was heute unter dem Namen "Corporate Plan" (frei übersetzt: Alternativ-Plan) bekannt ist. In jenem Jahr traf das Verbindungskomitee mit Tony Benn zusammen, dem damaligen Industrieminister der Labour-Regierung um über eine mögliche Verstaatlichung von Lucas Aerospace zu sprechen. Er erwähnte die Möglich-
keit von Kürzungen in gewissen Luftfahrt- sowie Militärprojekten und schlug dem Verbindungskomitee vor, sich Gedanken über alternative Produkte zu machen, um Entlassungen zu verhindern.
DER "CORPORATE PLAN"
Dieses Gespräch stellte den Beginn des Alternativ-Planes dar. Es waren 2 Jahre intensiver Arbeit der verschiedenen Betriebe nötig, um Möglichkeiten der Arbeitskraft, Kenntnisse, Technologie und Maschinen zu untersuchen. Die Suche nach alternativen Produkten brachte die Frage von sozial notwendigen Produkten auf. In diesem Zusammenhang sagte Terry Moran, Mitglied im Verbindungskomitee "Wir entdeckten, dass alte Leute noch immer vor Kälte sterben in einem sogenannten zivilisierten Land: Wir erkannten auch, dass eine Menge hinsichtlich der medizinischen Technologie getan werden könnte." Da jedoch auch ein Teil der Lucas Produktion auf Militärgütern beruht, galt es ebenfalls Alternativen zur Rüstungsindustrie zu erforschen. Daneben wuchs das Problem-Bewusstsein der Arbeiter zu Fragen der Umweltverschmutzung und Energie, der Ausbeutung und Entfremdung von Arbeit, der Arbeitslosigkeit von Frauen und Jugendlichen, der Technologie usw.
Die für die Erstellung des Planes geleistete Arbeit war enorm, denn nur ein wirklich praktizierbarer Plan würde vom Management angenommen, das nach wie vor einem kapitalistischen Konzern dient. Der Alternativplan wurde 1976 fertiggestellt. Er bot eine Produktionsumgestaltung der bisher hergestellten Produkte an, sowie die Umwandlung von Militärgütern zu sozial sinnvollen Gütern. Die Liste bestand aus 150 Punkten von hochtechnologischen Produkten bis zu gasbeheizten Wärmepumpen. Einige Vorschläge gelten dem medizinischen Bereich, andere dagegen betreffen direkt die Luftfahrt. Einige der Produkten sind nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten profitbringend, andere sind nützlich unter sozialem Gesichtspunkt.
ZU REVOLUTIONÄR ?
Der Alternativprogramm wurde von vielen als ein hervorragendes Stück gewerkschaftlicher Arbeit betrachtet: "Ueber das enge Wirtschaftsdenken (höhere Löhne, ohne politische Forderungen) hinausgehen – das die Aktivitäten der Gewerkschaften in der Vergangenheit charakterisierte – und die Forderungen erweitern bis hin zur Infragestellung von Produkten, die wir herstellen und die Art und Weise, wie wir sie herstellen." Der Alternativplan zeigte, "dass die Arbeiter bereit sind, sich einzusetzen für das Recht, Produkte herzustellen, die tatsächlich die menschlichen Probleme lösen, anstatt welche zu schaffen". Das Management jedoch lehnte den Plan rundweg ab, ohne jeglichen verständigen Grund. Sie
Zeichnung Jala
sagten, dass sie es nicht akzeptieren könnten, ‚dass Flugzeuge, seien es militärische oder zivile keine soziale Nützlichkeit hätten. Zivile Flugzeuge werden benötigt für Geschäfts- und Vergnügungsaktivitäten und es ist notwendig, Militärflugzeuge für die Verteidigung beizubehalten.‘
Der Alternativplan wird bis jetzt noch nicht für die Produktion eingesetzt, daher kämpft das Verbindungskomitee mit der Regierung, Parlamentsabgeordneten, Wirtschaftsfachleuten, Gewerkschaftlern u.s.w., um mehr Unterstützung in Grossbritannien und im Ausland zu erhalten. In der Zwischenzeit vermeidet es das Management, sich mit dem Verbindungskomitee auseinanderzusetzen und verfolgt die Politik ‚Teile & Herrsche‘, indem sie sich mit den einzelnen Gewerkschaften jedes Betriebs auseinandersetzt, um dadurch die bei den Arbeitern bestehenden unterschiedlichen Auffassungen über die Frage auszunutzen, wie der Plan in die Produktion eingesetzt werden soll.
WIRTSCHAFTLICHE UMGESTALTUNG
Für uns ist das Interesse an diesem Plan vielfältig. Es ist eine Abkehr von der profitorientierten Wirtschaft hin zu einer, deren Produktion stärker sozial orientiert ist. Es ist ebenso eine Abkehr von der normalen Gewerkschaftsarbeit, da die Arbeiter die Produkte in einen sozialen und politischen Zusammenhang bringen und in Frage stellen. Dies könnte erklären, warum die Gewerkschaften in der BRD zu dem Plan
nicht positiv reagierten. ‚Sie sagten, wir wären zu revolutionär‘, berichtete Terry Morgan. Es ist auch ein Beispiel dafür, dass Militärausgaben und Waffenhandel gekürzt werden können, ohne damit sofort Entlassungen herbeizuführen. Dies ist ein wichtiger Beitrag für unsere pazifistische Arbeit, da oft argumentiert wird, dass die Produktion von Rüstungsgütern eine wirtschaftliche Notwendigkeit ist.
Die Initiative von Lucas beginnt sich auch in anderen Betrieben herumzusprechen, und in einigen wenigen Betrieben beginnen ähnliche Kampagnen von Arbeitern, z.B. bei Chrysler (GB), wo die Produktionsweisen in Frage gestellt werden. In einigen Betrieben, die auch Rüstungsgüter herstellen, beginnen die Arbeiter, über mögliche Alternativen zu diskutieren, so z.B. bei Vickers, Rolls-Royce und der British Aircraft Corporation. In den USA gibt es Friedensaktivisten, die den Gedanken der wirtschaftlichen Umgestaltung aufgenommen haben. Sie betonen, dass die Produktion von Rüstungsgütern grosse Mengen an Kapital und Energie benötigt und dass durch Investitionen im zivilen Bereich mehr Arbeitsplätze geschaffen werden könnten wie: öffentliche Verkehrsbeförderung, Umweltschutz, Speicherung von Energie und alternative Energietechnologie. Untersuchungen laufen z.B. über die Electronics Industry in Santa Clara Valley/Californien, die stark von Aufträgen des US-Verteidigungsministeriums abhängig ist. (…)
B.Ridard/ K.H.Seng
KONTAKT
Lucas Aerospace Combine Shop Stewards Committee, c/o E. Scarbrow, 86 Mellow Lane East, Hayes, Middlesex/ England
Hier gibt es verschiedene englisch-sprachige Informationsbroschüren über die Initiative.
aus GRASWURZELREVOLUTION, Oktober 1978
P.S. Dieser Beitrag wurde aus Platzgründen von Monat zu Monat verschoben und ist inzwischen von der Aktualität überholt. U.a. Robert Jungk erwähnte in seiner kürzlichen Konferenz neue Entwicklungen bei Lucas Aerospace. Es war uns jedoch bis jetzt unmöglich Genaueres zu erfahren. Vielleicht kann einer unserer Leser uns weiterhelfen. Wir wären froh, über diese hochinteressante Initiative weiter informieren zu können. csst
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