Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.
Ueber den Fall Küng hat das Luxemburger Wort bisher zwar ergiebig, aber völlig einseitig berichtet; es gab jeweils nur die Argumente Roms bzw. der deutschen Bischofskonferenz wieder. Dagegen wäre an sich nichts einzuwenden, auch nichts gegen die eigenen Kommentare des LW und die Freien Tribünen bzw. Leserbriefe, wenn daneben auch einmal die andere Seite zu Wort käme: audiatur et altera pars! Wo bleibt da die journalistische Ethik? (Eine einseitige Küngreklame wäre natürlich geradeso abzulehnen.)
Als Zeugnis dieser unausgewogenen und letztlich den nicht oder nur schlecht informierten Leser irreführenden Berichterstattung kann man den "Fundamentale Mißverständnisse" betitelten Leitartikel von Hd. ansehen (LW vom 29.12.1979). Um es gleich vorweg und in aller Kürze zu sagen: die von Hd. diagnostizierten Mißverständnisse entbehren bei Küng jedweder Grundlage; Hd. aber steuert selbst einige massive Mißverständnisse bei.
So schreibt er z.B., der Glaube sei "nun einmal nicht persönliche Einsicht oder etwas wie ein Zweig der Naturwissenschaft". Wo und wann hat Küng das jemals behauptet? Hätte Hd. Küngs Buch "Existiert Gott?" gelesen, dann wüßte er, daß Küng dort alles versucht, um Glauben und Naturwissenschaft zu unterscheiden (so zwar, daß ihm von anderer Seite vorgeworfen wird, er mache es sich zu leicht, indem er versuche, den Glauben in den Lücken der Wissenschaft anzusiedeln; siehe Michel Pütz im "Lëtzeburger Land" vom 28.12.79).
Desweiteren schreibt Hd.: "Die Kirche ist kein Debat-
Zeichnung:
Norbert Lauer
tierclub; die Wahrheit des Glaubens ergibt sich (nicht) aus demokratischen Abstimmungen und zufälligen oder dauernden Mehrheitsverhältnissen". Aber auch das steht doch bei Küng keineswegs zur Frage. Nirgends hat er ähnliches verlangt.
Dagegen wirft Hd. einige Fragen auf, die er völlig mißverständlich behandelt bzw. beantwortet. So verlangt er z.B. von Küng "auf eindeutige Fragen unmißverständliche Antworten". Er denkt dabei wohl an katechismusartige Fragen wie: Ist Jesus Gott, ja oder nein? Ist der Papst unfehlbar, ja oder nein? Er scheint aber noch nicht bemerkt zu haben, daß für Küng und viele andere Theologen, wie z.B. Karl Rahner, diese Fragen gar nicht so klar und eindeutig
sind, wie sie auf den ersten Blick vielleicht scheinen. Ehe Küng auf diese Fragen antworten will und kann, fragt er zuerst einmal: Was heißt das überhaupt: Jesus ist Gott, d.h. der Mensch Jesus ist zugleich Gott? Wie ist das zu verstehen? Das gleiche gilt für die Frage nach der Unfehlbarkeit des Papstes. Auch hier lautet die unausweichliche Vorfrage: Was bedeutet das: Unfehlbarkeit? Wer ist ihr Träger? Worauf bezieht sie sich genau?
Dazu gesellen sich dann noch weitere Fragen: Kann man die dogmatischen Behauptungen, in ihren tradierten Formulierungen, den heutigen Menschen ohne weiteres zumuten? Wie soll man das vor langen Jahren definierte Glaubensgut den Menschen unserer Zeit nahe bringen? Wollte Küng auf solche vermeintlich eindeutige Fragen angeblich unmissverständliche Antworten geben, würde er gerade dann nicht in eine (ansonsten von Hd. gerügte) Verwechslung von Glaubenssätzen mit naturwissenschaftlichen, exakten, beweisbaren Aussagen verfallen? Komplexe Fragen so zu vereinfachen, wie Hd. das verlangt und tut, diese ‚terrible simplification‘ läuft zumindest auf ein Missverständnis hinaus, wenn nicht auf eine regelrechte Irreführung.
Sodann weiss Hd. sich beim besten Willen ’nicht vorzustellen, was hier die Forschungsfreiheit soll‘ sowie die Menschenrechte. Nun, was letztere anbelangt, so spielen sie im Fall Küng eine manifeste Rolle. Wenn nämlich das kirchliche Lehramt zwar sicher das Recht hat, Theologen und ihre Schriften auf ihre Rechtgläubigkeit hin zu untersuchen, so ist doch damit noch kein Freibrief gegeben für die Art und Weise, wie das geschehen soll. Und hier ist sehr wohl die Frage nach den Menschenrechten am Platze. Hier darf die Kirche nicht tun, was und wie sie will, auch nicht mit dem völlig irrigen und den Geist des Evangeliums verhöhnenden Argument, wem es in der Kirche nicht gefalle, könne ja frei aus ihr austreten, ’niemand ist gezwungen, in der Kirche zu bleiben‘ (Kardinal Höffner im LW vom 5.1.1980).
Jedenfalls darf und muss man sich die Frage stellen, ob die aktuelle Prozedur solcher Untersuchungen gegen Theologen, menschenrechtlich gesehen, zu verantworten ist. Fest steht dass, entgegen allen anderslautenden Behauptungen von seiten der deutschen Bischofskonferenz z.B. Küng keineswegs sich einer lehramtlichen Prüfung seiner Thesen entziehen will, er weigert sich nur, die obscurantistische römische Prozedur mitzumachen, er besteht auf einem öffentlichen Disput (welcher bezeichnenderweise von Rom abgelehnt wird). Die Hd’sche Abwehr der Menschenrechte in diesem Zusammenhang scheint mir jedenfalls höchst missverständlich.
Was soll es nun mit der Forschungsfreiheit? Auch diese Frage stellt sich in eminenter Weise, aber nicht so wie Hd. sie aufwirft: als ob Lehr- und Forschungsfreiheit hiesse, man könne, egal was es auch immer sei, vom Pult herab in die Welt hinausposaunen. So wie Küng diese Freiheit aufzufassen scheint, bedeutet sie vielmehr: der Theologe hat das Recht, auf eine persönliche Weise an die überlieferten Inhalte heranzugehen; er hat das Recht, Fragen zu stellen, auch wenn es sich um kritische Anfragen handelt (siehe hierzu den Untertitel zu Küngs Buch über die Unfehlbarkeit); er hat das Recht und die Pflicht, den Glauben den Menschen in der Welt, in der sie tatsächlich leben, d.h. in der heutigen Welt, nahe zu bringen und plausibel zu machen; schliesslich hat er auch die Pflicht, etwaige Schwierigkeiten, Dunkelheiten
‚Der Sinn, den die Glaubensaussagen enthalten, hängt zum Teil von der Aussagekraft der angewandten Sprache -in einer bestimmten Zeit- unter bestimmten Lebensverhältnissen ab.‘ Daraus ergibt sich, dass ‚Formeln des kirchlichen Lehramtes nicht zu allen Zeiten in gleichem Masse ‚geeignete‘ Formeln bleiben müssen, man muss immer mehr an ihnen erklären‘, und gelegentlich hat man sie auch ‚durch neue Ausdrucksweisen‘ ersetzt, die ‚vom kirchlichen Lehramt selbst eingeführt wurden‘.
(Erklärung der Glaubenskongregation vom 5.7.1973 (zum Fall Küng) über die Kirche, die gegen einige heutige Irrtümer zu verteidigen ist, zitiert nach: Orientierung 37 (1973) pp.151sq.)
oder gar Ungereimtheiten in den Glaubensinhalten aufzuhellen. Und hier ist zu sagen, dass die dogmatischen Formulierungen Anlass geben zu mancherlei Untersuchungen.
Sie sind unter besonderen historischen Umständen und Fragestellungen entstanden, in einer bestimmten, historisch bedingten Sprache ausgedrückt worden. Kann der Sinn dieser Dogmen verständlich sein, ohne die Kenntnis dieser Geschichte? Kann man sich begnügen, sie ohne weiteres heute zu wiederholen? Muss man nicht auch öfters das heute bestehende Verständnis dieser Formeln aufgrund des historischen Wissens, sogar korrigieren, weil in Laufe der Zeit der bedeutungswandel der Grundbegriffe diese Formeln zumindest missverständlich gemacht, wenn nicht sogar in ihr Gegenteil gekehrt hat (man denke z.B. an die Begriffe ‚Natur‘ und ‚Person‘ im Dreifaltigkeitsdogma).
Hier haben Theologen nicht nur eine Lehraufgabe, sondern eine für den Glauben lebenswichtige Forschungsaufgabe, in der sie, trotz aller Rückbindung an das Lehramt, frei bleiben sollen. Damit ist nicht gesagt, dass die Resultate solchen Forschens ohne weiteres gutgeheissen werden müssen. Aber die Kirche müsste sich eine neue Kontrollprozedur einfallen lassen, welche der Forschungsfreiheit und mit ihr den andern Menschenrechten Rechnung tragen würde. Wer aber so radikal wie Hd. die Forschungsfreiheit in Frage stellt ‚beim besten Willen weiss ich mir nicht vorzustellen, was hier die Forschungsarbeit soll‘, wer wie er den Theologen (nicht nur Küng) unterstellt, sie wollten ‚das Hysterium des Gottmenschen beweisen‘ oder ‚etwas anderes lehren als gestern und vorgestern‘ statt einfach den ‚alten Glauben dieser Gemeinschaft zu bestätigen‘, der muss sich fragen lassen: Was soll dann noch Theologie?
Wenn man die Ausführungen Hd’s liest, hat man den Eindruck, seiner Meinung nach sei in Sachen Glaubensinhalten alles gesagt und alles klar: den Menschen bleibt nur übrig, den festgefügten Katalog der Glaubensartikel anzunehmen, oder eben nicht. Er scheint nicht bemerkt zu haben, dass einige theologische Fachgebiete, wie Dogmengeschichte und Exegese (Bibelauslegung) z.B., die gesamte Theologie in Bewegung gebracht haben, so dass auf die alten, einseitigen Fragen nicht mehr ohne weiteres mit einem klaren Ja oder Nein geantwortet werden kann. Dazu kommt, dass auch die Welt um uns herum, die Meinungen und Theorien, die Mentalitäten und Kulturen, die Erfahrungen und Weltherrationen, die Sprachgebräuche und Bedürfnisse sich fundamental gewandelt haben. Für den Glauben heisst
Und dass Glaubenszweifel durch das Fehlen einer solchen Disziplin verursacht seien, ist weder beweisbar noch auch sehr einleuchtend. Eher könnte man annehmen, dass in dem religiösen Interesse, das durch theologische Diskussionsbeiträge geweckt wird, auch Momente der Gläubigkeit überdauern, die der Katechismus nicht mehr am Leben erhält.
in: NZZ, 21.12.79
das, dass entweder die überlieferten Inhalte neu untersucht und neu ausgedrückt werden, oder aber, dass man an den alten Formeln und Fragestellungen festhält.
Dann aber, im letzten Falle, muss man sich nicht wundern, wenn den Menschen von heute dieser Glaube abhanden kommt, ihnen sozusagen unter der Hand langsam und unbemerkt hinwegstirbt, weil er völlig beziehungslos geworden ist zu ihrem täglichen Leben. Die Tragik will es, dass Rom jetzt gerade solchen Theologen den Prozess macht, Küng, Schillebeeckx, nächstens wohl auch Leonardo Boff u.a. die nicht ohne Erfolg versuchen, den christlichen Glauben den heutigen Menschen in ihren konkreten Lebensumständen nahe zu bringen. Diesen Bemühungen macht Rom nun anscheinend systematisch den Garaus. Aber man glaube ja nicht, dem auf diese Weise beschleunigten Glaubenssterben könne Aufhalt geboten werden durch einige sensationelle Reisen und Auftritte des neuen Medienstars Johannes Paul II.
Hubert Hausemer
Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.
Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!