Trotzdem ein Bestseller

Zur Neuerscheinung von Paul Cerf

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Vor einiger Zeit erschien ein von vielen als notwendig empfundenes Werk zur Zeitgeschichte:

Paul CERF: De l’épuration au Grand-Duché de Luxembourg après la seconde guerre mondiale.

Wie schon Christian Calmes in seiner Besprechung im LW vom 26.4.1980 bemerkt, zeugt der langatmige Titel von den Schwierigkeiten des Verfassers, das Thema präzise zu umreißen. Das gleiche zeigt sich bei den langwierigen negativen Eingrenzungen im Vorwort (S. 12). Trotz der Verneinungen werden die angesprochenen Themen, -die alle noch einer kritisch-wissenschaftlichen Aufarbeitung harren- dennoch des öfteren mal kürzer, mal länger beleuchtet.

Ein kurzer Blick auf den Inhalt ergibt, dass neben der Hauptproblematik der Epuration (S.87-228) noch Fragen der Vorkriegsnazi in Luxemburg (S.15-22), der Volksdeutschen Bewegung (S.23-26), der Politischen Leiter (S.33-79), der allgemeinen Atmosphäre während der Besatzung (S.80-86), des Verhaltens einer gewissen Anzahl sozialer Gruppen (Abgeordnete, Magistratur, Klerus, Gendarmen, Künstler, Industrielle) (S.87-162) behandelt werden. Den Abschluss bilden einige Dokumente, deren Zusammenstellung das Werk abrunden (S.231-253).

Bei der Lektüre des Buches ergibt sich jedoch für den interessierten und informierten Leser kein geschlossenes Werk, sondern es wird eher der Eindruck einer mehr oder weniger gelungenen Collage von bereits früher vom Autor -in der Revue und Hemechtveröffentlichten Aufsätze erweckt. Es scheint, als ob der Autor mit allen Mitteln versucht habe, diese Aufsätze -die auch jetzt noch ihren journalistischen Grundanstrich behalten- mit nur wenigen Veränderungen in dieses Werk zu integrieren. Dieser Eindruck wird noch dort verstärkt, wo ohne direkt ersichtlichen Grund (‚remarquons en passant‘) oft seitenlang aus anderen Werken referiert wird (Vgl. z.B. S.30/31). Allzu oft entstehen dadurch stilistische und inhaltliche Brüche. Titel und Inhalt des Werkes entsprechen sich in diesem Sinne sehr wohl.

Sicherlich lag die Hauptschwierigkeit einer Darstellung der Epuration in Luxemburg in erster Linie darin, dass die deutsche Besatzungspolitik und die Kollaboration bis heute nicht gründlich und mit wissenschaftlicher Genauigkeit untersucht worden sind. Leider ist die Zeitgeschichte in Luxemburg nur von (zeitgeschichtlich) interessierten Journalisten in Abhandlungen – von unterschiedlichem Erkenntniswert- untersucht worden. Dabei haben in erster Linie historische Daten (10.Mai 1940, 10.Oktober 1941, September 1942, 10. September 1944) und militärische Ereignisse das Interesse der Forscher wie der Leser gefesselt.

Es bleiben denn auch bei Cerf unzählige Fragen ganz oder teilweise unbeantwortet, besonders da weder aus den Anmerkungen, noch aus der Bibliographie hervorgeht wo der Autor seine Informationen hernimmt. Nur

schwer lassen sich auf persönlicher Erfahrung basierende Meinungen von dokumentarisch untermauerten Erkenntnissen unterscheiden. Es wäre sicherlich für kommende Historiker eine grosse Hilfe zu wissen, ob und wo der Autor authentische Quellen benutzt hat. Der Verfasser, der in einem RTL-Interview behauptete, jede seiner Äusserungen sei belegbar, hätte dies auch tun sollen: er hätte diese zeitgeschichtlichen Forschungsergebnisse für jedermann nachprüfbar gestaltet, was den Wert des Werkes sicherlich erhöht hätte. Dass Cerf seine Quellen weder vorstellt, noch kritisch beleuchtet, dass Sekundärliteratur nur an einigen Stellen als Informationsquelle genannt wird, obschon ganze Kapitel auch an verschiedenen Stellen des Buches den Gedanken eines anderen Autors folgen, lässt den wissenschaftlichen Wert des Werkes fast auf den Nullpunkt sinken. Es ist ebenfalls ein zumindest fragwürdiges Vorgehen, die verschiedenen Typen von Kollaborateuren in Luxemburg nur am juristischen (Todes-) Urteil zu messen. Für die Frühgeschichte der VdB (Mai-Oktober 1940) und damit wohl auch der Kollaboration hätten z.B. die Akten über die Distriktleiter Didesch, Cresto, Kayser wesentlich mehr Aufschluss geboten. Wer die ‚Nacht der Ortsgruppenleiter‘ ermessen will, täte gut daran, sich nicht nur auf 4 besonders aktive Kollaborateure zu beschränken. Dazu kommt, dass die Gerichtsakten den jeweiligen Angeklagten zwangsläufig nur unter dem Gesichtspunkt seiner Schuld bezw. Umschuld im Sinne der Gesetze darstellen; grössere Zusammenhänge wie der Einfluss der ‚Flucht‘ der Regierung oder der Siege der deutschen Truppen auf unvorbereitete Geister fehlen hier. Die Frage Wie wird einer zum Kollaborateur? wird nicht gestellt.

Bei dem Versuch eine Typologie der Kollaboration aufzustellen vermisst man Hinweise auf das grundlegende Werk von Werner RINGS: Leben mit den Feind. Anpassung und Widerstand in Hitlers Europa 1939-1945. Wie übrigens auch erstaunlicherweise das Werk von Paul SERANT: Les vaincus de la libération nicht zitiert wird. Von Seiten der neonazistischen Literatur fehlt das zusammenfassende Werk von Werner BROCKDORFF: Kollaboration oder Widerstand in den besetzten Ländern.

Zur juristischen Grundlage der Epuration hätte eine vergleichende Analyse der Lage in Belgien, Frankreich den Niederlanden und Luxemburg sicherlich mehr zum Verständnis beigetragen, als die Zitate der alleinigen Argumente von Lambert Schaus (S.36-38). Gleichzeitig hätten Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Epuration der europäischen Länder klarer dargelegt werden können, als dies mit einigen Zahlen möglich ist (S.77).

Die Problematik der wirtschaftlichen Kollaboration erscheint meines Erachtens zu sehr auf die Person von Aloyse Meyer fixiert. Überhaupt fehlt auch hier eine vergleichende Globalanalyse der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik im Saar-Lor-Lux-Dreieck. Einige Schlüsseldokumente hierzu hätten sehr

-Sei doch ehrlich: wenn wir die Nazis nicht hätten, hätten wir die Kommunisten!-

leicht z.B. bei EICHHOLTZ: Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939-1945, Bd.1, 1939-1941 gefunden werden können. Einblick in das Verhalten der belgischen Wirtschaft hätte das Werk von GILLINGHAM: Belgian Business in the Nazi New Order, bieten können. Dies hätte vielleicht erlaubt, zu überprüfen, ob denn deutsche Banken versucht haben -mit oder ohne Erfolg-, durch Aktientransaktionen Einfluss auf die ARBED zu gewinnen (Vgl.S.148). Was konnte Meyer tun? Wo lag seine Verantwortung? Die Personalisierung der Epuration hat leider in vielen Fällen zu stark auf die Analyse der Gesamtlage abgefärbt.

Bei der Untersuchung des Verhaltens einzelner sozialer Gruppen fehlt die Begründung, weshalb z.B. die Volksschullehrer, die Professoren, die Freiwilligenkompanie, die Bauern, die Handwerker, die Sportler usw. nicht berücksichtigt wurden. Bei den dargestellten Gruppen drängen sich viele Fragen auf. Gab es wirklich nur zwei (2) Künstler die kollaboriert haben? Gibt es zur Lage der Gendarmen nur ihre eigene Darstellung und sonst nichts? Gelten die Aussagen der Abgeordneten z.B. Hentges (S.156), ohne dass sie hinterfragt werden bräuchten? Welches war die Entstehungsgeschichte des Epurationsministeriums? Wie waren die Kommissionen zusammengesetzt? Wer war die treibende Kraft der Epuration? Welche offizielle Haltung vertrat die Regierung? Der britische Botschafter Sir Knatchbull-Hugessen berichtet z.B. in seiner "Despatch Nr.2" vom 20.April 1945 an den Aussenminister Eden: "…it would be an exaggeration to use the word "collaborated" as I understand there were very few cases which went so far." Dieser Meinung entspricht dann auch das offizielle Resultat der Verwaltungsepuration: 8% Patrioten, 7% Kollaborateure, 85%

passive Mitläufer, Mitresistenzler oder ??? Welche Rolle spielte die Union in der Epuration? Welche Ziele verfolgte sie? Leider bleibt der Autor die Antwort schuldig (S.178).

Bei der Analyse der Übergriffe der Ordnungskräfte gegen die festgenommenen Kollaborateure überrascht der Autor mit seiner kriminalistisch genauen Untersuchung eines jeden Falles. Lag hier besser aufgearbeitetes Material der Justizverwaltung vor? Eines scheint sicher: Hierzu wird in Zukunft kaum Neues gesagt werden können.

Die Geschichte der Kriegsverbrecherprozesse bleibt allerdings noch zu schreiben. Es ist sicherlich falsch zu behaupten, die wichtigsten Vertreter der CdZ-Verwaltung mit Ausnahme des Gauleiters seien in Luxemburg verurteilt worden. Der ständige Vertreter des CdZ, Regierungspräsident Dr. Münzel sowie der Oberbürgermeister der Stadt Luxemburg Dr. Hengst, um nur 2 zu nennen, wurden weder angeklagt noch verurteilt. Münzel war tot; Hengst aber sass im Grundgefängnis. Weshalb wurde hier keine Anklage erhoben? Den Landräten wurde immerhin der Prozess gemacht!!

Wieviele Prozesse gegen Deutsche gab es? Welche Urteile wurden gefällt?

Auf der formalen Ebene hat der Autor sich leider an einige in Luxemburg weit verbreitete Unsintern gehalten.

Es ist nämlich unverständlich, wenn in einem Werk zur deutschen Besatzung zwar deutsche Dokumente benutzt, sie sogar reproduziert (z.B. S.29), dann aber in der Darstellung nur französische Übersetzungen wiedergegeben werden. Erstens geht damit wie mit jeder Übersetzung ein Teil des Inhalts verloren, und zweitens besteht überhaupt kein Grund den Luxemburgern und besonders der Jugend das Nazideutsch vorzuenthalten. Sollte für einige der deutschen Sprache nicht mächtige Bürger dieses Landes eine Übersetzung nötig sein, so gehört sie in eine Fussnote.

Als eine Spielerei des Autors muss sein Umgang mit Personennamen angesehen werden. Die Anonymität bleibt nur gewahrt, wenn man nur die Initialen nennt. Namensänderungen, die kaum welche sind -aus Argendorf wird Argenstadt- erscheinen unseriös, verspielt, ja kindisch. Die Problematik des Schutzes der Person wird nicht diskutiert! Wann hat der Historiker es mit einer "Person der Zeitgeschichte" zu tun, wann muss er auf die Pikanterie der Namensnennung verzichten? Dies scheinen mir grundsätzliche Fragen, besonders bei einem Thema in dessen Mittelpunkt Personen stehen.

Fotos wurden unkenntlich gemacht, aus Dokumenten (z.B. S. 182) lässt sich aber einwandfrei die Identität eines Festgenommenen ersehen!! Bei den Bilddokumenten fehlen leider die begründenden und erklärenden Legenden. Nur stellenweise passen die Bilder zum Text. Was soll z.B. das Bild auf S.96? Weshalb die Häufung fast gleichartiger Bilder auf den Seiten 176/77? Die Quantität ersetzt sicher nicht die Qualität. "Bilderbücher" sind hoch im Kurs, aber vielleicht wäre mit einer Neuauflage der Bücher von Tony KRIER: Luxembourg Martyr, dem Bedürfnis nach Bilddokumenten besser entgegenzukommen. Leider sind dem Autor trotz eines Dokumentalistenteams einige Fehler unterlaufen. -Sinner war nicht Ortsgruppenleiter in Bonneweg, sondern in Hollerich (S.78)

-Trotz der fast völligen Ausschaltung der Luxemburger von führenden Posten, gab es doch einen luxemburgischen Kreisleiter, nämlich den Ex-Distriktsleiter der VdB, Rüdiger Cresto.

Eine letzte Frage blieb leider ungestellt. Wie verhielt es sich mit der Entnazifizierung in Luxemburg?

Gab es solche Bemühungen, oder war das nicht nötig?
Gab es in der Zeit von 1933 bis 1950 nicht auch in
Luxemburg Tendenzen zum Autoritarismus, Faschismus,
Korporatismus und Antisemitismus? Wurde hier eine E-
puration versucht oder waren die Luxemburger dagegen
immun?

Viele Fragen wurden nicht gestellt, mehr noch, nicht beantwortet.

Sicherlich konnte der Autor nicht alle stellen und
beantworten, sein Buch wäre noch teurer geworden.
Sein Versuch, das Feld abzustecken, mag als gelungen
angesehen werden. Leider ist dies aber nur eine Vor-
stufe der historischen Forschung und Analyse. Man
muss den Mut des Autors zu diesem ‚heissen Eisen‘
zu greifen, anerkennen, man sollte das Resultat trotz
allem nicht überbewerten. Paul Dostert

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