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Eine kirchliche Gemeinschaft in der Nachfolge Jesu hat es hinzunehmen, wenn sie von den ‚Klugen und Mächtigen‘ (1 Kor 1,19-31) verachtet wird. Aber sie kann es sich – um dieser Nachfolge willen – nicht leisten, von den ‚Armen und Kleinen‘ verachtet zu werden, von denen die ‚keinen Menschen haben‘ (vgl. Joh. 5,7). Sie nämlich sind die Privilegierten bei Jesus, sie müssen auch die Privilegierten in seiner Kirche sein. Sie vor allem müssen sich von uns vertreten wissen.

Text der Deutschen Synode

Als Seelsorger bei Daimler Benz

Das folgende Interview wurde zwar schon 1975 aufgenommen und im ‚Bulletin d’information de la ‚Jugendpor Lëtzebuerg‘ Nr. 6-7/12.7.1975 veröffentlicht. Es hat u.E. aber nichts an Aktualität eingebüßt, so dass wir hier mehrere Auszüge wiederholen möchten. Paul Schobel ist Industriepfarrer in Böblingen/Sindelfingen (BRD) und Autor des anderorts besprochenen Buches ‚Dem Fliessband ausgeliefert‘. Er hat dreimal selbst im Daimler-Benz-Werk gearbeitet.

jp: Wie würden Sie ihre Erfahrungen als Seelsorger in der Arbeitswelt zusammenfassen?

Schobel(Sch): Zunächst möchte ich feststellen, dies ist zunächst ein Problem der Identität mit dem arbeitenden Menschen, die man erreicht oder nicht erreicht. Diese Identität fällt natürlich sehr schwer, wenn es um den eigentlichen Produktionsarbeiter geht; denn dort ist der Zugang zunächst blockiert. Viele Vorbehalte gegenüber der Kirche; aber nicht nur gegenüber der Kirche, sondern überhaupt gegenüber dem bürgerlich denkenden und lebenden Menschen. Dort tangieren meine Versuche eigentlich lediglich jene Erfahrung, die ich eben selber im Betrieb gemacht habe; d.h. wo ich im Betrieb selber mitgearbeitet habe. Von dort resultieren auch meine Kontakte, die jetzt über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren systematisch weitergeführt werden konnten. Im Lauf dieser Zeit konnte ich dann den sog. ‚Daimler-Treff‘ initiieren. Der Stamm der Leute, die heute in diesem Treff mitarbeiten, stammen aus meiner Zeit als Arbeiter.

jp: Im nachhinein würden Sie die Zeit als Fliessbandarbeiter als unabdingbar für Ihre Arbeit einschätzen?

Sch: Ich neige dazu, denn jede sporadische Begegnung oder noch so gut gemeinte Hausbesuche erreichen nie den Effekt.

jp: Mission ist wohl das Charakteristikum Ihrer Arbeit. Wenn man das Verhältnis von Kirche und Kapital in der BRD kritisch reflektiert – wie es etwa die Synodenvorlage ‚Kirche und Arbeiterschaft‘ tut – drängt sich ein anderes Rollenbild auf; nämlich das des Lückenbüssers für das Verhältnis der Arbeiterschaft zur Kirche. Sehen Sie sich seitens der Kirche in eine ähnliche Rolle gedrängt?

Sch: Nun, als Lückenstopfer wäre ich zweifellos überfordert, das kann man gar nicht, so gross ist die Lücke zwischen Kirche und Arbeiterschaft; Wohl aber ist die Gefahr sehr stark, dass man im Sinne eines Feigenblattes missbraucht und ausgehängt wird, um wiederum zu dokumentieren: wir tun

ja etwas. Das Kapital bezw. die Unternehmerschaft hat sicherlich Notiz von meiner Arbeit genommen. Es kam auch schon hinter verschlossenen Türen zu Auseinandersetzungen. Ich weiss auf jeden Fall, dass ich auf Betreiben der Werksleitung bei ‚Daimler‘ relativ unwillkommen bin. Andererseits halte ich den Spielraum, den man bei der Arbeiternehmerschaft hat, für sehr, sehr gross und die Möglichkeiten, die sich dort ergeben, für relativ real.

jp: Bei anderer Gelegenheit haben Sie davon gesprochen, dass Sie aufgrund Ihrer Erfahrungen von einem Gesellschaftsmodell der Klassengegensätze ausgehen. Halten Sie diese These weiter aufrecht?

Sch: Das halte ich nach wie vor aufrecht. Obwohl ich die alten marxistischen Klassen modifizieren muss in einzelne Schichtungen und Untergliederungen. Aber erkennbar ist dieser Gegensatz nach wie vor, und ich halte das Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit für die zentrale Frage, die nach wie vor ungelöst im Raume steht.

jp: Wie zeigt sich das konkret bei der Arbeit (Akkordarbeit)?

Sch: Es zeigt sich vor allem darin, dass die Wettbewerbssituation und die Abhängigkeit bis auf den letzten Arbeitsplatz regieren; d.h. der Konkurrenzkampf – das ‚hochheilige‘ Mittel dieses Wirtschaftssystems – wird hinabgetragen bis zu den unteren Arbeitsschichten, wo der einzelne sich in einer mörderischen Situation wiederfindet: Akkord = (Leistungslohn), überzogene Leistungsforderungen auf einem überfüllten Arbeitsmarkt, ältere

Arbeitnehmer, schwächere Menschen, ausländische Arbeiter usw. Zum anderen gibt es die psychologischen Folgen für den Arbeiter selbst: er fühlt sich als einer der ausgenützt und ausgebeutet wird, er registriert sehr genau, dass andere besser situiert sind – sowohl vom Geld her (Beamten) oder vom Arbeitsprozess her; im Grunde legt der Arbeiter noch überraschend viel Arbeiterbewusstsein an den Tag, auch wenn es manchmal nur sehr unterschwellig vorhanden ist.

jp: Die Wettbewerbsituation und das daraus resultierende Konkurrenzdenken ist ja sicherlich einer der wesentlichen Heimschuhe, um einen Solidarisierungsprozess in Gang zu bringen. Was unternehmen Sie in dieser Richtung?

Sch: Ich bin sehr stark auf die Gewerkschaften zugegangen; dort habe ich zunächst noch sehr viel Verwunderung erlebt, auch zunächst einmal Reserviertheit, vielleicht anfänglich sogar etwas Aversion. Aber ich glaube, es ist inzwischen in einem sehr guten Mass gelungen, bei den Gewerkschaften mehr Vertrauen zu erwecken. Es kam schon zu gemeinsamen Aktionen, z.B. bei einer Betriebsschließung. Wir führen auch gemeinsame Betriebsveranstaltungen durch. Oder ich habe es schon geschafft die Betriebsräte oder Gewerkschaftsfunktionäre an diese Gruppen heranzuführen, so dass sie hier einer Basis begegnen, die sie sonst im Betrieb kaum haben, weil sie auch schon in einer gewissen Entfremdung leben; sie sind selber schon ein Stück weit von der Basis weg, so dass sie die Probleme der Arbeiter kaum noch kennen. Also in der Richtung bin ich auch schon ein wenig weiter gekommen. Ich glaube, dass ich nicht übertreibe, wenn ich sage, dass sich hier im innerbetrieblichen Klima schon einiges verbessert hat, dass sich die Leute inzwischen sehr viel Wissen angeeignet haben, daß es zu ersten kleinen Versuchen kommt, einige Dinge zu ändern durch mehr Wissen, um ihre Rechte durchzusetzen.

jp: Der Normaltyp einer Gemeinde ist ja wohl der einer bürgerlich-mittelständischen christlichen Gemeinde. Wie schätzen Sie angesichts dieser Gemeinden Ihren Versuch einer Arbeitergemeinde ein? Verstehen Sie sich gegenüber diesen Gemeinden als ein kompromissloses Anti oder versuchen Sie die Anliegen der Arbeitergemeinde in die bestehenden bürgerlich gefärbten Gemeinden zu integrieren?

Sch: Ich will keine Gegenkirche aufbauen. Die Integrierung stösst andererseits auf natürliche Grenzen; sie wird nur ganz beschränkt möglich sein. Ich selber versuche in meiner Funktion, die ich als Kaplan auch in der Territorialgemeinde ausübe, das Problem der Arbeiterschaft auch dort hineinzutragen. Was ich aber nun echt versuche mit dieser neuen Personalgemeinde, ist, dass ich neben der vorhandenen Territorialgemeinde eine zweite Gemeinde bauen möchte. Das erkläre ich als mein Ziel: eine Arbeitergemeinde im Stil einer offenen Gemeinde, dass sich einfach Leute, die die Merkmale eines Arbeiters tragen, hier im Sinne der Gemeinde versammeln. Gemeinde aber von sehr spezifisch arbeitenden Gruppen, die sich gemeinsam dann auf anderer Ebene, z.B. in der Eucharistie, begegnen. Bezüglich der Eucharistie haben wir die ersten Versuche hinter uns, die uns sehr ermutigt haben.

jp: Wobei der Schwerpunkt der Arbeit nicht unbedingt auf Gottesdienst oder Eucharistiefeier läge, sondern im Bildungskonzept, das der Gruppenarbeit zugrundeliegt.

Sch: Genau. Im Aufarbeiten der eigenen Situation,

in: Publik-Forum Nr. 7/78

in der Bewusstseinsbildung, in der Bildung überhaupt.

jp: Es hat sich ja gerade in katholischen Verbänden eine Tradition im Bildungssektor herausgebildet, die sich vorwiegend an den Mittelschichten orientiert. Wie verstehen Sie ihr Bildungskonzept. Geht es dabei auch um die Herausbildung von Klassenbewusstsein?

Sch: Die Inhalte, bezw. die Zielrichtung, die ich damit verbinde, wäre etwa die von Ihnen zuletzt genannte Möglichkeit: nämlich soviel Bewusstsein zu schaffen, dass möglicherweise der Gedanke der Veränderung damit im Zusammenhang steht.

jp: Sie verstehen das auch als Aufklärung über die eigene Situation?

Sch: Genau. Hier versuchen wir dann auch den Blick zu öffnen, um auch wirtschaftliche und politische Zusammenhänge herzustellen.

jp: Hier ist doch sicher ein kritischer Punkt Ihres Modelles. Sie haben doch alle Fäden fast allein in der Hand. Verstehen Sie sich eher als ein Impulsator oder Moderator verschiedener Interessen in der Gemeinde?

Sch: Das eine schliesse das andere nicht aus. Mir würden beide Begriffe für meine derzeitige Rolle gefallen. Ein Problem ist allerdings da: zur Zeit bin ich vor allem der, der den alleinigen Überblick hat über alle Aktivitäten, denn die einzelnen Gruppen wissen zunächst nur von sich selber. Ich halte den derzeitigen Zustand für völlig ungenügend, weil es sonst auf einen neuen Klerikalismus hinausliefe. Später müssen unbedingt andere Gemeindemitglieder meine Aufgabe übernehmen.

(…)

jp: Wenn Sie Anwalt der Arbeiter sein wollen, impliziert dies doch auch den Kampf gegen die Stärkeren, bzw. die Stärkung der Schwächeren.

Sch: Die Kampfsituation ist zweifellos da. Die Gretchenfrage: Klassenkampf ja oder nein? würde ich so beantworten, dass ich den Klassenkampf für vorhanden betrachte. Wie er geführt wird, wie er letztlich entschieden wird, das ist eine Frage die für mich persönlich von einer Seite her gefährlich wird, nämlich vonseiten der Gewalt. Aber das ist meine persönliche Meinung. Aber dass man nun so schnell von einer Partnerschaft, einer Tarifpartnerschaft träumen kann, das halte ich für so illusorisch, dass für mich das Wort Partnerschaft zunächst keine Rolle spielt. Vielmehr kommt es auf die Stärkung des Schwächeren an, demjenigen, der am kürzeren Hebel sitzt, damit er

überhaupt konfliktfähiger und kampfbereiter wird.

(…)

jp: Wie sähe Ihr Experiment Arbeitergemeinde optimal aus?

Sch: Optimal würde es so ausschauen, dass es eine Vielzahl von Gruppen gäbe, die relativ autonom arbeiten. Dass daraus eine gemeinsame demokratische Leitungsebene gebildet würde mit entsprechenden Leitungsämtern. Denn das Leitungsamt muss ja nicht automatisch in der Hand des Pfarrers liegen. Dass daraus resultierend eine gemeinsame Vertiefungsebene funktionieren würde – vielleicht Eucharistie oder gemeinsame Besinnung. Dann eben eine qualifizierte Arbeit in die einzelnen Gruppen hinein, die sehr spezifisch auf die Gruppe ausgerichtet sein muss. Ich wünsche mir dazu Verbände, KAB (Katholischer Arbeitsbund = JOC für Er-

Erwachsene) und CAJ (=JOC) die entsprechend offen sind und sich mit diesen Gruppen verbinden. Die selber auch missionarischer werden, als die es derzeit noch sind, so dass es in dieser doppelten Hinsicht sowohl freie Betriebsgruppen als auch Werksgruppen, die zusammen die Gemeinde unter diesem Vorzeichen bilden. Hinzukommen müsste dann, dass es meinen Kollegen in der Diözese ähnlich gelänge, solche Gemeinden zu bilden und man dann unter sich stärker Austausch treiben könnte. Dieser Austausch klappt bereits zwischen den vier Industrieseelsorgern recht gut. Wenn wir schon einmal beim Träumen sind: ich würde es nach wie vor als gut ansehen, wenn die Betriebe für mich offen wären. Wenn es mir beispielsweise möglich wäre, einmal in der Woche bei Daimler zu sein, um mich dort in den Aufenthaltsräumen aufzuhalten, um mit den Arbeitern zu sprechen.

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