Nicht nur Sprachprobleme
Jugendprobleme in einer Beratungsstelle für Familienplanung
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In Krisenzeiten, bei steigender Arbeitslosigkeit die vor allem die Jugend betrifft, bei einer kriegerischen Aufrüstung auf internationaler Basis, ist der Ausblick für Jugendliche keineswegs rosig. Sexualität ist nichts Abstraktes, das losgelöst von den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und zwischenmenschlichen Faktoren gesehen werden könnte. Gesellschaftliche Veränderungen haben bewirkt daß die Tabus von gestern eingestürzt sind, aber neue, nicht weniger strenge sind an ihre Stelle getreten, wie der Leistungs- und Konsumzwang der auf allen Gebieten, inklusive Sexualität herrscht. Es ist da-
rum keineswegs leicht für Jugendliche eine verbindliche Ethik aufzubauen. Im Gegenteil, sie sind verunsichert, manchmal mutlos oder resigniert. Dies hat natürlich seinen Niederschlag auch auf dem persönlichen Verhalten, in den Gefühlen, Bindungen oder auch Schwierigkeiten die sowohl schulischer, beruflicher als auch interpersonaler Art sein können.
Sexualität erwacht nicht plötzlich mit der Pubertät. Sexualität beginnt bei der Geburt und wird von klein auf geprägt durch die primären Bindungen an Mutter und Vater, in der Erziehung und durch die Erfahrungen die der junge Mensch bis
„Wie ich sehe, Herr Meier,
ist ihr Eheproblem
etwas komplexer …“
dahin mit sich selbst und seinen Mitmenschen gemacht hat. Auch die Geschlechts-Stereotypen in unserer Gesellschaft prägen die sexuelle Identität eines jeden Menschen.
Die Adoleszenz ist gekennzeichnet durch große Infragestellungen. Bisherige Leitbilder und Selbstverständlichkeiten geraten ins Wanken. Neue Richtlinien fehlen, jedenfalls wertvolle. Wohin wird der junge Mensch sich wenden? Gerade in der Jugendzeit ist es wichtig mit Gleichaltrigen Kontakt zu haben, diskutieren zu können, Meinungen auszutauschen und in der Gruppe Wärme und Zusammengehörigkeit zu erleben. Dies umso mehr als die Bindungen zum Elternhaus gelöst werden, und auch gelöst werden müssen, denn dies gehört zum Erwachsen-werden. In vielen Fällen ist die Gruppe die einzige Zuflucht. Dazu gehört auch Liebe. In unserer kontaktarmen, technisierten Welt stellt die Liebe zum Partner den Schutzwall dar der auf anderen Ebenen fehlt. – Aber es wäre falsch von sexueller Promiskuität zu sprechen. Jugendliche nehmen ihre Liebe ernst. Ehrlichkeit und Treue gehören für sie dazu. Allerdings können sie nicht im Alter von 16 oder 17 Jahren ein ewiges Miteinander versprechen. Dafür sind sie ja noch viel zu jung. Aber ich glaube nicht, daß ich mich irre, wenn ich meine, daß es nicht so sehr die Sexualität ist die junge Menschen aneinander bindet als das Gefühl der Zusammenhörigkeit. Bei Jungen mag dies weniger der Fall sein als bei Mädchen, denn in unserer patriarchalischen Gesellschaft gelangen die sexuellen Ansprüche des Jungen vielfach unkomplizierter und undifferenzierter zum Ausdruck als die des Mädchens. Aber, wenn beide miteinander schlafen, so geschieht es doch in den allermeisten Fällen in beiderseitigem Einverständnis und in Liebe.
Jungen wie Mädchen investieren viel in ihre Partnerschaft. Beide bemühen sich einander im Gefühl und in der Lust näher zu kommen. Es ist nicht wie früher als junge Männer sich kaum um die sexuelle Erfüllung ihrer Partnerin Sorgen machen. Sie reden mit einander, offen und ohne falsche Scham. Und lassen sich die Schwierigkeiten nicht bereinigen, so kommen sie zur Beratung, beide. Auch wenn Jungen sich manchmal schwerer tun als Mädchen über ihre sexuelle Schwierigkeiten zu reden, so sehen sie darin nicht, wie bei älteren Partnern beispielsweise den Fehler beim Mädchen allein, sondern machen sich Gedanken über ihr eigenes Verhalten.
In den Beratungsstellen für Familienplanung kommen in der Mehrzahl Jugendliche zwischen 16 und 20 Jahren. Man kann schätzen daß der erste Geschlechtsverkehr hier im Lande bei Mädchen durchschnittlich bei 16,5 Jahren liegt, bei
Jungen etwa 1 bis 2 Jahre später. Individuelle Ausnahmen gibt es natürlich bei beiden Geschlechtern. In weniger bemittelten Gesellschaftsschichten, oder wenn das familiäre Klima schlecht ist, dürfte dieser Zeitpunkt auch früher eintreten. Je mehr Information und Wärme Jugendliche in der Familie erhalten haben, umso kritischer sind sie in der Partnerwahl.
Das ganz grosse Problem der meisten Jugendlichen liegt darin daß sie nicht mit ihren Eltern über ihre Probleme sprechen können. Sexualität wurde nie angesprochen. In den besten Fällen wurde ihnen gesagt wie Kinder gezeugt werden, niemals aber was es mit den Gefühlen bei Junge und Mädchen auf sich hat. Sehr selten wird von Empfängnisverhütung gesprochen. Meist wird Sexualität negativ dargestellt: Geschlechtskrankheiten, ungewollte Schwangerschaft, ledige Mütter usw. Wie man sich dagegen schützen kann, wird allerdings nicht gesagt. Auch Masturbation ist noch in vielen Fällen tabu: im besten Fall totgeschwiegen, im schlimmsten Fall unter Drohung gestellt: gesundheitliche Schäden, Sünde usw.
Jugendliche sind sehr allein gelassen. Sie sind auf Informationen unter Gleichaltrigen angewiesen. Zahlreiche Ängste und Schwierigkeiten entstehen daher aus Unwissenheit oder falscher Information. So können Jungen meinen sie seinen homosexuell nur weil sie unkontrollierte Erektionen haben, obschon dies ja bekanntlich vollkommen physiologisch in der Jugendzeit ist. So viele unnütze Ängste, unnütze Probleme die durch ein klärendes Gespräch von vorne herein hätten ausgeschaltet werden können!
Was können Erwachsene tun? Zum ersten den Dialog mit Jugendlichen anstreben. Ihre Meinung hören, vor allem zuhören, ausdrücken lassen. Das heisst nicht daß man dessen Meinung teilen muß. Aber den Jugendlichen als Menschen ernst nehmen. Nicht auf seinen Positionen beharren, nicht auf seine grosse Erfahrung pochen, zumal die Erfahrung die Erwachsene mit ihrer Sexualität gemacht haben oft äusserst dürftig und keineswegs zum Nachahmen ist. Jugendliche als gleichwertige Partner anerkennen, auf ihre Probleme eingehen, Pauschalurteile abbauen. Erwachsene müssen zugeben daß sie nicht alles wissen, daß sie noch zu lernen haben, daß sie Schwächen haben und Fehler machen. Jugendliche verstehen sehr gut daß Erwachsene Schwierigkeiten haben über Sexualität zu reden. Sie sind vielfach toleranter als Erwachsene.
Jugendliche sehen sich danach mit Erwachsenen in ein ehrliches Gespräch zu kommen, auch wenn sie es primär nicht immer zugeben. Allzu oft verbaut der Erwachsene jegliche Möglichkeit eines solchen Gespräches, oder er vermittelt dem Heranwachsenden das Gefühl, daß er lieber nicht mit solchen Dingen konfrontiert werden
möchte. Ein echter Wille zur Kommunikation würde aber sicher dazu beitragen, Generationskonflikte abzubauen und mehr Verständnis auf beiden Seiten bringen. Dies dürfte aber voraussetzen,
daß nicht mit Mentalitäten von gestern und vorgestern operiert würde, sondern daß dem Hier und Jetzt Rechnung getragen würde.
Dr. M.P. Molitor-Peffer
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