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Spätestens von der Wandzeitung der psychiatrischen Klinik der Stadt Triest (Italien), wurde ein etwaiger naiver Besucher von Anfang bis Ende der siebziger Jahre informiert, was in dieser Klinik vorging bzw. vor sich gehen sollte. Das zentrale Motto lautete: ‚Wir Kranke und Arbeitende des psychiatrischen Krankenhauses in Triest sitzen alle im selben Topf. Wir wollen gemeinsam umrühren!‘ Die Richtung dieses mehrjährigen Prozesses war durch die These: ‚La liberta e terapeutica‘ (Freiheit ist therapeutisch‘) getragen.
Das Ganze organisierte sich um Franco Basaglia herum, einem Arzt / Psychiater, der 1971 die Leitung jenes psychiatrischen Krankenhauses übernahm. Seine praktischen Erfahrungen sammelte er während zehn Jahren Dienstzeit in der klassischen, geschlossenen Psychiatrieanstalt im benachbarten Görz (Gorizzia). Diese traditionelle Institution führte ihm in flagranter Weise die therapeutische Ohnmacht der klassischen Psychiatrie vor die Augen, eine Psychiatrie, welche darüber hinaus eine Unzahl an gewaltsamen Momenten für den dort internierten Patienten mit sich brachte. Aus reiner Menschlichkeit zuerst, war er gewollt, einen neuen Weg zu suchen.
Um es gleich vorwegzunehmen, Basaglia sieht Triest nicht als Modell, sondern als Experiment, welches in der Form nicht direkt exportiert werden kann. Basaglia betreibt keine Anti-Psychiatrie. Er lehnt Cooper und Laing ab, und sieht in ihren Aktivitäten elitäre Versuche, die nur mit wenigen Patienten möglich sind (Gruppe von 3 bis 10) und mit ebensoviel Personal. Vielmehr geht es ihm in seinem Versuch um die Umstrukturierung bzw. die Auflösung einer Institution mit 1200 Insassen.
Die folgende Darstellung wirkt eventuell euphorisierend auf den Reformfreudigen, welcher angesichts der Tragweite und der Komplexität des Triester Experiments bedenken soll, dass dieser Bericht maximal ein Beschnuppern der Ereignisse aus Italien ermöglicht.
Ausgangspunkt von Basaglia
Der überwiegende Teil des psychischen Leidens wird geformt durch zwischenmenschliche und soziale Konflikte, die, um es sehr vereinfacht zu formulieren, auf Kommunikationsstörungen beruhen. Jeder ‚Gesunde‘ kennt diese Mechanismen aus eigener Erfahrung. Aber eine überhöhte Intensität dieser Konflikte, ihre zeitliche lange Dauer, sowie gewisse Persönlichkeitsmerkmale, wie unter anderem ungeschicktes Problemlösungsverhalten, führen leicht zu dem, was allgemein als ‚psychisch krank‘ bezeichnet wird. Also das in der Gesellschaft (Familie, Arbeitsplatz) produzierte Leiden soll in der Gesellschaft behandelt werden. Versucht man einen ‚Kranken‘ in der klassischen Psychiatrie zu heilen, so nimmt man ihm endgültig die Chance, gesund zu werden bzw. sich in der Gesellschaft zu integrieren. Das Unternehmen von Basaglia, auch noch unter dem Namen ‚demokratische Psychiatrie‘ bekanntgeworden, visiert von Anfang an als Fernziel, die Institution Psychiatrie in ihrer bestehenden Form aufzulösen.
Wege und Methoden der Reform
Basaglia hat erkannt, daß der Verlauf der psychischen Krankheit mit der Etikettierung durch Diagnose und Klinikaufenthalt geprägt wird. Um diesem ‚Vernichtungs- und Deformationsprozeß‘ (so Basaglia), dem die Kranken im Anstaltsleben ausgesetzt sind, zu begegnen, versuchte er in Triest, die Organisation und Verwaltung der Klinik radikal zu ändern.
Die Klinik wurde in 6 Abteilungen untergegliedert, und zwar nicht in Abgrenzung einzelner Krankheitsgruppen, sondern als Projektion verschiedener Stadtteile und Provinzregionen von Triest. Die Nachbetreuung, ein wesentlicher Punkt in der ‚demokratischen Psychiatrie‘, ist genauso organisiert. Alle Aktivitäten zielen darauf, die Trennung zwischen Kranken ‚drinnen‘ und den Gesunden ‚draußen‘ aufzuheben. Die Kranken können sich innerhalb und
außerhalb der Anstalt frei bewegen. Diese Liberalisierung wird als Osmose bezeichnet. Der Ausdruck beinhaltet aber auch, daß von Außen ebenfalls Kontakte hergestellt werden. Durch die Gründung eines gemütlichen Caféhauses in der Anstalt und durch öffentliche Theater- und Konzertaufführungen in der Anstalt, wird dieser Prozeß attraktiver gestaltet. Frei gewordene Pavillons werden zu Jugendherbergen oder Kindergärten undisponiert.
Das mehr oder weniger problemlose Ablaufen dieser Osmose wird durch die Realisierung von therapeutischen Gemeinschaften, jede Sektion besitzt eine eigene, garantiert. Die therapeutische Gemeinschaft setzt sich aus Ärzten, Psychologen, Sozialarbeitern, Pflegern, Praktikanten und den ‚Kranken‘ zusammen. Bewundernswert sind die gemeinschaftlichen Methoden, die in jeder Sektion zum Tragen kommen. Jeder ‚Kranke‘ wird individuell behandelt, sofern er von der ganzen Gruppe der Behandelnden gut gekannt wird. Es handelt sich hier um ein wirkliches Zusammenleben, was ein enormes Engagement von seiten der Behandelnden erfordert. Als großer Vorteil für das glückliche Gelingen dieses Experiments ist das große Potential an jungen unerfahrenen, fachfremden Praktikanten anzusehen. Damit die therapeutische Gemeinschaft die von Basaglia gesetzten Ziele annähernd erreicht, werden folgende Voraussetzungen angestrebt:
- Die Ehrlichkeit vor sich selbst und vor den andern, auch wenn sie manchmal hart sein soll.
- Die Disponibilität, d.h. das gemeinsame Zur-Verfügung-Stehen aller für den Patienten. Dies erweist sich als die stärkste therapeutische Waffe. Alle tragen Verantwortung für die Heilung der Patienten, auch der Patient selbst.
- Wichtig ist die Freiwilligkeit des Verbleibens in der Sektion und das gemeinschaftliche Leben in der Sektion für die Patienten.
Auf medikamentöse Therapie wird weitmöglichst verzichtet.
Institutionelle Psychotherapie ist in der Anstalt unbekannt. Desweitern verzichtet man auf spitzfindige psychiatrische Diagnosen. Alles zielt darauf ab, den Patienten möglichst schnell wieder in seine Verhältnisse, aus denen er kommt, zurückzuführen, allerdings in Begleitung eines Pflegers, eines Arztes, welche Milieutherapie betreiben. Dazu verfügt jede Sektion über ein eigenes Auto, um die nötigen Patientenbesuche zu absolvieren. Hier kann dann natürlich präventiv äußerst viel getan werden, weil man die Leute aus den entsprechenden Stadtteilen kennenlernt. Gleichzeitig werden ambulante Zentern in den diversen Stadtteilen aufgebaut, um somit immer mehr auf die zentrale Institution Psychiatrie verzichten zu können.
In der Tat werden in den ersten drei Jahren, also bis 1974, 33 % der Patienten entlassen. Die zahlreichen freiwilligen Praktikanten tragen wesentlich dazu bei, das Verhältnis Personal zu Insassen zu der Zeit auf 1:3 zu bringen. Ebenfalls sind schon zu dem Zeitpunkt die Ausgaben der Stadt Triest für die Aufrechterhaltung der Klinik viel geringer als 4 Jahre zuvor.
Das Zurück in die Gesellschaft wird gefördert durch die Arbeitsbeschaffung innerhalb und außerhalb der Klinik. Dabei geht es nicht um eine sinnlose und schlecht bezahlte Arbeitstherapie, welche dem Patienten nur seine Wertlosigkeit in der Gesellschaft bestätigt, sondern es geht um Genossenschaftsbildung, innerhalb der auf eigene Rechnung Arbeiten in der Stadt Triest durchgeführt werden können. Somit wird einerseits der Effekt der Hospitalisierung gering gehalten und anderer-
© 1974
seits tragen die finanziellen Abgaben zur Reduzierung der Krankenhauskosten bei.
Der Kern vom ganzen Experiment Triest ist sicherlich die Idee der therapeutischen Gemeinschaft und deren Disponibilität. Es mag beim Spezialisten Verwunderung hervorrufen, wenn er hier vordemonstriert bekommt, daß menschenwürdige Behandlung wirklich so viel Wirkung hat. Zu bedauern ist, daß eine solche Verwunderung oft zu fachlicher Skepsis überwechselt.
Der kämpferische Basaglia blieb sein Leben lang bescheiden genug, um die von ihm initiierte Psychiatriereform nicht als eigene Denkmalpflege zu benutzen. Oft genug betonte er, daß er allein das nie geschafft hätte. Das Triester Experiment war weitgehend verbunden mit der Sympathie eines der Regierenden der Stadt Triest, welcher politisch dieses Experiment auch in seinen schwersten Zeiten voll unterstützte. Die Stadtverwaltung, in Zusammenarbeit mit den engagierten Psychiatern und sonstigen Mitarbeitern veranstalteten Aufklärungskurse bei der Polizei, den Taxi- und Autobusfahrern. Einige Medien setzten sich gleichfalls engagiert ein, um den frappanten Vorurteilen des oft zitierten ‚Mannes von der Straße‘ zu begegnen und abzuschwächen. Daß das Ganze nicht ohne Risiko für den ‚ehemaligen‘ Kranken sowie für die Bevölkerung lief, kann man sich leicht vorstellen. Anlässe zur Kritik, ja zur Aufgabe der Psychiatriereform gab es genug in Triest. Diese bestimmten auch jahrelang die lokalen partei-politischen Diskussionen.
Wesentlich für die Weiterentwicklung der Psychiatriereform in Italien war, daß direkte Mitarbeiter von Basaglia die Leitung von psychiatrischen Krankenhäusern in anderen Städten übernahmen und somit die Entwicklung der ‚demokratischen Psychiatrie‘ voll in Entfaltung brachten. Als theoretischer Kopf kristallisierte sich mehr und mehr die Person des Universitätsprofessors für Psychiatrie aus Rom, Giovanni Jervis hervor. Er meint in seinem Buch *, welches inzwischen an vielen italienischen Universitäten als Lehrbuch fungiert: "Psychiatrie müßte heißen, dafür kämpfen, daß allen das Recht über sich selbst zu verfügen zurückgegeben wird, daß sie nicht unterdrückt und getäuscht werden, auch im Namen der Psychiatrie."
Gesetzliche Psychiatriereform: Eines der Resultate des Experiments.
Das zentrale psychiatrische Krankenhaus der Stadt Triest besteht seit 1977 nicht mehr in seiner ursprünglichen Form, d.h. es ist de facto aufgelöst.
Im Juni 1978 wird im italienischen Parlament ein
Gesetz votiert, in dem zur psychiatrischen Behandlung folgendes festgehalten wird: ‚Grundsätzlich ist die medizinische Abklärung und Behandlung freiwillig.‘
Weiter wird festgehalten:
Ab 1979 dürfen die 95 staatlichen Psychiatrie-krankenhäuser keine neuen Patienten mehr annehmen. Daraus folgert unweigerlich die Schließung der Psychiatrien in Italien.
Es ist laut Gesetz verboten, weitere Psychiatrie-kliniken zu bauen und gesonderte Abteilungen in allgemeinen Krankenhäusern einzurichten.
Es werden Integrationshelfer ausgebildet, eine Mischung aus Psychologe, Pfleger und Sozialarbeiter.
Per Gesetz wird es verboten, die Begriffe Geisteskranker und Geistesgestörter anzuwenden.
Alle allgemeinen Krankenhäuser Italiens sind verpflichtet, auf den diversen Stationen Betten für psychisch Kranke freizustellen. Die psychiatrischer Patienten sollen ab dem Datum in den allgemeinen Krankenhäusern und den kommunalen ambulanten Therapie-Einrichtungen versorgt werden. Die Konsequenz: Nicht in der weltfernen und künstlichen Abgeschlossenheit, sondern im ‚ganz normalen kranken Alltagsleben‘ (so Basaglia) müssen die Patienten betreut
und in ihre Lebenswelt integriert werden.
Mit dieser gesetzlichen Reform, welcher eine breite öffentliche Diskussion und Konfrontation vorausgegangen ist, ist es den Italienern gelungen, die Voraussetzungen zu schaffen, daß ‚psychisch Kranke‘ überhaupt genesen können.
Schlußbemerkung:
Igor Caruso, ein kritischer Fachmann auf diesem Gebiet, meinte, nachdem er Basaglia 1974 in Triest besuchte, als Schlußfolgerung zu all seinen gewonnenen Eindrücken und mit dem für ihn bezeichnen-depressiven Pessimismus: ‚Basaglia ist also ein Psychiater, aber ein Psychiater, der die Tradition sprengt und vielleicht am Anfang einer neuen Tradition steht wie seinerzeit Pinel, der Befreier der ‚Geisteskranken‘ in Frankreich. Ob die Befreiung der Kranken am Ende ebenfalls so relativ bleibt wie sie nach Pinel geblieben ist, ist durchaus denkbar, da das Experiment von Basaglia unter derselben Schwierigkeit leidet, wie jede partielle aber radikale Reform, die in einer Sondergruppe einer sonst kapitalistischen Welt mit ihren Institutionen und ihren Herrschaftsstrukturen stattfindet.‘
* Giovanni JERVIS: Kritisches Handbuch der Psychiatrie, Syndikat Autoren- und Verlagsgesellschaft, Frankfurt, 1978
Germain WEBER
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