Mord an der Zukunft
Zu Jonathan Schells Buch: Das Schicksal der Erde
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ZU JONATHAN SCHELLS BUCH: DAS SCHICKSAL DER ERDE
Mord an der Zukunft
"Die Entdeckung der latenten Energie, der Masse – der ‚Grundenergie des Universums‘ – und der Möglichkeit, diese Energie freizusetzen, hat die Beziehung des Menschen zum Ursprung seines Lebens, der Erde, verändert. Im Schatten dieser Gewalt wurde die Erde klein und das Überleben des Menschengeschlechts zweifelhaft."
"Seit 1947 enthält jede Nummer des ‚Bulletin of the Atomic Scientists‘ eine ‚Weltuntergangsuhr‘. Die Herausgeber rücken die Zeiger näher an zwölf Uhr heran oder weiter zurück, je nachdem, wie gross momentan die Wahrscheinlichkeit eines Holocausts eingeschätzt wird. Man könnte sich eine entsprechende Uhr vorstellen, deren Zeiger, statt die Wahrscheinlichkeit eines Holocausts abzuschätzen, die Zeit anzeigen, die die Erdbevölkerung mit Sicherheit von ihrer atomaren Vernichtung trennt. Dann würden die Zeiger heute auf zwölf Uhr oder einen Sekundenbruchteil davor stehen, weil niemand von uns sicher sein kann, nicht im nächsten Augenblick in einem Atomangriff den Tod zu finden. Wenn vertraglich geregelt würde, dass alle Atomsprengköpfe von ihren Abschussrampen entfernt und in irgendwelche Magazinen verstaut werden müssten, würde die Uhr die Zeit anzeigen, die zur Wiederaufstellung der Raketen erforderlich wäre, um neue Bomben herzustellen. Wenn ausserdem vertrauenserweckende politische Abkommen vor Wiederbewaffnung schützen würden, würde die Uhr anzeigen, wann mit dem Bruch der Abkommen zu rechnen wäre. Und sollten diese Verträge Hunderte und Tausende von Jahren eingehalten werden (was der Fall sein müsste, wenn die Menschheit so lange überleben will), dann könnte sich eine künftige Generation eines fernen Tages berechtigt fühlen, die Uhr auf einige Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte vor Mitternacht zu stellen. Nie aber dürfte sie es wagen, die Uhr ganz aus dem Verkehr zu ziehen, denn nach menschlichem Ermessen ist die Zeit für immer vorbei, da die Selbstvernichtung unserer Spezies jenseits aller Möglichkeiten war."
Zwei Zitate aus:
Jonathan Schell
Das Schicksal der Erde – Gefahr
und Folgen eines Atomkriegs.
Aus dem Amerikanischen von Hainer Kober
Piper Verlag, München 1982
272 Seiten, Paperback DM 19,80
Schell gibt in seinem Buch mit "emotionsloser Präzision" und "enormer Sachkunde" (Erhard Eppler) ei-
enen Überblick über die Folgen eines Atomkriegs, setzt sich auf philosophischer Ebene mit dem "zweiten Tod", der Vernichtung allen Lebens auseinander und zeigt Umrisse von Alternativen auf. Und trotz des grösstenteils kühlen Stils ist sein Buch ein Pamphlet, der Schrei eines Menschen, der uns aus der Apathie aufrütteln will, weil wir möglicherweise Sekunden vor der totalen Vernichtung stehen und es nicht wahrhaben wollen.
Zu Anfang seines Buches betont Schell, wie wenig wir im Grunde genommen wissen um die Auswirkungen eines grösseren atomaren Schlagabtauschs. Wir können wohl ausrechnen wieviel Millionen Menschen von einer Bombe bestimmter Grösse, die in einer bestimmten Höhe über einer bestimmten Stadt explodiert, umgebracht werden. Doch das Bild wird verschwommener, wenn wir uns die Auswirkungen von Tausenden von Bomben vorstellen wollen. Ihre Zerstörungsgewalt lässt sich keineswegs allein nach ihrer addierten Sprengkraft berechnen, sondern wird wahrscheinlich Auswirkungen unbekannter Art und Grösse haben – auf individuelles Leben, auf die menschliche Gesellschaft und auf die Okoophäre. Schell beschreibt zwar u.a. die Folgen der Hiroshima-Bombe, oder die grauenvollen Auswirkungen eines Atomangriffs auf amerikanische Städte, die verstärkt würden durch den radioaktiven Fallout von mitzerstörten Kernkraftwerken ("Ein Staat, der Kernkraftwerke gebaut hat, (hat) dadurch allen Feinden, die sich auch nur ein paar Kernwaffen verschaffen können, die Möglichkeit in die Hände gespielt (…), sein Territorium zu verwüsten und langfristig zu verseuchen"), doch bei der Beurteilung der globalen Effekte eines Holocausts "geht es nicht in erster Linie darum, wie viele Menschen durch unmittelbare Einwirkung der Bomben verstrahlt, verbrannt oder zerschmettert würden. Die Frage ist vielmehr, wie gut die Okoophäre, verstanden als geschlossene lebende Einheit, von der das Weiterbestehen sämtlicher Lebensformen abhängt, den Kataklysmus übersteht." Und so fasst Schell zum Schluss des ersten Teiles zusammen:
"Die Auffassung, dass die Erde ein einziges System, ein einziger Organismus sei, war lange Zeit eine rein poetische Metapher. Erst in jüngster Zeit wurde sie zum Gegenstand ernsthafter wissenschaftlicher Forschung, und im grossen und ganzen gilt noch immer, was Lewis Thomas gesagt hat, dass wir nämlich ‚von einem wirklichen Verständnis der Natur noch weit entfernt sind‘. Einerseits diese Unwissenheit, deren Ausmass uns erst allmählich zu däm-
mern beginnt, und andererseits die Exklaven des Wissens, über die wir verfügen, berechtigen, wie ich meine, zu folgendem Urteil: Bedenken wir einmal die möglichen Folgen der Detonation von Tausenden von Megatonnen atomarer Explosivkraft – (und hier listet Schell noch einmal die vorher im Buch natürlich genauer erläuterten Folgen auf:) das Erblinden von Insekten, Vögeln und Säugetieren überall auf der Erde; das Aussterben vieler Meerestiere, von denen einige am Anfang der Nahrungskette stehen; die zeitweilige oder dauerhafte Veränderung des Erdklimas, was im äussersten Falle zu "dramatischen" und "tiefgreifenden" Veränderungen im Aufbau der Atmosphäre führen könnte; die Verseuchung der gesamten Ökosphäre mit Stickoxyden; das Auftreten schwerster Verbrennungen bei allen Menschen, die dem Sonnenlicht zehn Minuten lang ungeschützt ausgesetzt wären; das Erblinden der Menschen, die sich längere Zeit in der Sonne aufhalten; einen erheblichen Rückgang der Photosynthese bei allen Pflanzen auf der Erde; das Verdorren und Absterben vieler Nahrungspflanzen; die Zunahme von Krebserkrankungen und Mutationshäufigkeit überall auf dem Erdball, besonders aber in den Zielgebieten; die erhöhte Gefahr von weltweiten Epidemien; die mögliche Vergiftung aller Wirbeltiere durch eine extreme Zunahme von Vitamin D in der Haut infolge erhöhter ultravioletter Strahlung; schliesslich das Massesterben fast aller Menschen und sonstigen Lebewesen in den betroffenen Kontinenten durch anfängliche Kernstrahlung, Feuerbälle, Hitzewellen, Druckwellen, Massenbrände und den radioaktiven Niederschlag der Detonation -, bedenken wir weiterhin, dass alle diese Folgen in unabsehbaren Wechselbeziehungen zueinander stehen würden und es sich ausserdem bei der obigen Aufzählung aller Wahrscheinlichkeit nach um eine unvollständige Liste handelt, die zu ergänzen sein wird, wenn wir mehr über die Erde in Erfahrung gebracht haben werden – dann müssen wir zu dem Schluss kommen, dass ein grossflächiger atomarer Holocaust zur Vernichtung der Menschheit führen könnte."
Diese Vernichtung – den "zweiten Tod", wie Schell das Auslöschen des gemeinsamen Lebens der Menschheit nennt – dieses Unvorstellbare, versucht er uns im zweiten Teil seines Buches vorstellbar zu machen, zwar leidenschaftslos und sachlich in der Analyse der Fakten, aber doch nicht so rigoros in Aufbau und Sprache, dass er nicht manchmal doch den Leser ermüden würde, durch Wiederholungen, sich auftürmende Bilder und Vergleiche, auch wenn sie immer wieder prägnant und brillant formuliert sind. "Der Tod beendet das Leben, Die Vernichtung beendet die Geburt". – "Ausrottung kann (…) nur einmal zuschlagen und ist deshalb unserm Blick völlig entzogen. Niemand hat sie je gesehen oder wird ihrer ansichtig werden. "Die Ausrottung als Zukunft des Menschen kann niemals seine Gegenwart werden".
"Pascal bemerkte zum intellektuellen Aspekt der Sterblichkeit: ‚Es ist leichter den Tod zu ertragen, ohne an ihn zu denken, als den Gedanken an den Tod zu ertragen, ohne zu sterben.‘ Damit beschreibt er haargenau, wie wir bislang auf die Gefahr unserer Vernichtung reagiert haben: Wir fanden es viel leichter, unser eigenes Grab zu schaufeln, als darüber nachzudenken, dass wir es taten". – "Von allen Verbrechen wider die Zukunft ist das der Vernichtung das grösste. Sie ist Mord an der Zukunft".
Und der permanent mögliche Holocaust hat heute schon Auswirkungen. Auf jeden von uns und auf die Gesellschaft: "Ein Riss klafft zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir fühlen. Wir stecken die täglichen Begebenheiten in eine Schublade unseres Lebens und die Bedrohung, der alles Leben
ausgesetzt ist, in eine andere. Doch hat diese Spaltung unserer Interessen viel zu grundsätzlichen Charakter, als dass wir sie auf diesen einen Punkt beschränken könnten; sie beginnt auch unser übriges Leben in Mitleidenschaft zu ziehen. Binnen kurzem wird Wirklichkeitsflucht zur Gewohnheit – ein beherrschender Zug unseres gesellschaftlichen Lebens – und Teilnahmslosigkeit zu einer Lebensweise. Eine Gesellschaft, die sich mit der Gefahr ihrer völligen Vernichtung abgefunden hat, hat bald auch Schwierigkeiten, auf geringere Übelstände zu reagieren, weil eine Gesellschaft nicht gleichzeitig schlafen und wachen, geisteskrank und vernünftig sein, für Leben eintreten und sich von ihm abwenden kann." (Siehe auch Kasten S. 26)
Es genügt jedoch nicht, sich die Vernichtung immer vor Augen zu halten, "in die entvölkerte Leere eines nachmenschlichen Universums (zu) starren", sondern "die ganze Spezies (ist) buchstäblich dazu aufgefordert, die Verantwortung für die ’nackte Tatsache des Geborenseins‘ auf sich zu nehmen – ihr Sein durch einen Akt des Willens zu schützen". – "Mit der Aufforderung, das Leben der
Ungeborenen zu achten, verweist die Gefahr der Vernichtung uns zurück zu dem alten Grundsatz von der Heiligkeit des menschlichen Lebens, aber sie führt uns auf einem neuen Weg dorthin. Wir sind nicht länger aufgefordert, unseren Nächsten nicht zu töten, wir sind aufgefordert, seine Geburt zuzulassen. Wenn überhaupt von einem Nutzen der atomaren Gefahr die Rede sein kann, dann in dem Sinn, dass sie uns ein tieferes Bewusstsein vom Wunder der Geburt und der Erneuerung der Welt schenkt."
Es geht um nicht mehr und nicht weniger als den Aufbau einer neuen gemeinsamen Welt, in der drei Prinzipien grundlegend wären: Achtung vor andern Menschen, den geborenen und ungeborenen – Achtung vor der Erde – Achtung vor Gott oder der Natur ("oder wie immer man den Staub des Universums bezeichnen will, der uns erschuf oder aus dem wir wurden").
Dieser Aufbau ist die einzig mögliche Alternative, wie Schell im dritten und letzten Teil seines Buches aufzeigt. Denn "wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass es zu einem Holocaust nicht nur kommen könnte, sondern auch kommen wird – wenn nicht heute, dann morgen, wenn nicht in diesem Jahr, dann im nächsten -, es sei denn, es gelingt uns, die atomaren Arsenale vom Halse zu schaffen. Wir leben auf Pump: Jedes Jahr, in dem menschliches Leben auf Erden fortdauert, ist ein geborgtes Jahr, jeder Tag ist ein geborgter Tag. Angesichts dieses nie dagewesenen globalen Notstands ist uns bisher nichts Besseres eingefallen, als immer mehr Atomsprengköpfe zu stapeln, offensichtlich in der Hoffnung, wir könnten uns damit gegenseitig so nachhaltig abschrecken, dass wir auf den letzten, absurden Schritt verzichten werden. Wenn wir bedenken, was wir als Art alles erreicht haben, so ist dieses Verhalten unserer nicht würdig. Nur durch eine allmähliche Demontage unserer Selbstverachtung konnten wir unsere Erwartungen bis zu diesem Punkt herabschrauben. Denn von allen "bescheidenen Hoffnungen des Menschen" ist jene, dass die Menschheit überleben wird, die allerbescheidenste, da sie Vorbedingung aller anderen Hoffnungen ist".
Wir müssen uns darüber im klaren sein, dass eine atomar geführte Auseinandersetzung nicht einfach in den Begriff "Krieg" gekleidet werden kann (cf. die Aussagen von Kardinal König in forum Nr. 59). "Kernwaffen würden, in grosser Zahl eingesetzt, den Krieg in die Luft jagen, wie sie alles andere in die Luft jagen würden, was zur Menschenwelt gehört." Wir müssen aufhören, "Newtonsche Politik in einer Einsteinschen Welt zu betreiben". Es wäre nämlich absurd anzunehmen, ein begrenzter, konventioneller Krieg zwischen Supermächten sei möglich. Keiner wäre in der Tat bereit, in einer mit
"Wir sollten nicht mehr danach fragen, welche Merkmale und Besonderheiten der Vorgang unserer Vernichtung aufweist, sondern danach, was wir über uns aussagen und was wir uns antun, wenn wir unseren eigenen Untergang vorbereiten."
"Erstens wollen wir uns nicht eingestehen, dass wir jeden Augenblick mitsamt unserer Welt in Staub verwandelt werden können, zweitens wollen wir der Tatsache nicht ins Auge sehen, dass wir potentielle Massenmörder sind. Wir bezahlen für die atomare Aufrüstung damit, dass wir alle zu Schreibtischtätern werden, die das Massaker an Millionen von Menschen und die Annullierung der künftigen Generationen unterschreiben – ein Akt, dessen Verwerflichkeit nicht im mindesten dadurch zu beschönigen ist, dass jede Seite seine Ausführung nur als "Vergeltung" versteht. Tatsächlich ist diese Vergeltung, wie wir sehen werden, eine der ungerechtfertigten Handlungen, die je ins Auge gefasst worden sind, ja sie ist völlig wahnwitzig. Ein anderes unsinniges Merkmal des atomaren Dilemmas zeigt sich darin, daß jede Seite zwar die Bevölkerung der anderen als unschuldiges Opfer einer ungerechten Regierung ansieht, beide aber trotzdem ankündigen, die jeweils gegnerische Regierung durch die Vernichtung der ohnehin leidenden und unterdrückten Bevölkerung zu strafen. Von der Mittäterschaft an diesem Massaker – sollte es denn dazu kommen – kann auch die theoretische Rechtfertigung, dass wir die atomaren Waffen nicht besitzen, um sie einzusetzen, vielmehr um ihren Einsatz zu verhindern, nicht entlasten, weil selbst in der Theorie die Abschreckung nur dann funktioniert, wenn sie durch die glaubhafte Drohung unterstrichen wird, dass die Waffen unter bestimmten Umständen zum Einsatz gebracht werden. So zwingt die Strategie uns alle zu Handlungen, für die uns jeder moralische Maßstab fehlt. Sie bringt ein grosses moralisches Vakuum in unser Leben – oder schlicht einen Bereich der Amoral -, in dem alle Skrupel oder Wertmaßstäbe aufgehoben sind, auf denen wir ansonsten kompromisslos bestehen. Wenn wir von der Wiege bis zum Grab als potentielle Opfer eines wahllosen Massenmordes ausersehen sind, so verletzt das unsere Menschenwürde, wenn wir aber andere in gleicher Weise für einen Massenmord ausersehen, so liegt darin ein anderer und eigentlich schlimmerer Makel für unsere Würde. Wir machen uns anheischig, das Leben heiligzuhalten, gleichzeitig aber nehmen wir unsere Rollen als Opfer und Urheber atomaren Massenmordes hin und verkünden unablässig die Botschaft – die sich Jahr für Jahr tiefer in unsere Seelen gräbt -, dass das Leben nicht nur nicht heilig, sondern wertlos sei, dass es gemäss einer "strategischen" Logik, die wir nicht zu verstehen vermögen, für jedermann akzeptabel sei, umgebracht zu werden."
"Letztlich wird eine solche Existenz menschenunwürdig."
Jonathan Schell, Das Schicksal der Erde
konventionellen Waffen geführten Auseinandersetzung eine Niederlage hinzunehmen, die er mit Hilfe von Kernwaffen vermeiden könnte. Und in einem darauffolgenden Atomkrieg würde "nicht eine Seite gewinnen und die andere verlieren, sondern die Menschen würden verlieren und die Waffen gewinnen".
Schell rechnet in scharfen Worten ab mit den amoralischen, absurden, schizophrenen Theorien der Atomstrategen, die uns all nur die Wahl lassen, "entweder als strategische oder als moralische Idioten" zu erscheinen und unablässig künftige Angriffe und Gegenangriffe planen, deren Verhinderung angeblich der ganze Zweck ihrer Planungen ist. "Solange wir auch weiterhin die Voraussetzungen dieser Strategie akzeptieren, werden wir dazu verurteilt sein, immer weitere ‚Szenarien‘ für eine Zukunft zu entwerfen, die niemals eintreten darf, während wir gleichzeitig versäumen, eine Zukunft zu planen, die sein darf und die unsere Existenz zuliesse."
Eine politische Lösung zu diesem atomaren Dilemma will Schell nicht anbieten, wohl aber seine konkrete Tragweite deutlich machen und dadurch zeigen "wie gross und welcher Art die Aufgabe ist, die wir in Angriff nehmen müssen". Er führt aus, wie es nötig sein wird, den "politischen Realismus" von der Ebene der Verteidigung nationaler Souveränität auf die einer gemeinsamen Welt zu heben, die ohne Atomwaffen und ohne Gewaltanwendung überhaupt auskommt.
Doch wie wird es dazu kommen können? Schell drückt in seinem letzten Kapitel sein Vertrauen darin aus, dass sowohl das Gesetz der Liebe als auch das der Furcht die Menschen die Gefahr erkennen lassen werden. "Die Angst vor der Vernichtung müsste wachsen und alle Lebensbereiche durchdringen, bis sie gross genug wäre, um die Menschen zu einer völligen Umgestaltung der Weltpolitik zu veranlassen".
Eigentlich müsste Schells Buch dazu beitragen. Der erste Satz seines Buches lautet: "Seit dem 16. Juli 1945, als die erste Atombombe auf dem Trinity-Testgelände bei Alamogordo in New Mexiko gezündet wurde, muss die Menschheit mit Kernwaffen leben".
Und auf den abschliessenden Seiten betont er: "Wissen ist das Abschreckungsmittel." Wir müssen uns immer und überall der alles zerstören können. Energie von Kernwaffen bewusst sein, "mit Gemüt, Kopf, Herz und Bauch verstehen, was Vernichtung bedeutet, vor allem, was die ungeborenen Generationen für die Lebenden bedeuten".
Franz Alt schrieb: "Es gibt Bücher, nach deren Lektüre ist man nicht mehr derselbe. Dieses gehört dazu." Diese Aussage findet sich in anderen Rezensionen wieder und ist nicht übertrieben. Etwas Besseres kann Schells Werk wohl nicht widerfahren. Dieter Lattmann schreibt im Magazin "Titel" (2/82): "Schells allgemeine, wenn auch nicht ohne Anstrengung lesbare Untersuchung ist für politisch Verantwortliche ein Muss-Buch, das heisst: wer sich nicht damit auseinandersetzt, kann schwerlich noch kompetent mitreden". Nach derselben "Titel"-Ausgabe schickte Hans Plieninger, emeritierter Professor für organische Chemie, allen 519 Bundestagsabgeordneten das Buch von Jonathan Schell und zahlte dafür 10 000 DM aus eigener Tasche. Ich habe Ihnen mit diesen Zeilen hoffentlich klargemacht, dass ‚Das Schicksal der Erde‘ auch ein Muss-Buch für Sie ist. Doch kaufen müssen Sie es selbst.
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