Das Schielen nach der katholischen Morallehre

Mill Majerus beantwortet Fragen zu Liebe und Sexualität

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Mill Majerus beantwortet Fragen zu Liebe und Sexualität

Wenige Luxemburger Autoren stellen sich dem Buchmarkt unserer Nachbarländer und noch weniger gelingt es, dort ihre Produkte unterzubringen. Deshalb ist jede Publikation eines luxemburgischen Autors im Ausland eine Anerkennung durch die entsprechende Fachwelt. Die Rede ist hier von:

Mill Majerus, Liebes-Worte. Antworten auf Fragen Jugendlicher zu Liebe und Sexualität, Deutscher Katecheten-Verein, München 1985 (Das Buch ist im Info-Video-Center erhältlich).

Dieses Buch wird jedem Katecheten, der mit Jugendlichen und deren Fragen konfrontiert ist, eine

große Hilfe sein. Es ist aus der Erfahrung mit der Jugend und auf dem Hintergrund moderner Gesprächstherapien entstanden. Es geht von einer positiven Bestimmung der Sexualität aus, die als eine den ganzen Menschen betreffende Energie verstanden wird, zu deren Kennzeichnung Vokabeln wie Geborgenheit, Anerkennung, Wärme, Lust, Freude und Genuß, aber auch Kommunikation und Dienst am Leben gehören. "Die Sexualität … ist offen für das Gute und das Böse", und wenn die Menschen sich Regeln, Vorschriften, Bräuche, Gesetze geben, dann in erster Linie, um sich vor eigener und fremder Willkür zu schützen. Majerus verteufelt weder Homosexualität, noch Masturbation, weder vorehelichen Geschlechtsverkehr, noch Geburtenreglung, es

geht ihm nicht um Gebote und Verbote, sondern darum den Jugendlichen durch ein Gespräch zu einem selbstverantworteten und verantwortungsbewußten Handeln zu führen.

Majerus greift 25 Fragen auf, die ihm häufig gestellt wurden, und gibt sie mit seinen Kommentaren, aber vor allem mit neuen Fragen und Diskussionsanregungen zurück, um so den Jugendlichen zu einer eigenen Meinung hinzuführen.

In diesem Buch finden wir also katholische Sexualpädagogik in ihrer liberalsten Form, die sicher bei manchem konservativeren Katholiken Anstoß erweisen wird. Trotzdem bleibt sie eine katholische Sexualpädagogik, weil sie einerseits Sexualität immer auch mit Glauben in Verbindung bringt ("ein vorzügliches Zeichen … der Güte Gottes sind zwei liebende Menschen", S.109), und andererseits nicht ohne ein dauerndes Schielen auf die katholische Sexualmoral und deren unterschwellige Rechtfertigung auskommt.

Stärke und Schwäche des Buches können exemplarisch an der Frage "Warum ist die Kirche gegen die Pille?" aufgezeigt werden. Dies ist sicher nicht die Frage eines Jugendlichen, dem es eher darum geht, wie er sich die Pille oder ein anderes Empfängnisverhütungsmittel beschaffen kann. Der Sexuallehrer steht aber vor dem Dilemma, wie er die Banalisierung von Empfängnisverhütungsmitteln, die sich auch in katholischen Kreisen durchgesetzt hat, mit der "Pillenfeindlichkeit" der offiziellen Lehre verbinden und daraus noch positive Aspekte gewinnen kann. Gegen die Pille ist die Kirche, weil sie ein Eingriff in die Gesetze der Natur ist; sie gibt dem Menschen die Illusion, Herr zu sein über Leben und Tod. Die "Dimension des Lebens" wird von der Sexualität losgekoppelt, Beziehungen beschränken sich auf Sex ohne "tiefere Werte", als "Mittel sich in egoistischer Art Freude und Lust zuzufügen". Die größere Freiheit macht aus der Frau ein "beliebiges Sex-Objekt respektloser Männer".

Soweit die Argumente der Kirche, hinter die sich Mill Majerus jedoch nicht eindeutig stellt. Er trägt sie dem Jugendlichen nur als Denkanregung vor. Er will auch nichts verbieten, doch er fordert Verständnis für eine Kirche, die "durch bin-

dende Regeln, feste Vorschriften und klare Verbote … den Menschen helfen (will), ihre Sexualität humaner und glücklicher zu gestalten." Kein Wort über die allgemeine sexualfeindliche Haltung der Kirche in der Geschichte und auch oft noch heute, kein Wort über die Doppelmoral, die einerseits heere Ideale vorschreibt, die aber andererseits kasuistische Ausflüchte für das ach so schwache Fleisch bereit hält. Und ein solches Hintertürchen öffnet Majerus auch in der Pillenfrage: "Wer Kinder nicht verantworten kann und trotzdem eine sexuelle Beziehung eingeht, der sollte lieber sichere Verhütungsmittel gebrauchen." Will sagen, jedefrau und jedermann soll den größten Teil seines Lebens gegen die Kirchengebote leben. Anstatt ein anscheinend unsinniges Verhütungsmittelverbot als das zu bezeichnen was es ist, Ausdruck einer sexualfeindlichen, weltfremden, repressiven Moral, unterwirft sich Mill Majerus im entscheidenden Augenblick, trotz aller Liberalität der katholischen Orthodoxie. Eine ähnliche Argumentation rechtfertigt den Zölibat im Kapitel "Kann man ohne Sex auskommen?", während das Verbot des vorehelichen Geschlechtsverkehrs durch eine Leerformel ins Positive gewandt wird: "Wenn die Kirche sich gegen den vorehelichen Geschlechtsverkehr ausspricht, dann nicht weil sie sexualfeindlich eingestellt ist, sondern weil sie von der Geschlechtlichkeit ein sehr hohes Ideal hat." Was die angesprochenen Jugendlichen wohl von einer solche Argumentation halten werden?

Eine Antwort ist vielleicht in einem weiteren Beispiel gegeben: in einer Art Wortspiel sollte eine Gruppe Jugendlicher positive Assoziationen zu dem Wort Geschlechtsverkehr finden (siehe Kasten). Für Majerus fehlen noch einige Aspekte: "Verzeihen, Warten, Verzicht, Glauben, Verantwortung, Fruchtbarkeit, Leben, Kinder, Genießen". Sieht man von dem letzten Begriff ab, so zeigt diese Aufzählung sehr gut die Diskrepanz zwischen dem Autor des Buches und seinen Klienten.

Wegen seiner absolut positiven und offenen Einstellung zu Liebe und Sexualität stellt das Buch für von der traditionellen katholischen Moralunterweisung (in Elternahus oder Schule) geschädigte Jugendliche (und Erwachsene…) sicher eine gewinnbringende Lektüre dar. Den größten Nutzen daraus ziehen aber wohl liberale katholische Sexualpädagogen, die eine Argumentationshilfe gegenüber Vorgesetzten suchen.

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