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Rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft 1985 sind auf dem luxemburgischen Buchmarkt zwei Bild- und Dokumentenbände erschienen, deren Verkaufserfolg gezeigt hat, dass das Interesse der Luxemburger am Zweiten Weltkrieg trotz der Feiern und Publikationen des Jahres 1985 noch keineswegs nachgelassen hat. Im Gegensatz zu den wissenschaftlich trockneren Darstellungen wird der Leser hier zum Zuschauen und Beobachten angeregt. Seine Erinnerungen werden aufgefrischt und diejenigen, die das Geschehen nicht erlebt haben, werden mit Originalbildern konfrontiert, die im Zeitalter der audio-visuellen Medien einfach dazu gehören, damit die Vorstellungskraft nicht in filmischen Phantasien verpufft.
"Bilder aus dem Krich" herausgegeben von Norbert Quintus, Fernand Heischling, Georges Holzmacher und Paul Schiltz, Imprimerie St Paul, Luxembourg 1985, bietet auf 170 Seiten 380 Photographien sowie 23 Dokumente in gediegener Aufmachung. Die meisten Bilder stammen aus 4 grösseren Sammlungen (Anonym, Heischling, Holzmacher, Schiltz), zu denen
Norbert Quintus in seinem Geleitwort aufschlussreiche Informationen bietet.
Die Fülle der Bilder gliedert sich in 9 Kapitel, die uns durch die Jahre 1939 bis 1946 führen: Jahrhundertfeier und Churchill-Besuch bilden einen idyllisch-patriotischen Rahmen, in dem die "dunklen" Jahre umso stärker hervortreten können. Die geographische Begrenzung auf die Stadt Luxemburg und ihre Umgebung sowie auf den Süden des Landes ist in den Sammlungen selbst begründet, erlaubt dafür einen interessanten Einblick in das Alltägliche. Die hier gezeigten Photos sind keine "offiziellen" Bilder, hier wurde der Blickwinkel des Durchschnittsluxemburgers gewählt, ein Umstand, der es erlaubt, ein "objektiveres" Bild zu geben als es z.B. die gleichgeschaltete Presse der Jahre 1940-44 lieferte. Doch muss hier auch eine kritische Frage erlaubt sein: Was wurde mit der oft überraschenden Einstreuung "offizieller" Propagandabilder bezweckt? (Vgl. Bilder Nr.61, 93, 124, 125, 126, 127, 134, 135, 256). Sind diese Nazi-Grössen nicht zur Genüge bekannt, als dass man auf die Reproduktion hätte verzichten können?
Hitler und Goebbels waren ja doch gerade nicht diese kinderfreundlichen Biedermänner als die sie in der Propaganda dargestellt werden.
Bevor der interessierte Beobachter sich dem Genuss des Durchblätterns hingibt, sollte er jedoch nicht versäumen, die sehr einfühlsamen Reflexionen von Gilbert Trausch zu studieren, um auch den Originalbildern nicht kritiklos ausgeliefert zu sein. Es scheint mir von besonderer Bedeutung, dass darauf hingewiesen wird, dass die deutsche Besatzungspolitik in Luxemburg keineswegs in ihrer ganzen Breite dem Photographen zugänglich war. Insbesondere entzogen sich die Bereiche der polizeilichen Repression und des psychologischen Terrors dem Objektiv der Kamera. Man wird also verständlicherweise Bilder aus den Gefängnissen, den Konzentrations- und Umsiedlungslagern nicht in gleicher Anzahl und Qualität vorfinden können als dies etwa für nationalsozialistische Kundgebungen der Fall ist. Mit dieser Vorbemerkung gewarnt kann die Reise durch die Geschichte beginnen.
Kapitel 1 zeigt auf 6 Seiten 14 Photos zur Jahrhundertfeier. Dabei fällt auf, dass die "kleinen" Feiern im Mittelpunkt stehen, der Beweiss, dass 1939 nicht nur offiziell gefeiert wurde, sondern die ganze Bevölkerung ihre Unabhängigkeitsfeiern organisiert hatte. Kapitel 2 (23 Seiten/51 Photos) dokumentiert den Einmarsch und Durchmarsch der deutschen Truppen in Luxemburg. Dabei stehen keineswegs nur die deutschen Truppen im Zentrum des Interesses; Wohl nicht zufällig sieht man auf allen Bildern auch die Luxemburger am Strassenrand. Auffallend ist Bild 37, das zeigt, dass den durchziehenden Truppen auch mal Wasser gereicht wurde, eine Handlung, die von der deutschen Propaganda sofort genutzt wurde: "Luxemburg ist deutschfreundlich!"
Die Bilder zur Evakuation zeigen dann aber auch, dass der Krieg die Luxemburger sofort traf. Fast 100.000 Menschen mussten im Süden des Landes ihre Wohnungen verlassen. Doch auch erster spontaner Widerstand regte sich (Bild 51). Die zurückgekehrten Evakuierten fanden ihre Häuser zum Teil zerstört wieder. (Bild 52 findet sich in wesentlich besserer Qualität schon bei Tony KRIER: Luxembourg Martyr 1940-45, Reportage photographique Luxembourg, 1945, vol.1).
Die Aktivitäten der Militärverwaltung erschöpften sich natürlich nicht nur in der bildlich dokumentierten Requirierung des luxemburgischen Fuhrparks
Das dritte Kapitel ist bei weitem das umfangreichste (34 Seiten/84 Photos). Die hier dokumentierten Themen sind denn auch so vielfältig, dass man sich eine stärkere Untergliederung gewünscht hätte. Dass darüber hinaus auch die Chronologie nicht respektiert wird, erschwert dem Nichtfachmann die Einordnung sicherlich.
Gauleiter Simons "Einmarsch" am 6. August 1940 (die Legende zu Bild 70 ist eindeutig falsch), die erste "Parade" auf dem "Place d’Armes" sind gefolgt von weiteren Aufmärschen vor dem Sitz des Chefs der Zivilverwaltung (CdZ). Nicht zu übersehen sind bei den ersten Kundgebungen die Formationen der "Volksdeutschen Bewegung" (VdB), die im Gegensatz stehen zu den vertrauten Uniformen der luxemburgischen Polizisten. (Der Rezensent hat im übrigen Zweifel an der Richtigkeit der Legende zu Bild 75.) Leider ist Dr (sic) Damian Kratzenberg auf den Bildern 77-78 nicht zu sehen!!
Die ungewohnte Werbung faszinierte den Photogra-
phen, ein Umstand der heute nicht sogleich verständlich ist.
Das Schicksal der Freiwilligenkompanie ist dann recht gut dokumentiert. Bald war das Stadtbild von den Nazi-Formationen geprägt. DAF, SA, HJ usw. marschierten durch die Strassen. Ein besonderes Augenmerk widmete der Photograph den Aktivitäten der HJ (Bilder 111-119, 148, 154-160, 222-225). Nicht viel Interessantes bieten die Bilder zu den zahlreichen Nazikundgebungen (142-151).
Kapitel 4 (25 Seiten/57 Photos), das die etwas vage Bezeichnung "Zwangsmassnahmen gegen die Bevölkerung" trägt, zeigt gleichzeitig die Schwierigkeiten, den Opfern der Nazimassnahmen mit der Kamera gerecht zu werden. RAD, Wehrmacht, Umsiedlung HJ-Straflager lassen sich noch darstellen. Streik und Erschiessungen müssen fehlen, da sie nicht im Bilde festgehalten werden konnten.
Etwas unvermutet tauchen dann Bilder vom Kreistag in Diekirch auf, bevor die Kamera nach Russland und zu den Zwangsrekrutierten schwenkt (196-209).
Auch Kapitel 5 (24 Seiten/52 Photos) bietet ein uneinheitliches Bild unter der Bezeichnung "Das letzte Aufgebot": Kreistag 1944, HJ-Führer Axmann in Luxemburg, "Studentenflak", alliierte Bombenangriffe auf den Bahnhof Luxemburg und Bonneweg, dann ohne Übergang Bilder zur antijüdischen Politik der Nazis: Abbruch der Synagoge und "SS-Schergen posieren stolz vor der Kamera", schliesslich Bilder aus den KZ’s nach der Befreiung. Diese Zusammenstellung ist sicherlich die schwächste im Buch, verbindet sie doch Opfer und Nazi-Propaganda unter einem darauf nicht zutreffenden Titel.
Kapitel 6 (18 Seiten/ 50 Photos) führt zurück nach Luxemburg.
Die Befreiung der Hauptstadt durch amerikanische Truppen, die unbändige Freude der Bevölkerung in
allen Ortschaften bieten dankbare Motive für den Photographen. Von besonderem Interesse sind hierbei die bislang unbekannten Bilder aus Bettemburg, Kopstal, Walferdingen, Mersch, Crauthem, Roeser und Hesperingen.
Kapitel 7 (9 Seiten/20 Photos) bringt die verheerenden Folgen der Rundstedt-Offensive in Erinnerung.
Kapitel 8 (13 Seiten/28 Photos) zeigt die Rückkehr der Grossherzogin Charlotte aus dem Exil, die Befreiung der Umgesiedelten und ihre Rückkehr in die Heimat. Das Kapitel schliesst mit den patriotischen Feiern in Bettemburg. Kapitel 9 (8 Seiten/17 Photos) schliesst den Band mit den Bildern zu Churchills Besuch am 14. Juli 1946 harmonisch ab.
Zum Schluss möchte der Rezensent auf einige Besonderheiten hinweisen, die dem Betrachter vielleicht nicht so sehr auffallen werden. Alle Photographen zeigen eine grosse Vorliebe für die Flugzeuge, die im Zweiten Weltkrieg in Luxemburg zweifels- ohne etwas völlig Neues darstellten. Man sollte darin nicht die Verherrlichung des Krieges sehen, sondern vielmehr ein unbändiges Interesse am Neuen und an der Technik. Nicht umsonst versuchte auch gerade die HJ auf diesem Wege die jungen Luxemburger für ihre Zwecke zu gewinnen. (114-119).
Dem aufmerksamen Beobachter wird nicht entgehen, dass auch zwei heikle Themen angeschnitten werden: Kollaboration und Eparation (287, 293) sowie das Auftreten der Miliz und der Unio’n (302, 303, 351, 361). Interessant auch das Fehlen jeglicher Bilder zur Regierung.
Der Versuch, durch eingestreute Dokumente zusätzliche Informationen zu vermitteln, ist grundsätzlich zu begrüssen, doch sind die reproduzierten Dokumente von sehr unterschiedlichem Erkenntniswert. Einige sind hier zum xten Mal reproduziert, ja sie sind zum Teil nur aus der damaligen Presse übernommen (Dok. 4,6,9,10,11,16,18); andere sind unbekannt oder zumindest in ihrer Eigenart von besonderem Interesse (Dok. 1,2,3,5,7,8,12,13,14,20). Leider hat man manchmal den Eindruck, dass sie als Lückenfüller oder nicht an der richtigen Stelle eingereiht wurden (Dok. 19,22,23). Dennoch ist ein Werk hier entstanden, das dem 1945 erschienen Buch von Tony Krier in Nichts nachsteht, ja in bezug auf den Kommentar hebt sich die nüchterne Sprache von Norbert Quintus positiv von dem stark emotionsgeladenen Text bei Krier (für 1945 nur allzu verständlich) ab.
Eine Dokumentation ganz anderer Art bietet Henri Wehenkel:
Der Antifaschistische Widerstand in Luxemburg 1933-1944. Bilderdokumente- Illegale Presse, Editions COPE, Luxembourg 1985, 400 S.
Wehenkel versucht, an Hand von Dokumenten den antifaschistischen Widerstand, d.h. den Widerstand derjenigen, die in der deutschen Besatzungspolitik den Faschismus und Imperialismus am Werk sahen, zu belegen und zu illustrieren. Dieser linke, vor allem aber kommunistische Widerstand, beschränkt sich keineswegs auf die Luxemburger. Im Sinne einer Internationalen der antifaschistischen Widerstandskämpfer werden italienische Antifaschisten und "Rotspanienkämpfer" ebenso einbezogen, wie es dem Autor selbstverständlich erscheint, den Widerstand schon (oder erst?) 1933 einsetzen zu las-
sen. Hier zeigt sich ein erstes Manko der Veröffentlichung: es wird keine theoretische Auseinandersetzung mit den Begriffen des Antifaschismus und des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus geführt, ja man bekommt den Eindruck, dass jeglicher Widerstand gegen den Nationalsozialismus ipso facto auch Antifaschismus war und vice versa.
Im ersten Teil, der sich in 14 Kapitel untergliedert, werden auf 170 Seiten einzelne Aspekte des antifaschistischen Widerstandes "in Bildern und Dokumenten" dargestellt. Dabei entstand eine oftmals verwirrende Collage von Texten, Dokumenten und Kommentaren, die als Fotos, Faksimiles und Darstellung erscheinen, wobei neue Erkenntnisse leider Mangelware sind. Auch vermisst man den durchgehenden roten Faden, der die Gedankenführung des Autors klarer zum Ausdruck gebracht hätte. Dazu hat insbesondere die Knappheit des Kommentars bzw. der eigenen Aussage beigetragen, ja man kann dem Autor den Vorwurf nicht ersparen, dass er trotz eines grossen Anmerkungsapparates, der auf gründliche Lektüre der Sekundärliteratur schliessen lässt, zu Behauptungen kommt, die so nicht gelten können. (Vgl. S.19: "Es gelangt Kratzenberg, anerkannte Intellektuelle aus dem konservativen Lager, … für eine Zusammenarbeit mit dem Dritten Reich (Unterstreichung von P.D.) zu gewinnen." Eine genauere Lektüre von Kriers Dissertation zeigt, dass eben dies nicht gelang.)
Appell der freien Gewerkschaften
in: Henri Wehenkel
Zahlreiche Kapitel reissen die jeweilige Problematik nur kurz an, so dass eine kritische Darstellung oder Auseinandersetzung nicht erfolgen kann. (Vgl. Kap.: Volksabstimmung gegen den Faschismus). Dabei muss erneut bedauert werden, dass es bis zum heutigen Tage keine kontinuierliche Darstellung der Geschichte Luxemburgs der zwanziger und dreissiger Jahre gibt.
Dennoch bietet die Arbeit von Wehenkel auch zahlreiche positive Punkte, die hier nicht unterschlagen werden sollen. In erster Linie wäre der
Versuch einer Auflistung der italienischen und luxemburgischen Antifaschisten aus den Jahren 1933-40 zu nennen. Ebenso wird die biographische Darstellung der Akteure als exemplarisch zu gelten haben. Schliesslich muss auf die zahlreichen unbekannten oder zumindest unveröffentlichten Dokumente hingewiesen werden. Nur wenige Dokumente sind an anderer Stelle schon gedruckt worden.
Damit ist der Übergang zum zweiten Teil erreicht, der auf 212 Seiten nur Dokumente reproduziert. Damit erweist sich diese Veröffentlichung als einzigartige Dokumentation des antifaschistischen Widerstandes insoweit sich Widerstand mit Publikationen gleichsetzen lässt. Die illegale Presse der KPL und der ALWERAJE stellen den Grossteil der reproduzierten Dokumente, daneben vervollständigen Flugblätter und Klebzettel das Bild.
Hier ist nicht der Ort an dem eine Auseinandersetzung mit den Inhalten dieser Dokumente geführt werden kann, die Kritik muss sich deshalb notwendigerweise mit der Art und Weise der Edition der Dokumente befassen. Eine erste Bemerkung muss dem Bestreben gelten, möglichst alle Dokumente als Faksimiles zu reproduzieren, dies ist an sich eine lobenswerte Absicht, die sich jedoch dort in ihr Gegenteil verkehrt, wo das Faksimile unleserlich wird (vgl. S.323,346.370/71, 375). Desweiteren hätte man vom Herausgeber erwarten können, dass er sich inhaltlich und formal mit den Dokumenten auseinandersetzt. Streichungen (S.304 und 374) sind nicht weiter begründet; der Zusatz, der unter der Bezeichnung ERRATA verschickt wurde, belegt dies zur Genüge. Auch fehlen Hintergrundinformationen zu der Herstellung (Wo? Wie? Auflagenzahl?) und Verteilung
lung der reproduzierten Schriften. Schliesslich fehlt der grössere Rahmen, der es erlauben würde, die hier vorgestellten Resistenzler in die luxemburgische Resistenz insgesamt einzuordnen. Der uneingeweihte Leser könnte zu dem irrigen Schluss kommen, dass nur die hier erwähnten Widerstandsgruppen in Luxemburg den Nazis Widerstand entgegengesetzt hätten. Dass dem nicht so ist, liegt klar auf der Hand.
Dennoch sollte zum Schluss eine Frage gestellt werden, die nicht direkt zur besprochenen Veröffentlichung gehört.
Es bleibt ein Manko der luxemburgischen Geschichtsschreibung, den luxemburgischen Widerstand gegen das Nazi-Regime noch nicht aufgearbeitet zu haben. Die Frage wieso dieses Manko noch immer besteht, muss auch hier ohne endgültige Antwort bleiben. Dennoch muss gefragt werden dürfen, was denn die Resistenzler selbst dazu beigetragen haben, damit eine historisch-objektive (ein hoher Anspruch, der nicht nach dem Geschmack eines jeden sein dürfte) Darstellung möglich wurde oder erst wird? Verleumdung derjenigen, die zum Teil mit jugendlichem Elan und Unbefangenheit dies versuchen, trägt sicherlich nicht dazu bei, dass das Wesen und die Relevanz der Resistenz, ob organisiert oder nicht, den ihr gebührenden Platz in den Geschichtsbüchern findet. Vielleicht ist die im positiven Sinne einseitige Publikation Wehenkels Anstoss zu weiteren Veröffentlichungen und zu einer abschliessenden Darstellung der "Luxemburger Resistenz" gegen den Nationalsozialismus.
Paul Dostert
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