Pleonasmus „Theologie der Befreiung“
Zur vatikanischen "Instruktion über die christliche Freiheit und die Befreiung"
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Zur vatikanischen «Instruktion über die christliche Freiheit und die Befreiung»
Pleonasmus «Theologie der Befreiung»
Als die vatikanische Kongregation für die Glaubenslehre in einer "Instruktion" vom 6. August 1984 "einige Aspekte der ‚Theologie der Befreiung“ -vor allem angeblich marxistische Einflüsse- scharf verurteilte und damit vielen Diktatoren in aller Welt reichlich Weihwasser auf ihre morschen Mühlen leitete, kündigte sie gleichzeitig ein "späteres Dokument" an, das "in positiver Ausrichtung alle Reichtümer (der christlichen Freiheit und der Befreiung) ins rechte Licht stellt, sowohl in der Lehre als auch in der Praxis".
Dieses neue Dokument, die "Instruktion über christliche Freiheit und die Befreiung" liegt uns seit dem 5. April 1986 vor. Wer sich hier allerdings eine "positive" Auseinandersetzung mit der Befreiungstheologie erwartet -oder gar neue Aspekte im katholischen Lehrgebäude über Kirche und Politik- sieht sich enttäuscht: der Begriff "Theologie der Befreiung" kommt in diesem Dokument nicht einmal vor.
Trotzdem ist das Schreiben aufschlussreich und wichtig: es setzt sich -wenn auch auf philosophisch-abstrakte Weise- detailliert mit dem
christlichen Wert der Freiheit auseinander und berührt, ja sanktioniert dabei die wesentlichsten von der Befreiungstheologie vertretenen Thesen.
Wenn die Instruktion mit einem idealistischen Wahrheitsbegriff als Vorbedingung jeder Freiheit in das Thema einsteigt, so ist sie zwar weit von jeder kontextgebundenen und praxisorientierten Befreiungstheologie entfernt, die, wie das Dokument der 3. Gesamtlateinamerikanischen Bischofskonferenz 1979 in Puebla zeigt, eher von den konkreten "Gesichtern der Kinder" ausgeht, "die schon vor ihrer
Geburt mit Armut geschlagen sind (…), den Gesichtern der jungen Menschen ohne Orientierung (…), den Gesichtern der Indios und häufig auch der Afroamerikaner, die am Rand der Gesellschaft in unmenschlichen Situationen leben (…), den Gesichtern der Landbevölkerung, die als gesellschaftliche Gruppe fast auf dem ganzen Kontinent in der Verbannung lebt(…), den Gesichtern der häufig schlecht bezahlten Arbeiter (…), den Gesichtern der Randgruppen der Gesellschaft (…), den Gesichtern der Alten (…) (Puebla 32-39), in denen sie das "Leidensantlitz Christi" (Puebla 31) erkennen.
Was nun die zentralen Thesen des vatikanischen Dokumentes betrifft, so dürften sich dennoch alle Befreiungstheologen mühelos damit identifizieren können, was denn auch die ersten spontanen Reaktionen vor allem aus Lateinamerika bezeugen.
Gewarnt wird immer wieder – ähnlich wie in der ersten Instruktion – vor einem rein "innerweltlichen" Verständnis von Freiheit und Befreiung. Gleichzeitig wird aber betont, dass die "authentische" Freiheit ohne irdische Gerechtigkeit nicht möglich ist. Die Kirche muss deshalb eine vorrangige, wenn auch nicht ausschliessliche Option für die Armen treffen, ihre Verkündigung des Evangeliums an konkreten Situationen festmachen, zu Fragen der Gerechtigkeit Stellung nehmen: die Kirche würde ihre Sendung verraten, würde sie Unterdrückung und Versklavung nicht anklagen.
Das Dokument untermauert diese Forderungen mit biblischen Motiven, die allesamt auch immer wieder in den Werken der Befreiungstheologie behandelt werden, darunter: der Auszug aus Ägypten als "Modell jeder Befreiung" (so interpretiert auch Gustavo Gutiérrez in seinem Standardwerk "Theologie der Befreiung" den Exodus) und der Sinaibund, zwei Motive, die klar hervorstreichen, dass das Politische und das Religiöse letztendlich nicht voneinander zu trennen sind, das Eintreten der Propheten für Gleichheit und Gerechtigkeit, die "Armen Jahwes", die in den Psalmen ihr Schicksal vor Gott anklagen, die Person Mariens als Verkünderin der Befreiung der Armen und schliesslich das Leben Jesu als Armen, der durch sein Leben und Sterben den Weg zur endgültigen Befreiung geöffnet hat.
Das Liebesgebot, auf dem jede Freiheit und Befreiung fusst, weil es die Gerechtigkeit sucht, führt die Kirche zu konkreten Handlungsanweisungen, die in der katholischen Soziallehre seit langem verankert sind:
- das Individuum ist als freie Person zu respektieren;
- jede Gewaltanwendung -auch die Gewalt gegen Arme, Polizeiwillkür, usw.- ist zu verurteilen;
- die Theorie des Klassenkampfes wird abgelehnt, weil sie die Freiheit der menschlichen Entwicklung negiert;
- der "Mythos der Revolution" wird abgelehnt, weil er zu Unrecht beansprucht eine humanere Gesellschaft zu schaffen;
- Ungerechtigkeiten sind mit Reformen zu begegnen. Nur in extremen Fällen erlaubt die Kirche nach einer ernsten Situationsanalyse und nach Ausschöpfung aller Möglichkeiten des passiven Widerstandes die Anwendung revolutionärer Gewalt, wenn damit noch grösseres Übel abgewendet werden kann;
- im wirtschaftlichen und kulturellen Bereich müssen sich die Christen für den Vorrang der Arbeit vor dem Kapital bzw. für eine verstärkte Inkulturation des Christentums einsetzen.
Das Dokument schliesst mit dem für Johannes Paul II. schon fast obligatorischen Hinweis auf Maria, auf die die Armen vertrauen können.
Dieser kurze Inhaltsüberblick über die "Instruktion über christliche Freiheit und die Befreiung" zeigt uns, dass es sich hier ausschliesslich um bekannte Thesen aus früheren Sozialenzyklichen Johannes XXIII., Paul VI. und Johannes Paul II. handelt. Nicht was die Kirche hier über christliche Freiheit und Befreiung lehrt ist demnach von Bedeutung, sondern eher wie und zu welchem Zeitpunkt sie es tut.
Noch nie hat sich der Vatikan so eingehend und so systematisch mit der menschlichen Freiheit auseinandergesetzt wie in diesem Dokument. Selten wurde "Erlösung von der Sünde" so deutlich mit "Befreiung von Unterdrückung" verknüpft, selten die prophetische und politische Sendung der Christen so betont. Jedenfalls dürfte dieses Dokument jene in Verlegenheit bringen, die -auch hierzulande- glaubten und glauben die Befreiungstheologie wegen ihres politisch-befreienden Engagements als Marxismusverdächtig verteufeln zu müssen.
Andererseits -und auch das muss man klar sehen- konnte der Vatikan angesichts der augenblicklichen weltkirchlichen und -weltpolitischen Situation und der Lage, in der sich die verschiedenen Ortskirchen vor allem in der "Dritten Welt" befinden, nicht anders als sich endlich positiv über die Befreiungsbestrebungen von Millionen von Christen zu äussern Fast SoS aller Katholiken leben heute in Lateinamerika, die überragende Mehrheit unter menschenunwürdigen Bedingungen. Die Befreiungstheologie ist die praktische und theoretische Antwort von Christen auf diese Situation. Haiti und die Philippinen konnten sich kürzlich -nicht zuletzt dank dem Impuls der Kirchen und dem Engagement vieler Tausend Christen- von gotteslästerlichen Diktaturen befreien. Andere Länder wie Chile und Südafrika werden folgen. Könnte der Papst diese befreienden Aktionen verurteilen, ohne dass ihm seine Kardinäle aus der "Dritten Welt" "ins Angesicht widerstehen", wie kürzlich beim ad limina-Besuch der brasilianischen Bischöfe in Rom, und ohne dass er die Einheit und die Zukunft der Kirche überhaupt in Frage stellen würde?
Mit der "Instruktion über christliche Freiheit und die Befreiung" hat der Vatikan A gesagt. Wird er auch B sagen? Dem brasilianischen Befreiungstheologen Leonardo Boff hat der Papst mit einer gnädigen Geste den Maulkorb vorzeitig wieder abgestreift. Doch wie steht es mit den amtsentbobenen
Priesterministerien in Nicaragua? Werden bei künftigen Bischofsernennungen weiterhin Opus-Dei-Priester und andere reaktionäre Leute bevorzugt/ berücksichtigt werden? Wie steht der Vatikan zu den Menschenrechten in der Kirche: Frauen, Priesterheirat, Geschiedene, Homosexuelle usw.?
In der "Instruktion über christliche Freiheit und Befreiung" kommt, wie bereits erwähnt, der Begriff "Theologie der Befreiung" nicht vor. In der "Instruktion der Kongregation für die Glaubenslehre über einige Aspekte der ‚Theologie der Befreiung“ finden wir diesen Begriff nur zwischen Anführungszeichen. Das weist wohl darauf hin, dass die obersten Glaubenshüter der Katholischen Kirche diesen Begriff ablehnen. Nun finden sich aber die wesentlichen
Thesen der Befreiungstheologie in der neuen Instruktion wieder. Man könnte also -mit dem stellvertretenden Generalsekretär der brasilianischen Bischofskonferenz- kühn behaupten, die Theologie der Befreiung sei "offiziell und als allgemeingültig" in das katholische Lehrgebäude integriert worden. Theologie ist demnach Theologie der Befreiung, und der Begriff entpuppt sich als ein Pleonasmus. Der Vatikan kann mithin getrost darauf verzichten …
Denn der brasilianische Salesianerpater und (Befreiungs-)Theologe Rogério de Almeida Cunha hat recht wenn er sagt: "Entweder wirken die Kirche und die Theologie auf universaler Ebene befreiend, oder es ist keine Kirche und keine Theologie!"
(D’BRECK Nr. 17, Abrël 1986)
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