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Das Thema ‚Götzendienst‘ scheint in unserer modernen, aufgeklärten Industriegesellschaft eher ungewöhnlich wenn nicht gar exotisch und auf jeden Fall überholt. Die Autoren des vorliegenden Buches bringen jedoch den Erweis dafür, dass dieses Thema nicht nur wie ein roter Faden die Bibel durchzieht, sondern danzu noch eminent aktuell ist.
Hugo ASSMANN u.a., die Götzen der Unterdrückung und der befreiende Gott, Edition Liberacion, Münster 1984, 200 Seiten, 27 DM, ISBN 3-923792-13-1
Vor allem die beiden ersten Beiträge, von Pablo Richard und Jorge V. Pixley überzeugen mit ihrer These, dass Götzendienst ein Hauptthema der ganzen Bibel ist, nicht nur des Alten Testaments. Götzen sind nicht nur andere Götter als Jahwe bzw. falsche Gottesvorstellungen, sondern zunehmend handelt es sich um Dinger der Welt, die mehr oder weniger unausdrücklich wie Götter behandelt und verehrt werden und sich dementsprechend auf die Menschen auswirken.
Im Neuen Testament schält sich vornehmlich das Geld als Götze heraus. Wer kennt nicht den Vers aus dem Matthäusevangelium: "Niemand kann zwei Herren dienen… Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon." (Mt 6,24) Neben dem Geld werden andere Götzen noch genannt: Unzucht, Schamlosigkeit, Habgier (siehe z.B. Eph 5,5 und Kol 3,5), das Gesetz (Gal 4,8-11 und Mk 2,27: "Der Sabbat ist um des Menschen willen da, nicht der Mensch um des Sabbats willen") und schliesslich die Macht, so z.B. in der Geheimen Offenbarung, wo das ‚Tier‘ das römische Imperium bezeichnet (siehe z.B. Offb 13,1 – 18 und 19,11 – 21).
Demgegenüber wird Gott als der Befreier angesehen, der uns von der angeblichen Macht der falschen Götter erlöst (siehe z.B. Gal 5,1). Das ist nämlich deshalb notwendig, weil die Götzen nicht nur falsche Götter sind, sondern uns Menschen den Tod bringen. Sie sind nicht zum Leben fähig, da
in: Le Monde 5.7.81
sie von Menschen geschaffen sind und letzten Endes die Menschen unterdrücken. Der Kampf gegen den Götzendienst besteht dementsprechend darin, den menschlichen Ursprung der Götzen aufzudecken, um so zu zeigen, dass sie von sich aus keine Kraft haben. Dann kann auch die aus diesen Götzen resultierende Unterdrückung bekämpft werden.
So wird auch verständlich, dass gerade die latein-
amerikanische Theologie dieses Thema wiederentdeckt hat: "Die zentrale Frage heute in Lateinamerika ist nicht die Frage des Atheismus, das ontologische Problem, ob Gott existiert oder nicht. Sein oder Nichtsein, das ist nicht die Frage… Die zentrale Frage ist der Götzendienst als die Verehrung der falschen Götter des Systems der Unterdrückung. Tragischer als der Atheismus ist der Glaube an die falschen Götter des Systems und das Hoffen auf sie. Jedes System der Unterdrückung kennzeichnet sich genau dadurch, dass es Götter schafft und Götzen hervorbringt, die Unterdrückung und Lebensfeindschaft heiligen." (S. 9) Befreiungstheologie sieht folgerichtig ihre Aufgabe darin, Gott als den Befreier von solchen Götzen herauszustellen. Und sie kann das natürlich nicht anders, als indem sie auch nachdenkt über das System, das diese Götzen produziert. Von da her stammt denn auch ihre sozialkritische Brisanz.
Hier ergeht an uns und unsere Theologie der Auftrag, nach den Götzen in unserm Leben und unserer Gesellschaft Ausschau zu halten, hier hat die abendländische Theologie von Lateinamerika aus einen wichtigen Impuls entgegenzunehmen. Allerdings heisst das meines Erachtens nicht, dass unsere spezifischen Probleme vergessen werden dürfen. Der Dialog mit der Befreiungstheologie darf nicht zur umgekehrten Einbahnstrasse werden. Im Unterschied zur Situation in Lateinamerika muss nämlich gesagt werden, dass es in der westlichen Welt tatsächlich auch Atheismus gibt, oder genauer, dass die säkularisierte Industriegesellschaft sich durch eine zunehmende religiöse Indifferenz kennzeichnet. Hier handelt es sich um ein Problem, für das die lateinamerikanische Theologie (noch) kein Mittel zur Hand hat. Hier ist die abendländische Theologie voll gefordert.
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Franz J. HINKELAMMERT, Die ideologischen Waffen des Todes. Zur Metaphysik des Kapitalismus, Edition Liberación, Münster 1985, 320 Seiten, 34 DM, ISBN 3-923792-10-7
Zu diesem Buch kann nicht soviel Positives gesagt werden, in mancher Hinsicht stellt es geradezu ein Ärgernis dar, nicht zuletzt deshalb, weil ein wichtiges Anliegen völlig unzufriedenstellend behandelt wird, so dass es womöglich künftig nicht ernst genommen wird.
Es geht dem Autor nämlich darum, die kapitalistische Gesellschaft sowie ihre Ideologie (die Religion miteinbegriffen) an Hand der Marxischen Fetischismusanalyse kritisch zu durchleuchten. Marx zufolge erscheinen die vom Menschen hergestellten Waren und daraus resultierenden Warenverhältnisse denselben Menschen wie Fetische, d.h. wie Dinge, die eine eigenständige Existenz und vor allem Macht und Kraft besitzen, und sie lassen sich deshalb von ihnen beherrschen; sie denken nicht daran, dass sie diese Dinge und Verhältnisse selbst in der Hand haben und sie demnach auch abändern können. Hinzu kommt, dass im Warenfetisch die persönlichen Beziehungen den Menschen wie rein sachliche Verhältnisse vorkommen. Die letzte Ursache dieser Fetischisierung ist die Arbeits- und Klassenteilung der Gesellschaft. Man sieht leicht, wie interessant und fruchtbar der Fetischgedanke ist im Hinblick auf die Analyse der Ideologie einer Gesellschaft und welche Beziehung sich herstellen lässt zur Untersuchung und Kritik des Götzendienstes. (Ein Kapitel dieses Buches war übrigens im vorher besprochenen Band abgedruckt worden.)
Leider ist Hinkelammerts Arbeit unter vielen Gesichtspunkten unzulänglich. Einerseits gibt es methodische Mängel zu monieren. Der Autor geht allzu freizügig um mit Zitaten, seien es solche, die seine Thesen belegen sollen, seien es vor allem solche, deren Autoren er der Kritik unterzieht. Hier nur zwei besonders krasse Beispiele. Im Verlauf seiner Kritik an der sog. Trilateralen, gibt der Autor folgendes Zitat: "Ein guter Teil des früheren Denkens über die wirtschaftliche Entwicklung scheiterte an der Aufgabe, die Menschen in den Mittelpunkt der Übergangstrategien zu stellen."
Hier nun sein Kommentar dazu: "Ausdrücklich stellen die Ideologen der Trilateralen die Interdependenz in den Mittelpunkt ihrer Übergangstrategien; der Mensch kann selbstverständlich nie im Mittelpunkt stehen. Auch dies wiederholen sie bei jeder Gelegenheit: ‚Zusätzlich zur Aufgabe, den Frieden und die enge Kooperation zwischen den Industrieländern in Verbindung mit einer breiten Gesamtheit gemeinsamer Interessen aufrechtzuerhalten, müsste die globale Strategie der trilateralen Länder Kräfte beinhalten, die die ökonomische Entwicklung und die Linderung der Armut in den armen Ländern der Welt fördern‘." (S.117) Zwischen den Zitaten und dem Kommentar besteht nicht der geringste Zusammenhang, es sei denn der eines Widerspruchs.
Das Gleiche gilt für das nächste Beispiel. Hinkel-
ammert stellt folgende These auf in Bezug auf die katholische Soziallehre: "Das kapitalistische Eigentum ist (für sie) eine Glaubensfrage. Wer sich von ihm entfernt, entfernt sich vom Glauben. Das Privateigentum wird schliesslich wichtiger als die Existenz des gesamten Universums." ( S. 209)
Diese These belegt er nun mit folgendem Zitat: "In diesem Sinne sagt Kardinal Höffner: ‚ Erst recht kommt dem Gemeinwohl eines irdischen Sozialgebildes kein Vorrang zu, wenn ihm Güter der übernatürlichen Ordnung gegenüberstehen." Das übernatürliche Heil eines einzigen Menschen steht höher als das natürliche Gute des gesamten Universums" ( Thomas von Aquin STh I-II, 113,9) ‚ (S.209)."
Oder sollte die Schuld für solche Ungereimtheiten bei den Übersetzern liegen?
Dazu kommt bei Hinkelammert eine Sprache, von der man nicht immer weiss, wann sie metaphorisch ist und wann die Wörter im eigentlichen Sinn gebraucht werden, so z.B. wenn der Autor von Max Weber sagt: "Das, was an Webers Analyse falsch war, war das Wichtigste daran: der Aufruf zur Verehrung der Götter und Dämonen, der unpersönlichen Mächte." ( S.79)
Aber auch inhaltlich gibt es Ungereimtheiten. So stürzt Hinkelammert sich in eine waghalsige Marxinterpretation, die nur durch ein einziges Marxzitat gedeckt ist: da Hinkelammert die Marxsche Widerspiegelungstheorie vorbehaltlos annimmt, kommt er natürlich in Schwierigkeiten in Bezug auf die Religion, die er nämlich in einer befreiungstheologischen Form beibehalten möchte. Dies ist aber nur möglich, wenn Befreiung als (bisher unverwirklichtes) Ziel angesehen wird. Das aber widerspricht der marxschen Kritik an den Utopien. Also muss der Autor bei Marx selbst eine Utopie feststellen: entgegen der marxschen Auffassung wird von Hinkelammert der Kommunismus als "Horizont möglichen menschlichen Handelns" (S.61), als fernes Ziel und nicht als reale Bewegung angesehen. Aufgrund eines Zitates aus dem 3.Band des Kapitals (MEW 25,828) kommt Hinkelammert zu folgender äusserst diskutabler Aussage: "(Marx) führt hier etwas ein, was er vorher nie eingeführt hatte. Er präsentiert das Reich der Freiheit als ein Jenseits, als ein Ziel jenseits aller zukünftig möglichen und machbaren menschlichen Verhältnisse. Er macht das Reich der Freiheit – den Genuss der Arbeit als eines freien ‚Spieles seiner eignen körperlichen und geistigen Kräfte‘ und damit der ‚direkt gesellschaftlichen Arbeit‘ – ausdrücklich zu einem transzendentalen Begriff. Die sozialistische Gesellschaft wird in Bezug auf diesen Begriff jetzt als An-
in: Le Monde 1.3.82
näherung und nicht als ihre einzige Verwirklichung begriffen … Man könnte es auf folgende Art und Weise zusammenfassen: Die Menschheit setzt sich Ziele, an die sie sich annähern kann. Aber das Ziel bleibt dabei etwas, was jenseits aller seiner möglichen Realisierungen liegt." (S.61-62)
Dadurch gerät das Marxsche System in den Bereich der Hegelschen Kritik an der ’schlechten Unendlichkeit bzw. des unendlichen Fortschritts‘ ( S.65), welche Marx ansonsten ja immer ratifiziert, und es gelingt Hinkelammert meiner Meinung nach nicht, sich aus dieser Schwierigkeit herauszuwinden.
Am ärgerlichsten ist das Kapitel, das den Titel trägt: ‚ Die wirtschaftlichen Wurzeln des Götzendienstes: die Metaphysik des Unternehmers‘ ( S. 132-161), welches in dem vorher besprochenen Buch schon abgedruckt war. Es besteht aus einer Sammlung von Zitaten aus westlichen Zeitungen und Zeitschriften. Aus den darin vorkommenden Metaphern zieht Hinkelammert theoretische und praktische Schlüsse über das kapitalistische System. Gewiss, die Sprache, die man gebraucht, ist nie unverdächtig und lässt im Prinzip gewissen Rückschlüsse zu. Aber der Autor macht es sich zu leicht, da bei ihm der Übergang vom Vergleich zur Theorie zu unvermittelt geschieht, zu fundamentalistisch. Es gibt zwar zu denken, wenn im Wirtschaftsteil einer Zeitung die Börsenberichte eine mit religiösen oder militärischen Metaphern durchsetzte Sprache benutzen. Daraus aber ohne weiteres auf den religiös-ideologischen oder militärisch-agressiven Charakter der dahinter stehenden gesellschaftlichen Kräfte zu schliessen, scheint mir waghalsig zu sein. Dieselbe Analyse wäre dann auch angebracht bei Marx z.B., welcher ähnliche Metaphern gebraucht, und müsste dann wohl auch zu denselben Schlussfolgerungen führen. Bewiesen aber wäre nichts.
Hubert Hausemer
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