Rezente Bücher aus dem Piper-Verlag

Buchbesprechungen

Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.

Rezente Bücher aus dem Piper-Verlag

Victor E.Frankl. Die Psychotherapie in der Praxis. Serie Piper 475 1986

Ich bin mir nicht sicher, ob V.Frankl und seine, ‚Logotherapie‘ genannte, psychotherapeutische Methode hierzulande ein Begriff sind. Seine Grundgedanken verdienen es durchaus, einem breiten Publikum bekannt gemacht zu werden; sie sind leicht fasslich, fern von abstrusen Theorien und Vokabeln, sie beruhen auf Frankls persönlicher Erfahrung (u.a. im KZ von Auschwitz) und stellen eine von jedem, auch von psychisch gesunden Menschen,

mit Gewinn praktizierbare Lebensweisheit dar.

Frankl zufolge hat jeder Mensch das Bedürfnis nach einem Sinn in seinem Leben. Wenn diesbezüglich keine Befriedigung erfolgt, kann das zu einer spezifischen Neurose, einer Sinneurose, führen, zu deren Behandlung Frankl eine eigene Heilmethode, die Logotherapie ( von ‚Logos‘ = Geist, Sinn) entwickelte. 25% seiner Patienten leiden, Frankl zufolge, an einer solchen Sinneurose. Die Therapie besteht nicht darin, dem Kranken Sinn zu geben, sondern er muss diesen seinen Sinn selbst finden.

Was heisst nur hier ‚Sinn des Daseins‘? Ganz allgemein gesagt findet sich ein Sinn dann, wenn der Mensch das Leben als eine unendliche Reihe von Fragen auffasst, die an ihn gestellt werden und auf die er zu antworten hat: Sinn ist Antwort. Genauerhin kann man 3 Arten von Antworten unterscheiden: ‚eine Tat setzen oder ein Werk schaffen‘, ‚etwas erleben – etwas oder jemanden‘, schliesslich, ein unabänderliches Faktum bewältigen indem man sich ihm stellt. Es gibt aber für den einzelnen Menschen keinen allgemeingültigen Sinn, denn der Sinn besteht gerade in der je individuellen Antwort auf die je einzelne Situation.

In der auf diesen eigentlich philosophisch-antropologischen Grundgedanken aufgebauten Psychotherapie wird der Mensch ernst genommen als ein Wesen, das letztlich verantwortlich und geistbegabst ist. Ziel der Therapie ist es, dem Menschen zu seiner Selbstverfügung und Selbstverantwortung zu verhelfen. Die heute überall beschworene Selbstverwirklichung ist bei Frankl nicht einmal Nebenzweck, sie ergibt sich nebenbei, ‚per effectum‘ wie Frankl sagt.

Im vorliegenden Buch lässt sich nachlesen, wie Frankl seine Therapie bei den einzelnen psychischen Krankheiten zur Anwendung bringt, ohne dass er dabei aus ihr die einzige, alleinseligmachende Methode macht. Er sagt ausdrücklich, sie sei nur eine Ergänzung der Psychoanalyse, nicht deren Ersatz.

Wer noch kein Buch von Frankl gelesen hat, mag ruhig zu diesem greifen. Leider ist es mit Frankl so, dass, wer eines seiner Bücher kennt, alle anderen schon mitgelesen hat. Es gibt von einer zur anderen seiner Schriften kaum etwas Neues oder Erweiterndes.

Karl Jaspers. Der Arzt im technischen Zeitalter Serie Piper 441 1986

Bei Karl Jaspers haben wir es, im Unterschied zu Frankl, mit einem Philosophen zu tun, dessen Denken eine grosse Bandbreite hat. Dass er sich auch zu Problemen der Medizin, oder genauer, der medizinischen Praxis, äussert, ist aber nicht erstaunlich, wenn man weiss, dass Jaspers ein abgeschlossenes medizinisches Studium hinter sich hatte, und eine monumentale ‚Allgemeine Psychopathologie‘ veröffentlicht hatte, ehe er sich der Philosophie zuwandte.

In dem vorliegenden Taschenbuch sind Texte vereint, die in dieser Zusammenstellung erstmalig erscheinen. ‚Die Idee des Arztes‘ und ‚Der Arzt im technischen Zeitalter‘ sind Vorträge die Jaspers vor Ärzten gehalten hat. Der Grundgedanke, der sich auch in der kurzen Abhandlung ‚Arzt und Patient‘ findet, ist folgender: Das ärztliche Handeln steht auf zwei Säulen, der naturwissenschaftlichen Erkenntnis und dem Ethos der Humanität. In diesem Zusammenhang bedauert Jaspers, dass die erste dieser Säulen einseitig gefördert und entwickelt wird, zum Nachteil der zweiten, die gewiss nicht im selben Mass planbar und lehrbar ist. Jedenfalls macht sich hier das Fehlen eines verbindlichen Menschenbildes negativ bemerkbar.

Nebenbei gibt Jaspers seine Antwort auf das klassische Problem, ob der Arzt dem Patienten die Wahrheit sagen soll: ‚Anspruch auf Wahrheit hat nur der Kranke, der fähig ist, die Wahrheit zu ertragen und mit ihr vernünftig umzugehen… Der Arzt hat nicht nur die Verantwortung für die Richtigkeit seiner Aussagen, sondern auch für deren Wirkung auf den Kranken.‘

Die zwei letzten Texte befassen sich mit der Psychotherapie; sie sind betitelt ‚Zur Kritik der Psychoanalyse‘ und ‚Wesen und Kritik der Psychotherapie‘. Jaspers‘ Grundanliegen ist hier dasselbe wie in der Medizin überhaupt: ‚Für den Arzt (ist) beides notwendig: Erstens die Naturwissenschaft und das durch sie begründete Können und damit das klare methodische Bewusstsein von den kausalen Wirkungen und ihren Grenzen, das saubere Denken und Handeln im Rahmen des durch Wissenschaft Mögliche. Zweitens aber muss dieses Können Werkzeug bleiben, das unter Führung des Ethos des Arztes steht. Nicht in den naturwissenschaftlich begründeten Mitteln, wohl aber in der Weise ihrer Anwendung, im Einverständnis mit dem Kranken und unter seiner Mitwirkung, liegt das grundsätzlich Andere der Aufgabe, Tiere oder Menschen zu behandeln. Dieses Andere ist nicht Gegenstand wissenschaftlicher Forschung, sondern Sache der sittlich reif werdenden humanen Persönlichkeit. Die echte Wissenschaftlichkeit und diese Persönlichkeit aber sind untrennbar. Die Wissenschaftlichkeit wird unzuverlässig, wenn die letztere versagt. Die Persönlichkeit genügt nicht, wenn sie das Werkzeug nicht beherrscht.‘

Irving Felscher. Herfried Münkler. Pipers Handbuch der politischen Ideen. Band 4: Neuzeit. Von der französischen Revolution bis zum europäischen Nationalismus 1986

‚Das ‚Piper Handbuch der Politischen Ideen‘ bietet in 5 Bänden einen umfassenden Überblick über die Geschichte politischen Denkens von den frühen Hochkulturen bis zu den neuen sozialen Bewegungen unserer Zeit. In der Darstellung des Wechselspiels von Denken und Gesellschaft entsteht zugleich ein lebendiges Bild der Zeiten‘. So stellt der Verlag selbst dieses Handbuch vor, von dem bereits der Band 3 ‚Neuzeit: Von den Konfessionkriegen bis zur Aufklärung‘ erschienen ist. Bis voraussichtlich Herbst 1987 werden auch die letzten drei Bände (Frühe Hochkulturen und europäische Antike-Mittelalter – Neuzeit: Vom Zeitalter des Imperialismus bis zu den neueren sozialen Bewegungen) vorliegen.

Der nun erschienene Band 4 wird vom Verlag folgendermassen beschrieben: ‚Fast alle der hier behandelten politischen Ideen haben bis heute Einfluss und Bedeutung behalten. Ebenso unterschiedlich und vielgestaltig wie die einzelnen Ideen und ideologischen Strömungen der Französischen Revolution war die Reaktion darauf: Sie reicht von der vehementen Kritik Burkes über die Restaurationsforderungen des Bonalds und des Maistres bis zur reformerischen Aufnahme revolutionärer Grundideen in Preussen durch Stein, Hardenberg und

Humboldt, Scharnhorst und Clausewith, denen je eigene Kapitel gewidmet sind. Die mit den revolutionären Ereignissen in Frankfurt vielfach verbunden politischen Vorstellungen der deutschen Klassik ( Goethe, Schiller, Hölderlin) werden ebenso behandelt wie die politische Philosophie von Kant, Fichte, Schelling und Hegel, sowie der sich daran anschliessenden Schulen.

Gesonderte Abschnitte befassen sich mit den im 19.Jahrhundert entstandenen politischen Grundströmungen des Konservatismus, Liberalismus, Anarchismus, Frühsozialismus und Marxismus, deren bedeutendste Vertreter eingehend dargestellt werden. Die historischen Bedingungen, unter denen diese politischen Grundströmungen entstanden sind, werden ebenso geschildert wie deren Ausdifferenzierung und Zersplitterung. Abschnitte über die politischen Utopien des 19.Jahrhunderts, die katholische Soziallehre sowie den Nationalismus

in Frankreich, Italien, Deutschland sowie den Osteuropäischen Ländern beschliessen das Buch."

Dem Vorwort der Herausgeber zufolge wendet sich das Handbuch "an Lehrende und Studenten der Politikwissenschaft, Philosophie und Geschichte sowie an alle politisch Interessierten, die sich einen verbindlichen Überblick über die Geschichte der politischen Ideen verschaffen wollen … Die Beiträge … sollen gut lesbare Darstellung und wissenschaftlichen Diskurs miteinander verbinden." Einige Stichproben (Kant, Hegel, Marx) zeigen in der Tat, dass die einzelnen Beiträge ein hohes Niveau haben, sowohl was die inhaltliche Darstellung anbelangt als auch die Sprache. Das hat aber die bedauerliche Folge, dass das Buch sich kaum eignet für den durchschnittlichen, politischen Interessierten, was ja doch eine der Zielgruppen ist.

Hubert Hausemer

Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.

Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!

Spenden QR Code