Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.
Mit den Licht- und Schattenseiten des Hirtenbriefes der katholischen Bischöfe in den USA "Wirtschaftliche Gerechtigkeit für alle" befaßten sich die Befreiungstheologen Clodovis und Leonardo Boff vor kurzem im "National Catholic Reporter". Der folgende Beitrag, den wir aus Publik-Forum Nr. 24/1987 übernehmen, skizziert den Kern der Kritik, wie sie von den Gebrüdern Boff geäußert wurde.
Ohne Zweifel: Die katholischen Bischöfe der mächtigsten Nation der Welt haben mit ihrem Wirtschafts-Hirtenbrief echte evangelische Kühnheit und prophetischen Mut bewiesen. Mit ihrem großen Sinn für Gerechtigkeit und Freigiebigkeit machen sie deutlich, daß sie wirklich Freunde der Armen in aller Welt sind, nicht nur der Armen im eigenen Lande, sondern – in ganz besonderer Weise – der Armen in der Dritten Welt. Doch, wenn man selber nicht im Zentrum der wirtschaftlichen Weltmacht sitzt, sondern an der Peripherie unter den Armen lebt, dann geraten die Schattenseiten ins Blickfeld. Bei der Beurteilung des US-Hirtenbriefes darf auf keinen Fall übersehen werden, daß das kapitalistische System als solches von den Bischöfen nicht in Frage gestellt wird. Wieder einmal entging damit der Kapitalismus der Gefahr, verdammt zu werden, die Kräfte des Kapitalismus können erneut aufatmen. Die Bischöfe schlagen zwar kräftig auf den Finanzapparat ein, doch lediglich in der Absicht, ihn zu reparieren und nicht, um ihn zu ersetzen. Ihrer Meinung nach "funktioniert" das kapitalistische System; es braucht nur verbessert zu werden. Sie vertreten einen sozial temperierten Kapitalismus für die USA und die ganze Welt, was mehr einer sozialdemokratischen Linie entspricht.
Eine antikapitalistische, sozialistische fundamentale Kritik wird nicht vertreten.
Erstaunlich ist die Offenheit und Gesprächsbereitschaft der Bischöfe. Darin stecken Risiken und Chancen. Ein Risiko besteht darin, daß sich die Bischöfe in dem von ihnen gewünschten Meinungsbildungsprozeß von der kapitalistischen Ideologie beeinflussen lassen, die unter der wohlhabenden Mehrheit der US-Katholiken herrscht. Chancen liegen auch in dem Bekenntnis der US-Bischöfe, "von protestantischen Traditionen noch viel lernen zu müssen", aber auch in dem von ihnen geäußerten Wunsch, von den Katholiken der Dritten Welt zu lernen. Die Lernbereitschaft der US-Bischöfe ist begrüßenswert, doch haben die Bischöfe genug gelernt? Der Hirtenbrief sieht keinen Zusammenhang zwischen Bereicherung und Verarmung. Von Klassengegensätzen, von einem grundsätzlichen Widerspruch in der Wirtschaftsgesellschaft in den USA und anderswo ist keine Rede, obwohl die in dem Hirtenbrief genannten Zahlen dieses nahelegen sollten. Immerhin wird registriert, daß zwei Prozent der reichsten Familien in den USA 28 Prozent des Gesamtreichtums des Landes besitzen; die obersten zehn Prozent sogar 57 Prozent. 20 Prozent der
reichsten Familien in den USA beziehen jährlich 43 Prozent des Gesamteinkommens, während die armen 40 Prozent mit 15,7 Prozent auskommen müssen, davon die Hälfte mit nur 4,7 Prozent. Angesichts dieser Bilanz haben die US-Bischöfe zwar starke Worte gefunden, wie "Skandal", "Tragödie" und "Alarm". Doch eine fundamentale Systemkritik üben sie nicht. Die Bischöfe treten prophetisch gegen soziale Ungerechtigkeit auf, ohne aber nach den Ursachen und Urhebern dieser Ungerechtigkeit zu suchen. Sie greifen die Sünde an, ohne die Sünder zu nennen. Mit moralischen Vorstellungen und Forderungen, so wichtig sie sind, alleine ist dem kapitalistischen System mit seiner eingebauten Unge-
Ungerechtigkeit jedoch nicht beizukommen. Nicht erkannt wird, wie das Übel sich in Gesetzen, Mechanismen, Strukturen und Institutionen niederschlägt. Deshalb fehlt der Aufruf, solche Strukturen abzuschaffen. Stattdessen wird aufgefordert, sie moralischer zu gestalten. Gefordert wird nicht eine Richtungsänderung, sondern die Vollendung jenes Werkes, das die "Gründungsväter" der USA begonnen haben. Es geht um Kontinuität und nicht um einen Bruch mit der Vergangenheit.
Harald Pawlowski (Publik-Forum Nr. 24/1987)
Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.
Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!