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Ein freischaffender Künstler hat keine Krankenkasse. Man kann sich zwar irgendwo einkaufen, aber wenn man seit Monaten kein Bild mehr verkauft hat, womit soll man dann seinen Beitrag bezahlen? Das "Image" vom Künstler, der erst durch seine prekäre Lage in seinem künstlerischen Schaffen genügend motiviert wird, verkauft sich zwar nicht schlecht, ist aber romantisches Geschwätz. Kein echter Künstler läßt sich in seiner Kreativität stören, wenn seine materielle Existenz staatlich oder wie auch immer abgesichert ist.
anonym

Bis zum Alter von 32 Jahren war ich in keiner Krankenkasse, keiner Rentenversicherung, nichts. Nach viel administrativem Hin und Her tat sich dann in der Privatbeamtenkrankenkasse die Möglichkeit auf, mich versichern zu lassen. Ich habe dasselbe Statut wie ein Militärmusiker. Zu Anfang zahlte ich 1000 Franken pro Monat. Früher bezahlte ich meinen Arzt und den Zahnarzt mit Bildern. Nach mir haben nun weitere Künstler von dieser Möglichkeit Gebrauch machen können.

Zum ersten Mal in 42 Jahren habe ich keine Probleme, die mit meinem Kunstschaffen zusammenhängen. Aber das will nicht heißen, daß in Luxemburg alle Probleme gelöst sind. Junge Künstler stehen immer noch vor denselben Schwierigkeiten, die ich damals überwinden mußte. Ich habe mich selbst durchschlagen müssen. Es ist auch nicht nur positiv, wenn dem Künstler von staatswegen alle Steine aus dem Weg gerollt werden. In Holland war es einem Künstler möglich, eine Staatsrente und ein Arbeitslokal zu erhalten, unter der Bedingung, daß er einmal im Jahr eine Ausstellung hatte. Das schaffte jeder. Aber gearbeitet haben nur noch wenige. Das System wurde daher vor kurzem wieder abgeschafft. Wenn es dem Künstler materiell schlecht geht, strebt er viel stärker danach, sein Kunstschaffen derart zu verbessern, daß er sich durchsetzen kann. Mir ist es allemal so gegangen. Es kommt dann der Augenblick, wo man sich definitiv entscheidet, ob man freischaffender Künstler werden oder bleiben will, oder ob man doch lieber in ein geregeltes Arbeitsverhältnis zurückkehren will. Ich habe auch mal in Südfrankreich in der Weinlese geholfen, weil ich nicht wußte, was ich am nächsten Tag zu essen hätte. Der Sinn für das Wesentliche wird dann auch geschärft.

Brandy

Früher war es die Konsekration eines Künstlers, seine Bilder im Museum zu sehen. Ob das heute noch der Fall ist, das weiß ich nicht. Vielleicht bei den Museen für Moderne Kunst? Andersherum stellt sich hier die Frage, inwieweit Museen kritisch und neu-

tral über manch modischem Marktgerangel stehen. Die Rolle des Museums als Tempel, als Konsekrationsstätte für anerkannte Künstler unterliegt einer Wandlung. Wann wird ein Künstler museumsreif und wer entscheidet darüber? Dem zu Grunde liegt natürlich immer die Frage bzw. die Entscheidung, was ist ein Kunstwerk und was nicht.

Die Rolle des Museums als Tempel, als Konsekrationsstätte für anerkannte Künstler unterliegt einer Wandlung.

Das Land Luxemburg soll endlich ein modernes Kunstzentrum gründen, das über seine Grenzen hinausstrahlt. Wir könnten es uns leisten mit unseren finanziellen Möglichkeiten. Dann wäre die Möglichkeit gegeben, internationale Ausstellungen zu machen. Ob dies in Form von Biennalen, Austausch oder spezifisch gezielten Ausstellungen geschieht, wäre zu diskutieren. (Warum z. B. nicht ein "Cabinet d’Estampes" für zeitgenössische Graphik machen?) Unsere Nachbarländer haben in dieser Hinsicht große Arbeit geleistet.

Die 0,4%, die in unserem Staatshaushalt für Kultur vorgesehen sind, sind lächerlich gering. Darüber

haben wir schon vor 20 Jahren auf Rundtischgesprächen mit den Verantwortlichen gesprochen. Die Zahl hat sich immer noch nicht erhöht. Wo bleiben die Politiker, die daran etwas ändern wollen? Wenn der politische Wille erst mal da ist, werden sich auch Fachleute finden, um die Projekte zu realisieren, und außerdem könnten wir, wie das international üblich ist, auf Fachleute aus dem Ausland zurückgreifen.

Roger BERTEMES

De Musee as en trauregt Kapitel hei zu Lëtzebuerg. Si hun ee Bild vu mir kaft. E richtege Musee, dee geziilt a regelmëisseg eng koherent Kollektioun opbaut an dem grousse Publikum weist, an uerdentliche Reim, deen hu mir bis elo nët hei am Land.

Jean-Marie BIWER

Ich finde der Staat müßte viel stärker Initiativen ergreifen, um die Interessen der Luxemburger Künstler zu vertreten. Eben hat der "Cercle artistique" eine Ausstellung in Köln organisiert. Das ist ja recht löblich. Aber warum organisiert das Kulturministerium nicht mehr in dieser Hinsicht? Es fürchtet wohl, dann für jeden etwas tun zu müssen. Nicht jeder hat z. B. das Geld, für eine Ausstellung einen Katalog drucken zu lassen. Einen solchen braucht man aber, um anderswo zu zeigen, was man macht. Es gibt sogar Luxemburger Galerien, die einen erst nehmen, wenn man schon im Ausland ausgestellt hat. anonym

Bis dato habe ich von staatlicher Seite, Kulturministerium oder Museum, weder Mitteilung noch Einladung für ausländische Veranstaltungen, seien es Symposien, Ausstellungen o. ä. bekommen. In Deutschland, Frankreich laufen Einladungen über Gruppen, Syndikate oder andere öffentliche Wege. In Luxemburg bestehen solche Gremien nicht oder die bestehenden Kanäle funktionieren nicht.

Pit NICOLAS

Die Stadt Luxemburg hat auf der "Schleifmillen" acht Künstlern Räumlichkeiten für ihr Atelier zur Verfügung gestellt. Das Beispiel ist ohne Zweifel ein Beweis, daß bestimmte Verantwortliche in der Gemeindeverwaltung die Notwendigkeit einer solchen Infrastruktur eingesehen haben. Mir scheint das allerdings stärker an einzelnen Personen denn an einem parteipolitischen Programm zu liegen.

Der Staat unternimmt in letzter Zeit auch größere Anstrengungen, um Luxemburger Künstler an großen Ausstellungen im Ausland teilnehmen zu lassen. Ich konnte Luxemburg auf der Biennale in Venedig und in Sao Paulo vertreten. Sicher waren die Ausstellungsbedingungen in Venedig nicht optimal, aber immerhin konnten wir teilnehmen und haben den Weg für andere geöffnet.

Es gibt auch finanzielle Unterstützung für die Einrichtung eines Ateliers und für die erste Einzelausstellung. Die Schaffung des "Fonds National Culturel" war ohne Zweifel eine feine Sache. Viel problematischer ist die soziale Absicherung des Künstlers. Beim Kulturminister liegt seit längerem ein dickes Dossier, aber es geschieht nichts. In die Krankenkasse kann man auch freiwillig einbezahlen, Patronatsanteil inklusive. Aber die meisten sind in

keiner Pensionskasse. Künstler sind vielleicht nicht so auf eine gesicherte Zukunft aus. Sonst würden sie ja nicht das Risiko des ungesicherten Berufs auf sich nehmen. Der Künstler rechnet damit, entweder als Stadtsreicher oder als Berühmtheit zu enden …

Das Staatsmuseum kauft auch Werke zeitgenössischer Luxemburger Künstler. Aber erstens ist das entsprechende Budget lächerlich gering, und zweitens hat es keinen Platz sie auszustellen. Es fehlt auch an Leuten, die gewillt sind bzw. die Zeit haben, etwas anderes als ein historisches Kunstmuseum zu machen. Zeitgenössische Kunst gehört halt nicht zu seinen vorrangigen Sorgen. Das ist aber eine Frage der Kultur- und Finanzpolitik, nicht der Museumsverwaltung.

Ich glaube, man kann durchaus behaupten, daß die Menschen sich stärker für Kunst interessieren. Und gleichzeitig muß man feststellen, daß die Bürger immer wieder für blöd gehalten werden. Man braucht sich nur die öffentlich aufgestellten Skulpturen anzuschauen. Die sind doch von einem schauderhaft niedrigen Niveau im Vergleich zu dem, was in Luxemburg auf der Ebene des Kunstschaffens mittlerweile geschieht. Als sei der Bürger nicht imstande, eine abstrakte Skulptur zu betrachten. Es werden nur noch Figuren aufgestellt, angeblich weil die dem Niveau des Volkes am ehesten entsprechen. Meines Erachtens braucht das Volk aber keine solche dümmliche Kunst mehr. Die Zeit des Volkstums ist vorbei.

Als wir die Gemeindeverantwortlichen darum baten, uns das "Cercle"-Gebäude kostenlos zur Verfügung zu stellen, erhielten wir eine positive Zusage, die aber an die Bedingung gekoppelt war, daß nichts während der Ausstellung verkauft werden dürfe, ansonsten sie sofort geschlossen werde. Und wer trotzdem heim-

R. Soisson

Viel problematischer ist die soziale Absicherung des Künstlers.

lich verkaufe, müsse damit rechnen, auf immer aus Gemeinderäumlichkeiten verbannt zu werden. Wir waren davon sehr betroffen, doch das war eigentlich nur die Kopie des Gemeindereglements, das auf den

Druck der privaten Galerien zurückzuführen ist, die solche Ausstellungen andernfalls als Konkurrenz empfinden. Patricia LIPPERT

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