Batman Bad Man?
Öberlegungen zur Filmkritik in Luxemburg
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Ohne Filmkritik gibt es kein Kino. Der Kritiker ist der Vermittler zwischen Film und Publikum, er hat die Filme gesehen und berät die potentiellen Zuschauer. Er gibt ihnen Hilfen, damit sie im Angebot den richtigen Film finden können. So oder ähnlich könnte man die Rolle des Kritikers definieren. Mit seinem Stand muß man sich also auch auseinandersetzen, will man die Luxemburger Filmszene vollständig beschreiben.
Diese Überlegungen standen am Anfang dieses Artikels, vier Wochen lang sollten alle Kritiken der Luxemburger geschriebenen Presse gesammelt und ausgewertet werden (Radio und Fernsehen sollten aus praktischen Gründen nicht berücksichtigt werden). Eine erste Feststellung, drängt sich bei dieser Materialsammlung sofort auf. Es gibt zwei grundverschiedene Konzepte:
Erstens der Anspruch auf Vollständigkeit: Der Leser soll eine detaillierte Programminformation über sämtliche Filme erhalten, die notgedrungen kurz und knapp ausfällt. Dieses Konzept findet sich bei den großen Tageszeitungen Wort und tageblatt und bei der Fernsehprogrammzeitschrift Télécran genauso wie bei der kommunistischen Tageszeitung und dem Républicain Lorrain.
Das zweite Konzept ist das selektive Hervorheben einzelner Filme in längeren Beiträgen. Diese ausführlicheren Kritiken finden sich im Journal, im tageblatt, in der Revue, im Letzebuerger Land, aber auch in der Luxpost. Diese Medien erheben also nicht den Anspruch einen kompletten Programmservice anzubieten. Sie gehen davon aus, daß die Leser sich bei der Konkurrenz informieren. In diesem Zusammenhang versteht das Journal sich als "Zweitageszeitung", während die KP-Zeitung versucht, sich zumindest beim Filmprogramm genauso wie beim
Fernsehprogramm, als vollwertige Tageszeitung zu profilieren.
Rein umfangmäßig steht das Tageblatt an der Spitze, da es neben den Programmübersichten jede Woche zwei ausführliche Besprechungen liefert. Bei den Kurzbesprechungen ist man im Wort bzw. Télécran, die weitgehend übereinstimmen, am besten bedient, da Inhaltsangabe und Bewertung am ausführlichsten sind. Bei Verlängerungen werden die Kritiken mehr oder weniger wiederholt, während bei den anderen diese schon in der zweiten, dritten Woche zu einer oder zwei Zeilen schrumpfen.
Angesichts der seltenen Pressevorführungen ist der Kritiker dazu verdammt über Filme zu schreiben, die er nicht gesehen hat. Er lebt also von seiner Dokumentation. Der Kritiker des Luxemburger Worts hat es am bequemsten, er kann mit gutem Gewissen auf den katholischen Filmdienst zurückgreifen, dem er auch seine Empfehlungen für die Jugendgemäßheit der Filme entnimmt.
Gewissenhafte Kritiker verlassen sich jedoch nicht auf das Sammeln von Kritiken ausländischer (Fach)zeitungen, sie versuchen soviele Filme wie möglich auf Festivals zu sehen um Kritiken zu gegebener Zeit, sprich beim Kinostart in Luxemburg, parat zu haben. Der obligate Wallfahrtsort des Luxemburger Kritikers ist das Filmfestival in Cannes, das mittlerweile zu einer Art Berufsausflug der ganzen Filmkritikerzunft geworden ist.
Ob der Kritiker andere Festivals besucht, hängt von seinem Arbeitseifer und von der finanziellen Großzügigkeit seines Arbeitgebers ab, wobei die Rivalität zwischen Zeitungen schon mal genutzt werden kann, um Geld locker zu machen. Das Argument, daß das Luxemburger Wort seinen Kritiker nach Berlin schickt, wiegt schwerer als sämtliche inhaltliche Argumente über die zunehmende Wichtigkeit dieses
Der obligate Wallfahrtsort des Luxemburger Kritikers ist das Filmfestival in Cannes
Festivals. Ein geschickter Kritiker wird es fertigbringen seine Festivalteilnahmen diskret und beiläufig in seinen Kritiken zu erwähnen. Als Beispiel sei nur folgender Satz zitiert: "Wir haben Indiana Jones auch in Deauville gesehen …". Man achte auf das Pluralis Majestatis, das dem Kritiker nicht nur die nötige Würde sondern auch die größere Überzeugungskraft verleiht.
Bis auf das Luxemburger Wort (mit dem Télécran) hat keine weitere Zeitschrift einen Vollzeit-Filmkritiker angestellt. Die anderen Kritiker arbeiten auf Honorarbasis. In den untersuchten 4 Wochen wurde auch klar, daß in kleineren Zeitungen die Filmkritik einfach ausfällt, wenn der zuständige Redakteur Urlaub macht.
Eine umfassende, vergleichende Untersuchung aller Filmkritiken würde den Rahmen dieses Artikels und die Kräfte seines Autors übersteigen. Es bedarf also der radikalen Bescheidenheit und die Beschränkung auf signifikative Beispiele¹. Wir haben uns für zwei Extreme entschlossen: einen kleinen bescheidenen französischen Kinderfilm, der kurz im Utopia lief, und die amerikanische Superproduktion, die gleich in zwei Kinos über mehrere Wochen programmiert ist.
Lesern ausgeht, oder auch nur von dem vermeintlichen Druck der Leser, so wie sie im Kopf seines Redakteurs existieren. Besonders bei den Medien, die ein volles Filmprogramm liefern, gibt es den Widerspruch zwischen den Ansprüchen des "Massen" publikums und denen des Kritikers, der Gefahr läuft wegen seines "elitären" Geschmacks angegriffen zu werden. Dies hat natürlich nicht nur mit hehrer Kunst sondern auch mit kommerziellen Interessen zu tun. Da anspruchsvollere Filme eher im Utopia laufen, droht der Kritiker in das Schußfeld der anderen Kinobesitzer zu geraten, die sich vernachlässigt fühlen.
"Für den Filmkritiker, der sich einigermaßen in seiner schwerwiegenden Juristenrolle ernstnehmen will, gehört es sich, mit Skepsis in diese Spielzeugsvermarktungs-Filmproduktion hineinzugehen. Vor 10 Jahren wäre er für die Gutheißung eines kommerziellen Knüllers dieser Art als oberflächlicher Fastfood-Filmkonsument ins Kino-Nirvana verbannt worden" (Cl. Neu, Lux-Post). Mit diesem Zitat ist das Problem klar umrissen und die flotte Schreibe des Lux-Post Rezensenten ist ausreichend dokumentiert. Diese witzig-spritzige Art kommt auch im hintersinnigen Titel der Kritik zu tragen, der da lautet: "SOS – (F)lüge einer (F)ledermaus".
Ironie liegt auch im Titel der Revue-Kritik "B-Day…". Mit dieser Formulierung will jphilges den Start des Filmes "wo der schwarzgekleidete Rächer gleich zwei Kinosäle besetzt" mit dem D-Day, der Landung in der Normandie, vergleichen um auf die kulturelle Invasion unserer Kinos durch die US-Produktionen hinzuweisen. Am ausführlichsten setzt Viviane Thill sich im tageblatt mit der Problematik des Werberummels auseinander: "Batman ist für die Journalisten zum Must aufgestiegen. Man darf kritisch sein – doch über Batman muß geschrieben und gesprochen werden". Ob sie da wohl die Empfehlungen ihres Redakteurs meint? Sie setzt sich besonders mit der französischen Presse auseinander, die diesen Film zum Phänomen erklärt, noch bevor ihn jemand gesehen hat. Und genau das, was sie den anderen vorwirft, macht sie selbst: sie widmet dem Film viel mehr Raum als ihm nach ihrer eigenen Überzeugung zukommen soll. Dieser Artikel mit dem Titel: "Die Macht des Geldes" wird durch ein gut ausgewähltes Photo illustriert, auf dem der Oberbösewicht des Films die Dollarnoten ins Publikum wirft.
Auch die KP-Zeitung widmet sich dem Batman-Kult und erteilt dem US-Imperialismus einen Seitenhieb: Sein Erfolg kommt aus seiner "Übereinstimmung mit dem Wunsch-Weltbild der US-Amerikaner nach Selbstjustiz und unbarmherzigen Rächern gegen vorgebliches Böses … in aller Welt".
Außer der Werbekampagne und den Bat-Gadgets gibt es aber noch den Film und hier gehen die Urteile weit auseinander. Die besten Noten erhält Batman in der Lux-Post: "Der Streifen ist in jeglicher Hinsicht eine Augenweide … Dynamisch, witzig, überraschend". Der Autor bekennt sich zu seinen kindlichen Zügen und gibt auch zu, daß er am liebsten ein Batmobil unter seinem Tannenbaum finden würde. Auch jphilges bekennt sich zu dem Kinderspektakel: "Jugendlichen ab 10 Jahren aufwärts werden ihren
Carlo Schneider
EEMOL DEN WUPPBUPP…
BÖPWUPP… BULLBLUPP…
BUBA … ALSO… DEE NEIE
LETZEBUERGER FILM.
Fledermaus
Die Wahl von Batman ist nicht von ungefähr, denn dieser Film wirft gleich mehrere, für den Kritiker wichtige Probleme auf. Kino steht immer im Spannungsfeld zwischen Kunst und Kommerz, dies wird besonders deutlich bei Filmen, die mit einer großen Werbekampagne hochgepuscht werden. Hier muß der Kritiker sich dem Kommerz stellen, er muß auch mit dem Erwartungsdruck umgehen, der von seinen
Höllenspaß … haben". Alle anderen sind da skeptischer. Viviane Thill im tageblatt: "Gute Unterhaltung, nicht mehr, nicht weniger"; F.C. im Répu: "le film, malgré un style visuel très surréaliste et beaucoup d’emphase, reste sans âme véritable." Am kritischsten ist der Télécran: "Ein unendlich langatmiger Unterhaltungsfilm… spannungsarm, wenig aufregend, billig".
Sicher kann man diesem Film viele Vorwürfe machen, doch es ist schon rätselhaft, wie die Feststellung im Télécran, daß die Bauten und die Spezialeffekte billig wirken, zustande kommt. Hier gibt es einen einstimmigen Widerspruch der Kritikerkollegen, die explizit auf die "dimensionssprengenden Monster Kullissen" (Lux-Post) hinweisen. "Man sieht, wo die 50 Millionen Dollar" geblieben sind, sagt jpthilges und andere verweisen auf die Vorbilder von Blade Runner oder von Metropolis.
Nur im Wort (bzw. Télécran) erhält man systematisch zu jeder Kritik eine Empfehlung für welches Publikum der Film geeignet ist. Bei Batman heißt diese: "Für Erwachsene und Jugendliche". Nur noch in der Revue wird dieses Thema angesprochen: "Für kleine Kinder ist der Streifen auf keinen Fall geeignet, da es oft ziemlich hoch hergeht." Die anderen Rezensenten gehen auf diese Problematik nicht ein, obschon eine Warnung an die Eltern bei diesem vermeintlichen "Kinderfilm" nicht überflüssig wäre.
Das zweite Beispiel ist auch kein Kinderfilm, auch wenn zwei 10 jährige die Hauptrolle spielen.
Je suis le seigneur du château
Da dieser Film nicht so bekannt sein wird, wie der vorige, wollen wir ihn an Hand des Textes im Télécran vorstellen: "Nach dem Tode seiner Mutter lebt Thomas allein mit seinem Vater auf einem Schloß. Dieser engagiert eine Gouvernante, die einen gleichaltrigen Sohn mitbringt, Charles. Rasch entsteht zwischen Monsieur Bréaud und Madame Vernet ein Liebesverhältnis. Diese Liaison entfacht einen haßerfüllten Krieg zwischen beiden Jungen… — Ein furchterregendes Drama, das einige sehr spannende Szenen enthält, aber eine grausame Beziehung schildert, die der Zuschauer mit Mühe durchsteht. Für Erwachsene." Wer wird sich durch diesen knappen, lieblosen Text ermuntert fühlen den Film anzuschauen?
Während die anderen Zeitungen mit einem vollen Programm irgendein objektives Kriterium (alphabetische Reihenfolge) wählen, werden die Filme im Répu in eine subjektive Reihenfolge gebracht, die die Vorlieben des Rezensenten widerspiegelt. Vor "Batman", vor "L’ami retrouvé" und vor "Slaves of New York" finden wir also den hier besprochenen Film an erster Stelle. Die Inhaltsangabe ist etwas umfangreicher, im Aufbau entspricht sie aber, dem Télécran-Text, der sich wie eine gestraffte deutsche Übersetzung des Répu-Textes liest. Das zeitgleiche Erscheinen beider Texte deutet auf eine gemeinsame Quelle hin. Nach der Inhaltsangabe finden wir zusätzlich einen Hinweis auf den Regisseur, die Buch-
vorlage und das Talent der jugendlichen Schauspieler. Folgende Sätze machen jedoch darauf aufmerksam, daß es sich nicht um einen banalen 08-15-Streifen handelt, wie das Wort glauben läßt: "L’affrontement entre les deux garçons dépeint ici, ce sont le règne et le rêve qui s’opposent violemment, pour laisser voir le vrai visage de l’enfance, souvent marqué de cruauté … une réussite dans son analyse inhabituelle et sans complaisance d’une enfance qui apparaît pas rassurante."
jpthilges widmet seine wöchentliche Rubrik diesem Film, den er eindringlich empfiehlt: ("Courez-y") und in eine Reihe stellt mit "Les 400 Coups" und "L’Argent de Poche" und anderen Meisterwerken. Viviane Thill geht, ebenso wie jpthilges, auf das Problem des kleinen Films ein, der in derselben Woche wie Batman anläuft und der sich gegen den Werberummel behaupten muß. "Ceux qui trouvent ‚fascinant‘ le méchant (de Batman) incarné par Nicholson feraient bien de jeter un petit coup d’oeil sur cette oeuvre de Régis Warnier". Auch wenn sie den Film nicht zum Meisterwerk hochstilisiert, ist sie sich mit ihrem Revue-Kollegen, darin einig, daß es sich um einen intelligenten und mutigen Film handelt, in dem die Welt der Kinder treffsicher beschrieben wird.
Noch skeptischer ist Martine Reuter im Lëtzebuerger Land: "Ansatzweise ein interessanter Film, der leider auch formale Mängel aufzuweisen hat. Ein ewiges Auf und Ab, Hin und Her zwischen hervorragenden Momenten und eher langweiligen Augenblicken."
Thilges, Thill und, wenn auch etwas impliziter, F.C. ergreifen Partei für den kleinen, sensiblen Film, sie stiften ihre Leser zum Filmbesuch an. Was anderes kann man von einem Kritiker erwarten, als daß er seine Liebe zum Film dem Leser mitteilt, als daß er das Medium Film verteidigt allem kommerziellen Weberummel zum Trotz?
Vor zehn Jahren wurde im "forum" ein vernichtendes Urteil über die Luxemburger Filmkritik gesprochen. "Die Filminformation in Luxemburg kann nur besser werden", lautete damals der Schlußsatz und die Kritik ist sicher besser geworden. Eine neue Generation hat die Kritik übernommen und sogar im Wort steht nicht mehr die moralisierende Wertung der Filme im Vordergrund. Kritiker haben ein schweres Leben, da sie es nicht allen gleichzeitig recht machen können. An dieser Stelle soll auch keine Wertung über die einzelnen Kritiker gemacht werden, die zwei gewählten Beispiele haben die verschiedenen Sensibilitäten der Kritiker gezeigt, doch man möge nicht vergessen, daß diese beiden Beispiele nicht repräsentativ sind.
- Batman:
Lux-Post Nr 38; Républicain Lorrain 14.9.1989; revue Nr 37, tageblatt 21.9.1989; Télécran Nr 38 und Nr 39; Zeitung vom Lëtzebuerger Vollek vom 19. Oktober 1989
Je suis le seigneur du château:
Lëtzebuerger Land 22.9.1989; Républicain Lorrain 14.9.1989; revue Nr 38; Télécran Nr 38; - cst, Film und Presse in Luxemburg, "forum" Nr 42, 1980
- Einen guten vergleichenden Überblick über die divergierenden Meinungen der Kritiker liefert die Rubrik "Star Wars" im "Graffiti", der Programmautschrift des Utopias. Dort bewerten 5 Kritiker und 5 Utopiamitarbeiter die Filme mit einer Note von 1 bis 6.
Was anderes kann man von einem Kritiker erwarten, als daß er seine Liebe zum Film dem Leser mitteilt, als daß er das Medium Film verteidigt allem kommerziellen Weberummel zum Trotz?
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