Die Apartheid ist immer noch lebendig
Interview mit Father Smangaliso Mkhatshwa
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Am Rande der internationalen Konferenz der westeuropäischen Parlamentarier gegen die Apartheid (s. vorstehender Bericht) interviewte unser Mitarbeiter Mathias Flammang Father Smangaliso Mkhatshwa, ehemaliger Generalsekretär der katholischen Bischofskonferenz im südlichen Afrika und Verantwortlicher des ICT (Institute for Contextual Theology).
bp3w/forum: Präsident De Klerk hat die Abschaffung dreier Hauptgesetze der Apartheid angekündigt: people registration act, land act, group areas act. Wie schätzen Sie diese Maßnahmen ein?
Father Mkhatshwa: Ich glaube, daß dies eine wichtige und bedeutende Entscheidung von De Klerk ist, in dem Sinne, daß sie den Weg zu Verhandlungen ebnen wird, die das Land zu diesem Zeitpunkt wirklich braucht. Aber diese Entscheidung ist auch in einem anderen Sinne positiv, weil sie ein Klima herbeiführen wird, in dem mehr Menschen, schwarz und weiß, zusammen arbeiten können. Diese Entscheidung wird auch den Weg zu einer Normalisierung freimachen, auf eine Situation hin arbeiten, in der die Menschen Südafrikas ihre Wunden heilen können, in der Gemeinschaft herrschen kann, in der Demokratie Wirklichkeit werden kann und in der gewisse Bürger- und Menschenrechte, die von vielen anderen Nationen als selbstverständlich angesehen werden, auch in Südafrika Wirklichkeit werden können. Aber natürlich sind das nur Ankündigungen, sie sind noch nicht Wirklichkeit, und ich glaube, daß man darauf hinweisen muß, obwohl all dies eine wichtige Entwicklung ist, die auf den im letzten Jahr eingeführten Reformen basiert, daß im Grunde sehr wenig Veränderungen stattgefunden haben und daß in Wirklichkeit die Lage so geblieben ist, wie sie immer war.
bp3w/forum: Gestern sagten Sie, daß die Apartheid sehr krank, aber noch immer lebendig sei.
Fr. Mkhatshwa: In der Tat. Ich würde sagen, krank im Sinne der Reformen, die De Klerk eingeführt hat und welche die Apartheid bereits geschwächt haben.
Zweitens ist es klar, daß der Druck auf internationaler Ebene, sowie der Kampf der Menschen hier, den Befürwortern der Apartheid gezeigt haben, daß dieses System von der internationalen Gemeinschaft abgelehnt wird, daß dieses System schlecht für die Wirtschaft ist und man seine Fortführung deshalb nicht dulden wird. Die Tatsache, daß die Regierung jetzt Reformen einführt und sich dazu bereit erklärt, im Sinne einer Lösung zu verhandeln, deutet darauf hin, daß dieses System auf dem Weg zu einem anderen System ist, welches demokratischer ist und mehr und mehr Menschen erlauben wird, an der Wahl ihrer Regierung teilzunehmen und Entscheidungen zu treffen. Es ist auch ein Hinweis dafür, daß dieses alte System moralisch nicht zu vertreten ist.
bp3w/forum: Apartheid ist nicht nur ein politisches, sondern auch ein wirtschaftliches System.
Fr. Mkhatshwa: Richtig. Ich stimme mit Ihnen überein, daß die Apartheid und die sogenannte freie Marktwirtschaft in Südafrika von vielen Menschen als verwandt angesehen werden. Deshalb stehen viele Leute in Organisationen dem kapitalistischen System in Südafrika sehr kritisch gegenüber. Aus diesem Grund haben viele von ihnen sich nach alternativen wirtschaftlichen Modellen umgesehen, Wirtschaftssysteme, die zum erwünschten Wohlstand führen, aber welche auch eine gerechtere und gleichmäßigere Verteilung des Reichtums garantieren.
bp3w/forum: Wie ist Ihre Position betreffend Sanktionen?
Fr. Mkhatshwa: Ich würde sagen, man sollte Sanktionen beibehalten, bis es klare Beweise gibt, daß der
Wir würden uns über Investitionen freuen, aber nicht in einen Apartheid-Staat sondern über Investitionen in eine Regierung, die von den Menschen bestimmt wird.
Prozess grundlegender Veränderungen nicht mehr umkehrbar ist. Ich sehe Sanktionen nicht isoliert von einem allgemeinen Widerstand gegen die Apartheid oder getrennt vom Druck, der auf dieses System ausgeübt wird, um es in Richtung einer echten demokratischen Gesellschaft zu verändern. Wenn wir jetzt die Sanktionen stoppen oder beginnen die Strategie der Sanktionen zu sabotieren, scheint das mir, als ob wir bereits den Druck wegnähmen, der eigentlich die Veränderungen möglich werden ließ. Deshalb hätten wir dann in Wirklichkeit die Geschwindigkeit der Veränderungen verlangsamt oder wir würden damit beginnen, die echten Veränderungen zu bedrohen, Veränderungen die so grundlegend wie möglich versucht wurden.
bp3w/forum: Wann erwarten Sie, daß die europäischen Länder auf die Sanktionen verzichten sollen?
Fr. Mkhatshwa: Natürlich hoffen wir alle, daß dies in nächster Zukunft möglich sein wird. Ich meine, daß die Aussage "in nächster Zukunft" ein paar Monate, aber auch ein paar Jahre bedeuten kann, aber ich vertraue darauf, daß dies in ein paar Monaten stattfinden kann. Dies glaube ich aus dem Grund, weil wir uns bewußt sind, daß Sanktionen sich negativ auf die Wirtschaftslage des Landes auswirken. Wir möchten keine Wirtschaft erben, die am Ende ist, wir möchten unsere eigenen Landsleute nicht belasten. Im Gegenteil, wir würden uns über Investitionen freuen, aber nicht in einen Apartheid-Staat sondern über Investitionen in eine Regierung, die von den Menschen bestimmt wird, über Investitionen, die der Mehrheit der Bevölkerung zugute kämen. Investitionen zum jetzigen Zeitpunkt würden dazu beitragen, die Apartheid zu stärken. Deshalb meinen wir, daß zuerst das Tempo der Veränderungen beschleunigt werden sollte, dann würden wir uns das Ende der Sanktionen so schnell wünschen, wie dies sinnvoll zu vertreten ist. Unsere Befreiungsbewegung arbeitet auch hart daran, Wege und Mittel zu Veränderungen zu finden,
auf daß diese Veränderungen beschleunigt werden, damit wir so früh wie möglich zur Beendigung der Sanktionen aufrufen können. Es ist mir durchaus bewußt, daß einige Leute, die unsere Freunde sind, und uns bei den Sanktionsforderungen unterstützt haben, jetzt anfangen, in der neuen Lage zu zweifeln. Wir möchten diese Freunde nicht verlieren. Wir möchten uns nicht in einer Lage sehen, in der wir gegeneinander arbeiten.
bp3w/forum: Sind die Einsetzung einer Übergangsregierung und die Wahl einer verfassunggebenden Nationalversammlung die Bedingungen für die Abschaffung der Sanktionen?
Fr. Mkhatshwa: Nun, wir haben das nicht unbedingt als Bedingung gestellt, aber wir sind sehr überzeugt davon, daß dies ein sehr wichtiger Aspekt des Hinweises auf irreversible Veränderungen ist. Der Vorteil einer konstituierenden Nationalversammlung besteht darin, daß die Menschen Südafrikas das Recht haben werden, zu entscheiden, wer die Verfassung aufstellen soll und wer sie in ein neues Südafrika führen soll. Zu diesem Zeitpunkt haben wir eine Regierung, die Partei in diesem Szenario ist, aber gleichzeitig auch Schiedsrichter. Das ergibt wirklich keinen Sinn, weil, so wie Nelson Mandela das auch sagt, wie kann eine Regierung, welche für den größten Teil unserer Leute keine legitime Existenzberechtigung hat, eine Regierung der unsere Leute nie richtig vertraut haben, die nicht von der Mehrheit der Leute gewählt wurde, wie kann dieser Regierung erlaubt werden, den Schiedsrichter zu spielen. Das ergibt wirklich keinen Sinn.
bp3w/forum: Father Mkhatshwa, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
("forum" bedankt sich herzlichst bei Laurence Gretsch für die Übersetzung dieses Interviews; die Originalfassung auf Englisch erschien in bp3w Nr. 106)
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