Wer muss den täglichen Festschmaus bezahlen?
Ernährung und Dritte-Welt-Läden
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Ernährung und Dritte-Welt-Läden
Jammern hört man hierzulande kaum noch jemanden über zu hohe Konsum-Lebensmittelpreise. Zu recht, auch wenn wir im Rahmen der EG-Harmonisierungsbestrebungen im Bereich der indirekten Steuern bald noch Erhöhungen unserer Mehrwertsteuersätze als europäisches "Geschenkpaket" aufgestischt bekommen werden. Noch viel weniger fragt man/frau sich, wie es möglich sein kann, daß Ananas, Melonen, Mangos, Papayas und Lemonen in der Jumbo-Touristenklasse als frische Früchte ihre Weltreise zu uns antreten, um uns als Nachtisch das Leben zu versüßen und zu Superpreisen von unseren Supermarktketten auf den Markt geworfen werden.
Lapidar und anteilnahmslos kann es einem dann schon mal entgegentönen, wenn das Thema angeschnitten wird: "Da sind eben die Arbeitskräfte billiger, und sie haben ja das richtige Klima dafür…" Diese Binsenwahrheiten stimmen ja sogar, aber damit hat sich das Problem leider nicht erledigt. Daß aber vor Ort, in den Dritt-Welt-Ländern, durch staatliche Lenkung gefördert oder angeheizt durch den Konkurrenzkampf der Multis der Anbau von exportorientierten Exotfrüchten den lebensnotwendigen Anbau von Grundnahrungsmitteln für die einheimische Bevölkerung verdrängt, weiß oder interessiert den Früchteschmauser leider nicht.
Leidenschaft für Ketchup…
Im brasilianischen Nordosten wird zur Zeit ein Großprojekt "Nova California" eingefädelt, wo man im 2.700 Kilometer langen Tal des Rio São Francisco nach US-Vorbild 10 Millionen Hektar bewässern will, um das Tal für den Export von Tomaten für den amerikanischen Ketchupbedarf, Trauben für den Weintrinker, Melonen, Mangos, Papayas für USA, Japan und europäische Staaten zu "erschließen". Die 70 Millionen Brasilianer die tagtäglich an Hunger leiden, schauen zu, wenn die "erste Welt" den Tisch gedeckt bekommt.
Ob es von staatlicher oder supranationaler Seite (IWF oder Weltbank) aber aber von Großkonzernen ausgeht, der Schlag trifft letztendlich immer die gleichen, die sowieso schon zu den Ärmsten und Notleidenden gehören. So wird mehr Handel und mehr Hunger gefördert.
Vogel-Strauß-Politik…
Angesichts solch verzwickter Situationen, was bleibt zu tun? Vogel-Strauß-Politik nach dem Motto: Ich kann ja doch nichts tun. Dies ist der stärkste Faktor, der immer wieder bewirkt, daß alles beim alten
bleibt: die Resignation, die wiederum zur Indifferenz führt.
Oder sollen wir unser Gewissen beruhigen, so wie ein prominenter amerikanischer Soziologe spottete: "Gut, nehmen wir einmal an, unsere Schuldgefühle belasten uns sehr, und wir beschließen, Reformen durchzuführen… Man dürfte jedoch vor lauter Freude, die dort entstehen sollte, wenig zu hören bekommen, weil diese Länder von einer ungeheuren Arbeitslosigkeit und wirtschaftlichen Krise heimgesucht würden."
Diese Scheinlegitimation versucht noch, die bestehende Ungerechtigkeit als notwendiges Übel darzustellen. Als ginge es darum, den Konsum von Bananen oder anderen Nahrungsmitteln aus den Entwicklungsländern einfach ganz zu stoppen, als vielmehr angemessene Preise zu zahlen, die den dort lebenden und arbeitenden Menschen ein menschwürdiges Leben ermöglichen.
… oder alternativer Handel
Welche Alternativen bieten sich dem Luxemburger Konsumenten, um aus diesem Teufelskreis zumindest ansatzweise auszusteigen? Dritt-Welt-Läden in Stadt-Luxemburg und Ettelbrück (und demnächst hoffentlich auch in Esch s/Alzette) bieten neben Handwerksprodukten auch Nahrungsmittel zu höheren, angemesseneren Preisen an, die den Erzeugern und Produzenten in den Entwicklungsländern über ein alternatives Vertriebsnetz zugute kommen.
Bindeglied zwischen den Partnern in der Dritten Welt und den Dritt-Welt-Läden hier in Westeuropa sind in diesem alternativen Vertriebsnetz die Einkaufszentralen der Boutiques Tiers-Monde: die "Oxfam" in Belgien, "SOS Wereldhandel" in den Niederlanden, die GEPA (Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt) in Deutschland. Die Ziele der GEPA, die weitgehend von den 3.-Welt-Läden hierzulande mitgetragen werden, wollen einen Beitrag zu einem gerechteren Welthandel leisten.
Die GEPA
- verkauft Produkte von mehr als 50 Handelspartnern der Dritten Welt: Selbsthilfegruppen sowie Genossenschaften und in einigen Ausnahmefällen staatlichen Handelsorganisationen.
- hat Partner, die mit ihrer Arbeit einen Beitrag zur selbstbestimmten Entwicklung leisten wollen.
- unterstützt die Produzenten in der Entwicklung ökologischer Anbau- und Produktionsmethoden sowie der Verbesserung ihrer Arbeitssituation.
Dritt-Welt-Läden in Stadt-Luxemburg und Ettelbrück bieten neben Handwerksprodukten auch Nahrungsmittel an.
-
kauft nicht dort ein, wo es am billigsten ist, sondern bemüht sich, den Produzenten einen fairen Preis für ihre Produkte zu zahlen.
-
spekuliert nicht mit den Waren und Preisen
-
legt ihre Kalkulation offen.
(aus: Infoblatt GEPA 3, Aktion Dritte Welt Handel)
Dieser alternative Handel mit Nahrungs- und Genußmittel ist aufgrund seines geringen Verkaufsvolumens nicht des Rätsels Lösung, da er an den Machtstrukturen des Welthandels nicht ernstlich rüttelt. Aber die punktuellen Veränderungen, der sinnvolle Ansatz solcher Initiativen in der Dritten Welt, die hiermit verbundene Informationsarbeit bereiten den Boden für einen gerechteren Handel und einen notwendigen Wandel vor. So können diese Produkte auch Eingang finden in andere Vertriebsstrukturen des Handels, wie dies z.B. schon in manchen Bio-Läden (z.B. "sauberer" Kaffee) der Fall ist.
Die beiden Dritt-Welt-Läden hierzulande, die dieses Jahr ihr 10-jähriges Bestehen feiern, haben sicherlich einen kleinen wenn auch beachtenswerten Beitrag dazu geleistet und wollen ihn auch weiterhin leisten.
Kakao, Kaffee, Ananas, Thunfisch, Nüsse…
Da gibt es z. B. den Kakao "El Ceibo" aus Bolivien, wo sich etwa 10.000 Bauern zu der Genossenschaft "El Ceibo" zusammengeschlossen haben, die den biologisch angebauten Rohkakao in einer genossenschaftseigenen Fabrik in La Paz verarbeiten.
Anstelle der herkömmlichen Kaffeesorten finden wir im Angebot des 3.-Welt-Ladens den geschmackvollen
Café Orgánico aus Mexiko der organisch-biologisch nach den Standarts der IFOAM angebaut wird. Anfangs, der achtziger Jahre haben sich etwa 1.500 Kleinbauernfamilien (heute rund 3.500 Familien) in Oaxaca zur Kaffeebauernkooperative UCIRI zusammengeschlossen. Statt früher 1/3, erhalten die Bauern von UCIRI nun 2/3 des Exportpreises und dies bei einem Weltmarktpreis von 1,76 $ pro Kilo, der aufgrund des weltweiten Überangebots von Kaffee jetzt auf einem absoluten Tiefstand liegt mit katastrophalen Folgen für die Anbauländer. Die GEPA hingegen zahlt derzeit 3,06 $ pro Kilo an die UCIRI für einen "sauberen" Kaffee, der nicht nur für den Verbraucher sauber ist, sondern vor allem für den Produzenten, da auf die Verwendung von Pestiziden beim Anbau verzichtet wird.
Neben Kaffee aus Tanzania, Nicaragua oder Ananas aus Vietnam, Kashew-Nüssen aus Mozambique, Thunfisch aus dem Cap-Verde sind dies nur zwei Beispiele von Produkten, die uns zu einem veränderten, besser überlegten Konsumverhalten hinführen können.
Sich informieren über die angebotenen Produkte und gezielt einkaufen, nur so können wir entgegen unserer scheinbaren Machtlosigkeit lernen, uns mit ungerechten Verhältnissen nicht einfach abzufinden.
Wenn wir also nicht nur global denken, sondern auch lokal handeln wollen, so werden uns die Handlungsmöglichkeiten sicher nicht ausgehen. Allein dies ist NOT-wendig.
J.-Louis Zeien
Anmerkung:
Literatur: Rudolf H. Strahm: "Warum sie so arm sind", P. Hammer Verlag ISBN 3-87294-266-2 (unbedingt empfehlenswert!)
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