Die Kirche als Feind der Arbeiterklasse

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Evangelisierung, ein neues Mobilisierungswort, ein dynamisierender Aufruf in eine lahme Kirche hinein, damit sie ihre Ghettomentalität aufgibt? Evangelisierung heißt das, daß die Kirche die Welt, so wie sie geworden ist und sich in rasantem Tempo entwickelt, endlich ernst nimmt mit ihren Fragestellungen und in ihren Problemen und sich unserer Epoche stellt? Heißt das, daß unsere Kirche die Intuitionen des II. Vatikanischen Konzils wahr macht und sich angstlos und glaubensstark den aktuellen Herausforderungen der Welt annimmt, zusammen mit allen Menschen, die guten Willens sind? Wird der Traum endlich wahr, der Traum von einer Kirche, die bereit ist, im Geiste des Evangeliums, im Geiste des Dienstes

stes und ohne Machtwillen den Menschen dort zu begegnen, wo sie ausgegrenzt, unterdrückt, ängstlich, verloren, verzweifelt, ratlos sind?

Wer den aktuellen Kurs der Kirche betrachtet und sieht, welche Bewegungen bevorzugt werden, wer hohes Lob bekommt und wer in eine Ecke gestellt wird, an wen Ämter vergeben werden, wie Theologen gerügt und abgesetzt werden, der muß annehmen, daß Evangelisierung als Wort der Hierarchie nicht gleichbedeutend ist mit dem, was viele Christen darunter verstehen. Evangelisierung heute bedeutet doch, ein innerkirchlich um Wahrhaftigkeit, Gleichberechtigung, Dialog, Offenheit und Brüderlichkeit

bemühter, glaubensstarker Prozeß, der nach außen
hin geprägt ist vom Mut zur Begegnung, vom Ver-
zicht auf Macht, von der Bereitschaft zur Toleranz
und vom partnerschaftlichen Dienst in der Gesell-
schaft. So könnte das Ziel angestrebt werden, den
Menschen von heute die Hoffnung und die Dynamik
des Evangeliums so nahe zu bringen, daß es für sie
zu einer befreitenden und aufbauenden Kraft und Le-
bershilfe wird. Das Evangelium könnte hilfreich
sein, viele Menschen zu einer partizipativen, verant-
wortlichen, selbstbewußten und kritisch unterschei-
denden Lebenshaltung in Gesellschaft und Kirche zu
befähigen.

Es stellt sich die Frage, ob Evangelisierung eigentlich
etwas so Neues ist. Ist es nicht das, was Christen auf
vielfältige Art und Weise jeden Tag aufs Neue tun
und versuchen? Evangelisieren, das gibt es doch
seitdem es Menschen gibt, die in Jesus von Nazareth
ihren Herrn, Bruder und ihr Vorbild sehen und an ihn
als den Auferstandenen glauben. Außerdem bleibt
Evangelisierung, so wie das Evangelium selbst,
immer auch Herausforderung und Orientierung.
Evangelisierung ist zeitgebunden und abhängig von
den Einsichten der Menschen und geschichtlichen
Situationen. Sie ist immer in eine bestimmte Zeit ein-
gebunden und operiert mit deren Mitteln.

Im folgenden sollen die Wege und Grenzen der evan-
gelisierenden Praxis in der Arbeitswelt des letzten
Jahrhunderts kurz aufgezeigt und Perspektiven für
eine Evangelisierung in der heutigen Arbeitswelt
vorgestellt werden.

In unserem Lande begann die Industrialisierung erst
Ende des 19. Jahrhunderts. So kam es bei uns relativ
spät zur Situation eines um seine Existenz bangenden
und den Arbeitgebern und Kapitalherren ausgeliefer-
ten Proletariats, das in den ersten Jahren noch vor-
wiegend aus ausländischen, besonders italienischen,
Einwanderern bestand.

Die Fastenhirtenbriefe des damaligen Bischofs von
Luxemburg J.-J. Koppes zeigen, daß die Kirche sich
mit der Situation der proletarisierten Arbeiter ausein-
andersetzte. In seinen sozialen Verlautbarungen ver-
arbeitete er die Sozialenzyklika Rerum Novarum von
Papst Leo XIII. und wandte sie auf die Luxemburger
Verhältnisse an. Bei ihm finden wir eine Diagnose
des damaligen Luxemburger Gesellschaftsbildes. Er
spricht "vom schroffen Gegensatz zwischen dem
stetig zunehmenden Reichtum einiger weniger und
der wachsenden Armut der großen Maße des
Volkes Trotz aller Erfindungen und Fortschritte auf
dem materiellen Gebiet ist in weiten Kreisen das
Elend groß und die Existenz eine völlig unsichere".
Er spricht von einer neuen "Art von Sklaverei" und
von entchristlichten Arbeitsherren", die "in ihrer
Habgier und Gefühllosigkeit die Arbeiterscharen
ausbeuten und verrohen lassen".

Es blieb nicht bei der Verkündigung und der Partei-
nahme für die proletarisierten Arbeiter, "die für die
Kirche die bevorzugten Brüder Christi sind". Nach
der Jahrhundertwende (1906) wurden unter dem tat-
kräftigen Antrieb des Bischofs die Jünglingsvereine
und die Arbeitervereine gegründet, die viel zur
Bildung und "zum aufrechten Gang" der Arbeiter
beitrugen und Ausgangspunkt einer katholischen Ge-
werkschaftsbewegung im industrialisierten Süden

des Landes wurden. Die Priester wurden gebeten,
"für die Interessen der arbeitenden Klasse warm ein-
zutreten, besonders dadurch, daß sie die christlichen
Arbeitervereine pflegen und unterstützen". Ein Blick
auf die Ziele der Jünglings- und Arbeitervereine zeigt
eine Kirche, die sich nicht an den Fragen ihrer Zeit
vorbeidrückt, sondern sich systematisch mit der so-
zialen Frage auseinandersetzt und so ideell und prak-
tisch einen wichtigen Grundstein für die sozialen Er-
rungenschaften der nachfolgenden Jahrzehnte legt.

Sicher wurde in dieser Zeit auch die unkonziliante,
aggressive und klerikale Grenzziehung gegenüber
anderen sich besonders seit 1900 ausbreitenden Ge-
sellschaftsströmungen sozialistisch-kommunisti-
scher Prägung geboren, die jahrzehntelang und bis in
die Gegenwart hinein die Arbeiterschaft in zwei an-
tagonistische Blöcke aufgespaltet hat und aufspaltet.
Es stimmt sicher, daß zu dieser Zeit auch in Luxem-
burg die tiefen Auseinandersetzungen zwischen dem
christlichen und sozialistischen Gesellschaftsver-
ständnis entstanden. Es stimmt, daß von diesem
Moment an die Arbeiter mit der Entscheidung für die
eine oder andere Seite konfrontiert wurden und sich
seither sogar anfeinden. Es stimmt, daß seit dieser
Zeit beidseitig Ideologisierungen, Radikalismen und
gegenseitige Verteufelungen das soziale Klima ver-
gifteten, daß immer auch Machtinteressen und Be-
vormundungstendenzen die sozialen Aktivitäten der
Kirche mitbestimmten und in jener Zeit die Verflech-
tung zwischen der Kirche und Konservativen anfing.

Trotz all dem lag in diesem Einsatz der Kirche für die
unvermögenden und arbeitenden Klassen die zeitge-
mäße und situationsgeschichtlich gebundene Evan-
gelisierung in der Welt der Arbeit. Das war lebendige
Kirche, die sich der Herausforderungen ihrer Epoche
annahm. Es war die Pionierzeit des Luxemburger So-

zialkatholizismus, der sich während Jahrzehnten an allen Kämpfen um soziale Gerechtigkeit beteiligte.

Eine umfassende Geschichte des Luxemburger Sozialkatholizismus bleibt noch zu schreiben. An dieser Stelle sollen nur einige Gesichtspunkte hervorgehoben werden, die mit der Frage der Evangelisierung zu tun haben.

"Refaire chrétiens nos frères" war die Losung und das erklärte Anliegen der katholischen Aktion der Arbeit vor und nach dem 2. Weltkrieg. In all diesen Jahren, die Kriegszeit selbst ausgenommen, investierte die Kirche Kraft und Mühe in den Aufbau christlicher Bewegungen in der Arbeitswelt. Die breitgefächerte Erziehungs-, Bildungs- und Sozialisierungsarbeit, die Dank dieser Bewegungen geleistet wurde, ist gewaltig und wirkt sich heute noch aus.

Stauber, in Publik-Forum

Die Losung "Refaire chrétiens nos frères" weist darauf hin, daß ein Hauptanliegen der Katholischen Aktion der Arbeit die Wiedergewinnung der sich von der Kirche abwendenden Arbeiter war. Eine Zurückeroberung wurde also für möglich gehalten. Man nahm an, es genügte den sozialistischen Feind zu bekämpfen und zu besiegen und die Arbeiter würden in den Hort der Kirche zurückfinden.

Die Arbeiter waren mehrheitlich in der sozialistisch geprägten Arbeiterbewegung organisiert, die ihrerseits das Bemühen der Kirche als feindlich gesinnte Konkurrenz auf dem Gebiet der Ideologie und als Gegenmacht erlebte. So kam es zu gegenseitigen Anfeindungen, die noch heute in vielen Gemütern nachwirken und auch heute noch das Verhältnis der Kirche zu vielen Arbeitnehmern belasten.

Bestimmend für den Sozialkatholizismus war seine Verflechtung mit der Rechtspartei, der späteren Christlich-Sozialen-Volkspartei, und besonders auch mit der Christlichen Gewerkschaft, an deren Entstehen die Kirche maßgeblich mitgewirkt hat. Die christlichen Bewegungen der Arbeitswelt der Vor-

und Nachkriegszeit – und mit ihnen die Kirche – delegierten gewissermaßen die sozial-politische Aktion an die christliche Partei und an die christliche Gewerkschaft. Sie selbst sahen ihre Aufgabe in der Bildung im Sinne der katholischen Soziallehre und in der Erziehung zum Apostolat. Die Solidarität mit der Arbeiterschaft sowie das Mitwirken am Aufbau des sozialen Fortschritts äußerten sich meistens im Rahmen solch enger Bindungen.

Die Folgen dieser Verflechtung und zeitweiligen Quasi-Assimilierung wirken bis heute nach. Die Kirche wurde durch sie in die Auseinandersetzungen zwischen den gesellschaftlichen Machtblöcken, die sich im Laufe der Zeit immer mehr verfestigten und verhärteten, verwickelt. Es war somit nicht schwer, sie in der Öffentlichkeit und besonders der Arbeiterschaft als verfilzt mit den Mächtigen und als Feind der Arbeiterklasse darzustellen.

Dieser Umstand trug dazu bei, daß die evangelisierende Aktion der Kirche in der Arbeitswelt begeschränkt blieb und der größte Teil der Arbeiterschaft der Kirche mit Mißtrauen und Ablehnung begegnete. Diese Verflechtung und Delegierung spukt heute noch in den Köpfen vieler Mitbürger herum. Man begegnet ihr gelegentlich auch als Erwartung oder gar als Forderung einiger Politiker und Gewerkschaftler, die die Kirche noch als ihrer Partei oder Gewerkschaft gegenüber verpflichtet sehen, obschon diese selber doch längst eine legitime und angebrachte Distanz zur Kirche praktizieren.

Wohl kaum in einem anderen europäischen Land war die Verzahnung zwischen der christlichen Arbeiterbewegung und der christlichen Gewerkschaft so groß, wie in Luxemburg. Dieser Umstand, der in der Vergangenheit viele gute Früchte brachte, verhinderte den Aufbau und den Bestand einer autonomen kirchlichen Arbeiterbewegung (KAB in Deutschland, ACO in Frankreich, Equipes Populaires in Belgien). So stark war diese Bindung, daß die JOC noch in den 70er Jahren von allen Seiten her angegriffen wurde, als sie sich aus dieser unzeitgemäßen und einschränkenden Klammer löste und ihre eigenen Wege ging. Die Evangelisierung in der Arbeitswelt von heute kann somit, außer in der JOC, auf keine bestehende kirchliche Struktur zurückgreifen und muß nun mühsam eine solche erst aufbauen.

Dieser wohl sehr schmale Blick in die Geschichte des Luxemburger Sozialkatholizismus zeigt, daß Evangelisierung nichts Neues ist, daß wir sie aber für unsere Epoche neu gestalten müssen. Die säkulare Gesellschaft ist irreversibel und muß als solche angenommen werden. Praktiken der Zurückeroberung von Machtpositionen widersprechen dem Geist des Evangeliums. Was unsere Welt braucht, ist eine solidarische, prophetische und dienende Kirche, die bereit ist, Weltverantwortung mitzutragen. Gefragt ist eine selbstbewußte und starke Kirche, die sich der Welt öffnet, ohne sich ihr anzupassen, und die ihre Wertvorstellungen einbringt. Endgültig lösen müßte sich die Kirche von ihrer delegierenden Anhängsel-Vergangenheit, indem sie ererbte Feinbilder abbaut und in Eigenständigkeit offen wird für die Zusammenarbeit mit allen Menschen und Bewegungen guten Willens. Die ganze Kirche in all ihren Strukturen, Bewegungen und Gruppen muß bereit sein, eine

sehende, urteilende und handelnde Kirche zu werden. Sie darf ihre Weltverantwortung nicht an einige wenige aus ihrer Mitte delegieren. Dann

könnte das Evangelium zum Sauerteig in der Gesellschaft werden.

Jos Cadé

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