Die portugiesischen Schüler

Eine statistische Beschreibung ihrer Chancen im Sekundarunterricht

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In diesem Beitrag wird versucht die Chancenungleichheiten im Sekundarunterricht am Beispiel der portugiesischen Arbeiterkinder aufzuzeigen. Diesem empirischen Teil gehen eine kurze bildungssoziologische Einführung und ein paar Bemerkungen zur Luxemburger Schulstatistik voraus.

Die Erben

Alle Eltern wollen, daß es ihren Kindern in ihrem späteren Leben und Berufsleben besser ergeht als ihnen selbst. Sie sollen zumindest die gesellschaftliche Stellung ihrer Eltern halten oder, noch besser, sich in der gesellschaftlichen Hierarchie, so wie sie von den Eltern empfunden wird, höher positionieren. Während die Weitergabe der materiellen Güter der Familie über die Erbschaftsgesetzgebung bis ins Detail geregelt ist, geschieht die Weitergabe des immateriellen Erbes, das das kulturelle Kapital der Familie darstellt, auf informelle, ja meistens unbewußte Art und Weise. Die Schwierigkeit des kulturellen Kapitals ist, daß es kein von den Subjekten getrenntes Ding ist, sondern inkorporiert ist, in den Köpfen drin-

drinsteckt, also nicht unmittelbar vererbt werden kann. Dies gestaltet die Weitergabe dieser Kapitalart enorm prekär und erklärt die hohen Investitionen (in sämtlichen Bedeutungen des Wortes), die auch und gerade von jenen getätigt werden, deren Sprößlinge den Bildungsmarkt mit einem guten kulturellen Startkapital versehen betreten.

Ein Merkmal der modernen Industriegesellschaft ist es, daß die Zuweisung der Positionen über die schulischen Abschlüsse geschieht. Nur, und dies zeigen alle empirischen Erhebungen, besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem geerbten kulturellen Kapital und den erworbenen schulischen Abschlüssen. Oder anders ausgedrückt, wer aus einem bildungsbürgerlichen Haus kommt, hat, im Sinne der statistischen Wahrscheinlichkeit, größere Chancen hohe

Grafik 1

schulische Diplome zu erwerben. Und umgekehrt, wird ein Arbeiterkind auch heute noch nur in seltenen Fällen einen Hochschulabschluß erlangen. Und wenn man diesen Abschluß genau unter die Lupe nimmt, wird man sehen, daß es sich oft um einen "minderwertigen" Abschluß handelt. Der Diskurs von der Chancengleichheit sieht nicht, daß Schuldiplome, die breiten Schichten zugänglich werden, allein durch diese Tatsache an Wert verlieren, denn auch auf dem Bildungsmarkt ist es wie auf dem Markt für andere Waren: Wert hat nur das seltene Gut und in diesem Sinn ist ein Abitur heute weit weniger wert als vor zwanzig, dreißig Jahren.

Die Schule und die Selektionsmechanismen, die dort ablaufen, funktionieren jedoch so, daß die einzelnen Schüler sich in der Regel nicht der statistischen Determiniertheit ihrer Ergebnisse bewußt sind. Die guten Schüler sind überzeugt, daß ihre persönliche Leistung belohnt wird, genauso wie die schlechten Schüler die Erklärung ihrer Ergebnisse in der eigenen Unzulänglichkeit oder Faulheit und nicht in den gesellschaftlichen Voraussetzungen suchen. Es muß an dieser Stelle allerdings angemerkt werden, daß es keinen notwendigen und unmittelbar wirkenden Automatismus zwischen gesellschaftlicher Stellung und Schulleistung gibt, der Zusammenhang ist ein rein statistischer und die wenigen Ausnahmen, welche die statistische Regel bestätigen, bewirken, daß in den Köpfen der Schüler, Eltern und Lehrer die Regel überhaupt nicht zur Kenntnis genommen wird. Schüler, wie Lehrer, werden die Ergebnisse vorrangig als Belohnung für die Anstrengungen des einzelnen Schülers interpretieren. Damit kommt der Schule eine doppelte Funktion zu: sie verwandelt nicht nur das geerbte kulturelle Kapital in ein formales, von der Schule sanktioniertes Kapital, sondern sie gaukelt allen Beteiligten vor, daß dieses schulisch erworbene Kapital das Ergebnis eigener Anstrengungen und Fähigkeiten sei. Bourdieu hat dies in einem prägnanten Satz zusammengefaßt: "L’école transforme ceux qui héritent en ceux qui méritent’¹.

Auch wenn viele Leser Schwierigkeiten haben werden, diese Aussagen zu "schlucken", so bilden sie doch die Grundlage der Erkenntnisse der Bildungssoziologie. So leicht es ist, diese Aussagen in soziologischer Feldarbeit zu überprüfen, so schwer ist es sie an Hand der Bildungsstatistiken zu belegen, da diese nur in Ausnahmefällen die notwendigen Angaben, so zum Beispiel den Beruf des Vaters oder andere Indikatoren für die soziale Stellung liefern. Daß diese einfach durchzuführenden Untersuchungen nicht gemacht werden und daß die Schulbehörde sich schwer tut, solch simple Informationen wie den Beruf des Vaters und der Mutter zu erheben, hat auch damit zu tun, daß alle Beteiligten, von der Verwaltung über die Lehrer bis zu Kindern und Eltern, eigene, wenn auch verschiedene Gründe haben, den fundamentalen Sachverhalt, den wir als die Grunderkenntnis der Bildungssoziologie bezeichnet haben, zu verdrängen.

Weshalb die portugiesischen Kinder?

Wollte man versuchen die Benachteiligung der Arbeiterkinder im luxemburgischen Schulsystem nachzuweisen, so würde man auf das Problem stoßen, daß der Beruf des Vaters nur auf sehr unzuverlässige Weise erfaßt wird und daß er in den publizierten und für uns zugänglichen Statistiken nicht aufgeführt war. Was aber in diesen Statistiken vorkommt, ist die Nationalität. Wir wollen an dieser Stelle davor warnen, die nationale Zugehörigkeit mit einer gesellschaftlichen Stellung gleichzusetzen. Dies stimmt sicher nicht in Luxemburg, wo Ausländer sowohl die niedrigen als auch die hohen gesellschaftlichen Positionen überdurchschnittlich häufig besetzen. Was ist die Gemeinsamkeit zwischen einem portugiesischen Bankdirektor, einem portugiesischem Europabeamten und einem portugiesischen Bauarbeiter? Es ist die Sprache, die gemeinsame Kultur. Doch, aus der Nähe betrachtet, erweisen sich diese Gemein-

Luxemburger Schüler außerhalb des luxemburgischen Bildungswesens

Die einzige offizielle Angabe zu den Schülern im Ausland findet sich für das Schuljahr 1990/91 in "Demain l’école":

Danach besuchen im Postprimär 1.241 von 22.279 Schülern, das sind 5,5%, eine Schule im Ausland. Von diesen 1.241 Schülern sind 59% Nicht-Luxemburger. 60% besuchen das "secondaire général". Wenn man annimmt, daß dieser Prozentsatz für Luxemburger und Ausländer gleich ist, sind 440 in Luxemburg wohnhafte Ausländer im Ausland in einem allgemeinbildenden Gymnasium. Über den Anteil an Portugiesen kann nur spekuliert werden. Wenn man annimmt, daß die Wahrscheinlichkeit eine Schule im Ausland zu besuchen für Belgier und Franzosen doppelt so hoch ist als für Portugiesen, kommt man (unter Zugrunde-

legung der Proportionen aus der 91er Volkszählung) auf 173 Portugiesen an ausländischen allgemeinbildenden Gymnasien.

Die Europaschule hat im laufenden Schuljahr 3.392 Schüler, davon sind 413 im Kindergarten, 1.256 in der Primärschule (= 5 erste Klassen) und 1.714 in der Sekundarstufe (7 Klassen).

Im Kindergarten sind 37 (8,9%), in der Primärschule 101 (7,9%) und in der Sekundarstufe 152 (8,8%) Portugiesen.

Die American International School of Luxembourg zählt 446 Schüler. 299 in der "lower school" (= 2 Jahre Kindergarten + 6 Klassen) und 147 im der "upper school" (= 6 Klassen). Hier gibt es keine Portugiesen und nur 6 Luxemburger. Am besten vertreten sind die Amerikaner mit 119 Schülern (26,7%), gefolgt von den Japanern (16,1%), den Engländern (12,6%) und den Schweden

den (11,7%).

Das Lycée Vauban zählt insgesamt 178 Schüler, davon 3 Portugiesen und 15 Luxemburger. Die meisten Schüler sind Franzosen (122), nach den Luxemburgern kommen die Belgier an dritter Stelle mit 12 Schülern.

Wenn man von der Zahl der 285 im Luxemburger öffentlichen und privaten "secondaire général" eingeschulten portugiesischen Kinder ausgeht (91/92) wird man angesichts der angeführten Zahlen behaupten dürfen, daß die Zahl der portugiesischen Kinder, die auf "Schleichwegen" das Luxemburger Bildungssystem umschiffen, höher ist als die Zahl derjenigen, die den vorgegebenen Weg einschlagen.

Quelle: MEN, Demain l’école und Mitteilung der betroffenen Schulen

samkeiten als recht gering. Dies zeigt sich auch und besonders, wenn man die Bildungschancen ihrer Kinder vergleicht. Es ist wichtig, auf diese Unterschiede zu pochen, wenn man nicht in einen "nationalistischen" Diskurs verfallen will, der manchmal auch von den Interessenvertretern der Ausländer geführt wird. Man kann nicht Kinder mit einem geringen geerbten kulturellen Kapital und Kinder mit einem hohen geerbten kulturellen Kapital in einer Kategorie zusammenfassen und diese dann "ausländische Kinder" nennen. Das, was untersucht werden soll, wird allein schon durch die Definition dieser Kategorie ausgemittelt.

Trotz den offiziellen Beteuerungen benachteiligt das luxemburgische Schulsystem durch seine Ausrichtung auf die deutsche Sprache, die als Muttersprache unterrichtet wird, die Kinder aus romanisch sprechendem Elternhaus. Sozial höher positionierte Ausländer werden dies bewußt oder unbewußt wahrnehmen und für ihre Kinder eine Ersatzlösung suchen. Sie werden sie zur Europaschule schicken, die nicht nur, entgegen landläufiger Meinung, den Europabeamten offensteht. Die Europaschule zählt in diesem Schuljahr 1714 Schüler im "cycle secondaire" (=6. bis 12. Klasse), davon waren 152 Portugiesen. Grafik 1 vergleicht den Anteil der verschiedenen Nationalitäten an der Gesamtzahl der "Europabeamten" und an der Gesamtschülerschaft der Europaschule. Wir sehen eine Unterrepräsentation der Luxemburger Schüler, der Franzosen und der Belgier und eine Überrepräsentation der portugiesischen Schüler.

Kleinere "ausländische" Schulen in Luxemburg sind die American International School (446 Schüler)

oder das Lycée Vauban (178 Schüler). Eine andere Ausweichmöglichkeit, die nicht nur von ausländischen Eltern genutzt wird, stellen die Schulen in der französischen oder belgischen Grenzregion dar, wo der Unterricht einheitlich auf Französisch gehalten wird und das Niveau in den Fremdsprachen geringer ist. Hier finden sich ca. 5% der Schüler des Postprimär wieder3. (Siehe Kasten)

Dadurch, daß es diese individuellen Lösungen für Ausländer mit höherem kulturellen Kapital gibt, ihre Kinder den nationalen luxemburgischen sozialen Stellungszuweisungskriterien zu entziehen, entsteht kein politischer Druck, das Problem anzugehen, denn die Ausländer, deren Kinder von der Luxemburger Schule betroffen sind, sind in der Regel die, die sich am wenigsten ausdrücken und wehren können, oder die, die trotz des ausländischen Passes voll, also auch sprachlich, integriert sind und so nicht von den besonders gegenüber Ausländern wirksamen Auslesemechanismen betroffen sind.

Wenn man von den 340 portugiesischen "Europabeamten" absieht3, die in Luxemburger Arbeitsmarktstatistiken nicht vorkommen, gibt es bei den portugiesischen Beschäftigten 7-8% Angestellte, der Rest sind Arbeiter. Man darf, nach den Bemerkungen des vorhergehenden Abschnitts, davon ausgehen, daß es sich bei den portugiesischen Kindern, die das Luxemburger Schulsystem, und besonders die Sekundarstufe, besuchen, zum überwiegenden Teil um Arbeiterkinder handelt.

Nach diesen theoretischen Vorüberlegungen wollen wir versuchen an Hand der Luxemburger Schulstati-

Abb. 2

Abb. 3

stik, die Benachteiligung der portugiesischen Arbeiterkinder im luxemburgischen Schulsystem zu belegen.

Zwei konkurrierende Quellen

Die wichtigste empirische Arbeit über Chancenungleichheit im Luxemburger Bildungssystem ist die MAGRIP-Studie, wobei dieses Kürzel für "matière grise perdue" steht. Sie datiert aus den Siebzigern, und seither ist nichts Vergleichbares mehr verfaßt worden. Es gib eine ganze Reihe kleinerer Studien, die am ISERP durchgeführt wurden, und in denen die Schwierigkeiten der portugiesischen Kinder hauptsächlich in der Primärschule untersucht wurden. Die offizielle Statistik des Ministère de l’Education nationale ist in vollem Umbruch: einerseits gibt es die auf den traditionellen Wegen der zentralisierten administrativen Informatik gewonnenen Statistiken über Schülerzahlen und Klassenstärken, die mit zeitaufwendiger und unflexibler COBOL-Programmierung arbeitet, andererseits gibt es, und dies besonders im SCRIPT, eine moderne dezentralere Lösung. Doch diese interne Konkurrenz führt zur Desorganisation, die ihren sichtbarsten Ausdruck darin findet, daß im statistischen Jahrbuch des STATEC in den traditionellen Tabellen einige Kolonnen oder Zeilen leer bleiben. So daß es für einzelne Jahrgänge in dieser Umbruchsphase nicht möglich ist, die Schülerzahlen für verschiedene Schultypen nachzuschlagen. Noch schwieriger ist es, wenn man präzise Aufschlüsselungen der Daten für spezifische Fragestel-

lungen verlangt. Für die Arbeitsmarktstatistik gibt es in Luxemburg eine Behörde, die IGSS, die auf Anfrage bereit ist, alle nur erdenklichen Fragestellungen zu beantworten, genauso wie das STATEC bei präzisen Anfragen bereit ist, spezielle Tabellen aus der Volkszählung aufzustellen. Für die Bildungsstatistik gibt es keine ähnliche Anlaufstelle, was jedoch nicht heißen soll, daß die zuständigen Beamten des Ministeriums nicht bereit sind bei motivierten Anfragen im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu helfen. Nur sind diese Möglichkeiten gering.

Im Folgenden werden wir auf zwei verschiedene Quellen innerhalb des MEN zurückgreifen: auf die Angaben der zentralen Schülerverwaltung, die mit großer Zuvorkommenheit einige Tabellen erstellt hat, und auf die zwei letzten Veröffentlichungen des SCRIPT4, deren Autor uns auch mit fernmündlichen Erläuterungen bereitwillig weitergeholfen hat.

Weniger Portugiesen in angeseheneren Bildungsgängen

Doch beginnen wir zuerst mit einer globalen Statistik über das Enseignement Secondaire Technique, die uns aus einer dritten Quelle im MEN, mit dem ausdrücklichen Hinweis, daß die Zahlen ohne Gewähr seien, zugespielt wurde. Diese Zahlen gelten für das Schuljahr 1992/93:

| | total | luxembg. | portugais |
| — | — | — | — |
| cycle inférieur | 6.287 | 4.255 (67,7%) | 1.255 (19,9%) |
| cycle moyen et sup. concomittant | 1.947 | 1.099 (56,4%) | 532 (27,3%) |
| régime professionnel | 1.487 | 970 (65,2%) | 287 (19,3%) |
| formation de techn. | 553 | 452 (81,7%) | 34 (6,1%) |
| régime technique | 2.985 | 2.250 (75,4%) | 385 (12,8%) |

Wir haben die vier Zweige des cycle moyen et supérieur in eine hierarchische Rangfolge gebracht, die eindrucksvoll die These belegt, daß die portugiesischen Kinder sich in den weniger kotierten Bildungswegen überproportinal wiederfinden. Im unteren Zyklus waren es ca. 20%. In den Zyklen, die darauf aufbauen, sind es in den "besseren" Ausbildungsgängen weniger: 13% im "régime technique". In den Ausbildungsgängen, die zu weniger angesehenen Berufen führen, sind es überdurchschnittlich viele: im "régime professionnel" 19% und im "régime concomittant", in dem hauptsächlich manuelle Berufe ausgebildet werden, ganze 27%. Eine besondere Stellung kommt in dieser Aufstellung dem "technicien" zu: mit seinen 82% stellt er eine Hochburg der Luxemburger dar, während die Portugiesen nur 6% der Schüler stellen. Dies widerspricht unserer These nicht, sondern bestätigt sie, wenn man diese Klassen gewissermaßen als zweite Chance für Schüler ansieht, die das "régime technique" nicht schaffen und die trotzdem einen nicht-manuellen Beruf anstreben

wollen. Diese Klassen, in denen die Bedeutung der deutschen Sprache noch größer ist als im "régime technique", ist den Luxemburger Kindern aus einem Elternhaus mit weniger Bildungskapital auf den Leib geschneidert. Die "frankophonen" Klassen, von denen an anderer Stelle in diesem Dossier die Rede ist, befinden sich vornehmlich in Ausbildungsgängen für manuelle Berufe.

Diese Feststellung läßt sich bereits für den "cycle inférieur" überprüfen (Schuljahr 91/92 nach Levy 94a).

| | total | luxembg. | portugais |
| — | — | — | — |
| 7e | 1542 | 1017 (65,9%) | 327 (21,2%) |
| 8e technique | 1531 | 1031 (67,3%) | 302 (19,7%) |
| 8e polyvalente | 569 | 332 (58,3%) | 149 (26,2%) |
| 9e technique | 1310 | 917 (70%) | 213 (16,2%) |
| 9e polyvalente | 627 | 352 (56,1%) | 170 (27,1%) |
| 9e professionnelle | 243 | 137 (56,4%) | 65 (26,7%) |

In der "filière technique" finden sich auf 8e und 9e proportional mehr Luxemburger als auf 7e und weniger Portugiesen. Dieser Unterschied nimmt von 8e zu 9e zu. Zwischen 9e polyvalente und 9e professionnelle gibt es nur einen sehr geringen Unterschied.

Im Secondaire général, dem sog. "richtigen "Lycée", sieht es für die Portugiesen noch ungünstiger aus als im EST. Hier stellen sie nur 3,5 % der Schüler.

Abb. 4

axe factoriel 1

| | | français |
| — | — | — |
| 0.2 | LUX | physique mathématiques |
| 0.0 | | histoire géographie biologie |
| 0.2 | AUTRES | |
| 0.4 | ITAL | |
| 0.6 | | allemand |
| | PORT | |

Abb. 5 Schülerzahlen nach Nationalitäten im Secondaire général (öffentlich und privat) für das Schuljahr 1991/92:

| | total | luxembg. | portugais |
| — | — | — | — |
| ens. supérieur | 8.180 | 7.566 | 285 |
| | | (89,3%) | (3,5%) |

Wieviel Prozent der Kinder gehen zur Schule?

Die absoluten Zahlen, genauso wie die prozentualen Anteile der verschiedenen Nationalitäten im Sekundarunterricht bekommen erst ihre volle Bedeutung, wenn man sie mit der Gesamtzahl der Einwohner dieser Nationalität im schulfähigen Alter vergleicht. Dieser Vergleich ist für das Jahr 1991, dem Jahr der Volkszählung, möglich. Wir werden die im Schuljahr 1991/92 eingeschriebenen Schüler mit den in Luxemburg anwesenden Jugendlichen vergleichen, und zwar nach Alter und Nationalität aufgeschlüsselt. Abbildung 2 stellt die Prozentanteile der Einwohner zwischen 13 und 21 Jahren, die im ES und EST sind, dar. Zunächst fällt auf, daß bei den noch schulpflichtigen Kindern bis 15 Jahren, auch für die Luxemburger, die 100%-Marke nicht erreicht wird.

Die Erklärung ist einfach: In unser Statistik fehlt das "complémentaire", über das wir keine Informationen erhalten konnten. Dann fehlen alle Schüler, die, sei es im Ausland, sei es in Luxemburg, außerhalb des privaten und öffentlichen Schulsystems eingeschult sind. Bei 16, und noch stärker bei 17 Jahren beginnt die Kurve zu fallen: Dies ist ein Ausdruck des Übergangs in das Berufsleben. Während der Abfall bei den 18- und 19-jährigen mit dem Abitur und dem Übergang zur Universität gleichzusetzen ist.

Die Interpretation wird klarer, wenn man die Schüler des ES und des EST unterscheidet. Abb. 3 zeigt den Prozentsatz der Jugendlichen, die im luxemburgischen ES sind. Der Anteil der Luxemburger Kinder liegt bei der Altersgruppe der 13-jährigen bei 50% und nimmt dann konstant ab bis 35% bei den 18-jährigen, bevor der große Abgang derer, die das Abitur bestanden haben, kommt. Diese Abgänge vor 18 Jahren kann man als Überwechseln, als Abstieg in das EST oder als Austritt aus dem luxemburgischen Bildungswesen interpretieren. Diesen Trend gibt es für die Ausländer nicht in demselben Maße: Da der Selektionsdruck, um die Hürde des Aufnahmeexamens zu schaffen, für sie wesentlich höher ist, als für die Luxemburger, werden sie im Schnitt "bessere" Schüler sein. Das Ende der Kurve für die drei letzten Jahre zeigt, daß die Luxemburger trotz Nachsitzen im ES bleiben und dann ihr Abitur schaffen oder auch nicht. Was aus den hier vorliegenden Zahlen nicht ersichtlich ist.

Die Abbildung 4 hat einen ganz anderen Verlauf. Zunächst muß man einen erstaunlichen Parallelismus der Kurven feststellen: Die Wahrscheinlichkeit in diesem Unterrichtszweig zu landen, scheint also für alle Nationalitäten gleich groß zu sein. Dieser Eindruck kommt aber nur dadurch zustande, daß unter dem Dach des EST verschiedene Bildungswege vereinigt sind (siehe oben). Das Ansteigen der Prozentsätze zwischen 13 und 16 Jahren ist auf zweifache Weise zu erklären: zunächst durch das Absteigen aus dem secondaire (dies besonders für die Luxemburger) oder durch das Sitzenbleiben in der Primärschule oder den Umweg über spezielle Eingliederungsklassen (dies besonders für die Portugiesen). Der Verlauf der Kurve für die Portugiesen in Abbildung 3 für das ES zeigt diesen Verlauf nicht auf. Nur gut integrierte Schüler portugiesischer Nationalität, die niemals Schwierigkeiten im Primär hatten, kommen in das ES.

Das Abklingen der Kurve in Abb. 4 ist schwer zu interpretieren, weil sich hier die unterschiedlichen Längen der Studiengänge des EST und die unterschiedliche, durch Sitzenbleiben bedingte Verweildauer der Schüler überlagern. Doch darf man aus der Kurve für die Portugiesen den Schluß ziehen, daß diese etwas weniger lange als ihre luxemburgischen Kollegen im EST ausharren, sei es, weil sie sich für kürzere Ausbildungsgänge "entscheiden", sei es, weil sie weniger oft die Klassen wiederholen, bevor sie definitiv aufgeben.

Deutsch als Ausleseinstrument

Ein präziseres Bild gewinnt man durch die neuesten Untersuchungen des SCRIPT, deren Hauptanliegen es ist, die Auswirkungen der neuen Promotionskriterien zu untersuchen. Dies ist ein Aspekt, der in unserem Zusammenhang nicht so sehr interessiert, doch da in den zwei letzten Broschüren erstmals die Ergebnisse, bis hin in die einzelnen Fächer, nach Nationalitäten aufgeschlüsselt sind, können wir sie in unserem Zusammenhang auswerten.

Für das Schuljahr 1992/93 wurden die Ergebnisse von 7.707 Schülern der 7ième bis zur 2ième ausgewertet. Diese Schüler hatten insgesamt 6.817 ungenügende Noten, die uns nach Fächern und Nationalitäten aufgeschlüsselt vorliegen. Aus dieser

Tabelle (siehe Tabelle 1) geht eindeutig hervor, daß Mathematik das Auslesefach für alle Schüler ist, aber, daß Portugiesen und Italiener schlechter abschneiden als ihre Schulkollegen. Wenn man die Sprachen untersucht, zeigt sich, daß die Portugiesen am meisten Schwierigkeiten in Deutsch haben (31,4% aller Ungenügenden), während die Luxemburger sich in Französisch schwer tun (14% der Ungenügenden). Wir haben diese Tabelle auf eine Skala projiziert (Abbildung 5); je weiter ein Fach oben auf der Skala ist, desto eher wirkt es als Auslesefach für die Luxemburger und desto weniger als Auslesefach für die Portugiesen. Je näher es beim Nullwert steht, desto gleichmäßiger sind die ungenügenden Noten

auf die vier Kategorien für die Nationalitäten verteilt. Dies gilt besonders für Englisch und auch für Mathematik. Portugiesische Kinder haben überdurchschnittlich viele Ungenügende in Biologie, in Geographie und im geringeren Maße in Geschichte. Luxemburger tun sich schwerer in Phy-

sik und Chemie, da beide Fächer nur mit Französisch als Unterrichtssprache unterrichtet werden. Auf der linken Seite der Skala erkennt man vier Nationalitäten: die Italiener, deren Schulergebnisse tendenziell, denen der Portugiesen ähneln, die "anderen", die fast auf halbem Wege zwischen Portugiesen und Luxemburgern stehen, was plausibel ist, da in dieser Kategorie genauso Deutsche wie Franzosen und Belgier und andere Nationen vereint sind.

Tabelle 1

| | LUXEMBG. | | ITALIENS | | PORTUGAIS | | AUTRES | |
| — | — | — | — | — | — | — | — | — |
| | absolu | relatif | absolu | relatif | absolu | relatif | absolu | relatif |
| TOTAL DES ELEVES | 6817 | 100% | 163 | 100% | 309 | 100% | 418 | 100% |
| notes insuffis. en mathém. | 1386 | 20,3% | 44 | 27,0% | 85 | 27,5% | 85 | 20,3% |
| notes insuffis. en français | 949 | 13,9% | 14 | 8,6% | 16 | 5,2% | 46 | 11,0% |
| notes insuffis. en anglais | 465 | 6,8% | 14 | 8,6% | 32 | 10,4% | 34 | 8,1% |
| notes insuffis. en allemand | 379 | 5,6% | 34 | 20,9% | 97 | 31,4% | 55 | 13,2% |
| notes insuffis. en histoire | 532 | 7,8% | 20 | 12,3% | 45 | 14,6% | 46 | 11,0% |
| notes insuffis. en géographie | 324 | 4,8% | 12 | 7,4% | 33 | 10,7% | 31 | 7,4% |
| notes insuffis. en biologie | 391 | 5,7% | 20 | 12,3% | 46 | 14,9% | 34 | 8,1% |
| notes insuffis. en physique | 342 | 5,0% | 14 | 8,6% | 16 | 5,2% | 19 | 4,5% |
| notes insuffis. en chimie | 307 | 4,5% | 14 | 8,6% | 9 | 2,9% | 24 | 5,7% |

Diese Ergebnisse werden bestätigt für das EST, das wir hier nicht im einzelnen diskutieren können. Eine einzige Tabelle für die 7. Klasse möge genügen (siehe Tabelle 2). Sowohl im Secondaire als auch im Secondaire technique ist die deutsche Sprache die Hürde, an der die portugiesischen und italienischen Kinder scheitern. Die Luxemburger tun sich besonders schwer mit Französisch. Verschärfend kommt hinzu, daß die sogenannten Nebenfächer, in den unteren Klassen in deutscher Sprache unterrichtet werden. Eine genauere Untersuchung der "langue véhiculaire" der einzelnen "Nebenfächer" könnte bestätigen, daß dort, wo es zahlreiche romanophone Ausländerkinder gibt, das Deutsche als Umgangssprache dazu

Tabelle 2

| | 7e EST 1991/92 | | | | | | | |
| — | — | — | — | — | — | — | — | — |
| | LUXEMBG. | | ITALIENS | | PORTUGAIS | | AUTRES | |
| | absolu | relatif | absolu | relatif | absolu | relatif | absolu | relatif |
| TOTAL DES ELEVES | 1017 | 100% | 83 | 100% | 327 | 100% | 115 | 100% |
| notes insuffis. en mathématiques | 402 | 39,5% | 31 | 37,3% | 106 | 32,4% | 40 | 34,8% |
| notes insuffis. en français | 426 | 41,9% | 21 | 25,3% | 48 | 14,7% | 34 | 29,6% |
| notes insuffis. en allemand | 150 | 14,7% | 28 | 33,7% | 155 | 47,4% | 37 | 31,3% |
| notes insuffis. en histoire | 209 | 20,6% | 23 | 27,7% | 98 | 30,0% | 23 | 20,0% |
| notes insuffis. en géographie | 221 | 21,7% | 25 | 30,1% | 71 | 21,7% | 18 | 15,7% |
| notes insuffis. en biologie | 184 | 18,1% | 27 | 32,5% | 93 | 28,4% | 22 | 19,1% |

Abb. 6

führt, diese auszusondern. Sie werden also nie jene Klassen erreichen, in denen das ihnen geläufigere Französisch die Hauptunterrichtssprache ist, die in diesen Klassen dazu führt, die Luxemburger Schüler mit wenig kulturellem Kapital auszusondern. Es sieht so aus, als ob die viel gepriesene Dreisprachigkeit unseres Landes in der Schule den Luxemburger Kindern, die aus einem Elternhaus mit hohem kulturellen Kapital kommen, in zweifacher Hinsicht zum Vorteil gereicht: durch das Deutsch werden zunächst die Konkurrenten aus romanisch sprechendem Elternhaus und danach durch das Französisch die luxemburgischen Konkurrenten aus Elternhäusern mit einem geringeren Kulturkapital eliminiert.

Das Abitur

Der Abschluß des Lycée bildet das Abitur, die allgemeine Hochschulreife. Eine Tabelle der Zahl der erfolgreichen Abiturienten von 1975 bis 1992 haben wir in Abbildung 6 dargestellt. Man achte auf die zwei Maßstäbe, die notwendig waren, um die sehr unterschiedlichen Zeitreihen abzubilden. Wir werden wiederum auf das Jahr der Volkszählung zurückgreifen, um das Verhältnis zwischen den Abiturienten und der Wohnbevölkerung zu berechnen:

| | Abiturienten 1990/1991 | Wohnbevölkerung (19 Jahre) | Abiturienten /19-jährige |
| — | — | — | — |
| Luxemburger | 699 | 2.876 | 24,3% |
| Portugiesen | 10 | 730 | 1,4% |
| Italiener | 11 | 310 | 3,5% |
| Andere | 21 | 563 | 3,7% |

Wenn es eines Beweis bedurft hätte, so ist er mit dem Prozentsatz von 1,4% erbracht, der eine ungefähre Wahrscheinlichkeit darstellt, daß ein portugiesisches

Kind das Abitur an einer Luxemburger Schule schafft. Der Prozentsatz für die Luxemburger Arbeiterkinder ist wegen der fehlenden Daten nicht bekannt, er dürfte jedoch weit unter den 24,3% für die Luxemburger überhaupt liegen. Das Luxemburger Bildungswesen ist höchst selektiv, ja sogar elititär ausgerichtet, wie es ein Vergleich der Abiturientenquoten mit anderen Ländern belegt.

Doch die Anpassung an die Standards der Nachbarländer wird durch das Grenzpendlerphänomen erzwungen werden. Nachdem bereits ein Viertel der in Luxemburg beschäftigten Lohnabhängigen Grenzpendlersind, ist eine direkte Konkurrenz auf dem Luxemburger Arbeitsmarkt zwischen luxemburgischen Schulabgängern und Schulabgängern mit formal gleichen Abschlüssen aus dem benachbarten Ausland entstanden. Da die Sprachkenntnisse, die von der Luxemburger Schule als unerläßlich erachtet werden, von den Arbeitnehmern bei ihren Einstellungen anders bewertet werden, wird es zu einigen Änderungen im Luxemburger Bildungswesen kommen müssen, denn allzulange wird man portugiesischen Arbeiterkindern den Aufstieg zu gut bezahlten Angestelltenjobs nicht mit dem Vorwand ihrer mangelnden Sprachkenntnisse verbieten können, wenn auf dem Arbeitsmarkt, diese Kenntnisse real nicht gefordert werden und wenn Franzosen oder Belgier, ohne jede Deutsch- und Luxemburgisch-Kenntnisse, die den Portugiesen vorenthaltenen Stellen einnehmen. Die Schule übernimmt eine gewichtige Rolle bei der Steuerung der sozialen Aufwärtsmobilität in einer Gesellschaft; in Luxemburg ist diese Funktion durch die Kleinheit unseres Staates und die zunehmende räumliche Mobilität der Grenzpendler in Frage gestellt. Während sogenannte Gastarbeiter meist die unteren Ränge der gesellschaftlichen Hierarchie einnehmen, stellen die Grenzpendler Quereinsteiger dar, die mit den eingesessenen Arbeitskräften, ob Lu-

Exemburger oder Ausländer, in direkte Konkurrenz treten. Während die Luxemburger eigene Strategien entwickeln können, um sich zu behaupten, haben die portugiesischen Kinder der zweiten Generation, wegen ihrer Chancenlosigkeit im Luxemburger Sekundarunterricht schlechte Karten in dieser Situation.

Die Luxemburger Schule muß die zaghaften Anpassungsversuche an diese Situation verstärken, wenn die in Luxemburg lebenden Kinder, und besonders Arbeiterkinder, auf dem Luxemburger Arbeitsmarkt nicht gegenüber den aus dem Ausland kommenden Arbeitskräften jedweder Nationalität, benachteiligt werden sollen.

F. Fehlen

  1. P. Bourdieu et J.-Cl. Passeron, Les héritiers, Paris 1985, les éditions de minuit

  2. Ministère de l’Education nationale, Demain l’école, p. 63

  3. F. Fehlen, E. Jacquemart, L’emploi international au Luxembourg, Bulletin STATEC 4/1994

  4. J. Lévy, L’enseignement secondaire technique (1991/1992), Aperçu global et analyse de la promotion des élèves, MEN/SCRIPT, février 1994

J. Lévy, L’enseignement secondaire général (1991/1992), statistiques globales et résultats scolaires, MEN/SCRIPT, septembre 1994

  1. Eigene Berechnungen nach Angaben des STATEC und des MEN. Der Stichtag der Volkszählung ist der 1. März 1991. Die Schülerzahlen beziehen sich auf das Schuljahr 1991/92, da für das Schuljahr 1990/1991 keine Daten zur Verfügung stehen. Bei der Berechnung der Abiturientenquoten haben wir das Schuljahr 1990/91 zu Grunde gelegt.

  2. Der Vergleich mit der uns unbekannten, jedoch mit großer Sicherheit hohen Erfolgsquote der portugiesischen Schüler in der Europaschule, könnte zeigen, daß es sich nicht hauptsächlich um ein Problem der Nationalität sondern der gesellschaftlichen Stellung handelt.

  3. Center for Educational Research and Innovation, Education at a Glance, Indicators, OECD 1992, p.97.

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