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In der ungarischen Hauptstadt Budapest fand vom 5. bis 8. Januar 1995 auf Einladung der katholischen Basisgruppen-Bewegung BOKOR (1) das Jahrestreffen des Europäischen Netzwerkes "Kirche im Aufbruch" und der Europäischen Konferenz für Menschenrechte in der Kirche statt. Das Netzwerk "Kirche im Aufbruch", dem heute elf west- und osteuropäische, vorwiegend katholische Reformbewegungen und -grupplerungen angehören, wurde 1991 in Eschborn bei Frankfurt von der Schweizerischen Aufbruch-Bewegung und der niederländischen Acht-Mal-Bewegung ins Leben gerufen.
Bokor (= Busch): Hoffnungswerkstatt einer zukünftigen Kirche
"Gott ist arm, Gott ist klein, Gott ist schutzlos! Um das zu sagen, ist das Kind von Bethlehem gekommen. Glaube ich daran? Entsage ich im wirklichen Leben dem Reichtum, den Privilegien, der Sicherheit?"
"Der arme Jesus, der Diener Jesus: Ihn haben die Vertreter der Religion und der Politik dem Tod übergeben… Wir können uns an seinen Tisch setzen, an den Tisch des radikalen Propheten des Gottes der Liebe, mit dem sicheren Wissen, daß die freiwillig Armen den Geld häufenden Reichen im Weg sein werden. Die Verkünder des Dienstes werden den Zorn der an die Macht Wollenden und der Mächtigen auf sich ziehen. Und die sich zur Gewaltfreiheit bekennen, werden sich den bewaffneten Gewaltmenschen gegenüber wiederfinden…"
Dies sind Texte aus der von BOKOR gestalteten Abschlußliturgie der Budapester Konferenz, die Zeugnis geben von der tiefen spirituellen und gleichzeitig politisch-prophetischen, der Freiheit und dem Ge-
Gewissen verpflichteten Theologie dieser vor gut fünfzig Jahren vom ungarischen Piaristenpater György Bulanyi gegründeten Basisgruppen-Bewegung. Sie ist aus dem jahrzehntelangen Widerstand gegen ein autoritäres, menschenverachtendes Regime und eine auf ihren eigenen institutionellen Selbsterhalt fixierte Amtskirche entstanden. BOKOR ruft die Menschen in eine konsequent gewaltfreie, sozial engagierte, selbständige Jesus-Nachfolge. Als Hoffnungswerkstatt einer zukünftigen Kirche bot die BOKOR-Bewegung den geistlichen Raum, in dem die Konferenz stattfinden konnte.
Aufgabe einer politisch-prophetischen Kirche in der Festung Europa
So lautete – leicht verkürzt – das gemeinsame Tagungsthema. Wenn die Kirche in einem Europa, das sich politisch vereinigt, aber gegen alles Fremde und die Fremden (Asylanten, Flüchtlinge) immer mehr abschottet, prophetische Kirche sein will, dann – so wurde betont – darf sie im Sinne der ursprünglichen Funktion der Propheten Gottes (Dolmetscher des Willens Gottes) sich nicht auf die im traditionellen
Schlußcommuniqué der Budapester Versammlung katholischer Basisbewegungen aus ganz Europa:
Bokor – Werkstatt einer Kirche der Zukunft
Bokor (=Dombusch), seit 1993 Mitglied der Europäischen Konferenz "Kirche im Aufbruch", hat in jahrzehntelanger Pionierarbeit trotz Verfolgung durch die kommunistischen und kirchlichen Autoritäten Hunderte von hierarchie- und gewaltfreien, sozial engagierten Basisgruppen geschaffen.
Gewissen statt Gehorsam
Wie die ungarischen Gruppen setzen sich die Delegierten aus den anderen europäischen Ländern dafür ein, daß in Kirche und Gesellschaft endlich das Gewissen den Platz autoritärer Vorschriften einnimmt.
Der Platz der Kirche ist unter den nichtstaatlichen Organisationen
Die katholische Kirche braucht nach der Überzeugung der Mehrheit der Versammlung eine neue Verfassung. Diese muß die Hindernisse auf dem Weg zur Einheit der Christen beseitigen helfen und den Ansprüchen mündiger Frauen und Männer genügen.
Die Kirche muß wieder zur Gemeinschaft von Christengemeinden werden:
Ihr Platz ist unter den nichtstaatlichen Organisationen und nicht an der Seite von Staaten und Regierungen.
Mit Mehrheit beschloß die Versammlung die Ausarbeitung eines Verfassungsentwurfs für eine erneuerte Kirche.
Festung Europa
Während die politische Vereinigung der Europäischen Union Fortschritte macht, erweckt diese Union zugleich mehr und mehr den Eindruck einer Festung.
en können nicht schweigen, wenn das reiche Europa das Recht auf Asyl abschafft und Menschenleben zerstört.
Die Budapester Versammlung ruft dazu auf, mit den in der Macht der Kirchen stehenden Mitteln das fundamentale Menschenrecht auf Asyl zu gewährleisten.
Die Christinnen und Christen sollen alles tun, um Lebens- und Arbeitsmöglichkeiten für Asylsuchende zu schaffen.
Menschliches Grundrecht auf Asyl und Schuldenstreichung
Die Kirchen können nicht schweigen, wenn die Länder Osteuropas und der sogenannten Dritten Welt unter ihrer Schuldenlast zusammenbrechen und keine Aussicht auf eine Lösung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Probleme haben.
Die Budapester Versammlung ruft die Kirchen auf, in den Gläubigerländern die biblische Praxis des Schuldenerlasses in Erinnerung zu bringen.
Budapest, den 8.1.1995
abschottet, prophetische Kirche sein will, dann – so wurde betont – darf sie im Sinne der ursprünglichen Funktion der Propheten Gottes (Dolmetscher des Willens Gottes) sich nicht auf die im traditionellen Sinn religiösen Bereiche beschränken. Sie muß lernen, in Wort und Tat den konkreten, heutigen Willen Gottes in allen Bereichen des Lebens zu vertreten: in Politik und Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft und natürlich auch in den religiösen Bereichen im engeren Sinn. Dies bedingt, daß sie eine prophetische Theologie entwickelt, die alle genannten Bereiche umfasst, analysiert und reflektiert. Im Bereich der Wirtschaft beispielsweise müßte sie – gegenüber dem heutigen räuberischen weltwirtschaftlichen System, dem Konsum, dem Wachstum, der Geldver(m)ehrung (U.Duchrow) und der Anbetung von allem, was zur Ware wird – die Möglichkeit der prophetischen Kritik nutzen. Andererseits müßte sie ein jessenisches Modell ausarbeiten, das die Herstellung materieller Güter für das Überleben aller sichert. Oder im Bereich der Ökologie müßte sie, wie Daniel Quinn sagt, uns von "Wegnehmern" zu "Belassem" machen.
BOKOR-Sprecher Pfarrer Andras Gromon vertrat die Überzeugung, daß zur Verwirklichung dieser riesigen Aufgabe, ohne die Europa keine menschliche Zukunft habe, nur solche fähig seien, die zumindest theoretisch das prophetische Los auf sich nähmen, denn eine prophetische Theologie werde zwangsläufig das prophetische Schicksal über ihre Begründer bringen.
In Arbeitskreisen wurde auf Bewußtseinsbildung und Aufklärung, Symbol- und Zeichenhandlungen, öffentlichkeitswirksame Aktionen als wichtige Aufgaben einer politisch-prophetischen Kirche hingewiesen. Ein herausforderndes Zeichen stellt zum Beispiel die Aktion "Brot für die Bank" der Initiative "Ordensleute für den Frieden" in Frankfurt dar, mit der die Deutsche Bank aufgefordert wird, den Ländern der sog. Dritten Welt die Schulden zu streichen: Wer sich daran beteiligt, schickt ihrem Vorstandssprecher einen kleinen Geldbetrag und beteiligt sich so daran, daß die Bank den armen Ländern die Schulden erlassen kann. Im Brief, der beigelegt wird, heißt es: "Eigentlich würden Sie den armen Ländern die Schulden gerne erlassen, damit dort nicht noch mehr Menschen verhungern müssen. Aber Sie können es nicht, weil die Deutsche Bank" (die 1993 einen Rekordgewinn von 5,3 Milliarden DM erzielt hat!) "finanziell nicht in der Lage ist, eine solche Schuldenstreichung zu verkraften…" (2)
Austausch und Begegnung
Das Jahrestreffen diente auch dem gegenseitigen Austausch und der Information der Delegierten über das Geschehen im vergangenen Jahr und konkrete Initiativen in den einzelnen Ländern. Höhepunkte des Treffens waren zweifelsohne die Begegnung mit der beeindruckenden Gründergestalt der BOKOR-Bewegung, Pater Bulanyi, und die persönlichen Gespräche mit den BOKOR-Familien, die je zwei Delegierte zum Mittagessen zu sich nach Hause einluden.
Kurt Bucher (Schweiz)
(1) Weitere Informationen über BOKOR in "forum" Nr. 142, S. 33-36. Die "Bokor" Bewegung und forum n° 146, Seite 29. Solidaritätsbesuch bei Bokor. In der Zeitschrift Publik-Forum Nr. 24 vom 20.Dezember 1994 war folgende Kleinanzeige (S. 54):
Wer ist bereit, den Basis-Gruppen "Bokor" in Ungarn neueste, grundlegende Bücher auf den Gebieten der kathol. Theologie/Dogmatik, Exegese, Moraltheologie, der Philosophie, der Soziologie und der Psychologie zu schenken? Besonders Lexika erwünscht. Ca. 300 Basisgruppen würden sich sehr darüber freuen. Büchersendungen bitte an P.Bulanyi György, H-1122 BUDAPEST, Varosmajor u. 47 B, UNGARN.
(2) Wer die Initiative "Brot für die Bank" unterstützen möchte, kann einen Brief senden an Herrn Hilmar Kopper – persönlich -, Sprecher des Vorstandes Deutsche Bank AG, Taunusanlage 12, D-60325 FRANKFURT/M (5 oder 10 DM Schein beilegen oder Geld als Postanweisung schicken. Für weitere Informationen und, bitte informieren sie folgende Adresse, wenn sie einen solchen Brief schicken:
Sr. Roswith Köhler MSC, Kolpingstraße 30, D-47179 DÜLSBURG oder Frank Kreß, Kurfürstenstraße 44, D-52066 Aachen.
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