Die Grenzpendler und der Luxemburger Arbeitsmarkt

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In diesem Artikel werden jene Hauptergebnisse der Studie «La main-d’oeuvre frontalière au Luxembourg, cahier économique du STATEC» Nr.84 zusammengefaßt, die unsere Hauptthese belegen, daß die Grenzpendler einen notwendigen Bestandteil der Luxemburger Erwerbsbevölkerung der neunziger Jahre darstellen.

Die Pendler der Großregion

Wir bevorzugen den Begriff Grenzpendler gegenüber der Bezeichnung Grenzgänger, die in den offiziellen Statistiken als Übersetzung für das französische Wort «frontalier» gebraucht wird. Wir bevorzugen dieses Wort, weil es die Aufmerksamkeit darauf lenkt, daß Grenzgänger Pendler sind und daß das gesamte Pendlerphänomen eigentlich eine Auswirkung der räumlichen Mobilität der Arbeitskräfte ist, die hauptsächlich durch die Verbreitung des Automobils möglich wurde. Andere regionale Ballungsräume kennen in der Tat auch einen Zustrom von Arbeitskräften, die mehr oder weniger lange Anfahrtswege zurücklegen, wobei das, was als «weit» empfunden wird, von lokalen Gegebenheiten und Erfahrungen abhängt. So konnte man vor kurzem eine ernstgemeinte Umfrage lesen, in der Pariser Pendler sich gegen Arbeitswege von weniger als einer halben Stunde aussprachen, weil diese nur aus Aus- und Umsteigen bestehen würden und man so keine Möglichkeit mehr hätte, die Fahrt positiv, beispielsweise für Lektüre und Gespräche, zu nutzen.

Auch wenn es in einem kleinen, agrarisch geprägten Land wie Luxemburg keine lange «Pendler-Kultur» gibt, so darf man doch annehmen, selbst wenn keine genauen Zahlen vorliegen, daß die Arbeitsanfahrten immer länger werden. Aus den Volkszählungen ist die Zahl der Personen bekannt, die in einer anderen Gemeinde arbeiten als wohnen. Diese Zahl hat sich von 1960 bis 1991 fast verdreifacht: 1991 «pendelten» 92 000 in eine andere Gemeinde. Davon waren es 40 000, die nach Luxemburg-Stadt einpendelten. Interessant ist, daß es 928 Luxemburger gibt, die täglich aus den drei Nachbarländern nach Luxemburg einpendeln. Diese Tatsache weist uns daraufhin, daß unter einem belgischen Pendler z.B. nicht automatisch eine Person belgischer Nationalität zu verstehen ist, und daß man richtig sagen müßte: «Pendler aus Belgien». Ursprungsland und Staatszugehörigkeit eines Pendlers dürfen nicht miteinander verwechselt

werden. Dies wurde in vielen Zeitungsartikel, die über unsere Arbeit berichtet haben, vergessen (siehe Kasten).

MOUVEMENTS FRONTALIERS ANNEXES

Il semble évident que la majorité des contingents de travailleurs frontaliers soit constituée de nationaux résidant dans leur propre pays. Pourtant certains facteurs, comme la proximité des trois pays, les marchés immobiliers respectifs ou les conditions d’imposition sont susceptibles d’engendrer des déménagements transfrontaliers et donc des mouvements annexes au sein des flux frontaliers. Ceux-ci sont ici appréciés par la prise en compte de la nationalité du travailleur.

| | Allemagne | Belgique | France |
| — | — | — | — |
| nationalité | | | |
| allemande | 8 516 | 59 | 64 |
| belge | 31 | 13 335 | 278 |
| française | 158 | 812 | 22 378 |
| luxembourgeoise | 186 | 413 | 329 |
| italienne | 35 | 271 | 949 |
| portugaise | 18 | 193 | 425 |
| autres | 190 | 327 | 716 |

TABLEAU

Salariés frontaliers selon nationalité et pays de résidence.
Situation au 31 mars 94

Das einzige, was die Grenzpendler von ihren einheimischen Kollegen unterscheidet, ist die Tatsache, daß sie eine Grenze passieren. Doch diese Grenze hat rechtlich gesehen keine Bedeutung mehr, und das spätestens seit 1958 als durch die römischen Verträge die «libre circulation de la main-d’oeuvre» eingeführt wurde. In den Köpfen der Grenzpendler gibt es diese Grenzen auch nicht mehr, das kommt zum Beispiel klar zum Ausdruck, wenn man die Aussagen einiger Bewohner der deutschen Moselseite liest (vgl. Artikel: Zwischen Perl und Oberbillig)

Zum erstenmal wurde die regionale Herkunft der Grenzpendler im Detail untersucht und dabei konnten wir feststellten, daß 75% der Grenzpendler in einer Region bis 20 Kilometer Entfernung von den Lu-

xemburger Grenzen und 91% in einer Region bis 45 Kilometer Entfernung wohnen. Man darf sich allerdings die Frage stellen, ob die Personen, die als Hauptwohnsitz eine Adresse angeben, die weiter entfernt liegt, Tagespendler sind, also täglich hin und her fahren, oder ob es sich um Wochenendpendler handelt. Vielleicht ist aus irgendwelchen Gründen, die angegebene Adresse nicht mit der Wohnadresse identisch. Aus diesem Grunde haben wir die 9% bei der Berechnung der durchschnittlich zurückgelegten Wegestrecke ausgeschlossen. Doch bevor wir uns die Arbeitsorte der Grenzpendler anschauen, um diese Wegestrecke berechnen zu können, wollen wir die Grenzregion selbst etwas genauer unter die Lupe nehmen.

Die obige Karte zeigt, daß der Anteil der Grenzpendler rapide mit der Entfernung fällt. Für 5 Gemeinden in Belgien liegt der Prozentsatz der Grenzgänger bei über 30% der erwerbstätigen Bevölkerung und zwar

ganz Luxemburg durchqueren, am häufigsten arbeiten sie in der geographischen Region Luxemburgs, die direkt an ihr Herkunftsland grenzt, oder aber sie arbeiten in der Region Zentrum. Die Entfernung zwischen dieser Region, zu der auch die Stadt Luxemburg gehört, und den Orten mit hohem Grenzpendleraufkommen in Belgien und Frankreich ist ziemlich gering. Ihre Entfernung zu den entsprechenden Orten in Deutschland ist etwas größer. Dieser Zusammenhang ist in vier Karten zusammengefaßt. An dieser Stelle sei die Karte für die Nordregion (siehe gegenüberliegende Seite) wiedergegeben, die noch einmal eindeutig belegt, daß die Grenzpendler nicht unbedingt weite Strecken zurücklegen wollen. Viele übernehmen eine Arbeitsstelle in Luxemburg, weil sie nicht weit fahren wollen. Viele Arbeiter der Grenzregionen müßten sich nach einem anderen regionalem Zentrum, das weiter als Luxemburg entfernt wäre, orientieren, wenn sie Arbeit im eigenen Lande finden wollten.

Die durchschnittlich zurückgelegte Strecke, die für die 91% Grenzpendler errechnet wurde, die in einem 45-km-Gürtel um Luxemburg leben, beträgt 34 Kilometer. Dabei legen die Pendler aus Frankreich und aus Belgien jeweils im Schnitt 33 km zurück, während die Pendler aus Deutschland durchschnittlich 41 km fahren. Mit steigendem Alter werden die zurückgelegten Strecken kürzer. Frauen fahren weniger als Männer.

Hinter der unterschiedlichen Intensität der Grenzpendlerströme zu den einzelnen Regionen versteckt sich natürlich auch die unterschiedliche regionale Verteilung der Arbeitgeber. Am 31. März 1994 waren 67% der Erwerbstätigen bei einem Arbeitgeber der Region Zentrum angestellt, 18% bei einem Arbeitgeber der Region Süden, 10% bei einem Arbeitgeber der Region Norden und nur 5% bei einem Arbeitgeber der Region Osten.

in Arlon, Attert, Aubange, Martelange und Messancy, wo ein Prozentsatz von fast 45% erreicht wird. In Frankreich zählt man 3 Kantone, in denen die Grenzgänger über 30% der erwerbstätigen Bevölkerung stellen: Villerupt mit 37%, Fontoy mit 38% und Cattenom mit 30%. Im Falle Deutschlands sind die Prozentsätze auf Kreisebene weitaus niedriger. 58% der Grenzgänger kommen aus 9 belgischen Gemeinden und 14 französischen Kantonen, von Attert und Habay im Norden bis Cattenom und Sierck-les-Bains im Osten. Diese Gemeinden bilden einen Gürtel, der sich im Süden und im Westen um das Land legt. Sie sind das eigentliche Arbeitskräftereservoir für die Hauptstadt und die Südregion des Landes, genauso wie die Randgemeinden im Norden und Osten der Hauptstadt. Aus dieser Perspektive betrachtet, hat sich ein regionaler grenzüberschreitender Aktivitätspol im Süden des Landes um die Hauptstadt herum gebildet, zu dem das Oesling und teilweise sogar der Osten nicht hinzugerechnet werden können.

Verbindet man die Angaben zu den Wohnorten der Grenzgänger mit denjenigen zu den Niederlassungsorten der Firmen, bei denen sie beschäftigt sind, so kann man den von ihnen zurückgelegten Weg berechnen. Es zeigt sich, daß nur wenige Grenzgänger

Die Grenzregion

Im Gegensatz zu einer Studie des Arbeitsamtes, die praktisch zeitgleich mit unserer veröffentlicht wurde und die von den administrativen Unterteilungen der Nachbarregionen ausgeht, um die Zahl der Beschäftigten und der Arbeitslosen in der Großregion um Luxemburg zu berechnen, gehen wir von dem 45-Kilometer-Gürtel aus. Auf Grund der Wohnorte der Pendler haben wir eine Einflußzone definiert, die teilweise quer zu den administrativen Unterteilungen der Nachbarländer liegt. Wir haben in mühsamer Kleinarbeit, durch einen Rückgriff auf die feinste Aufteilung, die uns zur Verfügung stand (Gemeinde für Belgien, Kantone für Frankreich und Kreise für Deutschland) eine neue statistische Einheit konstruiert, die sowenig wie möglich von den je verschiedenen administrativen Logiken der Nachbarländer abhängt.

Die Tabelle "Description de la région frontalière…" auf der nächsten Seite zeigt, die Zahlen, die wir für die beschriebene Region zusammengestellt haben. Zählt man zu diesen Zahlen noch die in Luxemburg wohnenden Arbeitnehmer hinzu, so erhält man einen

La main-d’oeuvre frontalière au Luxembourg. Exploitation des fichiers de la sécurité sociale Cahiers économiques no 84 du STATEC 480 F à commander au STATEC B.P. 304 L-2013 Luxembourg

regionalen Arbeitsmarkt mit knapp 1,1 Millionen Beschäftigten und gut 100 000 Arbeitslosen. Daraus errechnet sich eine globale Arbeitslosenquote von 9%.

Betrachtet man die Verteilung der Arbeitslosigkeit an Hand der Karte, so stellt man fest, daß der Einfluß der Grenzgängerarbeit auf die Verringerung der Arbeitslosigkeit sehr bescheiden ist. Nur die Grenzregion Belgiens, die dünn besiedelt ist, unterscheidet sich in diesem Punkt von den anderen Grenzregionen.

Im Vergleich zur globalen Arbeitslosenrate und zu den Spitzenwerten in den drei Nachbarländern (Hamoir 16,3%; Sedan 17,8% und Neunkirchen 16,1%) mutet die Arbeitslosenrate von 3% in Luxemburg sich bescheiden an. Die hunderttausend Arbeitslosen der Region sind natürlich potentielle Bewerber auf dem Luxemburger Arbeitsmarkt und als solche Konkurrenten für die einheimischen Arbeitskräfte. Jede Arbeitsmarktpolitik, die diese Tatsache nicht wahrnimmt, ist zum Scheitern verurteilt. Jede Maßnahme zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in Luxemburg ist somit auch eine Maßnahme zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in der Großregion. Weshalb dies so ist, wird der nächste Abschnitt zeigen.

Die Entwicklung des Arbeitsmarktes

Die Grafik "Evolution de l’emploi salarié 84-94" (siehe nächste Seite) zeigt, daß zwischen 1984 und 1994 die Zahl der Beschäftigten um 52 000 Personen gestiegen ist, wobei mehr als zwei Drittel davon Grenzgänger waren (+35 000 Personen). Seit April 1991 stellt man sogar eine Stagnation der Anzahl der einheimischen Beschäftigten fest (+1 800 Personen in der Periode 1991-1994), so daß ausschließlich die Grenzgänger (+12 000 für diese Periode) das Wachstum des Luxemburger Arbeitsmarktes sichern. Wenn man nur die Arbeiter betrachtet, kann man feststellen, daß in den letzten Jahren die Zahl der einheimischen Arbeiter absolut abgenommen hat.

Was die Neueinstellungen betrifft, so besteht für die meisten Wirtschaftszweige eine objektive Konkurrenz zwischen Einheimischen und Grenzgängern. Diese Konkurrenzsituation wird als solche besonders von den einheimischen Arbeitslosen empfunden, die von ihrem Standpunkt aus "ihre" Arbeitsplätze von Grenzgängern besetzt sehen. Eine Gegenüberstellung der Variation der Zahl der beim Arbeitsamt eingeschriebenen «demandeurs d’emploi» mit der Variation der Zahl der Grenzpendler, die für den Zeitraum 1988 bis 1994 durchgeführt wurde, zeigt, daß die Zahl der einheimischen Arbeitsuchenden meistens dann zurückgeht, wenn die Beschäftigungszahl der Grenzgänger steigt. Wenn die Grenzpendler den Einheimischen die Stellen wegnehmen würden, müßte es aber genau andersrum sein: Mehr Grenzgängern würden mehr Arbeitslose bedeuten.

Diese, auf den ersten Blick paradoxe Grafik, wird auf einfache Weise erklärbar, wenn man die Grenzgän-

ger und die einheimischen Beschäftigten nicht mehr als zwei verschiedene, gegensätzlich Gruppen betrachtet. Während einer günstigen Entwicklung der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes sind die Einstellungen zahlreich; der Zustrom der Grenzgänger verstärkt sich und gleichermaßen findet eine größere Anzahl von Arbeitsuchenden eine Stelle; folglich fällt die Zahl der Arbeitsuchenden. Ist die konjunkturelle Lage jedoch weniger günstig, fällt die Zuwachsrate der Grenzgänger und die Zahl der Arbeitsuchenden nimmt zu.

Hier erreicht man den Kern des Problems: der Einbruch der Konjunktur bewirkt, daß die Arbeitgeber wählerischer bei ihren Einstellungen werden. Die Arbeitssuchenden der Grenzregionen entsprechen eher den strengeren Anforderungen der Arbeitgeber, allein schon weil sie zahlreicher sind. Angesichts einer solchen Situation sind die einheimischen Arbeitsuchenden schlecht gewappnet, falls sie nicht

Description de la région frontalière à proximité du Luxembourg (données de 1993)

| uniquement région < 45 km | population active | nombre de chômeurs | chômage (%) | rapport frontaliers/ pop. active |
| — | — | — | — | — |
| de l’Allemagne | 478 694 | 55 610 | 11,6 % | 1,59 % |
| de la Belgique | 137 381 | 13 119 | 9,55 % | 9,96 % |
| de la France | 328 608 | 41 577 | 12,7 % | 6,71 % |

Evolution de l’emploi salarié – 1984 / 1994

über die verlangten Qualifikationen verfügen. Wenn zudem der einheimische Arbeitsmarkt nicht in der Lage ist, die nötigen Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen, ist es nicht verwunderlich, wenn der "gebremste" Zuwachs der Beschäftigten durch die Einstellung von Grenzgängern erreicht wird.

Die Tatsache, daß trotz der Zunahme der Zahl der Erwerbstätigen die Zahl der Arbeitslosen zunimmt, wurde von verschiedenen Tripartite-Teilnehmern als «anormale» Arbeitslosigkeit bezeichnet. Diese Sichtweise ist jedoch falsch, weil sie von einem geschlossenen Arbeitsmarkt ausgeht, den es de facto und de jure so nicht mehr gibt. Wenn etwas anormal an der Arbeitslosenrate ist, so ist es die Tatsache, daß sie so gering ist.

Ein kleines Land, ein glückliches Land

Die Luxemburger Volkswirtschaft lebt von der Ausnutzung internationaler Nischen. Dies wurde von den Luxemburger Wirtschaftswissenschaften unter dem Stichwort «monnayer la souveraineté» beschrieben. Die Denegationsarbeit des politischen Diskurses und des Alltagsbewußtseins, die versucht diese Tatsache zu verdrängen, wird in den Proteststürmen sichtbar, die immer dann ausgelöst werden, wenn in der internationalen Presse auf diese Nischenpolitik hingewiesen wird. Als letztes Beispiel sei die Diskussion um die Quellensteuer genannt. Angesichts der Vereinheitlichung des Weltmarktes und der Mobilität des internationalen Finanzkapitals, angesichts der Vereinheitlichungsbestrebungen innerhalb der Europäischen Union beschränkt sich diese «Souveränität» immer mehr auf die Ausnutzung internationaler Nischen, gradueller Unterschiede, die im Rahmen von EU-Bandbreiten noch bestehen bleiben und auf Vorteilen, die sich aus dem Faktum des Kleinstaates ergeben.

Durch die Ausnutzung einer solchen Nische ist der Bankenplatz Luxemburg entstanden, der zum Motor eines einmaligen wirtschaftlichen Booms wurde, der viele Sektoren mitgezogen hat. Die Steigerung der

Zahl der Arbeitnehmer um 38% in 10 Jahren (siehe Grafik) war nur möglich, weil es das Arbeitskräftereservoir des grenznahen Umlandes gab. Ohne die Pendler aus diesem Raum wäre dieser Boom nicht möglich gewesen. Wo hätten 50.000 zusätzliche Arbeitskräfte auf dem inländischen Arbeitsmarkt gefunden werden sollen? Die einzige Reserve, die es gibt, stellen die weiblichen Arbeitskräfte dar: die Frauenerwerbsquote hierzulande ist im Vergleich mit ähnlichen europäischen Ländern sehr gering. Der Rückgriff auf Einwanderer hätte die Frage nach den notwendigen Wohnungen und der Infrastruktur für 50.000 Arbeitskräfte und deren Familien gestellt. Ohnehin hat die Luxemburger Wohnbevölkerung in dem uns interessierenden Zeitraum um knapp 40.000 Personen zugenommen.

Ohne den Rückgriff auf einen grenzübergreifenden regionalen Arbeitsmarkt hätte es den Aufschwung der letzten Jahre und den allgemeinen Wohlstand, der sich im ständigen Ansteigen der Reallöhne äussert, nicht gegeben. Angesichts dieser Tatsache ist es unsinnig von einer Bedrohung der Arbeitsplätze oder einem Drücken der Löhne durch die Grenzpendler zu reden. Der letzte Punkt, der auch oft als ’soziales Dumping‘ bezeichnet wird, wird in einem gesonderten Artikel behandelt.

Die Konkurrenz der Grenzpendler

In Luxemburg sind die Arbeitsbedingungen besser, die Nettolöhne sind höher und wegen der niedrigeren Arbeitslosenrate ist die Wahrscheinlichkeit, überhaupt ein Stelle zu finden, größer. Weshalb sollte ein Einwohner der Grenzregion, da es kaum mehr formale, juristische Hindernisse gibt, einen halbe Stunde Fahrt und Stau nicht in Kauf zu nehmen, um am Luxemburger Wohlstand teilzunehmen? Wenn er erst einmal eine dauerhafte Stelle gefunden hat, kann er immer noch näher an seinen Arbeitsort ziehen, sei es, daß er nach Luxemburg umzieht, sei es, daß er in seinem Land bleibt und sich einen grenznahen Wohnort sucht. Letzteres wurde bereits von so vielen Pendlern gemacht, daß ein Ansteigen der Mieten in belgischen grenznahen Wohnlagen nachgewiesen werden konnte. Diese Lösung hat auch den Vorteil, daß der Grenzgänger im gewohnten kulturellen Umkreis bleiben kann, was besonders ins Gewicht fällt, wenn er schulpflichtige Kinder hat, die sich so nicht dem Luxemburger Schulsystem und seiner besonders für Ausländer schwierigen Sprachensituation stellen müssen.

Unter diesem Blickwinkel betrachtet ist es eigentlich erstaunlich, daß die Zahl der Grenzgänger nicht schon früher zugenommen hat. Die Erklärung ist die, daß die Grenzen im Kopf langsamer fallen als die realen Grenzen. Das Grenzpendlerdasein wird erst als reale Möglichkeit wahrgenommen, wenn es einer unmittelbaren Erfahrung entspricht. In diesem Sinne ist jeder Pendler in seiner Familie, in seinem Bekanntenkreis, in seiner Wohnumgebung ein Werbeträger für den Luxemburger Arbeitsmarkt und es werden immer mehr Einwohner der grenznahen Gebiete das Arbeiten in Luxemburg als potentielle Möglichkeit

im Bewußtsein haben. Somit wird der Strom der Pendler aus den drei Nachbarregionen nicht abbrechen, solange das wirtschaftliche Gefälle bestehen bleiben wird. Sie werden also immer mehr zu Konkurrenten auf dem Luxemburger Arbeitsmarkt werden und dadurch werden sich in Zukunft auch die Arbeitslosenquoten in der Region tendenziell angleichen.

Wie reagieren die Einheimischen und besonders diejenigen, die schon lange im Großherzogtum leben, auf diese Konkurrenz? Untersucht man die Präsenz der Pendler in den einzelnen Wirtschaftszweigen, so erkennt man, daß es einige Bereiche gibt, die den Einheimischen und insbesondere den Luxemburgerm praktisch vorbehalten bleiben. Neben der öffentlichen Verwaltung sind es das private Bildungswesen sowie einige para-staatliche Unternehmen wie Bahn, Post, CEGEDEL usw., die zu regelrechten Fluchtburgen der Luxemburger werden. Neben der Nationalität, die vorläufig noch den Zugang zum Staatsdienst regelt, sind es die spezifischen Sprachkompetenzen in den drei gebräuchlichen Sprachen des Landes und natürlich die persönlichen Beziehungen, deren Wichtigkeit in einem kleinen Land besonders groß ist, die den Platzvorteil der Wohnbevölkerung ausmachen.

Es ist nicht das besonderes friedfertige Wesen der Luxemburger, das ihre relative Ausländerfreundlichkeit erklärt, sondern die klare Rollenzuweisung für die Ausländer, die verhindert, daß diese die soziale Aufwärtsmobilität der Luxemburger in Gefahr bringen könnten. Eine allgemeine gesellschaftliche Grundspielregel will, daß die zuletzt Gekommenen, ob sie vom Land in die industriellen bzw. städtischen Ballungsgebiete ziehen oder ob sie vom Ausland einwandern, die niederen Ränge im gesellschaftlichen Raum einnehmen. Dies hat auch in Luxemburg für die italienische und die portugiesische Einwanderungswelle gegolten.

Quereinsteiger

Eine Besonderheit der Luxemburger Gesellschaft besteht darin, daß es seit dem Beginn der Industrialisierung auch eine Einwanderung von hochqualifizierten Arbeitskräften und sogar Führungskräften gegeben hat. Dazu muß man heutzutage die ca 10.000 Beamten der Europäischen Union und anderer internationaler Behörden ebenso wie die leitenden Angestellten der internationalen Unternehmen zählen. Diese Ausländer, von denen man keine Integration erwartet, haben die sozialen Laufbahnen der Luxemburger nicht gestört, weil sie nicht in direkte Konkurrenz mit ihnen um dieselben Posten getreten sind und treten. Sie bilden ein eigenes Feld in der Luxemburger Gesellschaft, das sich weitgehend deren Spielregeln entzieht, so z.B. dem Luxemburger Bildungswesen, dessen Funktion als gesellschaftlicher Platzanweiser den wenigsten bewußt ist.

Wie im Artikel "Grenzgänger als soziales Konfliktpotential" weiter ausgeführt wird, hat die zweite Ge-

neration der portugiesischen Einwanderer nur geringe Chancen einen schulischen Abschluß zu erwerben, der ihnen den Zugang zu einem «gehobenen» Beruf erlaubt. Schuld ist die deutsche Sprache, die als Ausleseinstrument fungiert und deren mangelnde Beherrschung sogar vielen Schülern einen Berufsabschluß im handwerklich Bereich verbaut.

Die Grenzpendler können in nächster Zukunft, wenn es nicht durch einen Wirtschaftsaufschwung zu einer allgemeinen Verbesserung der Arbeitslosenraten auch in den Grenzregionen kommt, zu einer doppelten Bedrohung des Luxemburger Modells werden.

Als Quereinsteiger treten sie in direkte Konkurrenz mit den Luxemburgerm, die sich auf dem Arbeitsmarkt um eine Stelle bewerben, die also noch nicht den Sprung in den protegierten Sektor geschafft haben. Und daß die Luxemburger diese Konkurrenz scheuen, zeigen einige Zahlen. So sind schon 4 800 ausgebildete Handwerker in staatliche und kommunale Verwaltungen übergewechselt. Und jedes Jahr stellen sich 1 000 Kandidaten den Aufnahmeexamina für den öffentlichen Dienst. Der einzelne Arbeitslose kann seine Arbeitslosigkeit mit der Präsenz und somit der Konkurrenz der Grenzpendler begründen.

Die Grenzpendler treten nicht nur in Konkurrenz zu den Alteingesessenen sondern auch zur zweiten Einwandergeneration und diese Konkurrenz wird man teilweise zu Recht als deloyale Konkurrenz bezeichnen dürfen. Die sprachlichen Anforderungen, die man an die Immigrantenkinder stellt, gehen am Arbeitsmarkt vorbei. Einem in Luxemburg geborenen Kind aus portugiesischem Elternhaus wird ein Beruf verwehrt bleiben, weil es schwach in Deutsch war und deshalb den vom offiziellen Luxemburger System geforderten Abschluß nicht geschafft hat, es wird aber auf der anderen Seite erleben, daß ein Pendler aus Frankreich oder Belgien, der nie Deutsch gelernt hat, die Stelle bekommt und seine Aufgabe, ohne ein Wort Deutsch zu kennen, zur allseitigen Zufriedenheit ausfüllen wird. In dieser Situation steckt eine bildungspolitische Herausforderung. Die Luxemburger Bildungspolitik scheint nicht fähig zu sein, sich dieser zu stellen, wie sonst könnte man erklären, daß ein Problem, das seit Jahren bekannt ist, bislang nur sehr zögerlich angepackt wurde.

Der Wohlstand Luxemburgs, der auf der besonderen Situation des kleinen Landes, das seine Kleinstaatlichkeit vermarktet, aufbaut, muß auf eine von allen Beteiligten als gerecht empfundene Weise umverteilt werden. Dies ist jenseits aller politischen Sonntagsreden die materielle Grundlage, auf dem das «Luxemburger Modell» fußt. Mit den Grenzpendlern tritt eine neue Gruppe in Erscheinung, die an der Verteilung beteiligt sein will, und die, im Sinne des konsensuellen «Luxemburger Modells», ein Recht darauf hat, da ohne ihre Präsenz das Wachstum des Wohlstandskuchens mangels fehlender Arbeitskräfte nicht möglich gewesen wäre.

F. Fehlen

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