iese gnu revisited
Zur Neuauflage des 1973 erschienenen Romans "Die Dromedare" von Roger Manderscheid
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Ende 1996 publiziert der Verlag Op der Lay, 23 Jahre nach dem lochness-Verlag Luxemburger Autoren, eine Neuauflage eines der wohl interessantesten Romanversuche der deutschsprachigen luxemburgischen Literatur der zweiten Jahrhunderthälfte. Das Buch erscheint in neuem Gewand: die Titelseite bringt eine kleinkarierte Auswahl von gesichtslosen Köpfen, die individuell die einzelnen Kapitelanfänge verzieren. Damit trifft die spitze Feder Manderscheids einen wesentlichen Aspekt vieler Protagonisten des Romans: besondere merkmale: er redet mit Vorliebe vom Wetter (kremer, S.191), oder: ich bin ein leut (zoller, S.60). Und doch erschöpft sich die Schrift nicht in der Vorführung von Luxemburger Biertischphilosophen, Luftschloßarchitekten oder politischen nobodies. Der Untertitel stilleben für johann den blinden weckt Assoziationen an stille tage in luxemburg, mit den fast zum Klischee gewordenen Kritiken am Mief der Provinz, vielleicht ein Leben mit Stil – die deutsche Rechtschreibung erlaubt da keine Differenzierung -, sowie mit nationalistischen Identifikationsmustern.
Die hintere Deckelseite verspricht allerdings viel: damals habe der erste moderne Roman aus Luxemburg einen unwahrscheinlichen Einfluß auf die Luxemburger Literatur ausgeübt, und das Buch sei aktueller denn je.
Die ersten zwei Urteile müßten literaturwissenschaftlich überprüft werden, jedenfalls genügen nicht ein paar begeisterte Bekenntnisse von Schriftstellerkollegen. Gerade die Autoren, die sich dem Einfluß Manderscheids nicht entzogen haben, kommen großenteils im Roman vor, verkleidet als Fußballspieler oder als lyrische Revoluzzer. Wirklich interessant wäre eine Studie, welche die gesamte luxemburgische Kunstszene miteinbeziehen könnte, den Zusammenhang mit Mai 68, mit maoistischen Strömungen und typisch hiesigen Versuchen à la Consdorfer Scheier.
Die "Aktualität" eines Buches ist ebenfalls eine heikle Angelegenheit. Ich könnte bestenfalls versuchen, die inhaltlichen und formalen Elemente hervor-
hervorzustreichen, die mir persönlich nicht veraltet, überholt oder sogar gerade neu erscheinen. Jedenfalls möchte ich vermeiden, Manderscheids Roman als Kuriosum der siebziger Jahre vorzustellen. Wenn das der Fall sein sollte, trägt der Autor selbst die Schuld: bei ihm ist der Einfluß nicht so besonders groß gewesen, denn meines Erachtens nach hat er nie mehr so kühn und experimentell geschrieben, wie in den dromedaren. Das kann aber auch wieder mit der Situation der Literatur in Europa schlechthin zusammenhängen.
Wenn man Manderscheid nämlich "einordnen" oder wenigstens vergleichen will, muß man einerseits an die Sprechstücke Handkes, andererseits an die zermürbend genialen Einkreisungen und Relativierungen Thomas Bernhards denken. Handke hat total mit diesen Sprechstücken (kaspar, publikumsbeschimpfung) gebrochen, während die experimentelle Seite der Dichtung in Richtung konkrete Literatur evoluierte, mit Mon, Gomringer und besonders Ernst Jandl. Schlägt man die bekannte Anthologie Lesebuch. Deutsche Literatur der sechziger Jahre von Klaus Wagenbach auf, würde die eine oder andere Seite aus den dromedaren absolut in den Gesamtduktus passen, neben Auszügen von Günter Bruno Fuchs, Karl Mickel, Helmut Heissenbüttel, Wolf Wondratschek: eine etwas spielerisch linke, anarchisierende Literatur.
Dabei wissen wir noch immer nicht, ob es sich wirklich um einen Roman handelt.
Dabei wissen wir ebensowenig, weshalb das Buch "die dromedare" heißt. Ich glaube, die Abgrenzung, die Manderscheid selbst gibt (oder eine Figur des Romans), könnte uns die richtige Richtung andeuten: was ist der unterschied zwischen einem kamel und einem dromedar? einmal nur die wüste sehen aus einem charterflugzeug. ein dromedar hat drei, ein kamel zwei silben. (S.179)
Die "Aktualität" eines Buches ist eine heikle Angelegenheit. Jedenfalls möchte ich vermeiden, Manderscheids Roman als Kuriosum der siebziger Jahre vorzustellen.
Da haben wir das Buch also doch geöffnet, bis dahin haben wir uns hauptsächlich über die Deckelseiten verbreitet! Also: Das Ganze besteht aus 80 kurzen Segmenten, die sich in einer doppelten Einteilung anbieten.
Zunächst gibt es vier Blöcke, die dem Tageslauf eines Beamten entsprechen: von 8.00 bis 10.00, von 10.00 bis 12.00, von 14.00 bis 16.00 und von 16.00 bis 18.00. Damit ist das Thema der Bürokratie sowie der absurden Arbeit in einer Verwaltung angedeutet. Über die Mittagspause und die restliche Zeit erfahren wir nur indirekt. Damit verbunden steht jeweils ein Zitat aus dem Mythos des Sisyphos von Albert Camus, das einen bestimmten Werdegang wie ein Präludium thematisch andeutet: vom plötzlichen Bemerken von scheinbar unbegründeten mechanischen Bewegungen beim Menschen über die Erfahrung des "métro, boulot, dodo" zur Frage "warum?" und zur Einsicht, daß auch der "Überdruß" gut ist.
Neben diesen vier größeren Schritten stehen die einzelnen Segmente, die sich scheinbar ähneln und alle mir einer Ziffer und einem Namen versehen sind, in Wirklichkeit aber teilen sie das Ganze in zwei Bereiche: (vereinfachend gesagt) in einen beschreibenden und einen erzählenden. Die Einheiten mit ungeraden Ziffern und ganz in Kleinschrift verfaßt führen uns im Titel nacheinander mehrere Personen vor: zoller, wagner, kaiser, bauler, huber, kremer…, die – der Leser hat es schnell verstanden – die Luxemburger Mentalität wiedergeben durch aneinandergereihte Äußerungen, die nach dem Prinzip der Aufzählung, der Assoziation (gedanklichen wie klanglichen) funktionieren. Etwa:
kaiser. – einmal ein barbar sein, ein berserker, ein bärentöter, ein bösewicht; einmal alle viere von sich strecken, auf dem bauch liegen, ins gras beissen, eine kuh grün anstreichen, ein stück wiese weiss und schwarz; ein schiefes haus bauen einmal, eine schiefe ebene begradigen, mit den fingern an den schiefen turm tippen; einen hund kirchlich begraben lassen, einen elefanten grossziehen im archivraum, kaulquappen züchten auf der fensterbank, jungfrauen in frauen verwandeln statt becher in aschenbecher; einmal marmorfliesen umpflügen, lampen anzünden, schlüssel verschlüsseln, schränke verschränken, schleudern verschleudern; einmal zum Beispiel ein steinhäger sein, ein schornsteinfeger, ein bambusneger, ein nepomuk; ein ganzes halbieren, ein halbes verdoppeln, ums doppelte spielen, einen kreis quadrieren…(S.170)
Die mit geraden Ziffern numerierten Texte stammen alle aus der Feder derselben Figur Nix (reuter). Im Klartext: Der Schriftsteller Nix arbeitet an einem Riesenroman Die Poetische Republik, wird als geisteskrank ins Asyl gebracht, erzählt dort wirres Zeug, das sein Freund Reuter an den Wochenenden ins reine schreibt. Das sind die Kapitel, die im Buch selbst als groteske Chronik bezeichnet werden.
Sie handeln vom Monstrum Iese Gnu, das Luxemburg beherrscht in wilder Tyrannie, allen Untertanen ein Auge ausgestochen hat und an diese Waschpulver in riesigen Mengen verteilt, die dann eine ausgespro-
chene Vorliebe für Sauberkeit und Seifenblasen entwickeln; ohnehin leben sie unter dauerndem Redeverbot. Das Monstrum hat bereits einen beachtlichen Berg mit seinen Exkrementen hinterlassen, zu dem die Luxemburger pilgern oder mit der Sesselbahn hinauffahren (zum "Berg der heiligen Dünste"). In diesem Chronik-Teil gibt es dann notgedrungen Handlungen: sie bestehen in den meist grotesken Versuchen von Ferlenghi, das Monstrum zu stürzen und stellen somit die Hoffnungen der Unzufriedenen dar. Etwa:
… Laut seinem Plan gingen sämtliche Verschwörer, zweihundert an der Zahl, an allen Enden der Stadt in Stellung, nur mit Zündholz bewaffnet. Man muß sich vorstellen, daß der Felsen, auf dem Iese Gnu ruhte, unterirdisch von einem Gewirr zahlloser Schächte, Gänge und Kanäle ausgehöhlt war, die in beschwer-
lichen Nachtschichten bis oben mit Dynamit, Benzin, Nitroglyzerin und Eisenstücken gefüllt worden waren…Da kein Leuchtsignal kam – das in der Rakete eingebaute Glockenspiel versagte – standen die Verschwörer ratlos mit gereckten Öhren. In dieser Haltung wurden sie eine halbe Stunde spOter festgenommen. (S.78)
Es ist schwer, in beiden Textbeispielen, sich dem Charme der anarchisierenden Ironie Manderscheids zu entziehen. Endlich scheinen wir wieder einen Schriftsteller vor uns zu haben, der das Spielerische, Witzige mit einer unerbittlichen Sozialkritik verbindet: einen echten Satiriker also. Die komischen Passagen sollen auch nicht darüber hinwegtäuschen, daß er seinen Figuren durchaus aggressive Haltungen zuschreibt:
bleiben wir, was wir sind, listig bei nix, bürger aus luxus, hilflosigkeit ist noch kein programm.
Diese Einwände stehen für Fragezeichen eines immer noch begeisterten Lesers, der das Buch bei seinem ersten Erscheinen bereits hervorragend fand, und auch heute noch, neben Alex Jacobys Logbuch der Arche, zu den Höhepunkten deutschsprachiger Erzählkunst in Luxemburg zählt.
liebst du nun dieses land oder nicht?
es passt mir wie ein fehdehandschuh. (S.115)
Man könnte pausenlos weiterzitieren, Passagen von ähnlicher Qualität, und doch kann ich mich des Eindrucks nicht ganz erwehren, daß die Einzelteile besser sind als das Ganze.
Woran mag das liegen? Manderscheid bringt es ja wie wenige fertig, ein Konzept und eine Diktion konsequent durchzuziehen, und neben allen zeitgenössischen Resonanzen schwingt unverwechselbar sein eigener Ton. Bei der Fülle von Wortspielen, bei dem rhythmischen Aneinanderreihen von Kalauern mag sich gelegentlich ein oratorischer Leerlauf einstellen, es gelingen Manderscheid gerade in diesen Litaneien aber wahre Kabinettstücke. Hätte er ein paar Jahre früher Auszüge aus seinen dromedaren in der Gruppe 47 vorlesen können, das Buch hätte in Deutschland bestimmt Erfolg gehabt.
Und doch bleibt der Eindruck, daß das Total nicht die Summe der Einzelteile ist. Darf ich zwei Erklärungsversuche anbieten?
Zunächst zur "Hauptfigur" Iese Gnu ! (Aber ist Iese Gnu wirklich die Hauptfigur?) Wer ist das Monstrum? Der klangliche Aspekt weckt Assoziationen mit Jesus und der katholischen Kirche, manche Allusionen des Buches bestätigen den Verdacht, doch ist es nicht auch "die Regierung", oder etwa Luxemburg selbst (stellenweise ist es die Stadt Luxemburg, deren Potenz an den drei Eicheln zu erkennen ist). Bei der Umstellung der Buchstaben wird irgend ein Un-Ding herausfallen.
Das Kapital vielleicht. Die Abkürzung (I.G.) darf doch wohl keine gewerkschaftlichen Konnotationen wecken!
Aber gerade die Unbestimmbarkeit der Figur mit ihrer fundamentalen Unterdrückung der Luxemburger macht ihre Schwäche aus: 5000 geknechtet sind die Luxemburger auch wieder nicht, und die groteske
Überzeichnung kann Identifikation sowie Symbolik verhindern. Kurz: die interessante Erfindung Iese Gnu ist kein neuer Luxemburger Mythos geworden.
Aber vielleicht ist die Figur nicht so wichtig! Relevant allein sind die abstrusen Versuche der Luxemburger, sich dieser Macht zu entledigen, indem sie eine neue Macht einsetzen. Damit würde das Ganze bloß die Unveränderbarkeit, das Stillstehen, die Statik unserer Beherrschung bedeuten.
Vielleicht heißt aber der wirkliche Hauptheld becker, kaiser oder wagner, ein Durchschnittsluxemburger mit Anspruch und Resignation. In diesen Passagen gelingen Manderscheid Texte, die ihresgleichen suchen, die, wie bei becker, die vier Bewußtseinsschichten des Prototypen (Fußball, Stereofonie, Autotechnik und Politik) so geschickt durcheinandermischen, daß sie austauschbar werden und schließlich ein gesellschaftspolitisches Enzephalogramm zeichnen. Einige dieser Figuren stehen näher bei den genialen gescheiterten Bürokraten, wie sie bei Pol Greisch vorkommen, andere geben schlechthin das Phantombild des Luxemburgers ab. Dromedare: eigentlich gutmütige Tiere der langsamen Gangart, an Durststrecken und Wüstensituationen gewöhnt…
Aber: gibt es "den" Luxemburger? Liegt nicht wiederum hier gerade in der Stärke des Buches eine Schwäche: der Hang zur Typisierung, zur Verallgemeinerung? Jedenfalls scheinen mir auch die hervorragendsten Stellen mehr Mentalität einzufangen als Realität.
Diese Einwände stehen für Fragezeichen eines immer noch begeisterten Lesers, der das Buch bei seinem ersten Erscheinen bereits hervorragend fand, und auch heute noch, neben Alex Jacobys Logbuch der Arche, zu den Höhepunkten deutschsprachiger Erzählkunst in Luxemburg zählt.
Paul Maas
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