Wortspüle

Zu Roger Manderscheids Gedichtband "summa summarum"

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Zu Roger Manderscheids Gedichtband "summa summarum"

Bei einem wortspielfreudigen Autor wie Roger Manderscheid könnte man den Verdacht schöpfen, der Titel summa summarum bedeute ironischerweise "das Summen der Summen", doch der Untertitel besteht auf einer ernsten, melancholischen Lektüre: gedichte aus einem vergangenen Jahrhundert – gedichte mit kleinem Anfangsbuchstaben (später sind es "gedüchte") und Jahrhundert mit großem J (praktisch das einzige Substantiv des Bandes mit großem Anfangsbuchstaben).

Der Titel also suggeriert Bilanz: "Alles in allem", "insgesamt"; oder weniger pathetisch: "was noch so bleibt". Was bleibt sind zunächst die großen Themen Manderscheids: die Verärgerung über das einengende Luxemburg, den Mangel an Wagnis, die Bürokratie. Aber auch intimere Gemütszustände mischen sich in die Abrechnung: das Vorbeihuschen des Lebens, die Vergeblichkeit der Bemühungen, die Anfälligkeit des Menschen: "kranke tauben und enten aus blei".

Was bleibt ist aber auch die unverkennbare Diktion: der Hang zum Wortspiel, zur Assoziationskette, zur Aufzählung – ein innerer, zwanghafter rhythmischer Sog, der die Wörter ruft und scheinbar grenzenlos ist, "mundsüchtig", für die mundsüchtigen geschrieben, wie die Widmung lautet –

zum rutsch
in den Boden
verdammt
ohne hampeln
zum humpeln
verdammt.

Der Band besteht aus 5 ungleich langen Teilen. Eröffnet wird er durch ein "wunschgedicht" sowie eine Reihe von Texten, denen das "ü" der "Lyrik" ins "gedücht" rutschte (oder ist es das der Bildung?). Darauf folgt ein Zyklus "lyrische gedichte aus dem innern der festung" mit dem Schwerpunkt Luxemburg. Danach bieten sich tagebuchartig angereihte Texte an, auf die drei "bürogedichte" folgen. Den Abschluss bildet eine größere Einheit unter dem Titel "wortwörtlich archibald, eine reise in die innersten verwaltungsbezirke eines kopfarbeiters namens archie":

eine 90 Strophen lange Text-Kette aus der Mentalität der bekannten Manderscheid-Figur: des Bürokraten mit Traumkopf und (vom Staat verordneten?) Bleiflügeln. Überall Festung, überall Mauern – der einzige Ausbruch: Fernsehen, Sport und Stammtisch.

es waren bischöfe in der Luft
und leithammel in den wiesen
aus den kaminen stieg weihrauch und
süsser regen netzte die trockenrasur
ab und zu gab es banküberfälle
inszeniert von liliputanern
die einen kriminalfilm drehten
dass ich nicht lache

So beginnt der Text das ist luxemburg. Noch immer hat Manderscheid die skurrile Satire drauf, noch immer entlockt er den Wörtern beim Spiel unvermutete Resonanzen, aber die früheren Schlachtrufe sind resignierter geworden. Der Hang zum Wort-Spiel ist zwar nicht rein motorisch, man kann nicht behaupten, der Autor kalauere bloß vor sich hin. Nein, das Jonglieren mit Begriffen und Bildern bleibt sprach- und ideologiekritisch, doch die Virtuosität nähert sich stellenweise der Routine. Im ersten "lochnessheft" von 1973

Zeichnung:
Roger Manderscheid,
aus "summa summarum"

Roger Manderscheid,
summa summarum,
gedichte, éditions phi 2000,
125 S., Preis: 495 luf.

steht ein beachtliches Gedicht von Manderscheid:
liebesinsel. Es beginnt folgendermaßen:

sicher gelandet
im ehernen hafen
auf der insel
des wohlstands
im mittel-meer
eingefettet
unter der höhen sonne
das summen kühler schränke
im ohr
im traumhaus, in wohnhaft
eingemacht hinter glas …

Ich habe oft während der Lektüre von "summa
summarum" an diesen Text denken müssen: der
Band von 2000 scheint mir wie ein Entfalten
des früheren Gedichts. Besonders das Aufknak-
ken der Einzelwörter und Bilder, die verbalen
Verstellungen und Verdrehungen enthüllen The-

matik und sprachliche Vielschichtigkeit dieser
Lyrik (Lürik). Andere Stellen, besonders die
litanei-ähnlichen Aufzählungen erinnern an die
dromedare.

Den Band begleiten Zeichnungen des Autors, die
alle dem Rhythmus des Schreibens folgen, als
Schrift erkennbar, aber kaum zu entziffern. Die
Texte scheinen mir oft auch rhythmischen oder
grafischen Impulsen zu folgen. Es ist schwer,
Manderscheid innerhalb der zeitgenössischen
Poesie zu orten. Er geht nicht so weit wie
Jandl und die Konkreten, ist nicht so politisch
wie Erich Fried, scheint nicht so unberechenbar
wie Arnfried Astel, liest sich besser als Durs
Grünbein. Aber, was soll dieser Umzingelungs-
versuch! Jeder Text trägt unverkennbar den Man-
derscheid-Stempel. Nur für eine Art von Lesern
eignen sie sich nicht: für "bürokröten".

Paul Maas

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