„Call Her Madam!“
Pearl Mestas Zeit in Luxemburg — Ein Filmdokument von Paul Lesch
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Pearl Mestas Zeit in Luxemburg – Ein Filmdokument von Paul Lesch
Luxemburgs junge Filmschöpfer grasen den Historikern einen zunehmenden Teil ihrer Weide ab. In der Entsorgung kultureller und geschichtlicher Altlasten stehen dem Publikum Filmtitel wie "Di Zwee vum Bierg", "De Falschen Hond", "Schwaarze Schnei", "Sentimental Journey" und jetzt das ergreifende Grenzmenschen-Dokument von Geneviève Mersch "Iwwer an Eriwwer" zuvorderst, d.h. weit näher im Gedächtnis, als der selben Zeit entsprechende Geschichtsbücher. So erwirbt sich vor allem die Filmgesellschaft samsa, in Zusammenarbeit mit dem Centre National de l’Audiovisuel kulturelle Verdienste, die denjenigen der bedeutsamsten Verlage dieses Landes nahekommen.
Wenn dann erst ein Historiker selber sich zum Filmregisseur verwandelt und ein biographisches
Glanzwerk über eine viel belächelte und doch memorabele Persönlichkeit aus der Vergangenheit vor unsere Augen zurückzuubert, dann muss man vor diesem Rollentausch in aller Achtung den Hut ziehen. Kurz nach der hervorragenden filmischen Ausgestaltung des Lebens von "Edward J. Steichen" durch Claude Waringo (1995) wartete samsa nun mit "Call Her Madam", dem Erstlingsfilm des Historikers und Regisseurs Paul Lesch auf. Sein Bildbericht der Luxemburger Episode im Leben von Perle Mesta, der ersten amerikanischen Botschafterin, die von 1948 bis 1953 die Weltmacht USA im Kleinstaat Luxemburg vertrat und sich damit mehr populäre Musical- als noble Diplomatenehren erwarb, hat ältere und jüngere Luxemburger Zeitgenossen bei der Premiere am 29. April 1997 zugleich überrascht, amüsiert und belehrt.
Claude Waringo & Joni Thillges präsentiert une production samsa film
Wie Waringos Steichen-Film ist auch Paul Leschs Mesta-Filmbiographie ein sowohl künstlerisch wie geschichtlich und in seiner rein menschlichen Darstellung glücklich gelungenes Meisterwerk. In beiden Fällen diente eine hervorragende Persönlichkeit mit Beziehungen zu Luxemburg der jungen, hiesigen Filmproduktion als Vorlage. Was dabei den Regisseuren an kreativer Ausgestaltung im Medium Film gelang, übertrifft alle Erwartungen.
Perle Mesta’s Luxemburger Zeit fünfzig Jahre danach dem Publikum der baldigen Jahrhundert- und Jahrtausendwende konkret in lebenden Bildern so wahrheitsgetreu und eindringlich vor Augen zu halten, als sei das alles erst im Vorjahr passiert, das grenzt an Zauberei, gemessen an dem ungeheuren Wandel, der sich in jenen 50 Jahren im Ministaat Luxemburg wie in Amerika und der Welt vollzog. Kommt den heutigen Luxemburgern ihr "Lichtenberg", in den kurzen Musical-Rückblenden des Films, wie eine karikaturale Kulisse vor, so war Luxemburg damals tatsächlich aus dem Zweiten Weltkrieg noch als jener erd- und minettegebundene Bauern- und Arbeiter-Kleinstaat hervorgegangen, in den entsandt zu werden für amerikanische Berufsdiplomaten geradezu einer Strafversetzung gleichkommen musste. Perle Mesta aber nahm völlig undiplomatisch den Auftrag als dankesvolle Ehrenbezeugung des US-Präsidenten Truman an. Sie war sich von vornherein der Ironie bewusst, mit der ihre Entsendung vor den Augen Amerikas aufgefasst würde. Und schwupps! kehrte die US-Diplomatin als Undiplomatin die vermeintliche Schwäche in eine Position weiblicher Stärke
und Überlegenheit um, die weder ihr selber noch dem belächelten Kleinstaat zur Unelre gereichte.
Beide, die Mesta und das damalige Luxemburg, hatten eines gemeinsam, das in der Welt der Diplomatie Seltenheitswert besitzt: Offenheit und Ehrlichkeit. Luxemburg konnte sich nicht anders geben als es war, mit einem Bauernsohn, Pierre Dupong, als Staatsminister und vielen Bürgermeistern, die noch echte Bauern oder Arbeiter waren. Auch Perle Mesta konnte und wollte als Fallschirm-Diplomaten partout nicht aus ihrer Haut der umschwärmten "hostess with the mostes" heraus. So liess sie sich als Primadonna von Bauern und Arbeitern umschwärmen, und ihr verwegener Charme brach mehr weiche Herzen in rauher Schale, als die steife Distanz der Herren Berufs-Diplomaten, die sie in ihrer Korrespondenz mit Präsident Truman als "striped pants-boys" abkanzelte.
Paul Lesch ist, genau wie seiner Filmheldin in ihrer echten Lebensrolle, das Kunststück vortrefflich geraten, aus diesem Operetten-Szenario ein Werk von Geltung zu gestalten, das durchaus im Welt-Filmschaffen einmalig dasteht und den zu wünschenden Erfolg haben dürfte. Aus luxemburgischer Sicht fühlt sich der damalige Zeitzeuge und heutige Filmbetrachter vor allem betroffen von den wahrheitsgetreuen Bildern jener entschwundenen, liebevoll gezeichneten "kleinresidenziellen" Atmosphäre Luxemburgs, um einen Ausdruck des Feuilletonisten Robert Thill zu gebrauchen, (der übrigens zweimal kurz im Film zu sehen ist, wie so manche andere, dem Gedächtnis fast schon entschwundene Gestalt unserer kleinstaatlichen Prominenz).
Wenn Luxemburg heute mit arroganter, stadt- und landzerstörender Zielstrebigkeit versucht, sich zur Weltstadt, zu einer an Einwohnersubstanz verödenden Europahauptstadt zu mausern, so war das Ländchen damals ein glücklich vor sich pulsierendes Nichts auf der Weltkarte. Perle Mesta trug, nicht ohne satirische Pointen, das Ihre dazu bei, dem Ministaat im Konzert der Vereinten Nationen eine echte Stimme zu verleihen.
Im Hintergrund seiner Hauptgestalt lässt Leschs Film-Dokument deutlich durchblicken, wie bescheiden der ganze Rummel mit der rasanten Entwicklung unseres Kleinstaats zur ambitionieren, vom Ausland anerkannten Mini-Weltmacht, mit bereits dem zweiten Präsidenten auf dem Brüssel Europa-Thron, dereinst begann.
Als "Party-Pearl" und Medien-Star kam die Mesta. Sie sah und besiegte Luxemburg. Und nach vier Jahren ist sie wieder verschwunden. Im Film bleibt sie uns jetzt erhalten. Und mit ihr manche wichtige oder auch weniger wichtige Persönlichkeit ihres einstigen Umfelds. Mit Fleiss und Flair spürte Paul Lesch in den USA wie in Luxemburg allen Personen nach, die Perle Mesta von nah oder fern gekannt haben, von einer Washingtoner Top-Jounalistin bis zur Luxemburger Botschaftsköchin. Viele Zeugnisse belegen sowohl
die sympathische Skurrilität der "Madam", wie ihr Geschick im Umgang mit dem Völkchen, zu dem sie entsandt worden war.
Noch mehr heitere Noten hätten mit Frau Mestas liebsamer Schrulligkeit in den Streifen gebracht werden können. Die imaginären Geräusche zum Beispiel, die sie in ihrem Cadillac zu hören pflegte, und die den jungen Mechanikern der Luxemburger Reparaturwerkstatt ohne viel Arbeit – zwecks "birdie"-Suche – alle paar Wochen eine Ehrennunde im feudalen Diplomatenwagen über die holprigen Kopfsteinpflaster der kleinen Landeshauptstadt bescherten.
Leider kommt in "Call Her Madam" manche wichtige Figur nicht zur Geltung. Zum Beispiel Jean Winandy, der als "economic assistant" von allem "local personnel" der Botschafterin wohl am nächsten stand, hat er doch in ihrem Gefolge das Land auf immer nach Amerika verlassen und drüben, durch die Universität gesponsort von seiner Gönnerin, eine brillante Karriere gemacht. Ein filmisches Wiedersehen hätte seinen Nachfolger auf dem Juniorposten des "economic assistant" ebenso gefreut, wie die im Film nicht stattgefundene Erwähnung der "Youth Argosy"-Hilfsaktion, in der Perle Mesta hunderte in Luxemburg gestrandeter amerikanischer Studenten, die 1950 wegen dem Koreakrieg nach ihren Europaferien nicht planmässig nach USA heimfliegen konnten, monatelang täglich gratis in der Botschaft beköstigte.
Nicht erwähnt wird im Film, dass während der Mesta-Periode die erste amerikanische Industrie, Good Year, im Bauern- und Arbeiter-Kleinstaat ihren Einzug hielt und neben der dominierenden Stahlindustrie Luxemburgs wirtschaftliche Diversifizierung einläutete. Nicht erwähnt wird ferner, dass Perle Mesta überhaupt eine geschäftstüchtige Frau gewesen ist. Davon zeugte während jenen Jahren in eben jener Stahlindustrie der Bau eines funkelnagelneuen Blechwalzwerks in Düdingen. Es war "a Mesta mill"!
Nicht stattgefunden hat leider, im Film wie in der Historie, eine Begegnung, die die beiden Helden der letzten samsa-Filme, Edward J. Steichen und Perle Mesta, in Luxemburg hätte zusammenführen können. Dieses "non-event" steht am Anfang der Abfuhr, die Steichen im Herbst 1952 in höchsten Luxemburger Regierungskreisen mit seinem Angebot erlitt, "The Family of Man" in seinem Geburtsland als erstem Land ausserhalb der USA auszustellen.
Trotz einiger Lücken aber hat Paul Lesch über Perle Mesta einen Film geschaffen, dessen Erwerb als Videocassette sich bestens lohnt. In der Person der Botschafterin spielen darin die Vereinigten Staaten noch überzeugend die Rolle der edlen und selbstlosen Beschützer des kleinen Luxemburgs. Was wie ein Traum von vorgestern aussah, entpuppt sich jedoch als harte, heutige Wirklichkeit bei der Überlegung, wie sehr sich das Image der US-Botschaft seit jener Zeit ver-
Wenn Luxemburg heute mit arroganter, stadt- und landzerstörender Zielstrebigkeit versucht, sich zur Weltstadt, zu einer an Einwohnersubstanz verödenden Europahauptstadt zu mausern, so war das Ländchen damals ein glücklich vor sich pulsierendes Nichts auf der Weltkarte. Perle Mesta trug, nicht ohne satirische Pointen, das Ihre dazu bei, dem Ministaat im Konzert der Vereinten Nationen eine echte Stimme zu verleihen.
Buch
ändert hat: das Gebäude, das zu Mestas Zeiten ein freundliches und freigiebiges "open house" für jedermann gewesen ist, liegt seit dem Vietnamkrieg schwer bewacht hinter hohen Gittern, wie eine Festung in Feindesland.
Fast als fürchte sich die Weltmacht vor dem Kleinstaat.
Rosch Krieps
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