Autobiographisches von Georges Erasme

"Armand et les chimères hippocratiques". Ein Roman

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Armand et les chimères hippocratiques. Ein Roman

Mit einiger Verspätung hat der Rezensent den im Winter 1996 erschienenen autobiographischen Roman des in Luxemburg nun doch recht bekannten Autors Georges ERASME zu Ende gelesen. Um gleich einem möglichen Mißverständnis vorzubeugen. Die Verzögerung liegt nicht im Buch begründet, sondern nur in zahlreichen anderweitigen Verpflichtungen des Rezensenten. Nun im Vorfeld von Ostern hat ihn sein schlechtes Gewissen doch noch dazu gebracht, sein Versprechen einzulösen und diese Rezension zu verfassen.

Bei den vorherigen Werken von Georges ERASME, die der Rezensent in dieser Zeitschrift begutachtet hat, handelte es sich um Werke, welche die Familiengeschichte des Autors umfassten. Von 1807 bis 1948 hat ERASME in « De Friedland au Blitzkrieg » und in « Témoins des tourmentes » die Geschichte seiner Vorfahren väterlicher- und mütterlicherseits zu rekonstruieren versucht und dem Leser in interessanter Weise vorgeführt.

Im nun vorliegenden Roman nimmt der Autor grössere Distanz zum Geschehen. Von den « Geschichten einer luxemburgischen Familie », die immerhin noch einen direkten Bezug zur Realität beanspruchten, wechselt er in den « Roman » über. Dennoch, und ERASME hat es nie geleugnet, stellen die Erlebnisse eines luxemburgischen Studenten der Medizin, dann des jungen Arztes eine Fortsetzung der vorherigen Geschichten dar. Der Autor sucht Distanz zur Wirklichkeit zu gewinnen, doch hat der Rezensent, den Roman eher als Autobiographie gelesen denn als reine Fiktion ohne Bezug zur geschichtlichen Realität.

Zwar sucht der Leser ohne Erfolg im Roman nach Jahreszahlen und sonstigen konkreten Anhaltspunkten, doch lässt sich ohne größere Schwierigkeiten der Zeitrahmen von etwa 1948 bis zum Ende der fünfziger Jahre spannen.

Der Rezensent möchte hier nicht die schon zahlreichen Besprechungen in der Luxemburger Presse zusammenfassen oder kopieren, ihm geht es vielmehr um zwei Punkte, die ihm bei der Lektüre besonders aufgefallen sind: einerseits die historischen Ereignisse und Erlebnisse des « Zeitzeugen Armand » mit den entsprechenden Kommentaren, andererseits die Erlebnisse Armands, die der Rezensent ähnlich erlebt hat, wenn auch mit über zwanzigjähriger Verspätung.

Grundlage des Romans ist das medizinische Studium von Armand, das ihn von Straßburg nach Paris, dann nach London und schließlich nach den Vereinigten Staaten und nach Kanada führt, bevor er dann seine ersten Berufserfahrungen im « Minett » macht.

Armand kommt als Luxemburger Student nach Straßburg und lernt dort in der Nachkriegszeit nicht nur das französische Ausbildungssystem in der Medizin kennen, sondern kommt auch mit einer Reihe von zum Teil aussergewöhnlichen Studenten aus Frankreich und Europa in Kontakt. Allen gemeinsam, und das gilt wohl auch für Armand, sind die Folgen des Zweiten Weltkrieges unter denen sie irgendwie zu leiden haben. Alle sind vom Krieg gezeichnet und ihr späteres Leben oder ihr früher Tod stehen mit diesem Krieg in direktem Zusammenhang. In Paris verschwindet dieses Charakteristikum, sowohl bei Armand als auch bei seinem Umfeld. Die Jugend befreit sich von den Kriegserlebnissen und baut ihre eigene Welt auf, eine Welt, die einerseits geprägt ist von medizinischen Autoritäten, die nur ungern den Studenten eine eigene Erkenntnis zugestehen, andererseits von den amurösen Abenteuern im studentischen Milieu. Armand zieht es aber auch immer wieder ins Kino und ins Theater. Paris ist halt mehr als nur ein Ort zum Studieren. Dennoch setzt sich Armand gerade in Paris mit der Geschichte der französischen Psychiatrie auseinander, eine Auseinandersetzung, die ihm ermöglicht, eine kritische Distanz zu errei-

Es geht um zwei Punkte: einerseits die historischen Ereignisse und Erlebnisse des «Zeitzeugen Armand» mit den entsprechenden Kommentaren, andererseits die Erlebnisse Armands, die der Rezensent ähnlich erlebt hat, wenn auch mit über zwanzigjähriger Verspätung.

chen, die sich in den späteren Etappen seiner Ausbildung noch verstärken wird. Auffallend ist das Fehlen jeglicher politischer Hinweise. Das studentische Leben scheint apolitisch zu verlaufen. Nur bei den Reisen in den Sommermonaten, sei es nach Italien, sei es nach Spanien, tauchen politische Reminiszenzen auf.

Nach einem Jahr in London zieht es den jungen Luxemburger in die Vereinigten Staaten und nach Kanada bevor er nach Luxemburg zurückkehrt und seinen Beruf ausübt. Auch diese Aufenthalte sind ohne politische Bemerkungen, sieht man von den Hinweisen auf die Rassentrennung und die Armut in den USA ab. Die unterschiedlichen Sozialsysteme werden nur am Rande erwähnt. Als Materialien für eine Sozialgeschichte Luxemburgs der fünfziger Jahre können die Kapitel über die Erfahrungen in Luxemburg gelten.

Der vorliegende Band wird sicherlich eine Fortsetzung erfahren, ob Armand oder Vera dann im Titel stehen werden, wird der Leser der soeben abgeschlossenen Vorabdrucke im « Letzeburger Land » sehen müssen. Damit wird der Blick aber auch politischer und kritischer in die Tschechoslowakei gerichtet werden.

Nun zum zweiten, etwas persönlicheren Teil. Als Student, aber auch noch danach, hat der Rezensent

sent eine Reihe von Gegenden, die hier beschrieben werden ebenfalls bereist. Natürlich waren die Umstände andere, aber dennoch hat er sich in einigen Episoden in Armands Erfahrungen wiedererkannt. Dies gilt z.B. für die Wallfahrt nach Chartres, wobei auch die Begleitung von Deutschen bei dieser Wallfahrt die Parallelität der Erfahrungen verstärkte. Erinnerungen an Erfahrungen in England, Italien, USA und Kanada tauchten bei der Lektüre dieses Romans wieder auf.

Besonders hervortreichen möchte der Rezensent aber die internationale Studien- und Ausbildungszeit von Armand. Luxemburg ist in vielem kleinkarierte Provinz und wer nicht von Zeit zu Zeit beruflich den Kontakt zum Ausland und damit zur internationalen Forschung sucht, wird hier verdorren. Armand ist ein erstaunliches Vorbild, das man nur allen Studenten zur Nachahmung empfehlen kann, nicht nur in der Medizin. Das Risiko, dass einige Studenten im Ausland bleiben, steht in keinem Verhältnis zum Gewinn, den die luxemburgische Gesellschaft aus einer internationalen Ausbildung ziehen kann.

Gespannt warten wir nun auf die Fortsetzung der Erfahrungen des immer noch jungen, unverheirateten Armand.

Paul Dostert

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