Ein Fall von Kindesverführung
Kostümierte Heimat. Guy Rewenigs Saarbrücker Glossen (23)
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Guy Rewenigs Saarbrücker Glossen (23)
Kostümierte Heimat
Ein Fall von Kindesverführung
Darf sich eine Bank in die öffentliche Schule einschleichen und mit kulturell verbrämtem Brimborium die Kinder ködern? Dies wollte ein Parlamentarier von der luxemburgischen Unterrichtsministerin wissen. Ja, antwortete die Ministerin, wenn es sich um eine lang eingebürgerte Tradition handelt. Diese Tradition sieht folgendermassen aus: Jedes Jahr überreicht die Staatssparkasse allen Erstklässlern im Lande das sogenannte «erste Sparbuch». Die derart Beschenkten werden gar nicht lange gefragt, ob sie das vergiftete Präsent überhaupt haben wollen. Auch die Eltern der Schulkinder werden übergangen, die Lehrer sowieso. Die Staatssparkasse hat sich nämlich die Komplizität der Kommunen gesichert; so sieht der flächendeckende Einbruch in die Schulautonomie nach einem offiziellen Akt aus, nach etwas Genehmigtem und gesetzlich Gedecktem, obwohl es sich nur um bare wirtschaftliche Piraterie handelt.
Die suspekte Kinderfreundlichkeit der Staatssparkasse hat nur ein Ziel: mit Hilfe anderer suspekter Kinderfreunde neue, unfreiwillige Kunden an die Bank zu binden, und zwar zwangsweise, da dies zu einem Zeitpunkt geschieht, wo die frischen Spar-Klienten noch gar nicht in der Lage sind, abzuschätzen, was da mit ihnen gespielt wird. Den ahnungslosen Eltern wird vorgegaukelt, die ganze Aktion gehe von den Gemeindeverantwortlichen aus und sei eine Art schulische Pflichtübung: sie werden gebeten, die Sparbücher ihrer lieben Kleinen laufend gut zu füttern, da Sparen ja etwas Sinnvolles und pädagogisch Wertvolles sei. Eine wahrhaft obszöne Unterstellung, wenn man diese nette Lüge mit den unverschämten Gewinnbilanzen der Staatssparkasse und dem äusserst mageren Segen für die treuen Sparer vergleicht. Die schlaue Bank verschafft sich noch einen ande-
ren Vorteil: die Sparbücher der Erstklässler sind bis zu deren Grossjährigkeit gesperrt, die Bank verfügt also während zwölf Jahren über eine beträchtliche, unberührbare Geldmasse. Wie nennt man ein solches Manöver? Andernorts würde es wohl unter die Rubrik «Wirtschaftskriminalität» fallen, aber im Bankenstaat Luxemburg ist es ein kulturelles Ereignis.
Die Kinder dürfen staunen über soviel Unverfrorenheit, die Herren der Bank staunen wahrscheinlich auch, was sich die dummen Leute alles bieten lassen.
Der beste Trick der Staatssparkasse ist nämlich neuerdings, all das Geschmacklose, Verdächtige, Verruchte, mit dem der gewöhnliche Sterbliche das Bankgeschäft in Verbindung bringt, mit einer auffälligen kulturellen Glattschicht zu überziehen. Die Bank versinkt schon fast in ihrem eigenen kulturellen Outfit. Einen ganzen Tunnel, der zwei Gebäude der Staatssparkasse miteinander verbindet, hat sie vollgestopft mit Kunstwerken und erweckt so den Eindruck, unter den Fundamenten der Bank wuchere nur so das Schöngeistige, Edele, Würdevolle, Transzendente. Dabei wurde der Tunnel banalerweise nur gebaut, um den schnellen Geldtransport von einem Standort zum andern zu erleichtern. Nun aber tut die Bank, als hätte sie ganz bewusst ein unterirdisches Kunstmuseum errichten wollen, weil es ja weit und breit kein Gremium gibt, das sich mehr der zweckfreien Kunstsinnigkeit verschrieben hat, als ausgerechnet der Verwaltungsrat einer Bank.
Auch den Kindern, die in die Zwangsgemeinschaft der frischen Sparer aufgenommen werden, streut die Staatssparkasse kulturellen Sand in die Augen. Nur braucht sie sich hier nicht so anzustrengen wie bei erwachsenen Kunden: bei Kindern genügt anscheinend ein billiger Bluff, sie werden in einen Theatersaal oder ein Kulturzentrum gekart, wo sie ein paar Schauspieler erwarten, die für Geld mehrmals am Tage über den eigenen Schatten springen. Diese Schauspieler führen immer wieder in wechselnden Verkleidungen die alte Mär vom hohen Sinn des Sparens auf, die Kinder dürfen staunen über soviel Unverfrorenheit, die Herren der Bank staunen wahrscheinlich auch, was sich die dummen Leute alles bieten lassen.
Es wird zur Zeit viel nachgedacht über die verheerenden Auswirkungen der Pädophilie. Vielleicht dämmert es auch einmal der Unterrichtsministerin, dass in ihrem eigenen staatlichen Garten seit Jahrzehnten eine Variante des Übels spriessst, nämlich die Finanz-Pädophilie, die schamlose Zuneigung gut betuchter Bankherrschaften zu wehrlosen Kindern. Vielleicht lässt sie einmal untersuchen, welchen Schaden diese staatlich protegierte Ausbeutung von Kindern anrichtet, und wie es der Staatssparkasse gelingt, so ganz nebenbei auch die Glaubwürdigkeit des Schulunterrichts auszuhöhlen. Am besten wäre natürlich, die betroffenen Lehrerinnen und Lehrer, die von der Staatssparkasse herablassend mit einem Bestechungs-Kinkerlitzchen abgespeist werden, könnten sich überwinden, den Agenten der Bank die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Mal sehen, ob die Unterrichtsministerin dann die Courage aufbringt, ihr Personal zu zwingen, die pädagogische Vernunft zu vergewaltigen.
SR2 Kultur 28.09.98
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