Satire auf dem richtigen Dampfer
Ein Rückblick auf 2 Jahrzehnte "Titanic"
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Satire auf dem richtigen Dampfer
Es muss in grauer Vorzeit gewesen sein. Damals, als Dinosaurier die Welt beherrschten und der deutsche Bundeskanzler schon Helmut hiess, aber noch nicht Kohl. Als in Amerika ein Erdnussfarmer regierte, ein Wandernazi Bundespräsident war und die Worte Handy und Internet noch erfunden werden mussten. Nur der Papst, der war schon der Papst.
Damals, also vor ungefähr 20 Jahren, gründeten einige Mitarbeiter der gerade eingegangenen Satirezeitschrift "Pardon" ein neues Satireblatt. Selbstironisch und mit sicherem Blick für das verlegerische Risiko, das sie mit diesem Presseerzeugnis eingingen, wurde das Baby "Titanic" getauft, Unterzeile "Das endgültige Satiremagazin".
Wer angenommen hatte, dieser neue Satiretitel würde, ähnlich wie sein Vorgänger "Pardon" Schiffbruch erleiden, hatte sich getäuscht. Das Blatt mit dem Teufelchen im Logo, Lieblingslektüre linksintellektueller WG-Bewohner, war u.a. am zunehmenden Eigensinn seines Verlegers Hans. A. Nikel gescheitert, der sich darauf versteifte, die immer spärlicher werdende Leserschaft mit Ausflügen ins Esoterische zu langweilen.
In "Titanic" fanden satirisch Heimatlose wie Robert Gernhardt, Chlodwig Poth und F. K. Waechter das ideale Tummelfeld. Und junge, urbane Leser aus der aufstrebenden Mittelschicht die geeignete Alternative zur Lektüre aus ihrer Studentenzeit.
Beliebte Zielscheiben des "Titanic"-Humors waren von Anfang an Politiker aller Couleur, mit einer besonderen Vorliebe für F.J. Strauss. Aber auch Kirchenmänner wurden mit Hohn und Spott überhäuft. Bundesweites Auf-
sehen erregte das Frankfurter Satireblatt im November 1980, als es anlässlich der Papstvisite Johannes Paul II auf den Titel hob, in inniger Zweisamkeit mit einem Schaf und den Jubelschrei "Ich komme!" ausstossend. Die kalkulierte Blasphemie brachte "Titanic" den Bannstrahl der Kirche und eine kräftige Auflagensteigerung ein.
"Erst 17 und schon Luxemburgerin!"
Allseits geschätzte Rubriken waren damals die unübertrefflichen "10 peinlichsten Persönlichkeiten des Monats", wo diejenigen Personen des öffent-
lichen Lebens, die im jeweils vergangenen Monat am unangenehmsten aufgefallen waren auf herzerfrischende Weise angepinkelt und heruntergemacht wurden, sowie das spinnerte Ko-Li-Bri, die Beilage für "Kolumbianer, Libanesen und Brimaten", ein Sammelsurium von Beiträgen der abgefahrenen Art, dem "Pardon"-Vorbild "Welt im Spiegel" nachempfunden. Die Humor-Kritik von Hans Mentz, alias Eckhard Henscheid sowie die köstlichen "Briefe an die Leser", – eine kleine Kostprobe: "Désirée Nosbusch: Erst 17 und schon Luxemburgerin!"- gehören auch heute noch zum obligaten Lesefutter jedes "Titanic"-Ferventen.
"Titanic" hat bundesdeutsche Mediengeschichte geschrieben, den deutschen Sprachgebrauch beeinflusst und mehr als einmal die Gerichte beschäftigt. So wies ihr Mitarbeiter Bernd Fritz 1988 eindrucksvoll nach, dass bei der beliebten "Wetten dass…"-Show Schummeleien möglich waren. Als Wettkandidat Thomas Rautenberg behauptete er, die Farbe von Buntstiften mit verbundenen Augen durch Lutschen zu erkennen. Selbstverständlich gewann er die Wette, aber nur, weil es ihm möglich war, unter der Gesichtsmaske hervorzulugen. Die "Wetten dass…"-Macher, allen voran Thomas Gottschalk, waren blossgestellt…
Auf der Titelseite des Novemberheftes ’82 bedachte Hans Traxler Helmut Kohl
erstmals mit dem Spitznamen "Birne", eine geniale Trouvaille, die dem obstförmigen Pfälzer jahrelang anhaftete. September 1989 gelang "Titanic" eine ähnlich geglückte Namenskreation mit dem fledermausohrigen "Genschman". Aussenminister Genscher erreichte darob ungeahnte Popularitätshöhen.
Nach links und rechts ausgeteilt
Humorlosigkeit bewies der ehemalige SPD-Oppositionsführer Björn Engholm, als er im April 1993 nach Barschel-Manier in der Badewanne liegend, mit Quietscheentchen und einem Grinsen auf den Lippen, samt der Zeile "Sehr komisch, Herr Engholm" porträtiert wurde. Engholm nahm übel, verklagte das Satireblatt auf Beleidigung und erstritt eine Entschädigung.
Kanzler Kohl, Lieblingszielscheibe der "Titanic"-Macher, verbat sich dagegen jedwedes gerichtliche Vorgehen und avancierte im Laufe der Zeit zum Coverboy mit den meisten Auftritten. Hier einige der komischsten: "Kohl schon wieder 10 Gramm leichter! Ist es AIDS?"; "Helmut Kohl muss Hauptstadt bleiben!"; "Endlich Ruhe in der Zone: Kohl setzt Giftgas ein!" oder "Wiedervereinigung ungültig: Kohl war gedopt!"
Überhaupt, die Wiedervereinigung! Sie gab "Titanic" einen neuen Aufschwung nach einer Zeit der Flaute und spornte die Autoren zu satirischen Höchstleistungen an. Unvergessen das Titelbild von November ’89 mit "Zonen-Gabi" und ihrer "ersten Banane", einer geschälten Salatgurke! Seit jener Zeit trägt "Titanic" auch den hübschen Zusatz "Die endgültige Teilung Deutschlands ist unser Auftrag" im Impressum.
Deutschlands beste Cartoonisten, Comic-Zeichner und Autoren fanden in den letzten 2 Jahrzehnten Aufnahme in den Spalten der "Titanic": Bernd Eilert, Robert Gernhardt, Eckardt Henscheid, Chlodwig Poth, Hilke Raddatz, Hans Traxler, F.K.Waechter, Max Goldt, Bernd Pfarr, Simone Borowiak, Walter Moers u.v.m. zeichneten ein teils bissig pointiertes, teils grotesk verzerrtes und gerade deshalb punktgenaues Bild der bundes- und danach gesamtdeutschen Wirklichkeit. Auch wenn die "Titanic"-Witze in letzter Zeit etwas lahmer wirken, die Pointen etwas weniger spitz sind, so ist dennoch zu erwarten, dass sie auch noch in Zukunft gleichermassen nach links und rechts treffen.
Lucien Czuga
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