Wer sich in die Öffentlichkeit begibt …
Die Reaktionen auf "Satire und DNF"
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Wer sich in die Öffentlichkeit begibt …
Mit dem letzten Dossier über Satire und DNF hat forum einen in dem Ausmaß kaum zu erwartenden Publikumserfolg erlebt. Neben unseren eigentlichen Stammlesern, die die Zeitschrift über Abonnement erhalten, haben diesmal über 1500 zusätzliche Leser forum an den Kiosken gekauft. Diese plötzliche Verbreitung einer Zeitschrift, die sonst eigentlich nur hartgesottenen Insidern ein Begriff ist, lag nicht nur an der offensichtlichen Attraktivität des Themas, sondern zum großen Teil auch daran, daß die anderen Medien bereitwillig die Diskussion aufgriffen. Der eigentliche Erfolg der Nummer war somit auch weniger der erforderlich gewordene aber für uns finanziell eher riskante Nachdruck als vielmehr die Debatte, die das Dossier in der Öffentlichkeit ausgelöst hat.
Allgemein waren die Reaktionen der Medien (und unserer Leser) sehr positiv. In der einen oder anderen Form reagierten alle Zeitungen des Landes: Von inhaltlicher Auseinandersetzung mit dem forum-Dossier (Zeitung), über Abdruck eines im Dossier enthaltenen Artikels (tageblatt) bis zu darüberhinausgehender Analyse (Lëtzeburger Land) – von Sticheleien (GréngeSpoun), über diskrete Andeutungen (Wort) bis zu Gratis-Anzeigen oder Leserbriefen. Das RTL-Fernsehen widmete dem Thema gleich zwei Interviews und löste dadurch dankenswerterweise die ‚Verkaufswelle‘ aus.
Bei aller Freude über diese plötzliche Wahrnehmung durch die professionellen Medienmacher – über deren Motive und Gegenmotive man natürlich Bände schreiben könnte – bleibt ein zwiespältiges Gefühl, denn forum versucht nun schon seit bald 25 Jahren, Themen im Luxemburger Mikrokosmos aufzubereiten, die weit mehr Anlaß für Kontroversen bieten sollten als DNF (ein Blick auf die bisherige Dossierliste oder die für die nächsten Nummern geplanten Dossiers kann das belegen).
Das ausdrücklich gesetzte Ziel wurde jedenfalls diesmal erreicht worden: auch die Satire, auch
DNF zum Gegenstand von Analyse, Kritik und öffentlicher Diskussion zu machen. Ein neues Tabu – eine neue heilige Kuh, wie Guy Rewenig schreibt – darf es nicht geben. Die Öffentlichkeit und d.h. hier insbesondere die anderen Medien müssen sich der Auseinandersetzung mit DNF stellen und das Produkt schließlich nach eigenen Maßstäben beurteilen. Wer das als Aufforderung zur Zensur mißverstehen wollte, hat weder das Konzept von forum im allgemeinen noch dasjenige dieses Dossiers verstanden.
Denn auch innerhalb unseres Redaktionskollektivs verliefen die Diskussionen über DNF kontrovers, und das reflektiert sich selbstverständlich in der Zusammenstellung der Artikel. Wer nicht nur die Beiträge von Kintzele/Kohn, Rewenig, Wagner und Stoldt, sondern auch jene
forum
Dossier: Satire
Kurt Tucholsky
Guy Rewenig’s
Artikel
«Kleinbürger
im Freibeuter-
kostüm» aus der
forum-Nummer
189 erschien auch
im tageblatt.
Als Reaktion
darauf erhielt das
tageblatt unter
anderem den
nebenstehenden
Beitrag, den auch
der Feierkrop
(gekürzt … )
abdruckte.
forum sieht in
dem Text eine
Ergänzung zum
Satire-Dossier
und veröffentlicht
ihn mit
freundlicher
Genehmigung
des Autors.
Zur Einstimmung: Herr Rewenig begann
seinen Artikel mit der banalen Feststellung,
dass die Luxemburger Medienlandschaft ein
satirisches Gegengewicht braucht, ehe er
sich dann fleissig bemühte zu beweisen, dass
der Krop dies nicht sei. Was natürlich
Schwachsinn ist. Im schlimmsten Fall hätte
sogar er zugeben müssen, dass von einem
Gegengewicht kein besseres Niveau erbracht
werden muss als das, zu dem es ein Gegen-
gewicht ist. Und wer will schon bestreiten,
dass der Krop sich mindestens auf dem
Niveau des tageblatt, Wort, etc bewegt? Ok,
drunter geht nicht, aber ebenbürtig ist der
Krop schon. Also dann, ran an die Substanz:
Darf ich als nicht-Intellektueller und politisch
illusionsloser Kulturmacher, des Deutschen
kaum mächtig und Dudenlos, überhaupt auf
diesen Artikel reagieren? Habe ich überhaupt
den notwendigen Durchblick? Vielleicht nicht,
denn ich verstehe nur die Hälfte und der Rest
scheint mir, sagen wir mal, zu hoch.
Zum Beispiel, wieso wird ein Gerichtsurteil
gegen das «Letzeburger Land» zitiert um zu
beweisen, dass der FeierKrop ein gesetzloser
Geselle ist? Versteh ich nicht. Wieso können
anscheinend Kropfleser, «Opfer» und
Gerichte zwischen «Letzeburger Land» und
«Feierkrop», Politjournalismus und Polit-
satire, präzise unterscheiden, während der
Autor damit anscheinend seine Probleme
hat? Auch mir zieht sich der Magen manch-
mal krampfartig zusammen bei bestimmten
Artikeln, aber ich weiss ja, es ist der Krop.
Stünden dieselben Sachen aber im «Land»,
würde ich mir natürlich ganz andere Fragen
stellen, denn das «Land» ist nur unfreiwillig
satirisch, während der Krop nur unfreiwillig
seriöse ist. Ich mache da sehr wohl einen
grossen Unterschied.
Desweiteren, wieso schreibt der Autor nicht
über das Offensichtliche, nämlich das un-
säglich schlechte Layout des Krop, die com-
putervernarrte Spielerei mit tausenderlei
Typenarten oder den kindischen Einsatz von
allmöglichen Druckfarben?
Nur eines ist absolut glasklar, Luxemburg
braucht den Krop, egal wie schlecht er ist,
denn – es gibt nur ihn. Jeder König hatte einen
Hofnarren, jeder normale Mensch braucht
jemanden, der ihm von Zeit zu Zeit den Spie-
gel vorhält, sogar die russische Funktionärs-
diktatur hatte eine satirische Zeitung. Luxem-
burg braucht also dringend eine satirische
Zeitschrift, und sei sie noch so schlecht. Das
ist doch der Hauptpunkt der ganzen
Geschichte. Und genau den übersieht Herr
Rewenig? Rein dissertationsmässig gäbe es
dafür eine solide und berechtigte «Datz». Ist
das tageblatt sicher, dass Herr Rewenig ein
weit über die Landesgrenzen geschätzter
Intellektueller ist?
Im übrigen halte ich es bei der Lektüre des
Krop mit gewissen rabenschwarzen und
tiefroten Jungs, ich lass die Hunde bellen,
Hauptsache, die Karawane zieht weiter. Und
wenn das Gebell hilft, die Richtung nicht zu
verlieren, um so besser. Denn wenn ich mir
den Rest der Medien ansehe… zumindest
gibts beim Krop manchmal was zu lachen.
Deshalb liegt der Krop ja auch ehrenhalber im
kleinsten Raum meines Gartenhäuschens
ganz, ganz oben auf dem Stapel Luxem-
burger Presseerzeugnisse, die dort ihrer wah-
ren Bestimmung harren.
Wenn der Autor Ihres Abdruckes also nun in
nur einem einzigen Satz klar und deutlich
ausgedrückt hätte, das wir zwar den Krop
brauchen, aber bitte mit etwas mehr Niveau,
dann hätte ich mir den Abdruck auch reak-
tionslos eingezogen. Aber so? In meinem
Bekanntenkreis abonniert man den Krop nur
zähneknirschend und prinzipiell. Wir desim-
fizieren ihn sozusagen zerebral, ehe wir uns
durch seinen drucktechnischen Wahn – und
Unsinn plagen, aber wir tun das, weil wir
wissen, wie wichtig der Krop in der Medien-
landschaft ist.
Übrigens, den Namen Rewenig kenne ich
nur aus dem Feierkrop. Kein Witz! Ohne Krop
wüsste ich gar nicht, dass es den Herrn
Rewenig gibt. Meine Meinung? Luxemburg
braucht vielleicht nicht unbedingt mehr
Rewenig, aber auf jeden Fall ein bisschen
mehr Krop. Denn der Krop informiert mich
nicht nur über meine intellektuellen Mitbürger,
er scheint mir auch ein notwendiges Gegen-
gewicht zur etablierten Presse. Und das ist
doch auch schon was.
Also seid dem Krop ein bisschen dankbar,
wenn auch nur heimlich. Und wenn’s nur ist,
weil der Krop euch alle zwingt, ein bisschen
weniger parteihörig, aber ein bisschen mehr
journalistisch zu arbeiten. Das wolltet Ihr
offiziell doch alle schon immer. Das allein
reicht mir schon als Daseinsberechtigung des
Krop. Also stimmt das Cover des forum
prinzipiell: «Den neie Feierkrop darf alles!».
Denn wie sagte de Gaulle, als seine Minister
sich beschwerten, dass Sartre dem Langen
dauernd an die Kiste fuhr: «On ne touche pas
à Sartre.» Auf deutsch: «Man geht nicht an
die Satire.»
Guy Felten
von Hirsch, Hoffmann, Frisoni, Czuga, Archer und Klein las, war gezwungen, sich eine eigene Meinung zu bilden.
Vielleicht fiel das ‚öffentliche‘ Gesamt-Urteil aber vernichtender aus, als wir geahnt hatten. Vielleicht fühlten die ja zumeist auch noch in den Diensten anderer Zeitungen stehenden DNF-Autoren, daß ein Teil der Kritik saß, denn in der Reaktion der Hauptbetroffenen lag eine wirkliche Betroffenheit, die Staunen machte.
Irgendwie schien DNF in die eigene Falle zu laufen. Ein paar Nummern lang beschäftigte sich das Blatt über den Umweg des forum-Dossiers zu einem guten Teil nur noch mit sich selber. Und die besseren Beiträge kamen dabei ganz eindeutig von außerhalb: in Form einiger Leserbriefe (siehe auch den nebenstehenden Beitrag). Hauptaufhänger der ersten Nummer war eine ellenlange Beschimpfung an die Adresse von Michel Pauly, die alles andere als amüsant war. Sie traf noch dazu jemanden auf persönlichste Weise, der mit der Erstellung dieses Dossiers rein gar nichts zu tun hatte, außer daß er forum vor den Kameras von RTL vertreten mußte… In den folgenden Nummern von DNF durfte dann allerdings Guy Rewenig
stellvertretend für die anderen Autoren mülleimerweise die Beschimpfungen der DNF-Mitarbeiter einstecken. Es würde langweilig werden, diese Attacken von DNF und ihren Stil erneut zu behandeln – sie bestätigen aber aus sich heraus die meisten der Vorwürfe, die in unserem Dossier angesprochen worden waren.
Aber auch sonst schien DNF vorerst alle geäußerten Vorbehalte bestätigen zu wollen, wie folgende fast schon unglaubliche Anekdote zeigt: Als Reaktion auf den oben erwähnten von keinerlei historischer Scham getrübten Beitrag über Michel Pauly schickte ein Leser an 5 Zeitungen (jedoch nicht an DNF) einen offenen Brief mit dem Titel "Getroffen, Herr Drescher?". Darin protestierte er gegen die Geschmacklosigkeit des von ‚Maria Chiavelli‘ (J.M. Treinen) signierten Artikels. Im Begleitschreiben bat der Absender die angeschriebenen Chefredakteure um die Wahrung einer relativen Anonymität, um nicht seinerseits der DNF-Häme ausgeliefert zu werden (der Text sollte nur mit seinen Initialen versehen werden). Man kann sich das Erstaunen dieses Mannes vorstellen, als er in der nächsten DNF-Nummer genau diesen Begleitbrief abgedruckt fand mit Nennung seines vollständigen Namens und seiner
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Die zwei Fernsehauftritte von Jacques Drescher gaben dem Feierkrop endgültig beim Publikum ein eigenes Gesicht und einen damit verbundenen Namen.
Aus DNF, Nr. 258
vom 12.2.99
Adresse. Diese Unverfrorenheit grenzt schon fast an Terror. Gleichzeitig zeigt die Geschichte aber auch exemplarisch, wie eng die Zusammenarbeit zwischen Teilen der offiziellen Presse und DNF sein kann. Wie kann man da noch allen Ernstes Quellenschutz verlangen, wenn man selber so leichtfertig die eigenen Quellen preisgibt und das Vertrauen der eigenen Leser mißbraucht?
Inhaltlich hat die Intervention von Jacques Drescher im Top Thema von RTL eine Präzisierung gebracht, die den verschiedenen Autoren des DNF noch einige Schwierigkeiten bescheinen dürfte: Herr Drescher installierte ausdrücklich eine Art Gesamthaftung der DNF-Mitarbeiter an den (weiterhin nicht signierten) Artikeln in seinem Satireblatt. Wörtlich meinte er, daß das DNF-Team die Artikel vor jeder Nummer diskutiert und gegebenenfalls (wenn ein Text zu weit geht oder eine Information nicht belegbar ist) auf einen Beitrag verzichten würde. In Zukunft gilt also nicht mehr der Hinweis der einzelnen ‚Redaktions‘-mitglieder, man habe ja einen bestimmten «unglücklichen» Artikel nicht selber verfasst.
Wirklich geschadet hat DNF die plötzliche Aufmerksamkeit jedoch noch auf eine indirekte und völlig überraschende Art und Weise: Die zwei Fernsehauftritte von Jacques Drescher gaben nämlich dem Feierkrop endgültig auch beim Publikum ein eigenes Gesicht und einen damit verbundenen Namen. Der Effekt für die Corporate Identity von DNF dürfte verheerend gewesen sein. Anerkennen muß man hier, daß dieses Kunststück unfreiwilliger Selbstdemontage nur durch das Medium Fernsehen möglich wurde.
Es hat natürlich auch Vorwürfe gegenüber forum gegeben: Warum war DNF nicht selber in dem Dossier zu Wort gekommen? Dahinter stand einmal der Wunsch, nicht schon im voraus durch den Kakao gezogen zu werden. Zum anderen dachten wir die DNF-Position mit der Textauswahl zur Genüge und auf positive
Rodolphe Steinerweicher
aus der Sandweiler Straße in Schrassig, verschickte am 4. Februar einen Leserbrief an verschiedene Zeitungen (mit Ausnahme des Neie Feierkrop), in dem er unter dem Titel „Getroffen Herr Drescher?“ den armen Pichel Mauly gegen DNF in Schutz nahm und ein Begleitschreiben hinzufügte, in dem es heißt: „Afin de ne pas risquer d’être la prochaine victime des risées du ’neie Feierkop‘ je vous prie de bien vouloir respecter mon anonymat relatif. Avec mes remerciements anticipés et l’expression de mes meilleures salutations – Rodolphe Steinmetzer“. Geht klar, Rodolphe!
Weise berücksichtigt zu haben. Hinzu kam ein eigens bei Mario Hirsch, immerhin Mitbegründer des DNF, angefragter Beitrag. Schließlich waren wir nicht zu Unrecht davon überzeugt, daß die unmittelbare Reaktion von DNF weit aufschlußreicher sein würde.
Ein weiterer oft gehörter Vorwurf bezog sich auf den Beitrag von Guy Wagner: Der Vergleich zwischen DNF und dem nationalsozialistischen ‚Stürmer‘ wäre indiskutabel und hätte das ganze Dossier diskreditiert. Dazu ist zweierlei zu sagen: Guy Wagner war ausdrücklich eingeladen worden, als ‚Opfer‘ der DNF-Häme zu schreiben. Und er hat sich in seinem Beitrag nicht zu schade gezeigt, auf unverblümte Weise seine Verletztheit zuzugeben. Allein schon für diesen Mut gebührt ihm Anerkennung. Was den Vergleich mit dem ‚Stürmer‘ anbelangt, steht dahinter die Frage nach dem Zusammenhang zwischen verbaler und physischer Gewalt. Ist die Warnung vor diesem Zusammenhang wirklich völlig aus der Luft gegriffen und der Vergleich mit historischen Vorläufern ungebührlich? Hoffen wir, daß die Frage auch in Zukunft unbeantwortet bleibt!
Weiterer Vorwurf: forum hätte DNF im Auftrag der politischen Klasse den Prozeß gemacht, förmlich in einem Akt des vorausseilenden Gehorsams… Für die Feierkrop-Redaktion scheint es schier unbegreiflich zu sein, daß es sich bei der betreffenden forum-Ausgabe nicht um das Ergebnis eines finsteren Komplotts handelte, sondern um ein typisches Beispiel der Funktionsweise dieser Zeitschrift.
Am Dossier ‚Satire und DNF‘ läßt sich in der Tat die Arbeit von forum gut darstellen – und damit auch die Stärken und Schwächen des Konzepts. Oftmals auf Anregung von außen (wie in der vorliegenden Nummer) oder aufgrund redaktionsinterner Diskussionen (wie etwa im Falle des Satire-Dossiers) werden grundsätzliche Themen der Luxemburger Gesellschaft aufgegriffen, kompetente Autoren und Betroffene aus (fast) allen politischen und weltanschaulichen Lagern gesucht und eingeladen, am Dossier mitzuarbeiten bzw. Beiträge zu verfassen (auch Autoren des DNF haben so schon an forum-Ausgaben mitgewirkt). Ergebnis ist dann eine oftmals sehr heterogene und kontroverse Diskussion, bei der es Aufgabe der Redaktion ist, irgendwie den roten Faden zu halten. Das kann gelingen (Beispiel: das hervorragende Dossier über die Revolution von 1848) oder auch – trotz sehr guter Einzelbeiträge – völlig danebengehen (Beispiel: das Europa-Dossier von Dezember ’97).
Das Dossier über Satire scheint uns einigermaßen gelungen.
JST
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