Verbrechen der Wehrmacht

Die kontroverse Ausstellung nun in Saarbrücken

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Die kontroversierte Ausstellung nun in Saarbrücken

Seit März 1995 scheint sich in deutschen und österreichischen Städten ein Ritual zu wiederholen. In einer Stadt entscheidet man sich dafür, die vom "Hamburger Institut für Sozialforschung" zusammengestellte Ausstellung über "Verbrechen der Wehrmacht" zu zeigen und schon steigen ehemalige "Landser" zusammen mit Rechtsextremen auf die Barrikaden und versuchen, den Autoren Fälschung und Manipulation zu unterstellen und die "Ehre der Wehrmacht" zu retten. Beschimpfungen als "Salonbolschewiken" und "geisteskranke Stalinfans" mußten die Organisatoren sich dabei an manchen Orten gefallen lassen. Wie es aussieht, darf auch heute, über 50 Jahre nach dem Ende dieses schlimmsten Krieges, noch immer nicht die Wahrheit dokumentiert werden.

Erschießungen an der Friedhofsmauer von Pancevo, Serbien, 22.4.1941
Foto: vgl. Fußnote 1

Viele ehemalige Wehrmachtsangehörige haben nur zu gern gleich nach 1945 mitgeholfen an der Legende der "sauberen Wehrmacht" zu stricken. Dabei übersahen sie nicht nur geflissentlich, dass auf dem Balkan und in der Sowjetunion ein "rassischer Vernichtungskrieg" geführt wurde, sondern sie nahmen auch noch für sich in Anspruch, Europa vor dem Bolschewismus gerettet zu haben. Diese Auffassung fand im Kalten Krieg auch auf Seiten der Alliierten zahlreiche Anhänger, denen diese Version gut ins Konzept passte.

Nach dem "Fall der Mauer" gelten diese politischen Rücksichtnahmen nicht mehr und viele Historiker gehen mit einem neuen Blick an die Ereignisse heran. Selbst Politiker, wie z.B. Norbert Blüm, sehen heute klar, dass die Vernichtung der Juden in Auschwitz nur so lange möglich war, als die Wehrmacht militärisch den Mördern den Rücken frei hielt. So ist es nicht verwunderlich, dass die "grösste Organisation des Dritten Reiches", die "zweite Säule des neuen Staates" (A.Hitler), stärker ins Zentrum der Forschung geriet. Doch die Forschungsergebnisse erreichen nur in den seltensten Fällen das große Publikum. Dazu bedarf es der Presse, des Fernsehens oder einer aufsehenerregenden Ausstellung.

Die Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944" hat sich nun zum Ziel gesetzt, aufzuklären und "eine Debatte zu eröffnen über das -neben Auschwitz- barbarischste Kapitel der deutschen und österreichischen Geschichte, den Vernichtungskrieg der Wehrmacht von 1941 bis 1944."¹

Im fünften Jahr ist die Ausstellung an ihrer 31. Etappe angelangt. Mehr als 650.000 Besucher

haben die erschreckenden Bilder gesehen und an einem oft sehr umfangreichen und weitgefächerten Begleitprogramm teilgenommen.

Am 21. Februar 1999 erfolgte die Eröffnung in Saarbrücken. Auch sie war begleitet von einem Aufmarsch von 400 Rechtsextremen gegen die "Schand-Ausstellung". Schon im Vorfeld häuften sich die Leserbriefe z.B. in der "Saarbrücker Zeitung", die die schon bekannten Vorwürfe der Fälschung und Verfälschung wieder aufgriffen.

Leider haben die Autoren der Ausstellung stellenweise nicht ganz sauber gearbeitet und Datierung und Beschreibung der Fotos lassen zu wünschen übrig. Damit haben sie der Ausstellung keinen guten Dienst erwiesen. Weil das eine oder andere Foto zweifelhaft ist, haben manche rechten Kritiker nun das gesamte Ausstellungsmaterial zur Fälschung erklärt. Dies kommt denjenigen gelegen, die die "Verbrechen der Wehrmacht" noch immer geleugnet haben. Dennoch sind die Beweise so erdrückend, dass der eine oder andere Fehlgriff der Gesamtaussage keinen Abbruch tut. An Hand von drei Fallbeispielen, den ersten Monaten der Besetzung Serbiens, des Vormarschs der 6. Armee durch die Ukraine in Richtung Stalingrad und der drei Jahre dauernden Besetzung Weißrußlands, wird belegt, dass die Verbrechen der Wehrmacht nicht nur von fanatischen Nationalsozialisten zu verantworten sind oder unter Befehlsnotstand zustande kamen. Truppe und Führung waren in weit größerem Ausmaße und bereitwilliger daran beteiligt, als dies allgemein angenommen wurde. Millionen von unschuldigen Zivilisten, von Kriegsgefangenen und Juden fielen diesem Vernichtungskrieg zum Opfer.

Die Ausstellung besteht aus insgesamt 105 Texttafeln, die um eine begehbare Skulptur in Form des "Eisernen Kreuzes" aufgebaut sind. Auf Fernsehschirmen werden durchgehend Dokumentarfilme gezeigt. In Alben können zusätzlich faksimilierte Fotos und Dokumente eingesehen werden.

Neben dem 222-seitigen großformatigen Katalog (DM 40.-) kann sich der interessierte Besucher in mehreren Publikationen wissenschaftlich mit der Frage auseinandersetzen, und auch die zahlreichen "Eröffnungsreden" lohnen eine eingehende Lektüre.

Aus Luxemburger Sicht stellen sich einige zusätzliche Fragen, die wohl auch bei uns für Unruhe sorgen werden. Was haben unsere 10000 Zwangsrekrutierten von diesen "Verbre-

chen der Wehrmacht" mitbekommen? Gibt es auch in luxemburgischen Fotoalben Bilder von Erschiessungen und Erhängungen? Gibt es Briefe von der Front oder aus dem Hinterland, die solche Verbrechen beschreiben und somit dokumentieren?

Ein Dokument ist uns selbst erst vor wenigen Wochen in die Hände gekommen. In einem Bericht an die luxemburgische Exilregierung schreibt "Jean l’Aveugle":

"… Certains recrues sont dans la région de Brest-Litovsk. Quelques Luxembourgeois ont été obligés sous la menace du pistolet à prendre part à l’exécution des juifs. Ceux-ci ont été rassemblés par groupes de cent. Avec les pelles des soldats ils ont été forcés de se creuser leur tombe. Les adultes juifs ont été abattus à coups de revolver, les enfants ont été assomés à coups de crosse; certains brutes de Prusse-Orientale se sont fait un sport pour pourfendre les enfants à la bayonnette (renseignements dus à un témoin occulaire digne de foi). Les prisonniers russes ferment la tombe. Ce régiment en l’espace de 3 mois, a exécuté 420.000 juifs. Je fais ressortir qu’il ne s’agit pas d’un régiment d’SS. …"

Es bleibt zu hoffen, dass auch Luxemburger den Weg zum Schlossplatz in Saarbrücken finden werden. Ob die Ausstellung auch einmal in Luxemburg zu sehen sein wird, darüber laufen zur Zeit noch die Verhandlungen.

Paul Dostert

1 Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944. Ausstellungskatalog. Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.), Hamburg 1996, 2. Aufl. 1997, S. 7.

Diese Ausstellung ist in Saarbrücken bis zum 28. März (von montags bis freitags!) in der Volkshochschule am Schloßplatz zu sehen. Danach wird sie vom 3. April bis zum 23. Mai im Kölner Stadtmuseum zu besichtigen sein.

Hinweis für den Unterricht

Die Zeitschrift "Praxis Geschichte" (Westermann-Verlag) veröffentlicht in der jüngst erschienen Nr. 2/März 1999 ein Themenheft "Wehrmacht und Vernichtungskrieg" mit Unterrichtsbeispielen und Quellenmaterial für die Sekundarstufen I und II. Das Heft enthält u.a. einen Beitrag zur Einbindung der Wehrmachtaustellung in den Unterricht sowie Internet-Adressen mit aktuellen Informationen zum Thema.

Zur Ausstellung und ihrer Wirkung: z.Bsp. Hamburger Institut für Sozialforschung (www.his-online.de/presse/war/war1.htm) und Universität Hannover (www.geschichte.uni-hannover.de/vernichtungskrieg/default.htm)

Über etwaige Traditionslinien Bundeswehr-Wehrmacht: Bundeswehrpressestelle (www.bundeswehr.de/presse/pressemappen/tradition/tradition-index.htm) oder Deutsche Friedensgesellschaft (www.dfg-vk.de).

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