Ein Minister als Dezibelkontrolleur

Kostümierte Heimat. Guy Rewenigs Saarbrücker Glossen (27)

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Kostümierte Heimat

Ein Minister als Dezibelkontrolleur

Volkes Stimme sollte möglichst dezent erklingen. Idealerweise nur im Flüsterton. Wird sie zu laut und zu aufdringlich, müssen Maßnahmen ergriffen werden. Über eine dieser Stimmdrosselungsmaßnahmen wollen wir berichten. Sie ist so unglaublich, daß sie einfach ein hallendes Echo verdient. Vielleicht sollte der Verursacher für seine Maßnahme ein Patent anmelden. Sie könnte Schule machen unter den Herrschenden.

Zu den Fakten: In Luxemburg gab es einen Schülerstreik. Bevor die unzufriedenen Schüler auf der Straße sagen konnten, was sie zu sagen hatten, kam ein Erlaß vom Innenminister dazwischen. Der Herr befahl folgendes: bei der Demonstration der Streikenden darf kein Megaphon verwendet werden. Dieser Erlaß stützt sich auf eine gesetzliche Regelung aus dem Jahr 1939. Zu jener Zeit bejubelte die katholische Kirche Luxemburgs, die der Innenminister politisch vertritt, gerade den euphorisch vorwärtsdrängenden Nationalsozialismus. Als Megaphon benutzte sie dabei die Bistumszeitung «Luxemburger Wort». Die Kumpanei mit der Hitlerpartei war einfach unüberhörbar.

Heute sind andere Zeiten. Aber die Minister der Rechtspartei scheinen noch immer hinter dem Mond zu wohnen. Ein Staatsvertreter, der glaubt, Bürger mundtot zu machen, indem er ihnen den Stimmenverstärker streicht, kann einfach nicht von dieser Welt sein. Von den modernen Kommunikationstechniken scheint er noch nichts gehört zu haben. Er wird also bei den Streikenden gründlich durchfallen und bei den derart bestraften Schülern nie mehr eine Stimme einheimsen. Aber die Symbolik seiner Amtshandlung stimmt. Sie sagt klar und deutlich: Ich nehme euch die Ausdrucksfreiheit weg, und sei es nur auf allegorischem Weg. Das ist erstklassiger Bürgerkundeunterricht. Ein paar Monate vor den Parlamentswahlen

sind solch drastische Einführungen in die realen Machtverhältnisse einfach Gold wert. Jetzt kann der Innenminister mit Hilfe von hundert Megaphonen seine Treue zu den rechtsstaatlichen Grundsätzen in den Wahlkampf hinausbrüllen. Es wird ihn keiner mehr hören.

Da alles mit allem zusammenhängt im ordentlichen Rechtsstaat, machen wir jetzt einen kleinen Schwenk hinüber in ein anderes Ressort, wo es auch um die Pflege der Akustik geht. In der Villa Louvigny, dem ehemaligen RTL-Gebäude, hat das Philharmonische Orchester Luxemburg eine Notunterkunft gefunden. Einen ordentlichen

Der Innenminister kann jetzt mit Hilfe von hundert Megaphonen seine Treue zu den rechtsstaatlichen Grundsätzen in den Wahlkampf hinausbrüllen. Es wird ihn keiner mehr hören.

Konzertsaal gibt es nicht, obwohl die Kulturministerin, eine Parteikollegin des Innenministers, den Musikern immer wieder das Blaue vom Himmel versprochen hat. Die Villa Louvigny verfügt zwar über einen Raum, in dem Orchester proben können, aber in der unmittelbaren Umgebung ist akustisch der Teufel los. Die Villa wird nämlich umgebaut, weil dort in ein paar Monaten das Gesundheitsministerium einziehen wird. Die Handwerker machen einen solchen Lärm, daß den Philharmonikern Hören und Sehen vergeht. Sie sind nahe daran, aufzustecken. Den Gastdirigenten Hengelbrock schlugen die Verhältnisse in die Flucht. Er schwor, nie mehr im Kunstbanausensstaat Luxemburg aufzutreten.

Wir verstehen, daß das Gesundheitsministerium, das im vergangenen Jahr

von einem ungeheuerlichen Korruptionsskandal heimgesucht wurde, sich auf Biegen und Brechen eine neue, unbelastete Bleibe suchen möchte. Aber wir verstehen auch, daß ein philharmonisches Orchester am Rande des kollektiven Nervenzusammenbruchs keine Zierde für die Kultur eines Staates sein kann, der zu den reichsten des Planeten zählt. Jetzt sind wir wieder bei der Megaphonfrage angelangt. Damit die Musiker im Orchester überhaupt noch verstehen, was ihnen der Dirigent erzählt, braucht der Chef am Pult unbedingt ein Megaphon. Man könnte vielleicht mit dem Innenminister einen Deal arrangieren. Da er beim Schülerstreik viele Megaphone eingespart hat, könnte ihm die Kulturministerin vielleicht den Antrag unterbreiten, ein besonders potentes Megaphon für den Dirigenten der Philharmonie großzügig zur Verfügung zu stellen. Musik, haben wir gelernt, ist eine Sprache, die in der ganzen Welt verstanden wird. Vorausgesetzt, man kriegt sie rein akustisch mit.

Elektoral betrachtet ist die Lage für den amtierenden Innenminister nämlich ziemlich brenzlig. Denn was geschieht, wenn die Musiker des Philharmonischen Orchesters – genau wie die Schüler – unvermittelt in den Streik treten, um menschenwürdige Arbeitsverhältnisse einzuklagen? Dann bleibt ihm nichts anderes übrig, als dem Dirigenten den Stab zu konfiszieren. Auch dabei könnte er sich auf die juristischen Vorgaben von 1939 stützen. Ein Dirigent ohne Stab ist wie ein Fahrrad ohne Flügel. Oder, um bei der Schülerstreikmetaphorik zu bleiben: eine Demonstration ohne Megaphon ist wie ein Handy ohne Scheinwerfer. Und zum Schluß noch ein nützlicher Hinweis: im Jahr 2005 wird Luxemburg wieder europäische Kulturhauptstadt sein.

SR2 Kultur 29.03.99

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