Der feine Unterschied zwischen Ausbeutung und Ausgrenzung
Berührungspunkte mit der Frauenbewegung?
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Der feine Unterschied zwischen Ausbeutung und Ausgrenzung
Was hat die Homosexuellen- mit der Frauenbewegung zu tun? Gibt es gemeinsame Ursprünge, gar Analogien? Versuche, auf solche Fragen einzugehen, enden unweigerlich im Gestrüpp der Geschlechterphilosophie.
Gemeinsame Ursprünge sind nicht zu übersehen: Sowohl die neue Frauen- als auch die politische Homobewegung sind Kinder der sexuellen Revolution der Spätsechzigerjahre. Das Recht, die eigene Sexualität zu leben, das sich die zornigen Frauen und Männer von ’68 auf die Fahnen geschrieben hatten, war kein abstraktes Prinzip, sondern eine frontale Attacke auf das traditionelle Familienmodell. Und diese Attacke war gerade deshalb erfolgreich, weil sie nicht (nur) in theoretischen Lesezirkeln geführt wurde, sondern in die Praxis neuer Lebensformen umgesetzt wurde.
«Mein Bauch gehört mir»
Aufhören, die eigene Identität zu verleugnen, war für die sich emanzipierenden Frauen vielleicht jedoch noch ein breiteres Programm. Emanzipation bedeutete nicht nur das Recht auf den eigenen Körper, sei es beim Ausleben der Sexualität, sei es bei der freien Entscheidung über Verhütung und Schwangerschaft, nach dem Motto «Mein Bauch gehört mir». Sie bedeutete auch das Verlassen von Lebensformen, in denen das Einheitsmodell der Hausfrauenhe dominierte, in denen Frauen die Rolle der treuen, fleißigen und untergebenen Hausmutter zukam. Sie beinhaltete den Anspruch auf eine ökonomische Unabhängigkeit, der zumindest genauso revolutionär erschien.
Oder die Eroberung von Bildungs- und Berufswelten, die vielen Frauen vorher unzugänglich waren. Oder den Anspruch auf eine Anerkennung von Frauen als politische Bürgerinnen und Akteurinnen.
Wenn Frauen «sichtbar» werden wollten, dann war damit das Offenlegen ihrer Partizipation an Gesellschaftsprozessen gemeint. Die Rolle von Frauen in der Geschichte, in der Entwicklung von Wissenschaft, Technik und Kunst, ihr Anteil an der Produktion gesellschaftlichen Reichtums, so forderte die Neue Frauenbewegung, sei neu zu bewerten oder überhaupt erst einmal zu registrieren. Dieser Anspruch ist es, der das Engagement der Frauen wohl am meisten von jenem der Homosexuellen trennt.
Biologismus im Kreuzfeuer
Sicher, es geht für Lesben und Schwule auch um die Suche nach einer kollektiven Identität oder nach historischen Leitbildern. Zuallererst aber ging es darum, zu sich selbst zu stehen. Eine Hetera-Frau, die in den Siebzigerjahren die Rolle der Hausfrau und Mutter ablehnte, Wert auf Ausbildung und Beruf legte und in ihren Ansprüchen an Beziehungen neue Maßstäbe setzte, zeigte Mut. Eine Lesbe, die beschloß, sich zu ihrer sexuellen Identität zu
bekennen, riskierte einen viel weitgehenderen gesellschaftlichen Ausschluß, der nur teilweise durch das Entstehen einer Lesbenszene aufgefangen werden konnte. Während feministische Frauen gegen ihre gesellschaftliche Unterordnung qua Geschlecht ankämpfen, in dem sie unterstellte Unterschiede zwischen Männern und Frauen in Frage stellten, mußten Lesben und Schwule auf ihr Recht pochen, ihre Identität als eine von mehreren Alternativen wahren zu dürfen. Während die Frauenbewegung gegen Machtstrukturen ankämpfte, trat die Homosexuellenbewegung Ausgrenzungsstrukturen entgegen.
Das Motto Simone de Beauvoirs «On ne naît pas femme, on le devient», das sexuelle Identität als Aneignung einer Rolle begreift, visiert auch die starre Ausrichtung auf eine heterosexuelle Geschlechtsrolle, steht aber gleichzeitig quer zu einem Biologismus, der an sich auch Homosexualität als «natürliches» und deshalb anerkennenswertes Phänomen erklären könnte. «Sogenannte ‚weibliche‘ und ‚männliche‘ Wesen dienen noch immer als Legitimation für das Fortbestehen der Herrschaft der Männer über die Frauen und als Vorwand für die Zuweisung geschlechtsspezifischer Arbeit,» meint eine damalige Autorin¹, teilt die Welt aber – durchaus im Trend der Zeit – nach heterosexuellen Normen auf.
Lifestyle-Lesbentum?
Ein interessantes Phänomen ist in diesem Kontext die Entstehung eines «politischen Lesbentums» ab den Siebzigerjahren. Vor allem in den USA und Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern entwickelte sich eine feministische Strömung, welche in ihrer Suche nach Autonomie nicht mehr nur die Schaffung von männerfreien Räumen wie Frauenhäusern oder -buchläden oder -kneipen forderte und frauenspezifische Literatur, Kunst und Wissenschaft entwickelte, sondern auch persönliche Liebesbeziehungen zwischen Frauen und Männern ausschloß. Dabei ging es nicht nur um die radikale Kritik an der Unfähigkeit von Männern, sich auf weibliche Sexualität einzulassen. Sexuelle Beziehungen wurden ebenfalls als ein Teil der gesellschaftlichen, frauendiskriminierenden Machtstrukturen definiert. «Könntest du dir denn vorstellen, eine frau zu lieben?» heißt nicht nur die Schlüsselfrage in
«häutungen», Verena Stefans Kultroman der Siebzigerjahre.²
Heute dagegen ist die Abkehr von der Norm der Hetero-Beziehung kaum mehr Ausdruck einer politischen Gesinnung: Das «Konvertieren» von Heterofrauen, wie es von manchen Lesben ironisch bezeichnet wird, reduziert sich zusehends auf eine Kritik sexueller und persönlicher Umgangsformen, auf die behauptete Beziehungsunfähigkeit von Männern. Ökonomische Ausbeutung oder ein patriarchalisches Gesellschaftssystem verlieren – wie übrigens auch in der Frauenbewegung insgesamt – als Motiv der Abgrenzung an Bedeutung. Das ist sicher symptomatisch: Während sich die gesellschaftliche Stellung von Frauen in den letzten dreißig Jahren fundamental verändert hat, entbehrt die These ihrer Unterdrückung zwar durchaus nicht sehr realer Argumente; sie hat jedoch ihre Schlagkraft verloren in einer Welt, in der kollektive Identitäten sich immer mehr auflösen.
Fast erscheint es wie der logische Schluß der feministischen Revolution der Siebziger-, dass die Feministinnen der Neunzigerjahre mit dem Dekonstruktivismus den Begriff «Geschlecht» an sich in Frage stellen, und dem Dualismus von Männlichkeit und Weiblichkeit, an dem wir uns nun so lange abgearbeitet haben, eine Unendlichkeit von Variationen sexueller Identität gegenüberstellen. Doch noch immer fürchtet sich die Lesbe vor dem Outing, noch immer produziert das Hausfrauenmodell geschiedene RMG-Empfängerinnen, noch immer sind die Frauenhäuser überbesetzt. Ist die Theorie der Praxis davongalopppiert, oder greift sie nur als lifestyle-Phänomen in den privilegierten Räumen bürglicher Mittelschichten?
Renée Wagener
¹ Scheu, Ursula: Wir werden nicht als Mädchen geboren – wir werden dazu gemacht, 1977, S. 13.
² Stefan, Verena: häutungen, S. 489.
Schrassig, les détenues nous parlent…
Livre à 92 pages. Format 200 x 210 mm
En vente au prix de 550 LUF TTC (frais d’envoi compris)
FOXTROTT A.S.B.L.
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Femmes sans barreaux
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