Mehr als 2000 gute Gründe

Weltmarsch der Frauen 2000

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Mehr als 2000 gute Gründe

Trotz der Festschreibung von Frauenrechten, trotz des umfangreichen Maßnahmenprogramms des Weltfrauenforums 1995 in Beijing bleibt vielen Frauen im Alltag die nüchterne Erkenntnis, dass sie aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt und in ihrer Menschenwürde verletzt werden. Mit dem Weltmarsch der Frauen will die weltweite Gemeinschaft von Frauen auf Missstände hinweisen, Solidarität zeigen, den politisch und ökonomisch Verantwortlichen ihre konkreten Forderungen stellen sowie eine breite Öffentlichkeit für Frauenprobleme sensibilisieren. Auch in Luxemburg haben sich 16 Frauenorganisationen hinter gemeinsame Forderungen gestellt (vgl. gegenüberliegende Seite) und versuchen das Interesse der Öffentlichkeit für Frauenfragen aufzurütteln.

Der euphorische Anbruch des neuen Jahrtausends ist für wenigstens die Hälfte der Weltbevölkerung – die Frauen – kein Grund zu verfrühtem Jubel. Noch besteht keine Ursache, dass sie ihren Kampf um echte Gleichberechtigung und die Anerkennung ihrer Rechte beilegen. Die Leiterin des Generalsekretariats von Amnesty International, Agnès Callamard, sieht denn auch im Ergebnis der UNO-Nachfolgekonferenz „Beijing +5“ wenig Grund zur Freude und prangert die „zunehmende wirtschaftliche Marginalisierung einer Mehrheit von Frauen und die Fortdauer von Gewalt gegen sie“ an (1). Nach wie vor ist die Beteiligung und Repräsentation von Frauen in den Zentren der Macht äußerst gering, und damit wird den Frauen die Möglichkeit entzogen, ihre eigenen Anliegen und Interessen selbst zu gestalten und ihre Lage zu verbessern. Einer Einschätzung von Christa Wichterich zufolge haben zwar einige wenige Mittelschichtfrauen – „the happy few“ – den Sprung in das mittlere Management bei Verwaltungen, Banken und Versicherungen geschafft, aber nur 5,6% der Frauen machen Karriere in den oberen Rängen und in den Aufsichtsräten der 300 größten Unternehmen sind gar nur 3% Frauen (2).

Weltfrauenmarsch 2000 – das heisst, 2000 gute Gründe weltweit für Frauen auf ihre Situation hinzuweisen. Sie sind weltweit die ersten Leidtragenden von Armut, Mangel an medizinischer Versorgung, Sozialleistungen, Trinkwasser, Grundbesitz, Wohnraum und Bildung. Frauen sind die ersten Opfer von Krieg, Gewalt, Vergewaltigung und Sexhandel. Unter einer gemeinsamen

Plattform bringen die Frauen ihre spezifischen Probleme und Forderungen ein. Während für ein nördliches Industrieland wie Luxemburg das Recht der Frauen, über ihren Körper selber zu bestimmen, ein wichtiges Anliegen vieler Frauen ist, sind die Arbeiterinnen in der mexikanischen Billiglohnindustrie sicher zunächst an einer existenzsichernden Entlohnung und besserem Kündigungsschutz interessiert. Wichtig ist die internationale Vernetzung zwischen den mehr als 4.400 Frauenorganisationen aus 154 Ländern (3) sowie das solidarische Eintreten für die Rechte aller Frauen – unabhängig ihrer Nationalität. In Luxemburg haben sich 16 Organisationen zusammengeschlossen und eine Plattform mit gemeinsamen Forderungen ausge-

Karte anmisch
des L’Année
2000

Die Forderung nach der Abschaffung des Bankgeheimnisses, der Einrichtung einer Steuer auf internationalen Finanztransaktionen (Tobin-Steuer), der Schuldenerlass der Entwicklungsländer und die Umorientierung von (Entwicklungshilfe-)Geldern zum Nutzen des Sozial- und Bildungssystems stellen die Angelpunkte der Armutsbekämpfung weltweit dar.

Genau wie Armut darf Gewalt nicht als Fatalität hingenommen werden.

arbeitet (Kurzfassung siehe S. 22). Mit gemeinsamen Aktivitäten wird versucht, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren und Druck auf PolitikerInnen auszuüben. Reichtum, Konsensualismus und Traditionalismus im Großherzogtum können nicht darüber hinweg täuschen, dass auch bei uns die Gleichberechtigung der Frau noch nicht erreicht ist.

Globalisierung verstärkt Armut und Gewalt

Die beiden großen Leitthemen, die die Frauen in die Öffentlichkeit bringen wollen, sind Armut und Gewalt. Beide Phänomene hängen eng zusammen und ihre Bekämpfung ist der Schlüssel zu einem Leben der Frauen in Würde. Mit der zunehmenden Globalisierung der Weltwirtschaft hingegen werden – zumindest für die Frauen – diese Übel noch verstärkt anstatt dass sie Linderung erfahren. Zwar bieten sich den Frauen weltweit mehr Beschäftigungsmöglichkeiten, jedoch kann diese Beschäftigung oft ihre Existenz und die ihrer Kinder nicht gewährleisten. Frauen sind am stärksten betroffen durch Unterauftrags- und Zeitarbeit, sie arbeiten in sog. „Sweat shops“, im informellen Sektor oder in Heimarbeit. Dies bedingt noch niedrigere Löhne, keine gesicherten Arbeitsverträge, unsichere Auftragslage, fehlender Arbeits- und Mutterschutz sowie einen Anstieg der Kinderarbeit (2). Der Huldigung des Marktes und der Privatisierung fallen die Sozial- und Bildungssysteme zum Opfer; Frauen müssen sich um die Pflegebedürftigen kümmern, kostenpflichtige Schulbildung bedeutet das Bildungsaus für Mädchen. Diese Tatsachen, für die auch die Weltbank und der Internationale Währungsfonds mit seinen

Strukturanpassungsprogrammen verantwortlich sind, drängen Frauen immer weiter ins soziale Abseits.

Zu Beginn des euphorisch begrüßten Millenniums leben von ca. 6 Milliarden Menschen weltweit mehr als die Hälfte in Armut: 4 Milliarden Menschen leben unter der relativen Armutsgrenze, davon mehrheitlich Frauen und Kinder. Von den 1,3 Milliarden Menschen, die weniger als 1 US$ pro Tag zur Verfügung haben (absolute Armutsgrenze), sind ca. 70% Frauen. Und die Kluft zwischen arm und reich reißt immer weiter auf: In 40 Jahren hat sich der Abstand zwischen den 20 % der Reichsten und den 20% der Ärmsten auf der Welt verdoppelt. Der Reichtum weltweit hat sich zwar um das Fünffache vergrößert, doch mit ihm auch der Anteil der Armen, d.h. von 3:1 auf 15:1. Rein auf Frauen bezogen sind diese Kontraste noch größer. Frauen stellen die Hälfte der Weltbevölkerung, leisten aber 2/3 der Arbeitsstunden. Im Gegensatz dazu verdienen sie jedoch nur 1/10 des Welteinkommens und besitzen weniger als 1/100 des weltweiten Reichtums (4).

Armut bedeutet mehr als nur das Fehlen von materiellem Wohlstand, denn sie hat negative Auswirkungen auf Lebenserwartung, Gesundheit, Kreativität, Selbstwertgefühl und menschenwürdige Lebensbedingungen. Armut widerspricht den grundlegenden Menschenrechten, verleugnet die StaatsbürgerInnenrechte. Arme werden so zu Marginalisierten. Für viele Frauen wiegt dies besonders schwer, da sie – häufig in prekären Situationen – Kinder zu ernähren und zu erziehen haben.

Armut im Reichtum

Auch im reichsten Land der Welt gibt es Armut und betrifft Armut Frauen stärker als Männer. Alleinerziehende – und das sind überwiegend Frauen – stellen etwa 10% der Haushalte in Luxemburg. Sie sind dem Risiko, arm zu werden, besonders ausgesetzt. Frauen ab 60 sind von Altersarmut betroffen: 25 % der RMG-Empfängerinnen sind über 60 Jahre alt (im Vergleich: nur 12,6 % männliche RMG-Empfänger) (5). Als ursächliches Problem wird häufig die niedrige Berufstätigkeit von Frauen in Luxemburg genannt, eine Tatsache, die hier nicht geleugnet werden soll. Trotzdem gilt es, zwei weitere Aspekte in diesem Kontext anzuführen: einerseits die Teilzeitarbeit, eine typische Frauendomäne, und andererseits die Ungleichheit der Gehälter.

EU-weit arbeiten 17 % der Beschäftigten auf Teilzeitbasis, davon ca. 80% Frauen. Diese Entwicklung hat sich in den letzten 15 Jahren ver-

Frauen beim Bau eines Bewässerungskanals, Rajasthan, Indien, 1990

schärft (6). In Luxemburg sind 1997 von 100 weiblichen Berufstätigen 20 % in Teilzeit beschäftigt, bei Männern ist es nur 1% (5). Vielen alleinerziehenden Frauen bleibt wegen ungenügender Kinderbetreuungsangebote nur die Berufstätigkeit auf Teilzeitbasis. Verstärkt wird das potentielle Armutsrisiko aber auch durch die Gehälterungleichheit. Während in Skandinavien die Stundenlöhne bei Männern und Frauen um 17 % zu Lasten der Frauen variieren, liegt der Unterschied in Großbritannien bei 34 % (7). In Luxemburg klaffen die Löhne von Männern und Frauen von 5 bis 25 % auseinander, wobei vor allem Angestellte und Arbeiterinnen für die gleiche Arbeit deutlich schlechter bezahlt werden als ihre männlichen Kollegen (5).

Der Weltfrauenmarsch richtet sich gegen die strukturellen Ursachen der Armut: dem neoliberalen Kapitalismus in Verbindung mit patriarchalischen Strukturen sowie der Diskriminierung der Frau. Die Forderung nach der Abschaffung des Bankgeheimnisses, der Einrichtung einer Steuer auf internationalen Finanztransaktionen (Tobin-Steuer), der Schuldenerlass der Entwicklungsländer und die Umorientierung von (Entwicklungshilfe-)Geldern zum Nutzen des Sozial- und Bildungssystems stellen die Angelpunkte der Armutsbekämpfung weltweit dar.

Gewalt – ein Angriff auf die Menschenrechte

Die Ausübung von Gewalt – ganz gleich ob physische oder psychische Gewalt – gegen Frauen bleibt trotz Fortschritte und trotz gut gemeinter Aufklärungskampagnen bestehen. Besonders grausam und verabscheuenswürdig ist sexuelle Gewalt gegen Frauen, die trotz internationaler Ächtung als Kriegswaffe eingesetzt wird. Daneben bleibt die alltägliche Brutalität gegen Frauen und die häufige Straffreiheit der Schuldigen bestehen. Gewalt in der Ehe wird nur zögerlich diskutiert. Die geschlechtsspezifische Verfolgung als juristische Grundlage für die Anerkennung des Flüchtlingsstatuts steht noch immer aus.

Genau wie Armut darf Gewalt nicht als Fatalität hingenommen werden. Gewalt gegen Frauen hat ihre Wurzeln im patriarchalischen System, das seit undenkbaren Zeiten die Kontrolle über das Leben von Frauen ausübt. Besonders betroffen sind Frauen und Mädchen in prekären Lebensverhältnissen oder aufgrund ihrer Rasse, Sprache, Herkunft, Kultur, Alter, Religion, sexueller Neigung, Behinderung benachteiligte Frauen. Frau Callamard erscheint es, „als ob die geschlechtsspezifische Gewalt als unabänderlicher Tatbestand beschrieben oder wahrgenommen

men wird, der sich jeder tief greifenden Veränderung gegenüber als resistent erweist und die internationale Verantwortung der Staaten nicht berührt.“ (1)

Dass Gewalt und Armut in Beziehung zueinander stehen, zeigen im übrigen auch Zahlen aus Luxemburg. Von den Frauen, die ohne Wohnung sind und in Heimen und anderen Auffangstrukturen leben, gaben mehr als die Hälfte an, dass an ihnen verübte Gewalt der Grund für sie war, ihr Zuhause zu verlassen (8).

Die Fortdauer von Diskriminierung und Brutalität gegenüber Frauen ist durch nichts zu rechtfertigen. Deshalb darf der Staat sich aus seiner Verantwortung nicht zurückziehen, sondern „Staaten haben nicht nur die Pflicht, die Rechte von Frauen zu respektieren, sondern auch, sie zu schützen und zu gewährleisten, dass sie alle ihre Rechte in Anspruch nehmen können.“ (1)

Frauen stellen ihre Forderungen an UNO-Generalsekretär, Weltbank und IWF

Seit dem 8. März, dem Tag der Frau, laufen auch in Luxemburg Aktivitäten zum Weltfrauenmarsch. Mit einer Konferenz informierte eine Gewerkschafterin aus dem Burkina Faso über die Auswirkungen der Globalisierung auf die Arbeiterinnen. Am 3. Juni fand – von der Luxemburger Presse quasi unbeachtet – am PED ein grenzüberschreitender Frauenmarsch statt, an dem sich sowohl belgische, französische wie auch luxemburgische Frauen (und einige wenige Männer) teilnahmen. Einen weiteren Höhepunkt konnten die Frauen am 17. Juni in Paris erleben, wo knapp 20.000 Menschen gegen Armut und Gewalt gegen Frauen demonstrierten.

Der Weltmarsch der Frauen 2000 wird im Herbst mit nationalen und internationalen Demonstrationen zu einem vorläufigen Ende kommen. Am 14. Oktober werden die europäischen Frauen und auch Männer in Brüssel zusammenfinden. Am 15. Oktober wird eine internationale Demonstration am ständigen Sitz der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds in Washington vorbeiziehen. Und am 17. Oktober schließlich wird in New York ein weltweites Frauentreffen stattfinden. Mit Millionen Unterschriften aus den am Frauenmarsch beteiligten Ländern fordern Frauen – und Männer! – von den Vereinten Nationen die Abschaffung der Armut und die gerechte Verteilung der Reichtümer unter Armen und Reichen, Frauen und Männern. Sie fordern die Abschaffung der Gewalt gegen Frauen zur Gewährleistung der Gleichstellung von Frauen und Männern.

Christa Brömmel (Cid-Femmes)

Aktionen

Der Zusammenschluss der Luxemburger Organisationen für den Weltfrauenmarsch hat sich zum Ziel gesetzt, 5000 Unterschriften mit nach New York zu nehmen. Postkarten sind auf Anfrage erhältlich im CID-Femmes, Tel. 24 10 95. Weitere Aktivitäten, die in Luxemburg geplant sind: „Brot und Rosen“ Informationskampagne zum Weltfrauenmarsch am 9.9. in Dudelange, Konzert mit der schwedischen Frauengruppe „Plommon“ am 23.9. in Dudelange; Teilnahme am europäischen Abschluss des Frauenmarsches am 14.10. in Brüssel.

Quellen:

$^{1}$ Callamard, Agnès: Mit der Frauenfrage ins neue Jahrtausend, in: Le Monde Diplomatique, Juni 2000

$^{2}$ Dr. Wichterich, Christa: Grenzenlos flexibel, in: FrauenRat Juni 1999

$^{3}$ Bulletin de liaison – Marche mondiale des Femmes – Juni 2000

$^{4}$ Comité stratégie de la marche: Eliminer la pauvreté, www.flg.qc.ca

$^{5}$ Ministère de la Promotion Féminine, Les femmes et le marché de l’emploi, Mars 1995

$^{6}$ Dr. Natz, Gisela: Weltweit trotz Arbeit arm, in: FrauenRat Juni 1999

$^{7}$ Lobby européenne des Femmes (EEF), Les femmes et l’économie, Alternativbericht 2000

$^{8}$ Pels, Monique, Les Femmes exclues du logement, in: Rapport Luxembourgeois 1999 pour la Feunisa, Févr. 2000

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