Nur eine halbe Sache?
Interview mit Marc Linster, Redaktionschef beim Sozio-kulturellen Radio
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Nur eine halbe Sache?
Das sozio-kulturelle Radio versucht sich nach sechs Jahren Anlaufzeit zu professionalisieren. Marc Linster, vormals Redakteur bei RTL und seit Mai auf dem Posten des Redaktionschefs bei 100,7, sieht finanzielle und strukturelle Hindernisse auf diesem Weg.
forum: Herr Linster, Sie waren während 16 Jahren Redakteur in der Nachrichtenredaktion eines kommerziellen Rundfunksenders. Im April dieses Jahres hat der Verwaltungsrat des sozio-kulturellen Radios Sie zum Chefredakteur dieses einzigen öffentlich-rechtlichen Radioanbieters in Luxemburg benannt. Welches Signal steckt Ihrer Ansicht nach dahinter, wenn man jemanden, der die Erfahrung eines kommerziellen Rundfunkanbieters mitbringt, jetzt auf diesen Posten beruft! Soll das sozio-kulturelle Radio schneller, peppiger, aggressiver werden!
Linster: Ich nehme an, dass der Verwaltungsrat in erster Linie einen erfahrenen Journalisten, einen Profi gesucht hat. Hier sehe ich auch eine meiner ersten Aufgaben in diesem Sender, der zwar ein großes Potential und auch zum Teil sehr gute Mitarbeiter hat, dem es aber ein Stück weit an Professionalität fehlt.
Weg vom Verlautbarungsjournalismus, hin zu aktivem Journalismus
Das sozio-kulturelle Radio soll sicher nicht aggressiver werden. Aber wir sollten eine persönliche Note in das Medium bekommen. Der Hörer soll unser Programm klar von anderen Angeboten unterscheiden und sofort erkennen können, sobald er die Nachrichten bei uns eingeschaltet hat, dass er das sozio-kulturelle Radio hört.
Wir müssen natürlich auch weg vom Verlautbarungsjournalismus, weniger Kommuniqués verarbeiten und nicht mehr wahllos jede Pressekonferenz abdecken. Stattdessen sollten wir eigene Akzente setzen, offensiv an verschiedene Themen herangehen, auch selbst Themen in den Vordergrund stellen, die uns wichtig für das gesellschaftliche und politische Leben in Luxemburg erscheinen. Wir müssen aktiv werden und nicht nur reagieren. Wenn das das Nachrichtenprogramm peppiger oder aggressiver machen
sollte, kann ich mit Ihren Worten leben. Jedenfalls habe ich nicht vor, Einschläferungsjournalismus zu betreiben und hoffe, auch ein wenig eine aufklärerische Funktion erfüllen zu können.
forum: Erwarten Sie sich eine breitere oder eine andere Zuhörerschaft!
Linster: Natürlich erhoffe ich mir eine größere Zuhörerzahl, denn es ist ganz klar, dass das sozio-kulturelle Radio zu wenig Zuhörer hat. Woran das liegt, kann ich zur Zeit noch nicht sagen, aber wahrscheinlich liegt es einfach daran, dass der Sender noch zu wenig bekannt ist. Viele Leute, die etwa mit RTL Schwierigkeiten haben, wissen einfach nicht, dass sie mit dem sozio-kulturellen Radio eine Alternative haben. Das wird sich sicherlich nur langsam ändern.
Auch die politisch Verantwortlichen sollten sich bewusst sein, dass es nicht damit getan ist, ein sozio-kulturelles, öffentlich-rechtliches Programm einzurichten, und es dann nur mit einem Budget auszustatten, das z.B. eine richtige Werbekampagne nicht zuläßt. Nur mit einer großen Werbekampagne lassen sich Hörergewohnheiten verändern. Ansonsten brauchen wir nämlich den Vergleich mit RTL und DNR in vielerlei Hinsicht nicht zu scheuen. Oft haben wir eine breitere Themenpalette, ausführlichere Nachrichten, die zum Teil auch ein wenig tiefer gehen. Doch viele Leute – selbst informierte und interessierte Menschen – kennen unser Programm gar nicht. Sie wissen oft überhaupt nicht, was sozio-kulturelles Radio ist.
forum: Was ist denn sozio-kulturelles Radio? Wie würden Sie heute – mehr als fünf Jahre nach Gründung des Senders – den Auftrag des sozio-kulturellen Radios formulieren!
Linster: Ich möchte für den Bereich antworten, für den ich selber die Verantwortung trage, d.h.
Cartoon: Olivier John
"Viele Leute, die etwa mit RTL Schwierigkeiten haben, wissen einfach nicht, dass sie mit dem sozio-kulturellen Radio eine Alternative haben."
"Ich wehre mich vehement gegen die Vorstellung, dass wir ein Hörfunkprogramm für Intellektuelle und Lehrer sind. ‚Socio-culturelle‘ heißt nicht Nischenprogramm, heißt nicht Minoritätenprogramm und heißt auch nicht Programm für Eliten."
im weitesten Sinne für die Informationssendungen. Dort sehe ich eine der Hauptaufgaben des sozio-kulturellen Radios darin, Nachrichten ausführlich zu bearbeiten, mit genügend Zeit an ein Thema heranzugehen und Schwerpunkte zu setzen – d.h. nicht unbedingt der Aktualität hinterherzuhecheln, sondern Themen aufzugreifen, sie aufzuarbeiten, inhaltlich in die Tiefe zu gehen und den Hörer umfassend zu informieren mit Hintergründen, Analysen und Kommentaren.
Ein Radio für alle
forum: Was ist eigentlich Ihr Zielpublikum? Die gesamte Bevölkerung oder nur ein bestimmtes Segment?
Linster: Ich möchte zumindest mit den Nachrichtensendungen alle Leute, jeden potenziellen Hörer ansprechen. Vielleicht wird das ein andauernder Spagat, aber ich erwarte, dass unsere Nachrichtensendungen so gemacht sind, dass sie Leute aus den unterschiedlichsten Berufen und sozialen Gruppen interessieren. Ich wehre mich vehement gegen die Vorstellung, dass wir ein Hörfunkprogramm für Intellektuelle, Lehrer oder eine bestimmte soziale Klasse oder Berufsgruppe sind.
forum: Ist dieser Anspruch realistisch, wenn man bedenkt, dass Ihre Nachrichtensendungen in einem Programmumfeld platziert sind, das sich ja gerade nicht an das allgemeine, breite Publikum richtet?
Linster: Wer behauptet, dass sich dieses Programmumfeld nicht an ein breites Publikum wendet?
forum: Die Zahlen scheinen das doch auszusagen.
Linster: Dann behaupte ich, dass wir eine große Werbekampagne machen müssen, um daran etwas zu ändern. Das Problem liegt nicht an den Inhalten.
forum: Vergleichbare Sender im Ausland, die längst etabliert sind, haben ja auch keine großen Zuhörerzahlen.
Linster: Ich möchte ja auch nicht RTL Konkurrenz machen. Ich möchte nur ein möglichst breites Publikum ansprechen. Die Nachrichten sollen so gestaltet sein, dass sie sich zwar auf einem gewissen Niveau bewegen, dass aber auch der sogenannte Durchschnittsbürger die Hintergründe versteht und erkennt, worum es geht.
forum: Sie möchten also dieselben Menschen ansprechen, die auch RTL anspricht?
Linster: Warum nicht?
forum: Aber selbst wenn es ein sehr großes Publikum für ausführliche Informationssendungen und Hintergrundberichte gäbe – was noch zu beweisen wäre – besteht dann nicht trotzdem ein Hindernis für eine Ausweitung der Zuhörerzahlen darin, dass diese Informationssendungen in einem redaktionellen und inhaltlichen Umfeld angeboten werden, das geprägt ist durch klassische Musik und wortlastige Magazinsendungen?
Linster: Erstens bietet unser Programm nicht nur Klassik, sondern quer durch den Garten sehr unterschiedliche Musik von Jazz bis Klassik. Zum anderen höre ich aus Ihrer Frage einen gewissen mépris, einen Dünkel gegenüber dem Zuhörer heraus. Ihre Argumentation scheint den Zuhörer nicht ganz ernst zu nehmen und ihn zu unterschätzen. Wie übrigens auch einige Rundfunkprogramme in diesem Land tatsächlich den Zuhörer unterschätzen.
forum: Da geben wir Ihnen gerne Recht. Trotzdem fragen wir uns, ob man nicht realistischerweise sein Zielpublikum und die Bedingungen, unter denen man arbeitet, im Auge behalten sollte. Ihr redaktionelles Umfeld gehört zu diesen Bedingungen.
Linster: Noch einmal: Mein Zielpublikum ist nicht Bac+4.
forum: Sollte man nicht trotzdem besser eine Nische gut besetzen, als in Luxemburg neben RTL und DNR ein weiteres Vollprogramm anbieten?
Linster: – das aber trotzdem eine Alternative zu den anderen Sendern im Lande darstellt. Ich wehre mich auch gegen die Aussage, dass das sozio-kulturelle Radio ein Nischenprogramm sei.
forum: Genau das gibt das Gesetz aber doch vor: La radio ‚organisera des programmes à finalités socio-culturelles‘. Das ist doch eine Einschränkung!
Linster: ‚Socio-culturelle‘ heißt nicht Nischenprogramm, heißt nicht Minoritätenprogramm und heißt auch nicht Programm für Eliten. Der Gesetzgeber hat den Begriff ’socio-culturelle‘ ja auch nicht näher definiert. Ich denke, dass kaum ein Bereich unseres Lebens durch diese ‚Einschränkung‘ wirklich ausgeschlossen wird.
Ein Programm mit Nutzwert
forum: Das erklärt dann auch, dass Sie jetzt Sport- und Verkehrsmeldungen in das Nachrichtenprogramm aufgenommen haben.
Linster: Die Fußballeruropameisterschaft war bislang das erste und einzige Sportereignis, über das wir berichtet haben. Dahinter stand die Überlegung, dass man kaum während Wochen diese internationale Sportveranstaltung ignorieren
kann, um dann plötzlich, wenn eventuell über massive Ausschreitungen von Hooligans berichtet werden muss, unsere Hörer damit zu überraschen.
Staumeldungen und Verkehrsnachrichten sind in meinen Augen ein zusätzlicher Service für den Hörer, genau wie die Information, welche Apotheken und Krankenhäuser gerade geöffnet sind.
forum: Das sozio-kulturelle Radio ist doch nicht darauf angelegt, einen Nutzwert zu bieten! Weder France Culture noch die deutschen Kultursender kennen so etwas.
Linster: Und was stört sie an einer Verkehrsmeldung?
forum: Nur das Prinzip.
Linster: 30 Sekunden Staumeldung beeinträchtigten Ihrer Ansicht nach das ganze Programm?
forum: Nein. Aber die eventuell dahinterstehende Haltung der Selbstkommerzialisierung. Sie versuchen anderen Sendern Hörer abzuwerben mit Elementen, die dort zwar erfolgreich sind, aber nicht zu Ihrem eigentlichen Auftrag gehören.
Linster: Ich sehe das nicht so. Für mich besteht kein Widerspruch darin, zuerst eine Staumeldung zu bringen und im Anschluss eine Sendung über Philosophie oder etwas ähnliches.
Welches Bild der Realität wird vermittelt?
forum: Glauben Sie, dass RTL ein bestimmtes Bild der Luxemburger Gesellschaft reflektiert und das sozio-kulturelle Radio ein anderes? Gibt es da Unterschiede und wenn ja, wie würden Sie diese Bilder charakterisieren?
Linster: Zu RTL möchte ich hier nichts sagen. Ich glaube aber schon, dass das sozio-kulturelle Radio einen bestimmten Ausschnitt der Luxemburger Realität vermittelt, aber wohl nur einen Ausschnitt. Mehr als einen Ausschnitt der Realität lässt sich sowieso nicht vermitteln.
forum: Um welchen Ausschnitt handelt es sich? Könnte man sagen, dass es sich um den sozial engagierten und kulturell interessierten Teil der Luxemburger Gesellschaft handelt?
Linster: Ja, vorausgesetzt, dass wir uns einig sind über die Definition von "sozial engagiert und kulturell interessiert". Aber selbst dort gelingt einem nur eine Auswahl.
forum: Ich befürchte, dass damit nun doch Ihr Zielpublikum definiert ist. Denn ein Programm, das diesen Ausschnitt der Realität widerspiegelt, wird sich auch in erster Linie an Menschen richten, die selber sozial engagiert und kulturell interessiert sind.
Linster: … und die sind dann vielleicht auch froh, im richtigen Augenblick eine Staumeldung zu erhalten!
Professionalität und Sprache
forum: Glauben Sie, dass Sie Ihre Vorstellungen von professionelleren Nachrichtensendungen mit dem bestehenden Team umsetzen können.
Linster: Ich hoffe es. Nach meiner Analyse gibt es keine Defizite bei den Inhalten, sondern nur bei der Umsetzung.
forum: Wie gedenken Sie z.B. den Defiziten Ihrer Mitarbeiter hinsichtlich Aussprache und korrekter Verwendung des Luxemburgischen zu begegnen?
Linster: Ich bin mir der Problematik bewusst. Gerade zur Zeit laufen Sprechkurse, d.h. Kurse in Diktion und Aussprache. Und was die korrekte Verwendung des Luxemburgischen anbelangt, prüfe ich noch, wie wir intensiver daran arbeiten können. Wenn ich mir anhöre, wie heute Kinder und Jugendliche insbesondere durch den Einfluss des deutschen Fernsehens Luxemburgisch sprechen – etwa zunehmend die deutsche Syntax verwenden, dann denke ich mir, dass es zu unserem besonderen Auftrag gehört, sich diesen Entwicklungen entgegenzustellen.
Aber die Mitarbeiter sind nicht unser Problem. Die Strukturen müssen professioneller werden. Unsere technischen Einrichtungen, auch unsere Informatikausstattung sind auf einem völlig unbefriedigenden Niveau. Es entstehen Situationen, die für einen professionellen Sender nicht akzeptabel sind. Das gesamte Umfeld muss einfach professioneller werden. Auch ein zusätzlicher Mitarbeiter in der Redaktion – wir sind zur Zeit acht fest angestellte Redakteure – würde die Arbeitsbedingungen erheblich verbessern. Wir brauchen darüber hinaus mehr finanzielle Mittel, um freie Mitarbeiter zu bezahlen. Die Redaktion macht ja nicht nur drei 25-minütige Nachrichtensendungen, sondern produziert täglich ein Dossier von etwa zehn Minuten und von Montag bis Samstag weitere halbstündige Magazinsendungen. Setze ich einen Vollangestellten auf ein Dossier an, fehlt er während ein bis anderthalb Tagen im täglichen Geschäft. Setze ich einen Freelance darauf an, kostet mich das Geld, das ich nur sehr begrenzt habe.
Ich gebe zu, dass auch die Mentalitäten zum Teil professioneller werden müssen. Unser Programm darf sich einfach nicht mehr nach Schü-
"Man sollte sich auf politischer Ebene einmal die Frage stellen, was man mit diesem Hörfunkprogramm will, und wenn man sich entschieden hat, dann sollte man auch die nötigen Mittel bereitstellen. So leid es mir tut, Hörfunkmachen kostet nun einmal Geld!"
lerradio anhören, denn das ist heute noch manchmal der Fall.
forum: Welche Summen bräuchten Sie, um Ihre Ziele zu verwirklichen? Bzw. welche Strukturen bräuchten Sie, um Ihre Arbeit machen zu können?
Linster: Man sollte sich auf politischer Ebene einmal die Frage stellen, was man mit diesem Hörfunkprogramm will, und wenn man sich entschieden hat, dann sollte man auch die nötigen Mittel bereitstellen. So leid es mir tut, Hörfunkmachen kostet nun einmal Geld! Wir sind ein 24 Stunden-Vollprogramm und machen unter anderem drei 25-minütige Nachrichtensendungen. Aber das Umfeld, die Arbeitsbedingungen, die finanzielle Ausstattung, die gesamten Strukturen sind nicht angepasst worden, als vor einigen Jahren von einem Halbtagprogramm auf ein Ganztagsprogramm umgestellt wurde.
forum: Der Premierminister hat vor knapp einem Jahr bei der Feier zum fünfjährigen Bestehen des sozio-kulturellen Radios erklärt, er wäre stolz darauf, dass sich Luxemburg so ein Programm leisten könne. Leistet sich Luxemburg dieses Programm Ihrer Ansicht nach nur zur Hälfte?
Linster: Es war keine ganze Entscheidung!
forum: Fehlt diesem Sender eigentlich immer noch der politische Rückhalt?
Linster: Ich habe den Eindruck, dass das Desinteresse der Politik am sozio-kulturellen Radio abnimmt. Sowohl von Politikern aus den Regierungsparteien als auch aus der Opposition habe ich nach meinem Wechsel zum sozio-kulturellen Radio gehört, dass sie sich für diesen Sender einsetzen wollen. Ob das nun Floskeln waren, um mir Mut zu machen, wird sich zeigen müssen. Andererseits hat mir auch ein Politiker knallhart gesagt, dass ich in meiner heutigen Position nicht mehr interessant für ihn bin. Wahrscheinlich sagt das aber mehr über den Betreffenden aus als über das sozio-kulturelle Radio…
forum: Ist es eine Hypothek für den Sender, dass seine Gründung auf eine Initiative der LSAP zurückgeht, d.h. genauer auf den damaligen Kulturminister Robert Krieps? Leidet der Sender heute unter dieser Vaterschaft?
Linster: Ich habe nicht diesen Eindruck. Das einzige, was ich mir in diesem Zusammenhang wünschen würde, wäre, dass sich die LSAP mehr für diesen Sender einsetzen würde…
forum: Auf dem Papier, durch das Gesetz wird Ihre Arbeit durch viele Instanzen kontrolliert. Sie haben einen Verwaltungsrat, der mehrheitlich von Beamten besetzt ist, eine Programmkommission, ein Regierungskommissar, diese übergeordnete, unabhängige Rundfunk-Kommission und schließlich einen Direktor über Ihnen. Wie groß sind Ihre Freiräume in der Praxis?
Linster: Bislang habe ich keinerlei politischen Druck oder Druck von seiten des Verwaltungsrates oder irgendeines Aufsichtsgremiums gespürt. Und das obwohl wir schon Sachen gesendet haben, die sicherlich nicht jedem gefallen haben. Vielleicht ist das zur Zeit nur eine Art Honeymoon-Stimmung, aber mir scheint, dass ich eine relativ große redaktionelle Freiheit genieße.
Keine Konkurrenz durch Radio Ara
forum: Wie positionieren Sie das sozio-kulturelle Radio eigentlich im Verhältnis zu Radio Ara. Sehen Sie da eine Aufgabenverteilung oder haben Sie überhaupt keinen Bezug zu Radio Ara?
Linster: Ich persönlich höre ab und zu Radio Ara und finde es gut für das Meinungsspektrum und die Sendevielfalt, dass es dieses Programm gibt. Für mich ist Radio Ara aber ein Nischen- und Minoritätenprogramm und gewinnt daraus seine Daseinsberechtigung. Radio Ara ist für uns – übrigens genauso wie RTL – keine Konkurrenz. A propos Konkurrenz: Ich würde mir wünschen, dass man mehr zusammenarbeiten würde und z.B. auch Themen aufgreift, die ein anderer Sender gebracht hat und nicht aus purer Eitelkeit darauf verzichtet. Das würde die Resonanz sicherlich vergrößern.
forum: Eine ganze Reihe von Ihren aktuellen und früheren Mitarbeitern kommt ursprünglich von Radio Ara und hat dort erste Radioerfahrung gesammelt, auch eine Reihe von inhaltlichen Konzepten wurden zuerst bei Radio Ara ausprobiert und fanden dann ihren Weg zum sozio-kulturellen Radio. Wäre es nicht an der Zeit, dass die Leistung und die Vorarbeiten von Radio Ara in Ihrem Hause hin und wieder anerkannt würden? Statt dessen hat man den Eindruck, dass das sozio-kulturelle Radio mit dem kleinen, illegitimen Bruder nichts zu tun haben möchte.
Linster: Ich persönlich erkenne die Leistung von Radio Ara an. Aber ich sehe auch kein Problem darin, wenn jemand, der seine Ausbildung im sozio-kulturellen Radio gemacht hat, dann z.B. zu RTL wechselt. Das ist doch für alle bereichernd.
forum: Das Problem entsteht doch dadurch, dass Radio Ara, das ja auch kein kommerzieller Sender ist, im Gegensatz zu Ihrem Sender keine staatliche Unterstützung erhält und über keinerlei Ressourcen verfügt. Das Beispiel der Schülersendungen ist da besonders frappierend. Das Konzept wurde von Radio Ara vor Jahren entwickelt, mittlerweile hat das sozio-kulturelle Radio ein ähnliches Programm, erhält aber dafür eine zusätzliche staatliche Subvention von drei Millionen Franken über sein eigentliches Budget hinaus. Radio Ara macht das gleiche seit Jahren ohne eine finanzielle Unterstützung des Staates.
Linster: Da sollten Sie die zuständigen Regierungsstellen fragen, warum das so ist.
forum: Können Sie uns Angaben zur Entwicklung der täglichen Hörerzahlen machen?
Linster: Nein, ich habe keine aktuellen Zahlen. Das ist nicht schlechter Wille, sondern sie liegen mir nicht vor.
forum: Gehörten Sie eigentlich früher zu den Stammhörern des sozio-kulturellen Radios.
Linster: Ich habe sehr oft die Nachrichten abends gehört. Auch mittags habe ich oft aus professionellen Gründen reingehört, um mir ein Bild zu machen, was das sozio-kulturelle Radio für Themen brachte. Ich kannte also das Programm und wußte, auf was ich mich einlasse.
Die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Luxemburg
forum: Um noch einmal zum Umfeld zurückzukommen: Es ist sicherlich eine Schwierigkeit für das sozio-kulturelle Radio, dass es in Luxemburg anders als im europäischen Ausland keine Tradition des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gibt. Dass man für Rundfunk – oder fürs Fernsehen – Geld zahlen muss, sei es als Steuern oder durch Gebühren, ist im Bewußtsein der Menschen hier nicht verwurzelt. Die audiovisuellen Medien waren bei uns im Land immer kommerziell ausgerichtet.
Linster: Ja, im Ausland ist es genau umgekehrt verlaufen: Zuerst gab es die öffentlich-rechtlichen Sender und dann erst kamen die kommerziellen Sender.
forum: Wäre es denkbar, dass diese Entwicklung weitergeht, wenn das große Mutterhaus von RTL, die Gruppe CLT/Ufa/Pearson genannt RTL Group, schließlich jegliches Interesse an seinem lokalen Nischenprogramm verliert? Vielleicht wird dem Luxemburger Staat dann dieses Ei irgendwann wieder in den Schoß zurückgelegt.
Linster: Ja, dieses Szenario kann ich mir mittelfristig sehr gut vorstellen.
forum: Könnte es dann nicht zu einer Fusion von RTL und sozio-kulturellen Radio kommen?
Linster: Ich gehe nicht davon aus, dass die Luxemburger Regierung zwei verschiedene, komplett getrennte Hörfunkanstalten finanzieren wird oder würde.
forum: Besten Dank, Herr Linster, für dieses Gespräch!
(Das Interview mit Marc Linster führten Romain Kohn und Jürgen Stoldt am 21. Juli 2000)
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