Warum ich Buddhistin bin
Selbstdarstellung einer Buddhistin in Luxemburg
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‚Ich sage nur meinen engsten Freunden und Angehörigen, dass ich Buddhistin bin, und das ist auch der Grund, weshalb ich hier nicht mit meinem Namen unterzeichne. Vor einigen Jahren, als ich mich dem Buddhismus zuwandte, habe ich zu viele neugierige Fragen erhalten. Ich habe keine Lust, als Exotin zu gelten, denn mein Buddhist-Sein hat für mich nichts Exotisches…
Photo: Wolfgang Osterheld
Man hat mich gefragt, welcher Richtung des Buddhismus ich mich zugehörig fühle. Da habe ich schon die ersten Schwierigkeiten der Selbstdefinition vor anderen: Mir bedeutet der Buddhismus insgesamt viel. Ich habe viel aus Büchern über Zen gelernt, besonders die buddhistische Lehre, dass man sich nicht an Konzepte und Theorien von der Wirklichkeit hängen soll, sondern dass es darum geht, die Wirklichkeit unmittelbar zu erleben. Ich habe bei einem Mönch des Theravada einen Meditationskurs gemacht, bei dem ich lernte, mich in meinem Sitzen, Atmen, Denken und Fühlen als das zu erfahren, was ich bin. Er zeigte mir, wie ich alles dies, was ich zu sein scheine, ganz objektiv und nüchtern erleben kann, also Abstand von mir selbst, meinem gierigen und aufbrausenden Ich nehmen kann, und das hilft mir im
Alltag sehr. Ich bin ruhiger geworden, seit ich Buddhistin bin und lebe mehr oder weniger ohne Angst vor Alter, Krankheit und Tod. Ich habe dann bei einem tibetischen Mönch, dessen Seminar ich in Bonn besuchte, meine ‚Zuflucht‘ genommen, um Buddhistin zu werden. Unter der ‚Zufluchtnahme‘ versteht man im Buddhismus, dass man vor einem Mönch oder Priester die Worte spricht: ‚Ich gehe um Zuflucht zum Buddha, seiner Lehre und seiner Gemeinschaft.‘ Wenn man dies dreimal ausgesprochen hat, ist man Buddhist. Aber das bedeutet nicht, dass ich damit an eine bestimmte Kirche oder Organisation gebunden wäre. Ich bin ganz frei in der Wahl meiner Lehrer und kann sie mir aus allen buddhistischen Richtungen aussuchen. Es würde mir sogar niemand verbieten, zu religiösen Lehrern zu gehen, die keine Buddhisten sind.
Solche Einschränkungen kann es nur geben, wenn jemand als Mönch selbst zum buddhistischen Lehrer ausgebildet wird und sein Meister eine bestimmte Konzentration fordert.
Viele meiner Freunde aus der buddhistischen Szene machen es wie ich, dass sie Lehrer aus verschiedenen Richtungen besuchen, um bei ihnen zu lernen. Wir denken, dass man in Europa nicht unbedingt eine bestimmte Richtung aus Asien übernehmen, sondern das Beste aus dem ganzen Buddhismus auswählen sollte. Auf diese Weise wird ein europäischer Buddhismus im Laufe der kommenden Jahre entstehen, wie auch ein chinesischer, tibetischer und japanischer Buddhismus entstanden ist. Niemand schrieb den Menschen dieser Länder vor, indische Dinge zu übernehmen, obwohl der Buddhismus aus Indien zu ihnen kam. Die absolute Freiheit dieser Wahl ist ein wichtiger Grund, weshalb ich Buddhistin bin. Keiner macht mir grundsätzliche Vorschriften. Natürlich gibt es auch Verpflichtungen, die man eingeht. Oft, wenn man von einem tibetischen Lama die Einweihung in eine meditative Übung und die damit verbundenen Belehrungen erhält, ist dies mit dem Gelöbnis verbunden, diese Übung in einer bestimmten Anzahl oder Frequenz, etwa täglich oder wöchentlich, auch tatsächlich zu praktizieren. Wenn man dies dann nicht tut, also sein Versprechen bricht, gilt dies als unheilsam. Man schafft sich negatives Karma, das sich auf die künftigen Leben auswirkt. Aber in der Wahl, ob und bei welchem Lehrer ich solche Versprechen eingehe, bin ich vollkommen frei.
Die Lehre von den wiederholten Leben, die ich gerade erwähnte, ist mir auch sehr wichtig im Buddhismus. Ich habe die christliche Idee nie verstehen können, dass die Menschen, obwohl sie doch alle mit so unterschiedlichen Voraussetzungen geboren werden, nur ein Leben zur Bewährung haben und sie dann für eine Ewigkeit gerichtet werden. Da erscheint mir die buddhistische Anschauung, die ein Auf und Nieder der Wiedergeburten kennt und jedem Zeit und viele Chancen zur Bewährung lässt, sehr viel humaner. Auch wenn ich das früher bestritten hätte, würde ich heute sagen, dass meine Entscheidung für den Buddhismus auch eine Entscheidung gegen die katholische Kirche war. Ich habe nichts gegen die Kirche und lasse jedem seinen Glauben. Aber die Freiheit, die ich im Buddhismus erfahren habe, gibt es nach meiner Auffassung in den europäischen Kirchen nicht.
Was mich fasziniert, und was mir am Anfang gar nicht so bewusst war, obwohl ich glaube, dass es mich auf einer tieferen Ebene angezogen hat, das ist die selbstbestimmte Ethik des Buddhismus. Kein Gott richtet mich am Ende meiner Tage endgültig für das, was ich getan habe, um mich für immer mit dem Himmel zu belohnen oder auf ewig zur Hölle zu schicken. Ich selbst gestalte mein Schicksal, so wie ich an mir arbeite und mich gegenüber anderen verhalte, wird mein Weg nach dem Tod weitergehen. Ich bin nicht gezwungen, bestimmte Glaubenssätze anzunehmen, bin nur mir selbst, meinem Gewissen verantwortlich. Ich weiß, dass es in den buddhistischen Ländern auch viel religiösen Zwang gegeben hat. Aber da sind wir im Buddhismus in Europa in einer besseren Position, weil wir uns das Beste aus dem asiatischen Buddhismus nehmen und in neue Formen bringen können, die für uns geeignet sind.
Die Freiheit des Buddhismus kommt auch noch auf einer anderen Ebene zum Ausdruck: Verglichen mit der katholischen Kirche, die mir die Scheidung verbietet, die mich, wenn ich es trotzdem tue, von den Sakramenten ausschließt, die mir vorschreibt, wie ich meine Kinder erziehen soll, greift im Buddhismus niemand in mein Leben ein. Ich war auf sehr vielen Seminaren
mit buddhistischen Mönchen, deren Lehren ich empfangen habe. Keiner hat sich jemals für meine äußeren Lebensumstände interessiert. Worum es ging, war immer nur die selbstverantwortliche spirituelle Entwicklung. Und was der Buddhismus da an Meditationsformen und ethischen Hilfestellungen anbietet, wirkt sich so sicher in einer heilsamen Weise auf das Leben in der Familie und bei der Arbeit aus, dass sich für mich die Wahrheit des Buddhismus eigentlich von selbst beweist. Glaubt nichts, hat der Buddha einmal seinen Mönchen geraten, nehmt nichts an, nur weil ich es sage oder irgendeine andere Autorität, sondern geht einzig und allein nach eurer Erfahrung. Das ist eine grundlegende buddhistische Empfehlung.
Manchmal werde ich von meinen guten Freunden, die keine Buddhisten sind, gefragt, ob mich nichts am Buddhismus störe, ob ich wirklich nur ein ‚begeisterter Fan‘ bin, denn wenn ich zum Beispiel vom Dalai Lama spreche, den ich sehr verehre, dann kann das für Außenstehende vielleicht etwas nach Schwärmerei klingen. Und wenn ich es richtig bedenke, dann stört mich tatsächlich nichts an der buddhistischen Lehre, soweit ich sie kenne, und ich treffe unter buddhistischen Lehrern viele eindrucksvolle und spirituell verwirklichte Menschen. Das einzige, was mich am
konkreten Buddhismus, wie er jetzt in Europa entsteht, manchmal ein wenig stört, ist die Tatsache, dass die einzelnen Leute und Gruppen oft untereinander nicht gut auskommen.
Viele überreifrige buddhistische Schüler übernehmen Streitigkeiten, die ihre Lehrer vielleicht aus politischen Gründen in Asien miteinander haben, aber die uns in Europa eigentlich nicht kümmern sollten, wenn es uns um die gute Essenz der buddhistischen Lehre geht. Ich habe es in buddhistischen Gruppen in Deutschland und Frankreich erlebt, die der Kagyü-Richtung des tibetischen Buddhismus angehören, dass sich Menschen wegen der Frage verfeinden, wer der echte Karmapa [ein hoher Würdenträger, dessen Amt gegenwärtig zwei konkurrierende ‚Wiedergeburten‘ beanspruchen A.d.R.] sein soll. Ich finde, aus all dem muss man sich heraus halten und nur die Lehre suchen. Doch wenn es für Buddhisten in Europa wichtig wird, an welchen Lehrer sie sich halten, dann können vielleicht auch Fragen nach den wahren Wiedergeburten bedeutend werden. Ich will es nicht ganz abtun. Aber prinzipiell gilt, dass auch der Buddhismus von Menschen gemacht wird, die immer fehlbar sind. Die Wahrheit und Wirksamkeit der Lehre mindert das nicht.‘
forum dankt der Autorin sehr herzlich für ihren Beitrag.
Photo: Wolfgang Osterheld
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