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Wer sich auch nur ein bisschen für das Thema Universität Luxemburg interessiert, müsste gehört haben, dass die Verantwortlichen im Hochschulministerium ganz besonderen Wert auf die Forschung legen, die in Zukunft dort stattfinden soll. In einem Télécom-Interview (Nr. 50/7.-13.12.2002) nannte die Ministerin Erna Hennicot-Schoepges die ‚Symbiose aus Forschung und Lehre‘ als einen der Haupttrümpfe der neuen Universität.

Hieronymus
von Busleyden

Die Aussage, die man so oder ähnlich in vielen Stellungnahmen aus dem Ministerium hört oder liest, überrascht in zweifacher Hinsicht: 1. Wieso soll diese Banalität, ohne die es einfach keine Universität gibt, ein wichtiger Trumpf sein? 2. Hat es denn etwa bislang an Centre Universitaire (CUnLux), Institut Supérieur de Technologie (IST) usw. keine Forschung gegeben?

Wer eine Antwort auf letztere Frage haben will, braucht nur die Bestandsaufnahme und die Zukunftsperspektiven für den Bereich der historischen Forschung am CUnLux zu lesen, die Michel Pauly in einem 1999 redigierten Beitrag für den Sammelband „L’Avenir universitaire du Luxembourg“ geschrieben hat¹. Und für das IST sei auf die ‚Jeudis de l’IST‘ verwiesen, bei denen regelmäßig Lehrer-Forscher des IST über ihre Arbeit und deren Ergebnisse vortragen.

Die beachtliche Leistung etwa der Mittelalter-Forschung, die das Centre Luxembourgeois de Documentation et d’Études médiévales (CLUDEM) aufzuweisen hat und die an ausländischen Universitäten allzu oft den Namen des CUnLux überhaupt erst bekannt gemacht hat, oder die Kolloquien, die das von Charles-Marie Ternes im Bereich der Alten Geschichte gegründete SEMANT (Séminaire d’Études Anciennes) seit Jahren für Historiker und Archäologen organisiert, sind in der Tat in Luxemburg weniger beachtet worden als im Ausland. Immerhin hat aber das CLUDEM 1997 in Luxemburg den Lions-Preis bekommen.

Keine Forschungsdeputate …

Nun ist zu hören, dass beide Organisationen ihre Forschungstätigkeit eingestellt haben². Das CLUDEM, z. B., hat seine reichhaltige wissenschaftliche Bibliothek vom Limpertsberg nach Echternach abgezogen. Seine Mitarbeiter, alle Gymnasiallehrer, konnten ihre Forschungstätigkeit bis-

lang fast ausschließlich dank des Gesetzes von 1987 über ‚Recherche et Développement‘ ausüben, das ihnen eine begrenzte Freistellung vom Schulunterricht ermöglichte und damit die notwendige intellektuelle Ruhe gab, um sich in ein Forschungsthema zu vertiefen. In andern Worten: das 1987 geschaffene System hatte endlich Arbeitsbedingungen geschaffen, die auch in Luxemburg professionelle Forschung ermöglichten, und damit den ganzen Unterschied zu Amateurhistorikern verdeutlicht, wie viel guten Willen diese auch immer aufbringen mögen³. Das Resultat waren etwa 16 z. T. dickleibige Bände der ‚Publications du CLUDEM‘ in 15 Jahren. Man wird also wohl kaum behaupten können, die Leute hätten ihre Freistellung für Sport oder Faulenzen missbraucht. Seit Herbst 2002 ist diese Freistellung vom Hochschulministerium verboten worden. Frau Hennicot im schon zitierten Télécom-Interview: „Das System der ‚décharges‘ wird aber abgeschafft. In Zukunft ist man entweder Professor an der Uni oder Lehrer im Gymnasium. Wer beides machen will, muss sehen, wie er klar kommt.“

Gründe für diese radikale Maßnahme werden keine angegeben, auch nicht in der Antwort auf eine diesbezügliche parlamentarische Anfrage⁴ der LSAP-Abgeordneten Macy Delvaux von Mai 2002. Die Betroffenen – unseren Informationen zufolge am CUnLux insgesamt sechs Historiker und zwei Physiker⁵ – wurden auch nicht im voraus informiert, geschweige denn um Stellungnahme gebeten. Eine sehr flexible, für den Staatshaushalt fast kostenfreie Regelung, um deretwegen ausländische Forscher Luxemburg beneidet haben, wurde im Dienstzimmer eines Ministeri-

Hinter dem Pseudodym Hieronymus von Busleyden – dem Namen des aus einer Arloner Schöffenfamilie stammenden Mitglieds des Großen Rats von Mechelen, der 1517 das Collegium Trilingue an der Universität Löwen gründete – steckt eine Gruppe von Professoren am CUnLux.

Life-long-learning
bleibt ein
Schlagwort, mit
dem Politiker
Schaum schlagen,
um die selbst
verschuldete
Verhinderung von
akademischer
Weiterbildung zu
vertuschen.

albeamten abgeschafft. Die einzige Erklärung, die hier und da zu vernehmen war, lautete, im Ausland gebe es auch die Vermischung von Hochschul- und Gymnasiallehrer nicht. Eine nicht nur falsche Behauptung – in Deutschland gibt es durchaus Studienräte im Hochschuldienst und in Frankreich sind die sog. agrégés per definitionem in beiden Ausbildungsinstitutionen tätig – sondern auch eine mehr als kurzsichtige, denn damit wird genau das verhindert, was angeblich das Ziel der neuen Universität sein soll: Forschung auf höchstem Niveau, von Leuten, die das Bischen Zeit haben, neben Lehre und Verwaltungskram, das sie brauchen, um mit klarem Kopf neue Konzepte zu entwickeln, empirisch – etwa bei Archivbesuchen – zu überprüfen und anschließend ihre Gedanken aufs Papier zu bringen.

Allein der Besuch von Archiven und Bibliotheken wird den von der Maßnahme betroffenen Historikern unmöglich gemacht, denn wer wieder voll in den Schuldienst muss und nur noch am Samstag und Sonntag Freizeit genießen darf, kommt in kein Archiv rein: Außer dem Nationalarchiv am Samstagvormittag haben alle Archive in In- und Ausland am Wochenende geschlossen. Von solch ganz konkreten Problemen hat man im Ministerium natürlich keine Ahnung. Man spricht deswegen ja auch lieber nicht mit den Betroffenen und frühzeitige Memoranden und Resolutionen der Professorenschaft, die vor den katastrophalen Konsequenzen für die Forschung warnten, liest man nicht.

Aber auch die Einführung eines nationalen wissenschaftlichen Nachwuchses in die Forschertätigkeit wird damit verhindert, denn für 25 Euro pro Stunde findet sich kein junger Gymnasiallehrer, um in seiner Freizeit an Forschungsprojekten mitzuarbeiten und so langsam die wissenschaftliche Qualifikation zu gewinnen, die er braucht, um den Schritt zum Doktorat zu wagen. Das life-long-learning bleibt für sie ein Schlagwort, mit dem Politiker(innen) Schaum schlagen, um die selbst verschuldete Verhinderung von akademischer Weiterbildung zu vertuschen. Statt die Vermehrung von Doktoranden als Bereicherung für die nationale Gemeinschaft zu fördern, werden die Betroffenen eher des Karrierismus verdächtigt und in ihrem Vorhaben behindert.

… und keine Posten für Forschung

Von Forschungsgruppen, Voraussetzung einer kritischen Masse zur erfolgreichen Bewältigung echter Forschungsprojekte, wie es sie zumindest im Bereich der historischen Wissenschaft während 15 Jahren in Luxemburg gab, kann keine Rede mehr sein.

Centre Universitaire

Ersatz versprach die Ministerin in ihrer parlamentarischen Antwort durch die Schaffung von zwei (2!!) Vollzeit-Forscher-Posten (für fünf Fachbereiche, von denen allein der geisteswissenschaftliche schon elf Sektionen zählt): "A partir de la rentrée académique, au moins 1600 heures de recherche seront affectées dans le cadre de deux affectations à un poste au Centre Universitaire …". Das klang (fast) vielversprechend, wenn es auch keinen vollwertigen Ersatz für die Halb- oder Viertelzeit-Forscher aus Gymnasialkreisen bot. Für Forscherposten würde man nämlich vorrangig auf Anfänger zurückgreifen müssen, auf frisch gekürte Akademiker, die noch keinen anderen Beruf haben, hauptsächlich Ausländer, wie die Erfahrung in den Centres de Recherche Publics (CRP) zeigt, da Luxemburger sicherere Arbeitsplätze bevorzugen. Ihnen fehlt aber die Erfahrung, die etwa ein Historiker braucht, um z. B. eine ausführliche Geschichte Luxemburgs in mehreren Bänden zu schreiben, die endlich auch einen wissenschaftlichen Anmerkungsapparat bieten würde, oder ein biographisches Lexikon oder einen fächerübergreifenden Atlas oder … Damit kann man keine Berufsanfänger betrauen. Außerdem sind z. B. Transkriptionsarbeiten im Archiv derart ermüdend, dass sie viel besser von Teilzeit-Kräften erledigt werden denn in einer 40-Stunden-Wochen-Tortur.

Doch selbst der schwache Trost, den die verbliebenen Professoren am CUnLux aus dem ministeriellen Versprechen vom Sommer 2002 zogen, erwies sich schon im Dezember 2002 als Trugschluss. Bei der ‚rentrée académique‘ im Herbst

Heißt es zu Recht, der gute Ruf einer Universität hänge an der Qualität ihrer Forschung und Forscher, so wurde am CUnLux beschlossen, auf einen guten Ruf zu verzichten.

2002 waren nämlich selbstverständlich keine Berufsforscher in Sicht. Und nachdem eine Gruppe von Universitätslehrern aufgrund ausländischer Modelle ein Statut für ‚nur‘-Forscher ausgearbeitet hatte, das endlich die Einstellung dieser Leute ermöglichen sollte, lehnte der Verwaltungsrat des CUnLux die Schaffung eines derartigen Statuts ab. Betroffen sind davon nicht nur die derzeitigen Professoren, die weiterhin allein auf sich gestellt ihre Forschungsarbeiten vorantreiben müssen, sondern auch etliche Projekte, die früher am Centre de Recherche Public Gabriel Lippmann bzw. de la Santé angesiedelt waren, die aber aus undurchsichtigen Gründen ins Centre Universitaire übernommen worden sind, ohne dass hier ein entsprechendes Personalstatut bestand. Dadurch sind nicht nur deren Mitarbeiter in eine sehr prekäre Lage geraten, sondern die Projekte selbst drohen jeder Zeit zu kippen, weil die auf Zeit eingestellten Mitarbeiter bei der erstbesten Gelegenheit einen sichereren Job annehmen werden. Für die Kontinuität in der Forschung, für die Herausbildung von ‚pôles d’excellence‘, mit denen Fachleute aus ganz Europa nach Luxemburg gezogen werden sollen, wie das Ministerium immer wieder laut träumt, sind solche Maßnahmen absolut abträglich.

Wenn wenigstens das CUnLux diese alten Projekte zusammen mit neuen in ein neu zu schaffendes CRP für Geisteswissenschaften eingebracht hätte, bestände zumindest die Chance, dass die zahlreichen Forschungsvorhaben, von denen alle derzeit am CUnLux angestellten Professoren nur zu träumen wagen, eines Tages mit wohl dotierten Forschungsstellen ausgestattet würden. Aber das wollen offenbar auch weder CUnLux-Verwaltungsrat noch Hochschulministerium. Entsprechende Vorschläge etwa zur Gründung eines interdisziplinären Forschungszentrums für Luxemburg-Studien (in Geographie, Geschichte, Linguistik, Literaturwissenschaft, Nationalökonomie, Recht, Soziologie,…) liegen seit Jahren auf dem Tisch⁶, doch die Autoren erhielten nicht einmal eine Eingangsbestätigung.

An eine ernsthafte Beteiligung an Forschungsprogrammen des Fonds national de la Recherche wird in Zukunft auch nicht zu denken sein. Im Rahmen des FNR-Programms Vivre demain au Luxembourg, das weitgehend am CUnLux ausgearbeitet worden war, konnte das CUnLux gerade mal fünf von 27 Projekten ergattern. Viel mehr waren auch gar nicht eingereicht worden, weil die Professoren nicht wussten, mit welchem Personal sie die Projekte durchziehen sollten. An Ideen hat es nämlich nicht gefehlt, wie oben angedeutet wird, weder im Bereich der Geschichte, noch der Soziologie oder der Geographie oder der Literaturwissenschaft oder der Linguistik.

Damit gerät aber das CUnLux ganz klar ins Hintertreffen, denn die Konkurrenz schläft nicht. CEPS/Instead (Gründer: Gaston Schaber), Centre d’études et de recherches européennes Robert Schuman (Gilbert Trausch) und Institut d’études européennes et internationales du Luxembourg (Armand Clesse) gibt es schon seit etlichen Jahren, das zweite ganz eindeutig als Absplitterung des CUnLux. 2002 sind das Centre virtuel de la Connaissance sur l’Europe mit seinem European Navigator und das Centre de documentation et de recherche sur la Résistance (unter der Leitung von Paul Dostert) hinzu gekommen. Mario Hirsch schreibt völlig zu Recht im Lëtzebuerger Land (3.1.2003): „Zu einem Zeitpunkt, da sich Luxemburg anschickt, eine Universität ins Leben zu rufen, ist die Frage … angebracht, ob es nicht sinnvoller wäre, neue Forschungsstellen an diese Institution anzubinden, anstatt wie bisher üblich das Staatsministerium mit Forschungssatelliten zu umkränzen.“ Im Hochschulministerium und am CUnLux scheint aber niemand sich die Frage zu stellen, warum die Promotoren dieser reinen Forschungseinrichtungen einen autonomen Weg unter den Fittichen des Staatsministeriums vorzogen. Das CEPS/Instead hat jetzt sogar den Schritt von der Forschung zur Lehre getan und bietet neuerdings zusammen mit der Universität Louvain-la-Neuve ein Master-Diplom an in sozialpolitischer Analyse.

Jede Nachfrage nach einer Begründung des negativen Entscheids des Verwaltungsrats in Bezug auf die Schaffung von Forscherstellen wurde mit dem Hinweis auf die Schweigepflicht seiner Mitglieder abgelehnt. Es wäre aber keine Überraschung, wenn es der Regierungskommissar im Verwaltungsrat gewesen wäre, der selbst für die Ablehnung eingetreten wäre, und damit einmal mehr seine Allmacht bewiesen hätte. (Insofern sind die Befürchtungen betr. die Abhängigkeit der Führungsgremien der zukünftigen Universität von der Regierung, wie sie im Gesetzesprojekt vorgesehen ist, absolut auf Erfahrung begründet und keineswegs eine böswillige Unterstellung.) Der Verwaltungsrat hat damit selbst beschlossen, sein CUnLux nicht auf die neue Universität vorzubreiten, für das in Artikel 38 erstmals auch wissenschaftliche Mitarbeiter vorgesehen sind. Wenn es zu Recht heißt, der gute Ruf einer Universität hänge an der Qualität ihrer Forschung und ihrer Forscher, so wurde am CUnLux beschlossen auf einen guten Ruf zu verzichten. Vielleicht war das ja die Absicht des Regierungsvertreters, der Angst hat, sein Uni-Projekt könnte schon von bestehenden Strukturen Konkurrenz bekommen. Und allzu heftig wird ihm im Verwaltungsrat zur Zeit wohl nicht widersprochen: so mancher der Beteiligten hofft ja im nächsten ‚Conseil de gouvernance‘ oder Rektorat zu sitzen.

1 Michel PAULY, La recherche collective en Histoire au Cunlux, in: L’Avenir universitaire du Luxembourg, fasc. I publié sous la direction de Jean-Paul Harpes, Luxembourg 2002, p. 136-151. Der Paralleltext von Nelly KIEFFER und Eric TSCHIR-HART (ebd., S. 134f.) über die „sciences de la vie“ ist leider weniger informativ.

2 Vgl. Josée HANSEN, Quelle liberté? in: d’Lëtzebuerger Land, 20.9.02, S. 5. 3 Vgl. Guy LINSTER, Hobbies et lubies? in: d’Lëtzebuerger Land, 31.5.2002, S. 11f.

4 Question 1675 in Compte rendu n° 11/2001-2002.

5 Die Ministerin spricht in ihrer Antwort von 38 Lehrern, davon 29 am CUnLux; 21 von ihnen erhielten ab 2002-2003 eine Anstellung als Full-time-Professoren am CUnLux. Warum dürfen die übrigen acht nicht weiter forschen?

6 Vgl. den in Fullnote 1 zitierten Beitrag.

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