Lucy in der Telefonzelle – oder: you never know how the past will turn out

Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.

Die Nam-Story, der Vietnamkrieg und seine Zeit, beschäftigt die Filmemacher aufs Neue – Irak oblige. Der Mafiafilm American Gangster benutzt den Vietnamkrieg nicht nur als Gesellschaftskulisse, sondern assoziiert Drogengeschäfte und Kriegsgeschehen in direkter Weise. Wie unterschiedlich die 60er und 70er Jahre behandelt werden, zeigt ein Vergleich des Beatles Musicals Across the Universe und des von Bob Dylan inspirierten Patchworks I’m not there. Schon die Titel könnten verschiedener nicht sein: das „Ich bin überall“ gegenüber dem „Ich bin gar nicht da“. Universelle Werte wie Freundschaft und wahre (seriell monogame) Liebe will der Film Across the Universe verkünden. Er erzählt die Geschichte von Jude (Jim Sturgess), der die Docks von Liverpool verlässt, um seinen Vater/sich selbst/die Welt zu entdecken. Jude verliebt sich in die „American beauty“ Lucy (Evan Rachel Wood) und zieht ins New Yorker (global) village. Er lebt in einer WG mit sexy Sadie (Dana Fuchs), einem Janis Joplin-Verschnitt, und deren Jimi Hendrix look-alike Gefährte. Sein bester Freund aber ist der Vietnamrekrute Max (Joe Anderson) (viel sympathischer als Maxwell aus dem Beatles-Song). Die Lieder verlieren insgesamt an Aussagekraft, indem sie zwangskontextualisiert werden. Flower Power, die Bürgerrechts- und Studentenbewegung, sowie schlussendlich der Vietnamkrieg bilden ein lustig buntes Tapetenmuster, gefilmt im nostalgisch stereotypisierten Stil der jeweiligen Epoche.

Das aktive Eingreifen in die Geschichte bleibt den Protagonisten verwehrt. Bezeichnenderweise ist Lucy in einer Telefonzelle eingeklemmt, während um sie herum Demonstranten verprügelt werden. Sie selbst bleibt die ganze Zeit sie selbst: blond, glatt, mädchenhaft, makellos sauber, unverändert wie ihr Haarstil. Während Jude als „echter“ working class hero von Anfang an der bürgerlichen Studentenbewegung skeptisch gegenübersteht, erkennt Lucy erst später die terroristischen Tendenzen der linken Szene. Schlussendlich siegt die Liebe über alles, denn love is all you need – the end.

Meilenweit entfernt von diesem zuckrig klebrigem Pathos ist I’m not there. Statt einer Reihe von statisch unberührten Figuren zeigt dieser Film einen einzigen Hauptdarsteller, der viele ist. Bob Dylan ist Billy the Kid, ist Rimbaud, ist Woody Guthrie, ist Ikone und lehnt es gleichzeitig ab, das Sprachrohr der Protestgeneration zu sein. Er wird gespielt von einem schwarzen Knaben (Marcus Carl Franklin), einer Frau (Cate Blanchett in einer ihrer überzeugendsten Rollen), einem alten Querdenker (Richard Gere), einem angeklagten Dichter (Ben Whishaw), einem Priester (Christian Bale) und einem Chauvinisten (Heath Ledger), innerlich zerrissen, wie seine Zeit. Auch hier wechseln die filmischen Darstellungsweisen, allerdings sind es keine schulmäßig inszenierten Epochenbilder, sondern poetisch einfühlsam skizzierte Entwürfe. I’m not there ist ein wunderschöner Film, der keine vorgekauten Antworten anbietet, sondern eine eigenwillige und anregende Interpretation der Vergangenheit.

Sonja Kmec

Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.

Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!

Spenden QR Code